Beilage zu Nr. 113 der.Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 20. Mai 1894.
Die katholischen Lehrerversammlungen in Main;.
Mainz, 15. Mai.
n.
Generalversammlung de- „katholischen LehrerverbandeS Deutschland?."
Nachdem sich schon gestern Abend die bereits anwesenden Zweig- bezw. Provinzialvereiue zu einer Vorbesprechung eingefunden, begann heute gegen 9T/a Uhr Vormittags die erste eigentliche Delegirten- sitzung.
Herr Rektor Brück- Bochum eröffnet die Verhand- lunaen und theilt mit, daß der Hoch». Herr Bischof Haffner morgen aus Anlaß der BerbandSversamm- lung im hohe« Dome ein Pontifikalamt celebriren und dann auch der Verbandshauptversammlung beiwohnen werde.
Folgende Telegramme sollen abgesandt werden:
1. An Kaiser Wilhelm: „Ew. Kaiserl. Kgl. Majestät legt die heute und morgen in Mainz tagende fünfte Generalversammlung des „katholischen Lehrerverbandes" das aufrichtige Gelöbniß unwandelbarer Treue ehrfurchtsvoll zu Füßen mit der allerunterthänigsten Versicherung, daß die Mirglieder des Verbandes es als ihre vornehmste Pflicht betrachten, in den Herzen der ihnen anvertrauten Jugend nächst der Liebe zu Gott die Gesinnungen unverbrüchlicher Treue und Hingebung gegen die erhabene Person Ew. Majestät zu wecken und zu pflegen"
2. An den Großherzog von Hessen: „Die heute und morgen in den herrlichen Landau des GroßherzogthumS, im goldenen Mainz, tagende fünfte Generalvorsammlung des „katholischen LehrerverbandeS des deutschen Reiches" entbietet Ew. Königl. Hoheit ehrfurchtsvollen GM^mit der Versicherung der Pflege echt vaterländischer Gesinnk^Wund treuer Hingabe an daS deutsche Reich und seine erhabenen Fürsten s"
3. An den Kultusminister Dr. Bosse: „Ew. Excellenz entbietet die heute und morgen in Mainz tagende fünfte Generalversammlung des „katholischen Lehrerverbandes" in tiefster Ergebenheit ehrfurchtsvollen Gruß mit der Versicherung vollsten Vertrauens!"
4. An Excellenz inger: „Ew. Excellenz
entbietet die heute und mora^^^DMainz tagende 5. General- Versammlung des „katholiscWWUrerverbandeS des deutschen Reiches" in tiefster Ergebenheit ehrfurchtsvollem Gruß."
Die Delegirtenverfammlung beschließ sodann, die 3 bis jetzt erschienenen BerbandS - „Jahrbücher" in je 1 Exemplar in entsprechendem Einband und mit Begleit- schsWen- entweder direkt oder dOrch den NnntiuS an Seine Heiligkeit Papst Leo XIII. absenden zu lassen.
Durch Aufrufen zeigt sich, daß 28 Vertreter von Provinzial- bezw. Diözesanverbänden anwesend sind.
Zunächst wird eine die Thätigkeit deS BerbandS- Vorstandes regelnde Geschäftsordnung als Kommentar für die Handhabung der Statuten berathen und festgesetzt, und alsdann betreffs deS „Jahrbuches" folgende Resolution angenommen:
„Die 5. Generalversammlung hält die Verbreitung deS „Jahrbuches" für eine der wichtigsten Mittel, die richtige Einsicht in die Bestrebungen des Verbandes in immer weitere Kreise zu tragen. Sie hält es für sehr Wünschenswerth, daß sich die Jahrbücher im Besitze eines jeden Berbandsmitgliedes befinden und daß auch unter Nichtmitgliedern Abnehmer gewonnen werden. Die seither mit dem Vertriebe des Jahrbuches beschäftigten Herren sollen nach genauer Feststellung der Rechnung und des Versandes Vorschläge machen, welche Prozente bei größerem Bezüge gewährt werden können. Die Vorschläge sollen dem Provinzialverbande zugestellt werden."
Sodann wird beschlossen, daß nicht mehr ein bestimmter Borort, sondern eine Provinz gewählt werde, welche den Ort zur nächsten BerbandS-JahreSveisamm- lung zu bestimmen hat. Erheben 3 Provinzialvor- sitzende Einspruch, so entscheidet der Hauptvorstand. Auf Antrag Q u a d f l i e g - Aachen wird beschloffen, daß die Richtung und die Materie der Vorträge der nächsten Hauptversammlung in der diel jährigen Versammlung bestimmt werde.
