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-Ag 112 Samstag, den 19. Mai 1894. 21. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. Mai

* Zur Aufhebung des Jesuiteugesetzes wird aus Stuttgart gemeldet, der König von Württem­berg habe einer Deputation von Synodalversammlungen gegenüber am Pfingstsonntag die Ueberzeugung ausge­sprochen, der Bundesrath werde die Jesuiten nicht zulassev; diese Haltung entspreche sowohl seiner persön­lichen Anschauung wie auch der der Regierung. ES ist charakteristisch, daß hier wieder protestantische Pastoren (denn die bilden doch auch in Württemberg die Rufer im Streite inner- und außerhalb der Syno­den) es sind, die den Katholiken ihr Recht und ihre Freiheit nicht gönnen, und dazu noch Pastoren einer Landes, wo man die vielverleumdeten Jesuiten aus der Zeit vor dem Kulturkämpfe her aus eigener An­schauung gar nicht einmal kennt. Daß der BundeS- rath sich auch jetzt noch weigert, den Antrag deS Reichstages anzunehmen, ist ja wahrscheinlich, allein abgethan ist die Sache damit doch nicht. Sicherer »och als die Miquelschen Steuervorschläge wird der Antrag wiederkommen, und zwar so lange, bis auch der Bundesrath ja sagt. Und daß er einmal ja sagt, davon sind sogar schon die Größen des .Evangelischen Bundes überzeugt."

* Bezüglich der Laudwirthschaft» - Kammer« steht nach dem Ergebniß der heutigen Vorbesprechung ein Compromiß zwischen den Cartellparteien in Aus­sicht auf Grundlage der Konrad'schen Vorschläge.

* Der ,Reichsanzeiger' widmet Herrn v. Schlözer einen ehrenvollen Nachruf. Derselbe habe die ihm an- vertrauten wichtigen Interessen, namentlich in Washington und Rom, vermöge seiner hohen geistigen Befähigung, seiner geschichtlichen und allgemein wissenschaftlichen Kenntnisse mit Geschick und Erfolg wahrgenommen. Sein Andenken werde in weiten Kreisen des Auswär­tigen Amts und der Wissenschaft leben. — In der liberalen Presse wird Schlözer nachgesagt, er sei bei den Ultramontaneu schlecht angeschrieben gewesen, weil er den Auftrag, über die Köpfe des Centrums hinweg und gegen desien Willen den kirchenpolitischen Ausgleich mit der Kurie zum Abschluß zu bringe», mit Geschick ausgeführt habe. — Diese Brhauptung ist aber eine sehr willkürliche.

* Das Abgeordnetenhaus hat heute die zweite Berathung der Kanalvorlage — Dortmund-Rhein- kanal in Verbindung mit dem Kanal von Hamm nach Datteln — noch nicht beendet, die Weiterberathung vielmehr bis auf morgen vertagt. Der Verlauf der heutigen Debatte läßt auf das endgiltige Schicksal der Kanalvorlage noch keinen sicheren Schluß zu, aber keinenfallr dürften die ohnehin sehr schwachen Aus­sichten auf das Zustandekommen der RkgierungSvor- läge nach dem Bericht der .Germania' heute eine Ver­stärkung erfahren haben. Vom Abg. Dr. Rintelen ist ein Abänderungsantrag eingebracht und in seiner heutigen Rede näher erläutert und begründet

Mercedes de Moro«. \

Von Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank. i (41. Fortfetzung.)

Der Graf von Feistre versuchte dem Marquis sein Kleinod wieder abzunehmen und in wenigen Sekunden standen die beiden Gegner im Handgemenge. Raoul war der Erste, welcher sein kaltes Blut wiede erlangte, er sah ein, wie unendlich lächerlich ein solches Schau- spiel für Dritte sein mußte. Der Graf wendete sich deshalb an seinen Gegner mit den Worten: „Ich be­dauere lebhaft, mich in Ihrem Charakter so sehr ge­täuscht zu haben."

„Sie werden, wie ich hoffe, mir für Ihre schwere Beleidigung Genugthuung geben. Ich befehle Ihnen, verstehen Sie wohl, ich befehle Ihnen, mir mein Eigen- thum sofort zurückzugeben."

„Mein Herr, ich stehe jederzeit zu Ihrer Versagung, aber diese Schärpe gebe ich nicht zurück," zischte der Marquis wüthend.

„Das werden wirschen," erwiderte Raoul spöttisch. Er wendete sich znm Kutscher deS Marquis, welcher in diesem Augenblicke den Stall betreten hatte.

„Thomas," sagte Raoul auf französisch, welche Sprache der Kutscher verstand, „der Herr Marquis bittet Sie, diese Schärpe, welche ich soeben gewann," — Raoul betonte besonders die letzten Worte — „so-

(Nothwendigkeit der politischen Unabhängigkeit de» Papstes), Geistlicher Stychel (die katholischen Gesellen- und Arbeitervereine) usw. Den Schlußvortrag hält Fürst ZdiSlaw CzartorySki über ein noch nicht be­kanntes Thema.

