21. Jahrgang
Mittwoch, den 9. Mai 1894.
104
FilUttWZkituz
Einfuhrzoll auf Quebrachoholz bezügl. Petitionen für und gegen Einführung einer solchen Zolles eine längere Debatte hervorriefen. Die PetitionSkommiffion beantragt, die Petitionen für den Quebrachoholz-Zoll der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, Abg. Seyffardt (Magdeburg) beautragte Verweifung der Petitionen an die Regierung als Material, Abg. Rickert Absetzung der Petitionen von der heutigen Tagesordnung, eventuell Uebergang zur Tagesordnung, weil diese Zoll- frage zur Kompetenz des Reichstages gehöre. Für die Einführung eines Einfuhrzolls auf Quebrachoholz im Jnterefse der einheimischen Eichenschälwald-Besitzer sprachen die Abgg. DaSbach, Glattfelder und Graf Kanitz, gegen die Einführung die Abgg. Seyffardt, Rickert und Möller (ntl.). Ein Antrag DaSbach, die Petitionen der Regierung dahin zu überweifen, daß die Vertreter Preußens im BundeSrathe entsprechende Vorschläge machen, wurde angenommen. Hierauf hat sich daS Hau? bis Donnerstag nach Pfingsten (17. Mai) vertagt. Auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung, deren Beginn auf 1 Uhr anberaumt worden ist, um den Fraktionen noch vorher Zeit zu Besprechungen zu gewähren, steht die zweite Berathung der Kanalvorlage (Dortmund-Rhein-Kanal in Verbindung mit dem Kanal Hamm-Datteln.)
* Die Prinzessin Friedrich Karl von Preußen, welche gegenwärtig in Rom weilt, gab am Donnerstag vor. Woche den höchsten Würdenträgern des Vatikans ein Diner, an welchem auch der preußische Gesandte beim hl. Stuhle, v. Bülow, theilnahm. Die Kardinäle wurden mit großer Ceremonie empfangen. Nach dem Diner hielt die Prinzessin Friedrich Karl einen halbstündigen Cercle ab. So berichtet die ,Nordd. Allg. Bettung'. (Wir fügen noch hinzu, daß die Londoner Pall Mall Gazette' sich aus Rom «eldem läßt, ine Prinzessin Friedrich Karl beabsichtige katholisch zu werden und habe dazu bereits die Genehmigung der Kaisers erhalten. Vielleicht hat daS obenerwähnte Diner Anlaß zu diesem auf Bermuthung beruhenden Gerüchte gegeben.) m
* Neben die Berliner sozialdemokratische Genoffenschaft» - Bäckerei ist, wie schon kurz erwähnt, vom Amtsgericht der Konkurs eröffnet worden. Ueber die Zustände, welche in derselben herrschten, wurde in einer am 17. April von Bäckergehilfen abgehaltenen Versammlung einiges Licht verbreitet. Ein Redner stellte fest, daß die GenoffenfchaftSbäckerei die Arbeitsbedingungen: Zwölfstündige Arbeitszeit und Minimal- lohn nicht einhalte, jeder Meister zahle für AuShilfS- kräfte für den Tag 3-4 Mark, die Genoffenfchaft habe den vom Borstandsbureau ihr gesandten Genoffen 1 Mk. 50 Pfg. angeboten. Ursprünglich sei die Ge- nossenschastSbäckerei gegründet worden zu dem Zwecke, ein Rückgrat für die Bäckerbewegung zu bilden und der Arbeite.schäft größeres Brod zu liefern, diesen Zweck habe sie nicht erfüllt. (Lebhafter Beifall). Der Vorsitzende Schlüter forderte die Genossen auf, Ruhe zu bewahren und sich nicht wie eine Hammelheerde zu benehmen. (Unruhe.) Die Ber-
In beinahe unbewußter Weise hatte sich der junge Franzose in Mercedes sterblich verliebt. DaS Feuer der Liebe hatte sich bei Raoul aber nicht plötzlich entflammt. ES hatte nach und nach, dafür aber um so heftiger sein Herz entzündet. Die Laufgräben waren eröffnet; er erübrigte nur noch Brefche zu schießen und zu stürmen.
Erscheint täqlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die einspaltig- Zeile oder deren Raum 15 Pf. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt Vierteljährlicher Abonne mentspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
8. Kapitel.
Der Ball im Kasino.
