Freitag, den 11. Mai 1894.
J\i 106
21. Jahrgang
FulimkrWZkitiliig
Erscheint täalich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
u Anarchistische Attentate.
Bald hier und bald dort kracht eine Bombe, und die Anarchistenfurcht ergreift immer weitere «reife. Gelehrte Profesforrn haben von den Kathedern aus den Beweis" geführt, daß jeder Verbrecher fchließlich mehr oder minder ein Irrsinniger fei, alfo eher in die Heilanstalt für Geisteskranke als in das Zuchthaus gehöre. Mit fchönen Humanitätsphrasen warf man haufenweise um sich, predigte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, verherrlichte die großen Errungenschaften der Revolution, höhnte die kirchliche Ordnung, entchristlichte die Schulen, verweltlichte die Spitäler, fchloß die Kirchen, baute Theater, in denen der Sinnengenuß seine Orgien feiert, erhob die „gesunde Sinnlichkeit" auf den Altar und glaubte nun eine neue Zeit geschaffen zu haben, in der die Wölfe bei den Lämmern arasen. Jäh aus allen Himmeln herabgestürzt fühlt «an sich aber, wenn trotz aller Humanitätsduselei, -kotz aller Kultur und Kulturkampfes die Verbrechen gegen dar Leben, die Massenmord-Anschläge nicht ab- vehmen, sondern sich vervielfachen und zu einer „ständigen Einrichtung" werden. Wenn man aber erst von seiner Verdutztheit zu sich gekommen ist, nachdem mau in nächster Nähe neben sich eine Bombe aufblitzen oder ein Bündel Dynamit-Patronen sich ent- laden sah, ist mit dem Rauche auch der ganze Phrasen- nebel in die Lüfte gegangen, ruft man nach der Polizei, dem Staatsanwalt und dem Büttel, diese sollen nunmehr „das Vaterland retten". Die Polizti taugt nichts, weil sie sich der Lage nicht gewachsen gezeigt, sie soll nicht blos nach jedem Knopfe blicken, den rin jeder Bürger an feinem Rocke trägt, sondern ihm auch mit Feuerblicken in daS Innerste seines GemütheS schauen, ob er nicht etwa anarchistische Gedanken hegt oder auf Sprengstoffe sinnt und Konservenbüchsen mit Dynamit und Schuhnägel zu Men beabsichtigt. Und hat ein Frevler in der Heimlichkeit so etwas trotz allrS Liberalismus und Humanitätsprinzips in verborgenster Ecke vorbereitet, so soll die Polizei ihn mindestens vor geschehener That abfangen und ihn dem StaatSanwalte ausantworten, der dann nicht auf Verweisung in eine Irrenanstalt, sondern auf die blutige Todesstrafe oder mindestens lebenslängliches Zuchthaus plaidiren muß, trotz des AergerS der hochgebildeten Damenwelt, die einen solchen „Helden" „interessant" findet. Nachdem der Staatsanwalt und das Gericht ihre Pflicht ge- than, muß der „Büttel als Erzieher" kommen, sei es, daß er in Gestalt deS Henkers auftritt, oder als Ge- fängnißinfpektor feine Untergebenen behandelt. „Unsere Gesetze sind viel zu human!" hört man klagen, „er müssen ganz andere, schärfere Strafen festgesetzt werden, um solche Unholde abzuschrecken!" Mit diesem Rufe nach Polizei, Staatsanwalt und Büttel verbrämt der Liberalismus die Bankerott-Erklärung feines glaubenslosen, antikirchlichen Erziehungssystems.
Daß eine tüchtige, geschulte Polizei vorhanden sein muß, hat noch kein vernünftiger Mensch geleugnet, aber
Mercedes de Moro«.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Freidank.
(35. Fortfetzung.)
Endlich war der Augenblick gekommen. Das Orchester intonirte einige Takte einer der feurigen hinreißenden Strauß' schen Walzer.
Raoul nahte sich ohne Livkigkeit, verbeugte sich mit ebenso viel Anstand wie Höflichkeit, und richtete die kömmlichen Worte an Mercedes:
„Fräulein, wollen Sie mir die Ehre schenken u.s.w.", bot ihr den Arm und führte sie in die Kette der tanzenden Paare.
Dem Grafen von Ferotre dünkte es, als ob er im Begriffe stände, heut« Abend den wichsten Akt seiner ganzen Lebens zu begehen. Auch er bedauerte, sich der jungen Dame habe vorstellen zu lassen. Der Tanz begann und die Paare schwebten durch den Saal.
Raoul war vollständig stumm, denn seine innere Bewegung schnürte ihm buchstäblich die Kehle zu. Nach wenigen Walzertouren fühlte Raoul die Lächerlichkeit seiner Benehmens, unterbrach den Tanz und versuchte eine Unterhaltung zu beginnen.
»Welch' prächtiger Ball, mein Fräulein", sagte Raoul etwas zögernd auf gut Glück, indem er sich im Geheimen darüber ärgerte, daß ihm nur eine so abgebrauchte Redensart eivfiel.
Deutsches Keich
Berlin, 9. Mai.
