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JV 109 Mittwoch, dm 16. Mai 1894. 21. Jahrgang

FilUttOZeitug

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-1- Das Streikfieber.

Das Wort der Revolutionspoeten: „Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm eS will," hat unter den „Genossen" gezündet, eS ist die Streikparole 8geworden. Ausstände in Amerika, Ausstände in Deutsch- and, Frankreich und Oesterreich, Ausstände ohne Zahl, aber mit oft sehr jähem, wenn auch nicht unvorherge­sehenem Ende. Die Berliner Parteileitung ist schon lange unzufrieden mit den Gewerkfchaftsmatadoren über die Fülle an Kraft und Stoff, die, wie sie meint, durch die Streiks ganz unnöthig verausgabt wird. Aber das ist eben der alte Kernpunkt der Streitfrage. Die Herren Bebel, Singer, Auer und Konsorten wollen ihre Leute mit der hohen Politik glücklich und selig machen, Legien und seine Anhänger, der GewerkschaftS- bann ist dagegen der Ansicht, daß dem Arbeiter ein Markschein in der Woche weit lieber als die hohe Politik sei. Schließlich mögen sie beide theoretisch Recht haben, praktisch fangen sie es jedensaÜS Beide verkehrt an. Die Unmasse von begonnenen und auch beendigten Streiks hat wenigstens bisher sehr wenig Markscheine in die Taschen der Arbeiter befördert, hingegen umsomehr heraus. Gleich anfangs der Jah­res sind mehrere große Streiks verloren gegangen, so der Stuttgarter Schneiderstreik, der Formerstreik in Keula, der Malerstreik in Bremerhaven; und der Maurerausstand in Freiburg i. B. war kaum begon­nen auch schon beendigt, natürlich zu Unguvsten der Arbeiter. Das Resultat ist wie immer: Einige Hun­dert Mann auSgesperrt und arbeitslos und Tausende von Mark hinauSgeworsen. Der Mißerfolg hat einige große Branchen, wir die Metallarbeiter und Maschinen­bauer, die schon auf dem Sprunge zum Streiken waren, zwar abgeschreckt, korporativ in den Ausstand zu treten, dafür nimmt das Streikgeplänkel der kleinen lokalen Gewerkschaften ungestörten Fortgang. Er find eben der Opfer noch nicht genug gebracht.

Ebenso ist er in Oesterreich. Sämmtliche größere Streiks endigten mit einer Niederlage der Arbeiter und mit ihrer Maßregelung. Der erste war der Aus­stand bei der Neuen Wiener Tramway-Gesellschaft, der mit einer totalen Unterwerfung des PerfonaleS unter die Entschließungen der Direktion endigte. Mehr als die Hälfte der Streikenden wurde auSgesperrt. Der Streik der Lawpevarbeiter in den Fabriken Dilmar und Brünner (Wien) endete ebenso ungünstig für die Arbeiter, dergleichen wurden in der Metallwarenfabrik Egger (Wien) die Streikenden ausgefperrt. Verhäng- nißvoller und drückender als die vorgenannten war je­doch die Niederlage im Wiener GaSarbeiterstreik, in welchem gegen 1000 — meist alte und weniger leistungsfähige Arbeiter — ausgesperrt wurden. Die Schlappen in kleineren Streiks bei Unternehmungen mit gegm hundert und mehr Arbeitern kommen gar nicht in Betracht. Geradezu verderblich für die Ar­beiterschaft war der Streik in einige» nordböhmischen Fabriken. Dar alle« nicht genug, wurden die 13,000 Mann starken Tischlergk Hilfen Wiens zum Ausstande

Mercedes de Moro«.

Bon Lambert de St. Croix.

Autorifirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.

(38. Fortsetzung.)

Raoul ärgerte sich innerlich ungeheuer und beschloß aus jede Gefahr hin, nach beendeter Mahlzeit sich Mero-deS zu nähern und sich mit ihr zu unterhalten, ohne sich von irgend Jemand stören zu lassen.

DaS Mahl nahte sich seinem Ende und nach einem kurzen Augenbl cke wurde die Tafel aufgehoben. Zwei hübfche junge Leute bewaffnete« sich mit Guitarre, zwei andere mit Mandolinen und der ländliche Ball konnte beginnen. Der sammetweiche Rasen ersetzte dar Parket und das blaue Himmelszelt die Decke des BallsaaleS.

Zweimal hatte Raoul versucht, sich Mercedes zu nähern, aber immer hatte de la Montana ihren Arm ergriffen und sie in die Reihe der Tanzenden geführt. Der junge Franzose engagirte, da die Tochter der Her­zog- de Billa-Merced ohne Partner war, diese junge Dame zum Tanze.