Der Crrcle von XereS, Kasino genannt, bildete die Spitze zweier Straßen mit der Farade nach der Straße Larga. Die Faxade war in italienischem Stile gebaut und trug zwei Reihen Fenstern mit Ballonen, deren Gitter Meisterwerke der Schmiedekunst waren. Sonst präsentirte sich die Vorderfront höchst einfach. DaS Innere deS GesellschaftShauskS zeichnete sich durch hohe Eleganz und prächtige Einrichtung der Räume aus. Ein weiter, mit GlaS überdachter Ballsaal nahm den Mittelpunkt deS weiten Gebäudes ein und verlieh demselben einen ganz besonderen Reiz. Die SalonS, welche sich an die beiden Seiten deS Saales anschlossen, waren mit guten Teppichen bedeckt und Gemälde moderner Meister zierten deren Wände. Kurz, es befand sich dort der bekannte Ueberfluß an luxuriöfen Bequemlichkeiten und Kunstgegenständen, durch welche sich derartige moderne Gesellschaftsräume auSzeichnen.
theidiger der sozialdemokratischen Unternehmung machten hauptsächlich geltend, daß die Angreifer nur ärgerlich wären, weil sie nicht selbst an der Spitze stehen (Hohngelächter), aber dann wäre die Genosfenschaftsbäckerei längst zu Grunde gegangen. ES wurde darauf beantragt, daß die unzufriedenen Arbeiter der Genofsen- schastSbäckerei zum Wort kommen sollen. Genoffe Gütschow räth aber davon ab, damit diese Arbeiter nicht gemaßregelt werden. (Sehr richtig.) ES wagte schließlich nur der Arbeiter Schmidt, daS Wort zu nehmen, welcher die Zustände in der GenossenschastSbäckerei als unerträglich bezeichnet (Zustimmung); besser sei er schon, bei einem Privatunternehmer in Arbeit zu treten. (Endloser Beifall.) Den Vogel fchoß der Vorsitzende, Bäcker Schlüter, ab. „Sehen Sie", meinte er, „die Skelette der Arbeiter in der GenossenfchaftSbäckerei und die dicken Bäuche deS Vorstandes an (jubelnder Beifall), sehen Sie die Taschen der Arbeiter und die der Vorstandes an, wenn sie Samstags nach Hause gehen! Ausbeuten können wir uns von jedem Privatunternehmer lassen, aber von angeblichen Parteigenoffen anSgebeutet zu werden und dazu das Maul halten, daS paßt uns nicht." (DonnernderBeifall.) Genoffe Günther warf dem Genossen Freitag vor, er hätte als Geschäftsführer einer sozialdemokratifchen Genoffenfchaft, welche die Innungen verdammen muß, beim In- nuugSnachweiS nach Arbeitskräften nachgefragt. (Hört! Hört!) So handle jeder Ausbeuter, welcher darnach trachte, die billigsten Arbeitskräfte zu bekommen. (Beifall.) Schließlich wurde beau- tragt, das Verhalten des Vorstandes der Genosfenschaftsbäckerei als ungehörig und als das von Sklaven» haltern zu bezeichnen, es kam aber zu keiner Abstimmung, weil der Vorstand gute Saiten aufzog und für die Zukunft die Beschlüsse der Arbeiterschaft mehr zu be- achten versprach. — Wem wäffert da nicht der Mund nach dem ZukunftSstaat! „
♦ Die Lehnin'sche „Weissagung" - so schreibt die .Köln. BolkSztg.' — hat einen neuen Deuter ge- fanden, der unbegreiflicherweise in einer ernsthaften Zeitschrift, wie den ,Histor.-polit. Blättern', zum Worte zugelassen wird. Wir wollen hier den alten Streit, ob die vielbesprochenen 100 Verse im Mittelalter von einem märkischen Mönche prophezeit oder 400 Jahre später fabrizirt worden sind, nicht wieder aufrühren, nur einige Sätze des Artikels des Herrn P. M. seien hier als Kuriosum mitgetheilt: „Ein welthistorisches Ereigniß wie der „Kulturkampf" konnte natürlich ebenfalls nicht vom Seher ignorirt werden. Vers 95 besagt: „Israel infandum scelus audet, mortepiandum.“ Wilhelm I. wird „Israel", d. h. ein „Kämpfer mit Gott" genannt, weil in den Augen der Sehers der „Kulturkampf" eine direkte Herausforderung Gotte» war. (In manchen Handschriften heißt e«: „Is rex“, wodurch die Bezeichnung noch mehr persönlich wird.) Worin dieses „seclus“ ein solches „morte piandum“ sei, könnte fraglich erscheinen, denn an Wilhelm I. ist kein auffälliger Tod eingetreten, derselbe starb im Höch-
Im Augenblick, als Raoul eintrat, nahm der Ball seinen Anfang. Sin unter den üppigen Kindern der Flora der Südens in geschickter Weise verborgenes Orchester ließ seine schönsten Weisen ertönen. In dem großen Saale wurde bereits lebhaft getanzt.
Die gute Gesellfchaft von XereS war vollzählig anwesend und Raoul konnte hinter einer dichten Gruppe von Zuschauern mit Muße dem Schauspiel der tanzen- den Paare zusehen. Elegante und mit Geschmack gekleidete junge Damen gaben sich mit vor innerer Freude glänzenden Augen dem Vergnügen des Tanzes hm. Der Walzer wad zu Ende und die jungen Herren be- gleiteten nicht, wie in Frankreich oder Deutschland üblich, die Damen zu ihren Plätzen, sondern prome- Bitten Paar um Paar zwanglos in dem weiten Saal. Diese spanische Gepflogenheit ist einmal sehr gesundheitsfördernd, weil sich die Tanzenden von ihren au- genehmen Körperanstrengungen in Gemächlichkeit erholen und dabei recht gemüthlich plaudern können.