* Bor dem Berliner Landgericht kam heute der Prozeß zur Verhandlung, der gegen eine Anzahl Berliner Redakteure eingeleitet wurde, weil sie in ihren Besprechungen über den Zusammenstoß der Polizei mit den Arbeitslosen am 18. Januar d.J. „wider besseres Wissen in Beziehung auf den Chef und die Beamten des Königlichen Polizei-Präsidiums in Berlin, unwahre Thatfachen, die diese in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet sind, behauptet und verbreitet und die Genannten beleidigt haben." Der Gerichtshof meint, wie in der UrtheilSbegründung ausgeführt wird, daß die Polizei nur ihre volle Pflicht und Schuldigkeit gethan habe, und eS wurden fämmtliche Angeklagte wegen Beleidigung verurtheilt: Schmidt vom ,BorwärtS' zu fünf Monaten Gefängmß, Keßler vom .Volksblatt'. Wißberger von der ,Berl. Ztg.' zu je drei Monaten, Zachau vom .Sozialdemokrat' und Harnisch von den .Lichtstrahlen' zu je zwei Monaten. Die Uebrigen erhielten Geldstrafen von 500 bis 150 Mark.
* Das Abgeordnetenhaus hat feine Pfingftferien begonnen, die bis zum Donnerstag nach Pfingstm (17. Mai) dauern sollen. War eS nach Pfingsten bis in den Juni hinein an positiven Ergebnissen noch schaffen soll, ist eigentlich nicht recht ersichtlich. DaS unerwartet lange HinauSschieben der Session wird damit zu begründen gesucht, daß eine Verständigung über dar Land»irthschaftskammern-Gesetz herbeigeführt werden soll. Aber werden die Mitglieder der national- liberalen und der beiden konservativen Parteien, welche unter den besten Hoffnungen und Wünsche« deS Finanz- Ministers Miquel die Kompromiß-Verhandlungen führen, auch in den Pfingftferien verhandeln, oder nicht vielmehr ebenfalls daS „liebliche Fest" in der Heimath feiern wollen? Wird ein solcher Kompromiß überhaupt zu Stande kommen? DaS Hauptorgan der Nationalliberalen ist entschieden dagegen, daß die nationalliberale Partei den Konservativen entgegenkommt. Daß die Kanalvorlage über den Dortmnnd-Rhein-Kanal in dieser Session noch eine Annahme finden könne, — die zweite Berathung dieser Kanalvorlage ist für die erste Sitzung am Donnerstag nach Pfingstm auf die Tagesordnung gesetzt worden — wird wohl von keiner Seite mehr angenommen, zumal von Kartell-Kompromiß- Verhandlungen über diese Vorlage nichts verlautet. Beide Vorlagen hätten sich vor Pfingsten noch recht wohl „erledigen" lassen. Wozu also das HinauSschieben ; der Session über Pfingsten hinaus als nur zu dem Zwecke, damit auch daS Herrenhaus ein kräftiges ; Sprüchlein zu Gunsten der Miquel'schen „Reichs- finanzreform" adgeben kann!
j * Der gestrigen Spcuchsitzung des Reichsver- ' ficherungSamtes wohnten der französische Rational- ökonom Maurice Block und Dr. Ballai Lagos, [ Ministerial-Dezernent im ungarischen Ministerium, bei.
die „Freiheitsmänner" von der modernen Sorte waren seit Jahrzehnte« die lauteste« Schreier gegen die „Polizei- Willkür", ihr Grundsatz war, daß jeder thun und lasten sollte, waS ihm beliebte:
„Was wir thun, das ist das Rechte, Und ihr sollt uns nicht bezichten; Will'S mit der Moral nicht stimmen, Müßt ihr die Moral berichten",
so faßte der in Gott ruhende Dreizehnlinden-Dichter daS Prinzip dieser Leute in einem kurzen Satze zusammen, und was die Anarchisten thun, ist schließlich nichts als die praktische Anwendung dieser Grundsatzes. Wenn das Gewissen nicht von Unthaten gegen die Gesellschaft abhält, wird die Polizei schwerlich, und sei sie noch so geschickt und zahlreich, im Stande sein, finstere Anschläge unter allen Umständen unschädlich zu machen.