* Stuttgart, 16. Mai. Die erste Hauptver­sammlung des sog. „Deutschen Lehrertages", zu welchem 3500 Theilnehmer erschienen sind, von denen 246 Delegirte 79,612 Lehrer vertreten, wurde gestern nach einem gemeinsamen Choralgesang von Halben-Hamburg eröffnet. Der Kultusminister Dr. von Sarwcy begrüßte die Anwesenden im Namen der Königs und der Staatsregierung und wies auf de» Oufammenhang zwischen Unterricht und Erziehung hi», etztere müsse sich auf religiöser Grundlage aufbauev und eine große nationale Aufgabe erfüllen. Der Vor­sitzende Halben versicherte, die Verhandlungen in diesem Sinne leiten zu wollen. Oberbürgermeister Rümelin hieß die Versammlung im Namen der Stadt, Honold-Langenau, Vorstand der württembergischen evangelischen Volks- schullehrer-Vereins, im Namen seiner BereiuS will­kommen. Hierauf sprach Schramm-München über „die Staatrschule in Deutschland am Ende der neunzehntes Jahrhunderts und die sozialpolitische u»d sozialethische Aufgabe dieser Schule." Rektor Kopsch-Berli« sprach über die Fortbildung der nachschulpflichtigm Alters.

Ausland.

* Wien, 16. Mai. Aus Mährisch - Ostrau wird gemeldet: Der Verlaus des Berliner Bergarbei­ter-Kongresses veranlaßte die hiesigen Arbeiter, Unter­handlungen aufzuvehmen. Heute Vormittag er­schien eine Deputation, welche erklärte, vom Achtstun. dentag abzustehen und auch mit einer geringeren Lohn­erhöhung als den ursprünglich verlangten 25 pCt. sich zu­frieden zu geben. Hauptsächlich verlangten sie die gleich­mäßige Vertheilung deS Verdienstes, da an einzelne» Orten die Arbeit wesentlich schwerer ist, ferner die Zurücknahme der Entlassungen und WohnungSküydi- gungen. Die Gewerke wollen von der Wiederausnahme entlassener Streikführer nichts wissen. Taufende von Arbeitern versammelten sich heute Abend auf de« Ostrauer Ringplatz und nahmen den Bericht ihrer De­putation über die Verhandlung mit dem BezirkZhanpt- mann entgegen. Da die Arbeiter nach diesen Berhand- lungen die Aussichtslosigkeit ihrer Forderungen em- sehe», ist nach den Aussagen der Führer daS Ende deS Streikes schon in den nächsten Tagen zu er­warten.

* Pest, 16. Mai. Im Abgeordnetenhause erklärte Ministerpräsident Wekerle gegenüber dem ablehnende» Beschluß deS Oberhauses, in Betreff der Cioilehe verharre die Regierung auf ihrem ursprünglichen Stand­punkt. Der Ministerpräsident beantragt, die Abstimmung der Oberhauses mit Umgehung der AuSfchußberathung auf die morgige Tagesordnung zu setzen. Dieser An­trag wird einstimmig angenommen und die Sitzung darauf geschloffen.

worden, welcher von dem Ausbau der Hauptkanalr von Dortmund bis zum Rhein Abstand nimmt und statt 55 Millionen Mark nm 10 Millionen für den Ausbau des Nebenkanals von Hamm bis Datteln a. d. Lippe fordert, dazu in einer Resolution eine Vorlage betreffend die Kanalisirung der Lippe von Datteln biS zum Rhein verlangt. Für den Fall der Ablehnung der Regierungsvorlage und des vorstehenden Antrags hat Abg. Dr. Rintelen eine weitere Re­solution beantragt, welche die Regierung auffordert, dem Landtage einen Gesetzentwurf betreffend die Kanalisirung der Lippe von Hamm bis zum Rheine vorzulegen. In derselben Richtung bewegt sich ein Antrag der CentrumSabgeordneten Schwarze, welcher dem Gesetzentwurf bei der Erwähnung des Kanals Hamm-Datteln hmzugefügt wifien will: „als ersten Gliedes einer baldthunl chst herzustellenden Schifffahrtsverbindung vo» Lippstadt bis Wesel." Abg. Schwarze, welcher heute noch nicht zum Worte gelangte, will also die Lippe nicht erst von Hamm aus, sondern oberhalb von Lippstadt an bis zu ihrrm Ein­flüsse in den Rhein kanalisirt bezw. in größerem Maß­stabe schiffbar gemacht wissen. Nach dem Abg. Dr. Rin- telen sprach Abg. Rickert (frs. Bgg.) für die Genehmi­gung der Vorlage, weil dieser Kanal bereits im Jahre 1886 im Prinzip genehmigt worden sei. Gegenüber den von konservativer Seite erhobenen Zweifeln an der Rentabilität der Dortmund-Rhein-Kanals bemerkte Redner, daß dieser Kanal sicher rentabel sei, wenn man überhaupt von irgend einem Kanäle eine Rentabilität erwarte, ferner erinnerte er die Redner aus den öst­lichen Provinzen daran, daß die Vertreter der west­lichen Provinzen doch auch den unrentablen Sekundär- bahnbauten im Osten zugestimmt hätten, so daß wohl andere Gründe für die Konservativen maßgebend sein müßten. Nachdem noch der Eisenbahvminister Thielen die Vorlage gegen dir erhobenen Bedenke« oertheidigt, auch die Kanalisirung der Lippe als Zukunstsprojekt gebilligt hatte, wurden von dem freikonservativen Abg. Stengel wiederum wirthschaftliche, finanzielle und technische Bedenken gegen die Vorlage erhoben. Kanäle seien im Zeitalter der Eisenbahnen ein Anachronismus, und speziell für diese Kanalvorlage fehle es an Geld und Wasser. Hierauf wurde die Weiterberathung bis Freitag 11 Uhr vertagt.

