JV 111 Freitag, den 18. Mai 1894. 21. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 16. Mai.
* Der Kaiser trifft am 30. d. M. aus Prökelwitz wieder in Berlin ein, wo er sofort nach seiner Ankunft die große Frühjahrsparade daS Garde-Korps auf dem Tempelhofer Felde abhalten wird. — Die Kaiferin wird in den ersten Tagen der nächsten Woche aus Grünholz im Neuen Palais bei Potsdam zurückerwartet. Am 28. d. M. gedenkt die hohe Frau die General- Versammlung der Vaterländischen Frauen - Vereins in der Sing-Akademie zu Berlin abzuhalten.
* Anläßlich deS Ablebens der Großfürstin Katharina Michaelowna von Rußland, verwittweten Herzogin von Mecklenburg - Strelitz, fand heute in der Kapelle der russischen Botschaft zu Berlin ein TrauergosteS- dienst statt, an welchem zahlreiche ruffische Unterthanen Theil nahmen.
* Dem Abgeordnetenhause, welches morgen seine Sitzungen wieder auf nimmt, ist der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zur Viehseuchennovelle zugegangen. Die letztere überläßt der Landesgesetzgebung die Bestimmung, ob und unter welchen Bedingungen eine Schutzimpfung der der Ansttckung ausgesetzten Rind- Viehbestände polizeilich ungeordnet werden darf. Der Entwurf des Ausführungsgesetzes überläßt eS nun wieder den Beriretungen der einzelnen Provinzial- und Kommunalverbänden, die Einführung der Impfung deS Rindviehs gegen die Lungenseuche für den Bereich ihres Gebiets zu beschließen. Bisher ist nur in der Provinz Sachsen der Wunsch auf Einführung der obligatorischen Impfung allgemein laut geworden.
* Die Qirebrachozollfrage wird nach einer Mittheilung der ,Gerberzeitung' in der Herbstsession deS Reichstags wieder auftauchen und zur Verhandlung kommen. Das ist allerdings nach Lage der Dinge wohl mit Sicherheit anzunehmen.
* Die Differenz zwischen Deutschland und Oester- reich-Ungarn wegen der Zollbehandlung von geschältem Reis ist beigelegt. Vom 20. d. M. ab wird der in Deutschland geschälte Reis wiederum wie früher zum BertragSzollsatz von 1,50 fl. per 100 Kilogr. in Oesterreich-Ungarn zugelasffn.
* Heute ist eine Extra-Ausgabe deS,Militär-Wochen- blatteS' erschienen, welche zahlreiche Personal - Ber« änderungeu in der Armee mittheilt, darunter auch eine große Anzahl Veränderungen in den höheren Kommandostellen. 3 Generallieutenants, 2 Generalmajors und 5 Regiments- Kommandeure sind theilr in Genehmigung ihres Abschieds-Gesuches zur Disposition gestellt, theils haben sie den Abschied erhalten.
* Zu Beginn der heutigen Sitzung des V. Internationalen Bergarbeiter - Kongresses kam es zu stürmischen AuStiaandersetzungen wischen den Deutschen und Franzosen einerseits und den Engländern andererseits wegen derBis-tzung deS heutigenTagerpräsidiumS. Die Deutschen und Franzosen wollten nicht dulden, daß wiederum ein Engländer, der Schotte Wilson, den
Mercedes de Moron.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freibank.
(40. Fortfetzung.)
Ja diesem Angenblicke kam der Mm quiS auf die beiden Herren zu und sagte zu Raoul, nachdem erden Konsul höflich begrüßt hatte:
„DaS Zeichen zum Rennen wird eben gegeben. Sie haben die Nummer drei und können, wenn er Ihnen Vergnügen macht, dem ersten Rennen von der Loge der Klubs aus zusehen. ES ist Nummer vierzehn im ersten Rang, dort werden Sie mich finden."