Die Strafe hat einen doppelten Zweck: 1) dm geschehenen Frevel zu ahnden und irdisch zu sühnen, 2) vor weiterem Frevel abschreckend zu wirken. Jedermann aber wird zugeben müssen, daß der erste Zweck der irdischen Strafe der hervorragendere und der letztere nur sekundär iy Betracht kommt. Seit lange haben die Gegner der liberalen Gefühlsduselei darauf hingewiesen, daß dar System, welcher die fchlimmstm Verbrecher mit einer übertriebenen Milde behandelt, sowohl den Begriff der Strafe verkenne, als auch besonders Alles eher als abschreckend wirken könne, aber darauf hatte der zünftige Liberalismus nur ein höhvifcheS Achsel- zucken oder eine entrüstete Abweisung; nachdem es ihm aber selbst an den Kragen geht, da sei« unantastbarer Mammon und sein lieber Leben bedroht sind, macht er kühlen Sinnes ein Avarchistengrsetz nach dem andern und meint mit einer Armee von Paragraphen dieHeer- schaaren der Umstürzler vernichten zu können. Bei aller Bedeutung, welche ma« dem vemünftig geleiteten Ge« fängnißwesen und Strafvollzüge beilegt, wird man je- doch sich der Ansicht nicht verschyeßm könne-', daß eS ein trauriger Zustand wäre, wenn dies allein die Bor- beugung gegen weitere Verbrechen bilden soll. Der Büttel ist zur Ausführung der verhängten Strafe noth- wendig, aber wenn er der Erzieher des Volker fein soll, kann man dieses nur höchlichst bedauern. Der Liberalismus scheint aber, nach seinem Auftreten gegenüber bett Anarchisten, z. B. in Frankreich, zu urtheilen, ein anderes Mittel nicht zu besitzen oder sich von einem andern keinen Erfolg zu versprechen. „Die Kerls habm keinen Respekt!" hört man klagen, aber wenn man fragt, weshalb sie denn keinen Respekt haben, weiß man nur die erbärmliche Antwort, das sie die ErziehungS- schule der Büttel nicht hinreichend fürchtm. Wir brauchen wohl kaum daraus hinzuweisen, worin der Fehler dieser Anschauung beruht; wenn wir im obigen Satze „Respekt" durch „ C h r i st e n t h « m" ersetzen, ist daS ganze Räthsel gelöst. Setzen wir daS Christenthum mit seinem Einflüsse aus den ganzen Menschen wieder in seine Rechte ein, dann wird dieblasseFurcht vor dem Anarchismus verschwinden und man wird den Büttel als Erzieher nicht mehr nothwendig haben.
„Finden Sie da-, mein Herr?" erwiderte Mercedes, \ nicht wenig belustigt, den Fremden mit derartigen Ge- J meinplötzen vperiren zu sehen. „Im Kasino sind alle Feste ebenso hübsch, wie daS heutige", fügte sie bei. „Was alle unsere Feste so anziehend macht, ist unsere t leidenschaftliche Freude am Tanzm. Man tanzt sehr \ viel in Spanien; ist ks bei Ihnen nicht so?" (
„Bei uns, Fräulein von Moron, ist daS Begmtheil der Fall. Ich glaube, daß nirgmdwo so viel Werth auf den Tanz gelegt wir, wie in Spanien."
„Ich begreife, mein Herr. Sie wollen damit wohl sagen, daß die jungen Damm bei Jhnm weniger Bei- gnügen an solchen Unterhaltungen haben, als bei unS; ist es nicht so? Wenn Sie iS wünschen, so wollen wir ein wenig auSruhen, dmv man ermüdet sich doch etwas."
„Mit Vergnügen, mein Fräulein", erwiderte Raoul, indem er Mercedes seinen Arm bot und sie a« ihrm Platz führte. „Ich bin zwar erst seit Kurzem in Xeres, aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich von Allem, waS ich bis jetzt hier gesehen, sehr ringe- nommen bin."
„Selbst von den Stiergefechten?" frug Mercedes.
„Selbst von den Stiergefechtev und besonders, wenn man Largartijo einen Stier tödten sieht, deffm Schicksal Ihnen überliefert wurde."
„Ah, Sie haben bemerkt, daß dieser Stier mir an- i geboten war?" fragte lebhaft die junge Dame.
„Ja, Fräulein von Moro«, «ud Largatijo ist ein glücklicher Mann zu nennen, daß er auS Ihrer Hand ein so schöner Geschenk empfange« bat."
„Aber, mein Herr", bemerkte Mercedes, auf welche dieser verunglückte Kompliment einen sehr unangenehmen Eindruck machte, spöttisch, „ich kann nicht begreifen, wie ein Torero ein besonderes Glück darüber empfinden kann, daß man ihm daS Geld zuwirst, welcher er ehrlich verdient. Man bezahlt ihm einfach geleistete Arbeit. HaS ist Alles", fügte die junge Dame trockenen Tones hinzu.
Raoul, welcher zu seinem Entsetzen bemerkt hatte, daß er eine große Ungeschicklichkeit begangen, gedachte den Fehler gut zu machen, indem er berichtiget) sagte:
„Ich wollte eigentlich sagen, mein Fräulein, daß er eine große Ehre sür einen Mann wie Largatijo gewesen ist, von Ihrer Hand mit einem Geschenk bedacht zu werden. Um auf Xeres zurückzukommen, so gestatte« Sie mir Ihnen zu sagen, daß ich diese Stadt uuge- mein reizend finde.
„Ich danke Ihnen, erwiderte Mercedes, etwas besänftigt durch den beinahe flehenden Ton, in welchem Raoul die Unterhaltung auf ein anderer Gebiet gelentt hatte. „Meine Geburtsstadt hat das große Verdienst, dem modernen Leben einen gewissen Widerstand entgegengesetzt zu haben."
„Man unterhält sich", fuhr Mercedes fort, „bei