Ueber Punkt 4 „Kellnerstiftung" refenrt ThömmeS-WieSbade«: Derselbe stellt schließlich die 2 Fragen: 1. Sollen wir unter den obwaltendm Umständen unS nrch fernerhin an der begonnenen „Kellner- stiftung" betheiltgen? Wenn „Rein", 2. in welcher Weise sollen wir selbstständig vorgehen? Der Beschluß lautete: Der Verband geht selbstständig vor, die Art und Weise zur näheren Bestimmung dem Verbände- Vorstand überlastend. Hingewiesen wird auf ein Denkmal, daS in Sachsen, dem ersten Wirkungskreise Kellners, errichtet werden soll.
Betreff den Anschluß B a y er n4 konnte ein Beschluß nicht gefaßt werden, weil die gegenseitigen Bedwgnngen noch nicht festgkstellt werden konnten. ES wukne dabei betont, daß durch die finanziellen Verhältnisse der Anschluß nicht erschwert werden darf. 7
Der Diözesanverein Fulda wird beauftragt, an daS Ministerium eine Eingabe deS PerbandS wegen eines LehrerdotationSgefitz S auSziarbeitm, «deren Wortlaut dem BerbandSvorstand vorzulegen und dann nach geschehenem Einverständniß desselben abzusendm.
Die Einjährig - Freiwilligen - Frage rief eine lebhafte Debatte hervor. Der Beschluß lautete: „Die 5. Generalversammlung bezeichnet eS als wünschens- werth, wenn den Seminarabiturienten diesöerechtiguug zum
Einjährig - Freiwilligendienst zuerkannt wird". — Die Fragebezügl. „Zwangserziehung" wurde von der diesjährigen Tagesordnung abgesetzt. — Betreffs „Fort- bildungSschulen" wurde in Form einer Resolution Folgendes angenommen: „Wenn irgend thunlich, ist in der obligatorischen Fortbildungsschule auch dem Religionsunterricht eine Stelle einzu räumen. Macht die Zahl der Schüler einer obligatorischen Fortbildungsschule die Errichtung von Parallelklassen noth- wendig, so sind die Schüler nach der Konfession zu vertheilen und von Lehrern ihrer Konfession zu unterrichten."
Betreffend den «ntrag'rFnlda, Gründung einer BerbandS-Feuerversickeiung, erklärt sich die Versammlung bereit, die Sache im Auge zu behalten und zur gelegenen Zeit zum AuSdrvcke zu bringen.
Betreffs der Vertriebs deS VerbandSliederbucheS wurde von einer Beschlussfassung Abstand genommen.
AuS der Vorstand-Wahl gingen hervor: als erster Vorsitzende: Herr Rektor Brück-Bochum, als zweiter Herr JasinSki-Danzig, als Schriftführer die Herren Heine-Köln und Dürken-Äelm, als Kaffirer Herr Kirchesch-Koblenz, als Obmänner der Studienkommission die Herren H. Schmitz - Köln, WimmerS-Eupen, Herold-Münster, Berninger- Wiesbaden. Die ausscheidenden 7 Mitglieder der Studienkommission werden wiedergewählt. Zu Kassenrevisoren werden die Herren Eising - Osnabrück und Bator-Thorn ernannt.
Sodann werden noch einige Begrüßungstelegramme verlesen. Vom Geoßherzog ist folgendes Danktelegramm eingelanfen:
„Danke bestens für die an mich gerichtete Begrüßung und freue mich über den mir übermittelten Ausdruck vaterländifcher Gesinnung und treuer Ergebenheit für das deutsche Reich und seine Fürsten. n „
Ernst Ludwig.
In Vertretung des Herrn Kultusministers Dr. Boste lief von Herr von Weyrauch folgender Telegramm ein:
„Für den freundlichen Gruß besten Dank."
Mainz, 16. Mai.
III.
5. Hauptversammlung des „kath. LehrerverbandeS Deutschlands".
Den heutigen Verbandsverhandlungen ging ein vom Hochw. Herrn Bischof Haffner im altehrwürdigen Dome abgehaltenes Pontifikalamt vorher, in welchem der mit Recht weit über DelitschlandS Grenzen berühmte Domchor unter Direktion deS Herrn Dom- kapellmeisterS Dompräpendaten Weber eine Reihe von Chören in kunstvollster Weife vortrug.