„Ich werde sofort mitkommen, Herr Marquis," erwiderte Raoul und empfahl sich bei seinem Freunde. Der Konsul ging auf seinen Platz zurück und murmelte allerlei böse Worte zwischen den Zähnen. Dem erfahrenen Weltmanns war eS nicht entgangen, daß Raoul imb Marquis bereits auf tauche standen. Er fürchtete, dar gespannte Berhältniß der beiden jungen Leute müsse endlich zu einem Duell führen. Der Konsul wußte nämlich, daß der Marquis ein gefürchteter Gegner auf Degen war, und well er Raoul liebte und hochschätzte, so bangte er sehr vor den Folgen eines Duells.
Die Trompeten zeigten die Eröffnung des Ringel- rennens an. Jede der von einer Dame der besseren Gesellschaft geschenkten Schärpen war auf einer Holz-
Vorsitz übernehme, da die Engländer bereits an zwei Tagen präsidlrt hatten. Liebknecht versuchte sich in'S Mittel zu schlagen, indem er meinte, eS liege nur ein Mißverständniß vor, die Engländer hätten andere parlamentarische Gewohnheiten als die Deutschen. Der oberschlesische Delegirte Waldstein protestirte gegen diese soziatdemokratische Einmischung auf dem Kongreß. „Wir Bergleute Oberschlesiens halten treu zu Papst und Kaiser. Wir wollen unsere Forderungen auf gesetzlich m Wege erreichen, wir stimmen mit den Engländern Überein." Diese Worte riefen einen neuen Sturm hervor. Schließlich wurde die Sitzung auf einige Zeit unterbrochen. Ruch der Wiedereröffnung wurde der Franzose L amendin zum Vorsitzenden gewählt, worauf in der Berichterstattung über die Bergarbeiter-Verhältnisse der einzelnen Nationen fortgefahren wurde.
* Der bekannte belgische anarchistische Agitator Defuisseaux, der als Bergarbeiter - Delegirter nach Berlin gekommen war, ist gestern von der hiesigen Polizeibehörde ausgcwicsen worden.
* Die Kommission für die zweite Lesung einer bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Ruch hat in ihren letzten Sitzungen vor Pfingsten die Be- rathnng der die Vormundschaft über Minderjährige betreffenden Vorschriften fortgesetzt und die weitere Berarhung der Vormundschaftsrechts sodann bis zum 21. Mai vertagt.
* Gegen die Agitations-Methode des Bundes der Laudwirthe hat sich jetzt der bekannte konservative Abg. von Puttkamer-Plauth ausgesprochen. Bei einer landwirthschaftlichen Ausstellung in Marienburg sagte er u. A.:
Wir haben heute ein schönes Fest gefeiert, und unser Auge hat mit Entzücken die Leistungen der Landwirth; unserer heimischen Provinz gesehen. Wenn man heute den Landwirth mit sorgenvollem Gesicht sieht, so hat das wohl sehr ernste Gründe. Denn der Landwirth ist seiner Natur nach heiter angelegt und zum Frohsinn geneigt. Der tiefe Druck, welcher auf dem landwirth- schaftlichcn Gewerbe lastet, ist Schuld an jener betrübenden Erscheinung, ein Blick in den Courszettel erläutert das treffend. Trotz des schönen Welters, das wir jetzt haben, sieht der Landwirth mit Sorge in die Zukunft. Solche Sorgen sind nicht zum ersten Male über unser Land und seine Bebauer gekommen. Schon ein Mal im Anfänge unseres Jahrhunderts ist eine gleich schwere Zeit über uns hereingebrochen; damals waren es Roß und Reisige des französischen Eroberers. Auch heute kommt daS Unheil von Auslande, heute ist es die ausländische