21. Jahrgang
Donnerstag, den 10. Mai 1894.
JV 105
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Der;wette hessische Katholikentag.
Durmftudt, 7. Mai.
getanzt hatte, hielt Raoul inne, und der Zufall führte ihn gerade neben die Tochter deS Herzogs von 8Rmro», welche ebenfalls um auSzuruhen, emen Augenblick Platz genommen hatte. Ihr Tänzer war rin hochgewachsener Brünetter junger Man« mit recht unbedeutenden Ge» sichtSzügen, der aber nichtsdestoweniger im Knopfloch einige Orden trug.
Raoul verlor ern wenig feme Faffung, als er sich so plötzlich Mercedes gegenüber befand; aber er raffte sich auf und beschloß, das Glück beim Schöpfe zu fassen, indem er seine Partnerin um den Namen seiner Nachbarin bat. c
Dieselbe sah sich um und erblickte Mercedes.
War, mein Herr, Sie kennen Mei cedeS von Moron, meine beste Freundin nicht?" frug die junge Dame verwundert. „Dann muß ich Sie sofort vorstelleu, besonders da sie ausgezeichnet französisch spricht." Sich an Mercedes wendend, sagte die junge Dame:
„Ich stelle Dir hier den Grafen von Feretre auS Paris vor. Fräulein von Morori."
Damit war die Vorstellung beendet.
„Fräulein," sagte Raoul, sich an Mercedes wen- dend, nicht ohne daß feine Stimme leicht bebte, werden Sie mir wohl erlauben, mich für den nächsten Walzer auf Ihre Ballkarie einzutragen?"
Die junge Dame, derart unvecmuthet befangen, wagte nicht, ihm einen Korb zu geben.
Die Residenz trug gestern eine ungewohnte Physiognomie zur Schau. Dichte Massen ergossen sichrn bte breiten Straßen. Jeder Zug brachte neue Schauren, und den guten Darmstädtern, so fern ste eS mcht schon wußten dämmerte bald eine Ahnung auf, daß etwas los sei, und noch dazu etwa? gar nichts Alltägliches. In der überwiegend protestantischen Hauptstadt mit ihrer protestantischen Umgebung ein Kutholuemag i wird man fragen. Das ist ja die nackte Demonstration. Gewiß eine Demonfiratron, antworteten die Veranstalter, die haben wir beabsichtigt, und unsere katholische Bevölkerung hat uns den Bewers geliefert, daß wir demonstriren können. Wir wollten den Herren, die in Darmstadt Gesetze machen, kund und zu wissen thun, daß wir noch leben und daß wir eS wagen, gegen die uns angelegten Fesseln uns aufzu« lehnen. Zuverlässige Schätzungen toxwen dre Zahl der Theilnehmer auf 8-10,000. Von Mainz allem kam ein Extrazug mit über 1200 Insassen. Die unauS- bleibliche Folge dieses Ungeheuern Andrangs war, daß der Saalbau, welcher nur 3-4000 Personen Raum gewährt, bei weitem nicht ausreichte und eine zweite Versammlung im Garten stattfinden mußte. In der letztern übernahmen alsdann die HH. Baron Dael v.Koeth, Wasserburg, Mollthan und Roth die Referate.
Die Versammlung im Saale wurde geleitet von Herrn Rechtsanwalt und Landtags - Abgeordneter Dr. Schmitt (Mainz). Hr. Bankbeamte Lippert (Darm- stadi) hielt die Begrüßungs-Ansprache und hob gleich alle auf der Tagesordnung fiehenden Gegenstände treffend hervor. „Wenn Sie nach Hause zurückkehren , schloß er, „so wird unsere katholische Gesinnung sich auch fernerhin bewähren, dann wird auch der gerechten Sache der Sieg nicht fehlen!" (Lebhafter Beifall.)
Landtags-Abgeordneter Dr. Schmitt (Mainz) stellte fest, daß die Versammlung die kühnsten Erwartungen übertroffen habe. Auf dem Mainzer Katholikentag habe Professor Schädler gesagt, in der Ge- schichte dürfe eS nicht heißen, daß der Mainzer Katholikentag der einzige hessische Katholikentag gewesen sei. Der zweite sei nun jenem ersten nicht nur gleich- gekommen, sondern habe ihn noch übertroffen; denn 8000 Katholiken in Darmstadt sei mehr als 12,000 in Mainz. „Die Katholiken sind nur ein Drittel der Bevölkerung; aber Niemand macht uns das nach.