Die Hauptversammlung wurde 10'/» Uhr vom BerbandSvorsitzenden Herrn Rektor B rück-Bochum eröffnet. Unter den zahlreichen Besuchern bemerkten wir: Se. Bischöfl. Gnaden Paulus Leopold, Herrn Domdekan Erl er, die Herren Domkapitulare Dr. Raich, Dr. Nostadt und Dr. Selbst, die Herren Geists. Rath Dekan Kell er-hier, Prälat Geistl. Rath Dr. Ke Iler-Wiesbaden, Kceisschulinspektor Bril- may er, Stadtpfarrer Dr. El z - Darmstadt, Direktor Radat, Dr. Hilfrich-Wiesbaden u. A.
Herr Rektor Brück begrüßte die Versammlung, dankte zunächst Namen» der Vorstandes dem Hochw. Herrn Bischof für die Abhaltung des Pontifikalamts und erläutert, daß der Verband gerade durch die thätige Unterstützung der Klerus den sichersten Beweis erkenne, daß er den richtigen Weg betreten. Da ihm auch dar katholische Volk zur Seite stehe, so könne der katholische Lehrerverband vollen Vertrauens der Zukunft entgegensehen. Sodann berührt Herr Brück kurz die freudigen Ergebnisse des Verbandes im verflossenen BereinSjahre, nämlich die Anschlüsse der Vereine in der Diözese Fulda und in der Pfalz, sowie der noch gestern angemeldete Anschluß deS Vereins der Provinz Posen; er bat alsdann den Hochw. Herrn Bischof um den bischöflichen Segen. Der Hochw. Herr ergriff nunmehr daS Wort zu einer längeren, äußerst herzlich gehaltenen Anrede:
Ehe ich den erbetenen Segen ertheile, gestatten Sie, daß ich den katholischen Lehrerverband in dieser Stadt meiner Diözese willkommen heiße, ich bewillkomme Sie um so fteudiger, als auch der katholische Lehrerverein in meiner Diözese in so schöner Weise gestern in diesen Räumen tagte. Mainz ist der klassische Boden katholischer Vereine, hier ist der Gründungsort der deutschen Katholikenversammlungen, hier ist der Ort, an dem vor zwei Jahren die herrliche Versammlung der Katholiken Deutschlands abgehalten wurde. Unter allen Kädipfen, denen wir in Deutschland ausgesetzt sind, ist wohl der Kampf um die Schule der größte. Ein großer Staatsmann hat es ausgesprochen; in diesem Kampfe handelt es sich um Christent hum und Atheismus! Vom Liberalismus und von der liberalen Presse natürlich wurden diese Worte mit Hohn und Spott entgegengenommen. Ein großer Geist ist eS, der gegenwärtig durch Deutschland weht und in demselben werden wir siegen. Die katholischen Lehrer sind zusammengetreten zur Bertheidigung des Glaubens und um denselben in die Herzen der Jugend als bleibendes Eigenthum zu verpflanzen. Alle, welche vermitteln wollen zwischen Christus und Belial, zwischen Religion und den Phrasen der Philosophie, gilt der Ausspruch: „Wer nicht für
mich ist, ist gegen mich; wer nicht sammelt, der zerstreut!" Man hat immer die Schule zur Kirche gehörig betrachtet. Auch die unglückliche-Glaubensspaltung, ja selbst der 30jährige Krieg haben daran nichts geändert. Erst in diesem Jahrhundert hat sich der Schule ein antichristlicher Geist bemächtigt. In Frankreich war es ein glaubensloser, unfläthiger Rousieau, der in der Natur das Symbol des Menschen erblickt und ihm zumuthet, „auf allen Vieren" zu gehen. Große Philosophen kommen, um die Geister irre zu führen. Und gegenwärtig erscheint als Meteor die ethische Kultur, die glaubenslose Philosophen zu verbreiten suchen, ein Messer ohne Klinge. Lehrer, welche nach deren Grund- sätzen unterrichten, finden selbst am Hellen Tag den rechten Weg nicht. Kinder aber, die danach unterrichtet werden, werden mcht zu Gott und dem Himmel aufzublicken gelehrt. Gottlob! unsere katholischen Lehrer haben in der Mehrheit festgehalten an dem erhabenen Glauben an Gott, an Christi Auferstehung und Himmelfahrt. Gott wird sie dafür segnen! Wer die Schule hat, hat die Zukunft. Der Lehrer hat das größte Gut, den schönsten Schatz in seiner Hand. Möge er ihn bewahren und für das ewige Leben sichern! Möge er gemeinsam mit dem Klerus die Schüler erziehen zu Gott 1
Alsdann empfing die Berfarnrnlung tnieenb den bischöflichen Segen. Die Versammlung gab ihren Dank zu erkennen durch ein lang anhaltendes stürmisches Bravo. Herr Rektor Brück ertheilte nunmehr das Wort dem al» Gast anwesenden ersten Vorsitzenden de» bayrr. kath. Lehrervereins Herrn H über le-München, der die Grüße der bayerischen Kollegen überbrachte, einige Mittheilungen über da» Gedeihen der kathol. Lehrervereins in Bayern machte und schließlich die Hoffnung auSsprach, daß letzterer sich bald dem Verbände anschließen werde. ,,
Eine telegraphische Nachricht m der .Deutschen ReichSztg.', wonach der Verband heute gegen Dr. Lieber Stellung nehmen wolle, gibt dem Vorsitzenden Veranlassung zu folgender Bemerkung: „Der „katho- lisch- Lehrerverband" ist nicht gegründet, um mit Personen, auch nicht um mit irgend einer Partei zu ver- handeln. Wir vertreten die Grundsätze der Kirche und die Interessen de» Lehrerstande». Wir nehmen da» Gute, woher e» kommt — wenn der Geber mit un» auf dem Boden der Bertheidigung der christlichen Grundsätze steht — «ag e» von einer Person oder Partei fein, welcher e» will.