Die Heiterkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht und der Tag neigte sich seinem Ende, während die Sonne, welche ihren täglichen Lauf beinahe vollendet hatte, den Horizont hinabstieg. Der tanzenden Paare bemächtigte sich eine gewisse Abspannung. Raoul hatte trotz all' seiner erfahrenen Strategie nur einen Polka von Mer-

Führern als eine pechschwarze und „pfaffendumme" Zeit dargestellt, aus der nur die Schreckgespenste der Inquisition, Hexenprozesse rc. wie rothe Glühfunken hervorleuchten. Und trotzdem, welch ein Unterschied zwischen einst und jetzt! Zunft, Familiarität zwischen Meister und Gesellen, Religion und Sitte mußten mit der Aufklärung sich zum Kuckuk scheren, der Fortschritt duldete nicht solch altes Gerümpel im Hause. Nun ist eS wahrlich besser geworden!? Arbeitgeber und Arbeit- nehmer, wie man jetzt die Parteien nennt, messen fich vielfach mit grimmigen Blicken, und wenn sie zusammen- kommen, ist er nur, um sich gegenseitig durch List oder Gewalt etwas abzuringen. Der Kampf ist mit dem ganzen Raffinement deS Ein de aidcle entbrannt. Die­jenigen, die naturgemäß auf ein gedeihliches Zusammen­wirken angewiesen sind, mißtrauen einander, studirev förmliche Feldzugkpläne, die mit Erbitterung und Hart­näckigkeit auSgesührt werden. Und da sage man noch, daß er nicht „schön" werden wird!

gedrängt für den Achtstundentag. Die ohnehin nur mit Mühe sich über Wasser haltenden Kleinmeister sollen den Achtstundentag bewilligen, der nicht einmal in den Fabriken, deren Konkurrenz sie bedrückt, besteht. Echt sozialdemokratisch! BemerkenSwerth für österreichische Verhältnisse ist eS, daß der Streik nur den großen, jüdischen Möbelfabriken zu Gute kommt, die in der Streikzeit ihr Lager ausverkaufen. Zum Unterschiede von den Streiks in Deutschland muß bemerkt werde», daß die Streiks in Oesterreich mit Zustimmung der Parteileitung inszenirt werden, da die Parole auSge- geben ist, branch en weife den Achtstundentag zu erkämpfen.

AuS gerechteren Ursachen ist kürzlich wieder der große Bauarbeiterausstand in Wien unternommen worden, der 40,000 Maurer und Stukkateure umfaßt, während die Zimmerer die Betheiligung am Streik abgelehnt haben. Unter den Forderungen der Bau­arbeiter befindet sich das Verlange« nach einer ge­nossenschaftlichen Krankenkasse und Arbeitsvermittelung. Leider kam eS, wie bei so großen Mafien vorauSzusehen, zu blutigen Zusammenstöße« zwischen Streikenden u«d Polizei, und Aufläufe vor Bauplätzen sind an der Tagesordnung.

Der Wiener Tischlerstreik geht übrigens seinem Ende entgegen; in den Familien ist die bittere Roth und damit verbunden Zwist und Hader auSgebrochen und dar hat bereits Hunderte von Gehilfen zur Arbeit getrieben. Die Streikkommifston kann de» Tischler­ausstand auf die lange Reihe der verlorenen Lohn­bewegungen setzen. — Beachtung verdient eine Stelle aus dem sehr fachlich und ruhig gehaltenen Antwort­schreiben der Wiener Tischlermeister auf die Forderungen der Gehilfen, die sich auf die große Anzahl der Schwindsuchtsfälle in den Ausweisen der Krankenkassm bezog und folgendermaßen lautete:

„Zu jener Zeit, wo der Arbeiter, so lange er ledig blieb — und das währte ziemlich lange — am Familientische des Meisters aß, da stand er an Moral, Ordnungsliebe, Fleiß und Sparsam­keit weit über manchem unserer heutigen Arbetter und konnte häufig wie ein Glied der Familie behandelt werden. Da war auch der moralische Lebenswandel kein solcher, wie er leibet heute in fast allen Schichten der Bevölkerung seine zerstörenden Wir­kungen an Leib und Geist, an Erwerb und Pflichtgefühl übt. Die Arbeiter hatten eben damals eine regelmäßige Kost, blieben — einen Kirchengang und einen Spaziergang ins Freie am Sonn- oder Feiertag oder den Besuch einer Zeichenschule aus­genommen — hübsch bei Hause und verbrauchten ihren Verdienst nicht im WirthShause, ihren Sonntag-Nachmittag und -Abend nicht beim Tanze, die Nächte nicht in den Kaffeehütten mit Frauenzimmern, wobei oft schon der letzte Kreuzer vom Wochen­lohn verputzt wird, ehe noch ein neuer verdient ist.

DaS trifft gewiß vielfach z«, und wen« eS die Herren Sozialdemokraten als Beleidigung auffassen, wenn man den Muth hat, eS ihnen zu sagen, so be­weisen sie nur, daß sie durch die Schmeicheleien ihrer Parteiblätter so verwöhnt sind, daß sie die ungeschminkte Wahrheit nicht vertragen. DaS gilt übrigens nicht bloß sür Oesterreich, sondern auch anderwärts.