Redner ging nun zur römischen Frage über. Die deutschen Katholiken erheben Einspruch gegen den Raub, der am Papste begangen wurde. Er schaut auf uns deutsche und hessische Katholiken und bittet unS, ihm zu helfen. Es läßt sich nichts einwenden gegen ben Satz: So heilig, wie das Eigentham des KömgS von Italien, ist auch daS Eigenthum des Königs von Rom, und mit demselben Rechte, mit dem man unfern hl. Vater seines EigenthumS beraubt hat, suchen die Revolutionäre aller Länder alle Kaiser und Könige von ihren Thronen zu stürzen. Gerade weil wir den Thron
unserem angestammten Herrscherhause erhalten wollen, verlangen wir auch die Einsetzung deS hl. Vaters m fein Recht. Unsere Treue hat sich in ben schwersten Zeiten bewährt. Wenn wir unfern Fürsten auch heute wieder daS Gelöbniß ewiger Treue zu Füßen legen, so geschieht eS nicht in der Hoffnung auf Lohn, son- dern wir erwarten nur Gerechtigkeit für alle Unter» thanen in gleicher Weise, also Abschaffung der Aus- nahmegesetze. In daS Hoch auf den hl. Vater und den Großherzog stimmte die Versammlung begeistert em.
Instituts-Vorsteher Dr. Kübler (Gießen) sprach über die OrdenS-Frage. Unter den Katholiken bestehen darüber keine Meinungsverschiedenheiten. Wundern dürse man sich nicht, wenn Glaubenslose und Anders- gläubige die OrdenS-Frage nur nach der Seite der äußern Bortheile, deS Staats-und Gesellschaftsinteresses betrachten, noch weniger, wenn abgesagte Kaiholiken- feinde die Orden sürchten und aus diesem Grunde ver- leumden. Diese Letztern wollten gar keine Belehrung, und jeder besondere katholische Bedürfniß sei ihnen ein Dorn im Auge. DaS allen Orden Gemeinsame und Wesentliche sei die größere Zurückgezogenheit von der Welt und die besondere Nachfolge Jesu Christi. Der göttliche Heiland selbst, die Kirchenväter, die Päpste und Bischöfe, kurz die Kirche habe zu einer vollendeten j praktischen Erfüllung des hl. EsangeliumS gerathen. Darin liege die starke Wurzel der Kraft der Orden, in der strengen Ordnung der äußern Lebensformen, der Organisation und der Disziplin, verbunden mit nie versiegender Opferfreudigkeit, mit jener heldenmüthigen und zugleich demüthigen Gesinnung, die sich in einer mehr als tausendjährigen Geschichte der Orden bewahrte. Wie könne ein genußsüchtiger, ehrgeiziger, selostsüchtiger Ungläubiger einen OrdenSmann begreifen, der Verzicht geleistet auf irdische Freuden, irdischen Ruhm und äußere Ehren! Der Protestantismus fei eben so wenig voructheilslos genug, den vollen Segen deS Ordens» wesens zu erkennen. Doch man fordere keine Aner- kennung vom Protestantismus, sondern Gleichberechtigung und Duldsamkeit für die katholischen Einrichtungen. In dieser Beziehung könnten die Protestanten von ihren GlaubenSbrüdern in England, Holland nud Amerika lernen. Besonders feindselig zeige sich der Protestantismus dem Jesniten-Orden gegenüber. Die Berichte der preuß. Landräthe und daS Zeugniß Kaiser Wilhelm SI. seien aber die glänzendste Apologie der Angegriffenen. Mit einem kräftigen „Pereat den Ausnahmegesetzen! schloß Redner seine Bertheidigung der Oiden.
Rechtsanwalt Dr. Frenay (Mainz) bezeichnete mit glänzender Beredtsamkeit den Weg, den d e Katholiken auf sozialem Gebiete verfolgen müssen. Bon der Ercyklika des hl. BaterS ausgehend, trat er für den Idealismus und die christliche Lebensanschauung gegen die materialistisch- und egoistische Richtung unserer Zett i in die Schranken. Die von dem Liberalismus in S ’ Leben gerufene Schule ohne christliche Grundlage unter» - grabe die göttliche und menschliche Autorität. Die ! ZakunftSpläne der Sozialdemokraten führten zu nichts 1 ander« als z r einer größer» Auflage der sogenarmten
Mercedes de Moro«.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Fr ei dank.
(34. FortfeZunq.)
„Kommen Sie mein Herr," bat der Marquis, welcher über die Zögerung Raouls ungeduldig zu werden schien. „Wenn ich Sie dem Präsidenten vor- gestellt haben werde, haben Sie noch sehr lange Gelegenheit, dem Tanzen zuzusehen.
Der sehr trockene Ton, in welchem der MarquiS diese Worte flüsterte, mißfiel Raoul vollständig; doch hütete er sich, seine Unzufriedenheit merken zu lassen, und folgte dem Marquis, welcher ihn unbarmherzig der ferneren Pein der Vorstellung überantwortete.