Herr Thömme» - Wiesbaden bemerkt, daß der Verband diesem Telegramme vollständig fern gestanden; sodann berichteter über die in der gestrigen Delegirten- Versammlung gefaßten Beschlüsse und verliest die ein» gegangenen Begrüßungstelegramme. .
Herr Domkapitular Dr. Selbst, der jetzt daS Wort erhielt, spricht über die hohe Bedeutung der bei Herder-Freiburg u. Schöningh-Paderborn erschienenen Werke kathol. Pädagogen, worauf einige noch weiter ent» gelaufene Begrüßungstelegramme zur Verlesung ge- langen. u _
AIS erster Vortragender ergriff nunmehr Herr Rektor Brück daS Wort zu seinem mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Erziehung und Christenthum"' Der Schlußpassus des Bor- träges lautete also: „ES ist unserem Verbände viel Mißtrauen entgegengebracht worden, auch von Seiten mancher Vorgesetzten. DaS beste Mittel, dieses Mißtrauen zu beseitigen, ist treues und ei rtgeS Wirken in der Schu'le und etn tadelloses Verhalten nach außen. Wie Heiden dieChristen der ersten Jahrhunderte daran erkannten, daß sie sich unter einander lieb hatten, so mögen unsere Vorgesetzten und die Eltern unserer Zöglinge unS Mitglieder des „katholischen LehrerverbandeS Deutschlands an den Erfolgen unsere» Wirken» in der Schule erkennen. Getragen von dem Wohlwollen der Vorgesetzten und dem Vertrauen de» Volke» wird sich der Verband unter dem Schutze des Allerhöchsten erfreulich weiter entwickeln und in schlimmen Zeiten dastehen al» Bollwerk für Thron und Altar. Da» walte Gott!
Herr Hubert Sittart-Aachen hielt hierauf einen sorgfältig ausgearbeiteten Vortrag über: „Volks- schule undVolkSschullehrer, etneStütze für Thron und Altar." ,
Da sich Niemand zum Wort meldet, nimmt Herr Brück nochmals Veranlassung, den Mainzer Kollegen, den hochverdienten sonstigen Gästen und insbesondere dem Herrn Domkapellmeister Weber für die vor- trefflichen GesangeSaufführungen zu dankem Al» Dankes- äußerung für den Hochwürdigsten Herrn Bischof fordert er die Anwesenden auf zu einem Hoch auf Se. Bischöflichen Gnaden, in welches die ganze Versammlung begeifert einstimmte. Der Hochwürdigste Herr toastirte auf den BerbandSvorsitzenden, der dann gegen 1 Uhr die Verhandlungen der V. Hauptversammlung als ge- schlossen erklärte.
In der sich nun anschließenden nochmaligen Dele- girtensitzung erstattete Herr Baton-Thorn den Küsienbericht. Einnahmen und Ausgaben stellten sich auf 2-113 M. 58 Pfg.-, Kassenbestand 285 Mk. 45 Pfg., dem Rechner wurde Decharge ertheilt. Die in den beiden vorauSgegangenen Sitzungen festgesetzte Ge- schäftSordnung wurde genehmigt. — Abends fand noch ein Festkommer» statt, der einen ebenso glänzenden wie gemüthlichen Verlauf nahm. (Raff. B )