Raoul verließ seinen Platz am Eingänge der Ball- saaleS und richtete seine Schritte nach einem der SalonS, der ihm schon bekannt war.
Kaum hatte er einige Schritte gethan, als er dem Marquis de la Montana begegnete. Dieser erschöpfte sich in Entschuldigung, Raoul nicht sofort ausgesucht zu haben, denn er habe sich am Tanze betheiligt. Ohne Umstände schob er seinen Arm in den Raouls und
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Mai.
* Am Kaiserhofe wurde gestern der Geburtstag des Kronprinzen gefeiert. Die kaiferliche Familie verbrachte den Tag auf der idyllischen Pfauenmsel bei Potsdam, woselbst eine Wiederholung des großen historischen Konzertes stattfand, daS am SamStag im CirkuS Renz zum Besten deS Kyffhäufer - Denkmals aufgeführt worden war.
* Als Erzieher der hungeren kaiserlichen Prinzen ist, wie das .Volk' hört, der PredigtamtSkan- toibat Rathmann, ein Sohn des Oberpfarrers Rathmann in Schönebeck an der Elbe, berufen worden.
» Ueber die Kompromiß-Verhandlungen zu dem LaudwirthfchaftSkammeru-Gefetz berichtet die,Rat.- Lib. Korr.' Folgendes: „Die entscheidenden Berathungen zwischen den beiden konservativen Fraktionen und den Nationalliberalen über die Gestaltung der Landwirth- schaftSkarnrnern werden erst nach Pfingsten stattfinden. Die Differenzpunkte bestehen hauptsächlich in folgenden: Für die obligatorische Bildung der Kammern soll nach liberalem Wunsch die Anhörung gewisser Provinzial- oder Kreisbehörden vorgeschrieben werden und wegen des Wahlrechtes sollen sich die einzelnen Provinzen ihre Satzungen selbst machen, vielleicht unter Einfügungen gewifser Bestimmungen in daS Gesetz. — DaS Centrum hält an seinen Wahlanträgen fest und wird bei den weiteren Verhandlungen kaum mehr in Betracht kommen."
* Die dritte Konferenz der Centralstelle für Arbetterwohlfahrtseiurichtuugeu wurde heute Vormittag hier eröffnet. Anwesend sind eine Anzahl hö- Geier Ministerialbeamten, die Professoren Schmoller- Berlin und Hitze-Münster und Vertreter großer m- dustrieller Etablissements. Unterstaatssekretär a. D. Herzog eröffnete die Versammlung. Professor Schäfer- Hannover referirte über daS Sparkassenwesen in seiner -Bedeutung für die Arbeiterwrhlfahrt. BersicherungS- Direktor Drape - Hannover hatte ein umfangreiches schriftliches Referat über daS Sparkaffenwefen eingesandt. Geheimrath Sydow befürwortete die Postsparkassen.
* Der Vorstand deS Deutschen AnwaltveremS hat beschlossen, den Auwaltstag auf den 11. und 12. September 1894 nach Stuttgart zu berufen. Ge- genstände der Verhandlung und Beschlußfassung wer- den sein: 1) Die Erklärung, daß der Entwurf eines deutschen bürgerlichen Gesetzbuches zweiter Lesung, so- weit er bisher veröffentlicht, annehmbar und die schleunige Fertigstellung des Gesetzwerks geboten sei; 2) die Frage, ob und wieweit eine Einschränkung der freien Advokatur gerechtfertigt sei; 3) der Antrag deS Vorstandes, die Erhöhung deS MitgliederbeitragS zur HilfSkaffe für deutsche Rechtsanwälte zu befürworten; 4) der Antrag deS BureaubeamtenvereinS zu Leipzig, die reichSgefetzliche Ordnung deS Schreiberwesens zu empfehlen.
* DaS Abgeordnetenhaus erledigte heute eine lange Reihe von Petitionen, von denen nur die den
Mercedes de Moron.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(33. Fortje-uns.)
Raoul verabschiedete sich deshalb von seinem Lands- mann.
Die Verheirathung der jungen Herzog« von Moron mit dem Marquis de la Montana ging Raoul im Kopfe herum. Er empfand in seinem Herzen einen stechenden Schmerz, wenn er an diese Verbindung dachte. Auch fand es Raoul sehr beleidigend, daß ihm der junge MarquiS darüber kein Sterbenswörtchen mitge- therlt hat.
War kümmerte eS ihn im Grunds genommen, wenn die junge Dame, die er nur vom Sehen kannte, den Marquis heirathete, so sprach zu ihm der trockene Verstand.
Er versuchte diese Gedanken, welche Um gänzlich gefangen nahmen, auS dem Kopfe zu fchlageu, aber vergeblich. Sie beherrschten ihn mehr wie je und gipfelten in dem festen Vorsätze, die Tochter deS Herzogs endlich persönlich kennen zu lernen.
Hoffte er, wenn er mit Mercedes selbst sprach, ihr seine Gefühle gestehen zu dürfen, ober hegte er die stille Hoffnung, die reizende junge Dame werde sich stir ihn interessiren? . . .