Konkurrenz, deren Wirkungen ebenso verheerend sind, wie ein blutiger Krieg. Wir haben den Zolltarif aus der Hand gegeben und müssen nun auf andere Mittel sinnen, uns und unsere Familien auf der Scholle, die wir bebauen, zu erhalten. In Preußen ist es von jeher der Brauch gewesen, in schweren Kriegen in fester Bereinigung mit dem angestammten Herrscherhause zu stehen. Auch heute können wir nur im Vertrauen auf den Kaiser und König den Kampf für unsere Interessen auf- und nicht gegen, sondern mit der Regierung unternehmen DaS giebt uns einen Fingerzeig auf die einzuschlagende Methode deS Kampfes. In Preußen gießt es ein altes Sprichwort: „Wenn man glaubt, eS sei einem Unrecht geschehen, jo darf mau drei Tage raisoniren, dann aber muß man Ordre pariren" Nun, meine Herren, für uns vorn — ich will eS rund heraussagen — Bunde der Laudwirthe ist jene Frist von drei Tagen schon etwas lange vorüber. Damit ist nicht gesagt, daß wir unsere Or-
welle wie ein Rouleavx aufgerollt, welche zwischen zwei kleinen Trägern so befestigt war, daß nur ein kleines Sude deS gestickten Seidenstoffe- herunterhirg;. an diesem Ende war ein Ring angebracht, gerade groß genug, um die Spitze der mit Lanzen bewaffneten Reiter durchzulassen. Wurde dieser Ring von der Lanze einer geschickten Reiters erfaßt, so rollte sich die Schäi pe, an der Ep'tze der Lanze festgehalten, gleich einem langen buntfarbenen Wimpel und wurde damit daS Eigenthum des glücklichen Siegers. Sechszehn Schärpen bildeten heute die Gaben der Damen, waren in der oben geschilderten Weise befestigt und harrten der Augenblicks, in welchem sie die Reiter im Winde flattern ließen.
Diefe Schär penrennea zogen in der Regel die Elite der besten Gesellschaft an. Im Gegensatz zu den Stier- kämpfen fließt bei diesen ritterlichen Spielen kein Blut; dieselben üben daher auf die große Menge keine solche AnziehungSkrast wie die Stiergefechte aus, und werden deswegen nur, wie schon bemerkt, von der großen Welt besucht. Ein solche« Rennen findet nur einmal im Jahre statt. DaS Amphitheater ist daher nicht so stark besucht wie bei einem Stiergefecht; dafür wird bei demselben eine um so größere Pracht entfaltet.
Endlich schlug er 4 Uhr und ein Trompetenstoß zeigte den Beginn des Rennmr an.
Mehr als ein Herz der jungen Damenwelt, welche heute in so großer Anzahl die Logen schmückte, schlug
aanifotion, den Bund der Landwirthe, etwa verlaffen sollen. Nein, er ist eine erlaubte Vereinigung, um unsere Interessen zu vertreten, und heutzutage wird ja Alles von Interesse regiert. Wir sollen aber die Regierung zu überzeugen suchen, daß die Landwirthschast ein nützliches und nothwendiges Gewerbe ist, das zu schützen und für daS zu sorgen ist. Wenn wir diesen Kampf — und ein Kampf ist es ja vorläufig noch — fest, aber maßvoll führen, so werden wir bei der Regierung und auch bei anderen Berufszweigen Verständniß für unsere Bestrebungen wecken. Wir haben manchmal die Schranken allzu schroff durchbrochen und haben uns dadurch Schaden zugesügt. Möchte i diese Stunde dazu beitragen, die Gegensätze zu mildern. Wir i müssen bestrebt sein, auf verfassungsmäßigem Wege maßvoll und ; ruhig zu unserem Ziele zu gelangen.