* Pose«, 14. Mai. Auf dem vom 3. bis 6. Juni in Posen stattfindenden polnischen Katholiken­tage werden hervorragende Redner sprechen. Den ersten Vortrag hält Graf Hektor Kwilecki über „die Nothwendigkeit der Katholikenversammlungen". Dann spricht Prälat Dr. ChotkowSki über „die Lage der ka­tholischen Kirche in den drei polnischen Antheilen" und Herr T. v. MycielSki über „die Nothwendigkeit der öffentlichen Kundgebung der Katholizismus im Leben". Weitere Vorträge halten: Reichstagsabgeordneter von DziembowSki (Schule), Domherr Dr.Kubowicz(Ordeu), Sanitätsrath Dr. Zielewicz (die Encyklika des Papstes an die poln. Bischöfe), Rittergutsbesitzer v. ChlapowSki

fort in die Loge deS Herzogs von Moron zu bringen und dieselbe im Auftrage deS Grafen von Ferstre der jungen Herzogin zu übergeben."

Beschämt und verwirrt, wagte der Marquis in Gegenwart seiner Kutschers keinen Widerspruch zu er­heben. Auch hatte er keine Lust, vor dem Diener einen neuen Streit um die Schärpe zu beginnen und füglich war er im Unrecht, Raoul hatte ja die Schärpe ange­sichts der ganzen Gesellschaft von LereS gewonnen und Niemand konnte ihm daS EigenthumSrecht daran be­streiten. Der Marquis sah zum Ueberfluß noch ein, daß, wenn sein Wortwechsel und der Kampf um die Schärpe in die Orffentlichkeit dringen würde, er eine sehr lächerliche Figur bilden müßte.

Der Spanier begnügte sich, seinem Gegner einen Blick tiefste» Hasser zuzuwerfcn und übergab seinem Kutscher Thomas die Schärpe mit dem Befehl, dm Auftrag des Grafen von Ferstre auszurichten.

Als der Kutscher sich entfernt hatte, sagte der MarquiS zu Raoul mit drohender Geberde:

„Die Demüthigung, welche Sie mir bereitet haben, sollen Sie mit dem Leben büßen."

„Ich fürchte Ihre lächerlichen Drohungen nicht und erwarte von Ihnen Genugthuung für den Schimpf," erwiderte Raoul kalt wie Eir.

„Diese sollen Sie in Form eines Degenstiches haben," schrie wüthend der Marquis. Darauf verließ er den Stall und schmetterte die Thür hinter sich zu.

Alles dies hatte sich so rasch abgespielt, daß Raoul, als er sich wieder allein befand, zu träumen wähnte. Er verließ nun ebenfalls die dunkeln Stallungen, wo er eine so elende Rempelei Seitens des eifersüchtige» Spaniers auSznstehen hatte, um die Loge dcS Konsuls aufzusuchen.

Zu diesem Zwecke mußte er die Arena durchquerm; bei seinem Anblicke brach die tausendköpfige Menge i» ein brausendes Hochrufen auS und die Ovation, welche ihm in so spontqner Weise darg-bracht wurde, dauerte mehrere Minutm lang. Mit Mühe erreichte Raoul während dieser ehrenden Kundgebung die Loge deS Konsuls, preßte seinem Freunde die Hand und warf sich todtmüde auf einen Sessel, ohne ein Wort der Be­grüßung vorbringen zu können.

Der Konsul war von dem verstörten Aussehen Raoul'S überrascht und frug:

„Was hat eS gegeben, lieber Freund?"

„Aergerliche Zwistigkeiten mit de la Montana, die wahrscheinlich ein Duell zur Folge habm werden."

„Mit dem Marquis. Aber weshalb denn?" „Wegen der Schärpe, welche ich gewonnen habe." „Aber wie ist daS gekommen?"

„Die Schärpe ist von Fräulein Mercedes von Moro» gestickt und weil der Zufall mich diese gewinnen ließ, mtstand ein Streit zwischen dem Marquis und mir."

„Ich begreife immer noch nicht."

„Nun wohl. Wie Sie wiffcn, liebe ich diese junge