Eine Ueberzengung drängt sich jedoch unwillkürlich auf; die nämlich, daß diese Verhältnisse ungesund find. DaS Mittelalter wird von den sozialdemokratischen cedeS erhalten könne». Mit innerem Widerstreben gab sich Mercedes ihrer unbesiegbaren Hinneigung zu Raoul hi». Sie kämpfte zwar noch gegen ihre Liebe, aber eS war ein letztes Aufflackern ihrer Widerstandskraft.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel, schwarze Ge- witterwolken jagte ein heftiger Westwind durch den Azur der abendlichen Himmels. Bereits wurde das dumpfe Grollen deS Donners vernehmbar, schwere Regentropfen klatschten hernieder und bedeckten die hellen Kleider der Tänzerinnen mit dunkeln Fleckc». Eine mit Elektrizität geladene tiefe Schwüle folgte der angenehmen Tempe­ratur, welche bei leichtem Westwind den ganzen Nach­mittag geherrscht hatte.

Das Grollen deS DonnrrS war dar Signal zum plötzlichen Aufbruch. Schnell waren die Esel gefattelt und bestiegen; die zahlreichen Wagen füllten sich mit ihren Insassen.

Das Gewitter brach los. Die Wetterstrahlen durch­furchten die dunklen Wolke», der Blitz beleuchtete mit seinem blendenden Lichte den dunklen Wald, welcher den Festplatz umgab und trug die Verwirrung in die Reihen der Reiter. Biele derselben wurden aus dem Sattel geworfen, denn die vor Schrecken tollgewordenen Langohre strebten im Galopp der Stadt zu. Der Regen platzte in immer größerer Menge nieder, wie es in den Ländern zu geschehen Pflegt, in denen eS selten regnet. Die jungen Mädchen hatten sich schleunigst

Deutsches Keich.

Berlin, 14. Mai.

* Zu dem nach Berlin einbernsenen internationale» Bergarbeiter-Kongreß sind aus England 40, ans Frankreich 10 Delegirte angemeldet; Belgien dürste gleichfalls 10 Delegirte senden. Bon Seiten der Eng­länder sind folgende Fragen zur Beantwortung be8 KongresfeS gestellt: 1) Der gesetzliche Achtstundentag, Ein- und Ausfahrt einbegriffen. 2) Haftbarkeit der Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber bei Unfälle« während der Arbeit. 3) Frauenarbeit in den Berg­werken. 4) Ein normaler Arbeitslohn, wie er zu er­langen und fest zu halten ist. 5) Ueberprodnktion, und was von internationaler Seite geschehen muß, um die­selbe zu verhindern. 6) Ernennung von solchen Männern als Grubenanfseher (Inspektoren), die in den Grnbm arbeiten oder gearbeitet haben.

* Die wegen Beleidigung der Berliner Polizei kürzlich vernrtheilten 9 Berliner Redakteure haben gegen das Urtheil beim Reichsgericht Revision em- gelegt.

* Mittwoch findet eine Protestversammluug der Berliner Schriftsteller statt, in welcher die in dm Gerichts-Verhandlungen wider die neun Berliner Redakteure gegen die Presse erhobenen Borwürfe ein­gehend besprochen werden sollen. Der Vorstand der Genossenschaft beabsichtigt, der Versammlung einendem Justizm,nister zu übermittelnden Protest zu unter­breite».

* Die Berliner Magistrattkommisfio« zur Vor­bereitung der Steuerumwandlungen in Gemäßheit deS neuen Kommunalsteuergesetzes empfiehlt: gänz­liche Aufhebung der Miethsteuer vom 1. April 1895 ab, Reformirung der bisherigen städtischen HauSsteuer zu einer allgemeinen Grundstücksteuer, Verzicht auf eine Bauplatzsteuer (doch sollen Bestimmungen, durch welche solche Grundstüae wegen Werthserhöhung stärker heran­gezogen werden können, in das neu zu mtwerfende in die Wagen geflüchtet, deren Verdeck man rasch empor gezogen hatte. Nur die jungen Männer ließen, auf chren Reitthieren zusammengekauert, so weit sie nicht abgeworfen waren, de» strömende» Regen ruhig über sich ergehen. Raoul hätte sich auf feinem Esel gem allein gehalten und wäre so rasch vorwärts geritten. Aber sein Esel war ein Stollgenofie des Reitthieres deS Marquis und er wich nicht von der Seite seines Kameraden.

So ritten denn im strömenden Regen die beidm Nebenbuhler nach XereS. Der Mmqais, welcher sich riesig darüber freute, daß eS ihm gelungen war, Raoul von Mercedes fernznhalten, versuchte ein Ge­spräch anzuknüpfen. Raoul war aber sehr wortkarg, so daß der Spanier endlich dem Silber deS Redens daS Gold des Schweigens vorzog.

Das Gewitter wurde immer heftiger, und so kam es, daß die Theilnehmer an der „Sira" mitten in einem Wolkenbruche in Xeres aukamen.

Raoul begab sich in sein Hotel zurück und war sehr froh, sich wieder im Trockenen zu befinden. Sr hatte sich heute köstlich amüsirt und konnte diesen Tag in seinem ganzen Leben niemals wieder vergesse», den Tag, an welchem er für immer sein Herz an Mercedes verloren hatte.

Er überlegte, was nun zu ihn» fei, um zu er- forsche», ob daS Entgegenkommen der jurgm Tome,