Endlich war die Ceremonie der Vorstellung, zu Ende und la Montana verabschiedete sich von Raoul mit der Entschuldigung, seine Tänzerin aufsuchen zu müssen. Obwohl die Sprache, in welcher sich der junge Spanier von Raoul verabschiedete, eine äußerst höfliche, so fühlte er sofort heraus, daß der Ton ein weit kälterer, weit wenig herzlicher wie gestern geworden war. , _ . ,
Raoul war für den nächsten Tanz engapirt. Die Quadrille war beendet; er fand mit Mühe seine Tänzerin und stürzte sich mit derselben in das Ball» gemühl. Nachdem das Paar einige Teuren Walzer
großen sranzösischrn Revolution. Die Triebfeder der sozialdemokratischen Bewegung fei der Haß gegen alles Bestehende, gegen alles, was den Menschen bisher heilig gewesen. Die Wege zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände liegen auf sittlichem und wirthschaftlichem Gebiete. ES sei anzustreben: Erziehung nachchristlichen Grundsätzen, Entlastung der kleinen und Mittlern Steuer- zahlet, Schaffung einer progressiven Einkommensteuer, Unterstützung der Handwerker- und Bauernstandes, sowie der Handarbeiter. Schließlich empfahl Redner Anschluß an die katholischen Vereine, insbesondere an den „Bolksverein". . , ....,
Pfarrer Schäfer (Obermgelheim) griff bte hessische Kommunalschule an, welche ‘ er als Kulturkampf- Relikt bezeichnete. In wirksamer Weise trat der Redner für die Rückbernsung der OrdmSleute und deren Verwendung als Lehrkräfte ein und schloß seine mit ge» sundern Humor gewürzte treffliche Rede mit dem Rufe: „ES lebe die christliche Schule!"
Rechtsanwalt v. Brentano (Offenbuch) mochte auf die große Bedeutung und die Nothwendigleit der Preffe und die Gefahren der gegnerischen und färb- losen Blätter aufmerksam. Der systematischen Vergiftung deS Volker könne nur entgegengenrirtt werden durch systematische Unterstützung der eigenen Presse. I Landtagsabgeordneter Schmitt hatte dar Schlußwort. Stehend hörte zunächst die Versammlung ew Telegramm aus Rom an, dessen Inhalt den The»!- vehmern der Versammlung den apostolischen Segen übermittelte. Der Redner faßte dann die besprochenen Gegenstände zusammen, nm mit schlagenden Gründen Einspruch zu erheben gegen die Unterdrückung und Vergewaltigung katholischer Rechte, gegen die Zurücksetzung ber Rechte der katholischen Staatsbürger Hessens. Wie ullen Rednern, so folgte auch ihm bie laute Zustimmung ber Menge von Satz zu Satz. Herr Schmitt schloß mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf den Bischof.
Damit hatte die gewaltige Berfammlung ihr Ende erreicht, und voll von großen und tiefen Eindrücken verließen bie Theilnehmer ben Saal, um auf bie Bahn» höse zu eilen. Möge bie Wirkung biefer »Demonstration", fo schließt bie ,Köln. Vztg? ihren Bericht, am rechten Orte nicht lange auf sich warten lassen.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Mai.
• Das kaiserliche deutsche Gesuudheitsumt hat auf ber mit bem 11. medizinischen Kongreß in Rom verbundenen wissellschaftlichen Ausstellung den höchsten Preis, das große Ehrendiplom, erhalten.
» Den Spaniern, die uns mit dem deutsch- spanische« Handelsverträge nun schon seit nahezu einem Jahre hwziehen und er anscheinend offenbar darauf angelegt haben, auch daS bis zum 15. Mai reichende Havdelsproviforlum wieder ablaufen zu lassen, ohne den Vertrag im Parlament zu erledige», wird in der ,N. Allg. ßtg/ heute zu verstehen gegeben, bafeun« diese Behandlung denn doch nachgerade mcht gefallt.
Der zweite Walzer ist noch frei," sagte MeicedeS zögernd und verwirrt. „Denn," sagte sie nach einem Augenblicke kaltblütig und mit etwas spöttischem Lächeln, ich tanze den ersten Walzer mit dem MarquiS de la Montana." Raoul hatte dises Lächeln wenig Ber- gnügen bereitet und Mercedes begann gleich darauf wieder zu tanzen. . , , ,
Der junge Graf berente beinahe, so kühn gewesen zu fein. Der Name be la Montana hatte ihn fehr unangenehm berührt unb ihm baS Berhältniß ber jungen Herzogin zum MarquiS recht anschaulich vor bie Äugen geführt; doch beherrschte er seine Bewegung unb sagte, sich lieber zu feiner Tänzerin wendend:
’ »Ich bunte Ihnen, mein Fräulein, daß Sie bte große Freunblichkeit Hutten, mich Fraulem von Moron vorzustellen; es war äußerst liebenswürdig von Ihnen.
„DaS ist boch ganz selbstverständlich, ernnberte bte junge Dame, „geschieht bieS m Ihrem Lande nicht?
. 8 O ja," antwortete mit Bewegung Raoul, „aber
wenn er Ihnen beliebt, wollen wir unseren Walzer ^ftar recht ärgerlich, seine Verwirrung nicht besser verborgen zu haben, doch brachte bet Danz sein Gemüth nach ur.b nach wieder in'S Gleichgewicht. Das Orchester hörte auf zu spielen und der junge Mann führte ferne Tänzerin zu ihrem Platze. Nach einer kurzen Unter» Haltung verneigte er sich vor feiner Dame, dankte '.hr