* Es geschehen Zeichen nnd Wunder! Selbst i der gewaltige Raser im Streit Thümmel ist der ; Ansicht, man solle die Jesuiten ruhig kommen lassen. Von Breslau ging er nämlich graben WegS \ nach Altena in Westfalen und hielt am 22. April eine ’ lange Rede an den dortigen „Bund". Nachdem er ; die Zuhörer wieder aufgefordert, die Katholiken „evangelisch" zu machen, stellte er die Frage, ob denn dazu . auch irgend welche Aussicht vorhanden sei, und gab i zur Antwort: „Ja, eS ift ein Umstand eingetreten, ; der mich mit Hoffnung erfüllt. In voriger Woche hat der Reichstag die Aufhebung deS JefuitengefetzeS ’ beschlossen, und die Jünger Loyolas werden wiederkommen, da bis jetzt noch ipchtS auf dem ultramontanen Wunschzettel gestanden hat, das nicht gewährt i worden wäre. Nun lasse man das Petitioniren! Wenn sie zurückkommen und sich 3, 4 Jahre, bis sie warm sind, als charmante Männer gezeigt haben, bann wirb der Kamps verschärft loSbrechen, „nicht mit Kanonen", sondern mit den „Waffen des Geistes". Dann wolle er mit den andern Predigern furchtlos kämpfen und die Verheißung wahr machen: „Ich will eine feurige Mauer umher fein und will darinnen fein und will mich herrlich darinnen erzeigen." (So berichtet daS BundeSblatt: ,Westf. Familienbote'.) Nun wollen wir abwarten, ob sich der B und eS ra t h von dem Prediger in Remscheid an Toleranz und staatsmännischem Blick übertreffen läßt!
* Die Einnahme an Wechselstempelsteuern im deutschen Reich betrug im April d. I. 704,767 Mark, 27,712 Mark mehr als im gleichen Zeitraum deS Vorjahres.
* Die Erwerbung von UebuugSpliitzeu für die verschiedene» Armeekorps bezw. eine Vergrößerung von bereits bestehenden Uebungkplützen, welche gegenwärtig angestrebt wird, hat dem KriegSministermm Anlaß gegeben, die folgenden Gesichtspunkte für die Erwerbung aufzustellen: Mit Rücksicht auf die modernen weittragenden Geschosse muß der UebungSplatz noth« wendigerweise eine volle Meile Schußweite besitzen. Unbedingt nothwendig ist auch eine Ausdehnung von 7 Kilometern, damit für große Uebungen oder zu ähnlichen Zwecken die nöthige Breite vorhanden und entsprechende Ausdehnung deS TruppenköiperS möglich ist. Der Grundgedanke ist, für jedes Armeekorps UebungS- Plätze zu beschaffen, welche die Nothwendigkeit, daS Landgebiet mit Einquartierung zu belasten, ausheben.
höher, als plötzlich eine Abtheilung von etwa sechszehn jungen Leuten, die prächtige Pferde ritten, zu zwei und zwei die Logen defilierten. Die fechSzehn Reiter wurden mit jubelndem Applaus empfangen.
Mit Ausnahme deS Reiters, welcher Nummer eins hatte, verschwanden die übrigen Kavaliere von der Arena. Der Reiter Nummero ein8 setzte sein Pferd in Galopp und versuchte angesichts der in einer Reihe aufgehängter Schärpen einen der Ringe zu treffen. Eine plötzliche Bewegung feiner Pferdes lenkte feine Lanze ab und tr verfehlte den Ring. Zweimal erneuerte er den Versuch, aker jedesmal vergeblich. Da nur drei Rennen gestattet find, so mußte der vorn Glück so schmählich Getäuschte uttet spöttischem Lachen und Zischen der Menge ohne Schärpe au8 der Arena reiten.
E8 erschien Nummero zwei auf einem bäumenden feurigen Araber von ebenholzfarbenem Schwarz. ES war der Herzog de Morena. Als er an der Loge deS Herzog« de Billa-Merced vorüberritt, senkte er ritterlich seine Lanze und ein aufmerksamer Beobachter hätte unschwer konstatieren können, daß die Tochter deS Herzogs bei seinem Anblick von hoher innerer Freude erfüllt wurde, und daß ihr rofigeS Antlitz unter der weißen Mantille eine etwas dunklere Färbung annahm.
Dieser Reiter war glücklicher. Sein erstes Rennen war schon von Erfolg begleitet und eine weiße in Gold und Roth gestickte Schärpe flatterte an der Lanzenspitze