21. Jahrgang
Donnerstag, den 3. Mat 1894.
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Wegen des Feiertages „Christi Himmelfahrt" erscheint das nächste latt erst am Freitag.
n Himmelfahrt.
„Stell' himmelwärts, stell' himmelwärts, wie eine Sonnenuhr Dem Herz!" So heißt er in dem einfachschönen Sinngedicht eines deutschen Bischofs. Himmel- wärt- richtet fich jetzt vor Allem das Herz; denn der Heimgang des Herrn ist Oeffnung und Weisung der Heimweges für «nS. r.
Der Körper der Menschen ist aus Erdenstoff gebildet; aber die Heimath der Seele ist dort, wo der Thron des Schöpfer- steht. Wenn nicht die Verbindung mit dem irdischen Körper unsere Befühle ab- stumpfte, so müßten wir am HiwmelfahrtStage ein wahres Heimweh empfinden.
Aber die Hof fnung wenigstens soll lebendig fein. „Roch am Grabe" — sagt Schiller — pflanze der Mensch die Hoffnung auf. Der Christ pflanzt sie erst recht am Grabe auf; denn das Grab ist ihm der Anfang des ewigen Lebens. Durch das Grab führt für uns Sterbliche der Weg zum Himmel.
Wer nicht an den Himmel i« Jenseits glaubt, kommt leicht zu dem abergläubischen Unternehmen, den Himmel auf Erden zu schaffen. Dieses Jahr fällt das Fest der Himmelfahrt in die Maifestwoche der Sozialdemokraten. Die Gegensätze i« Glauben nnd Hoffen stoßm scharf zusammen.
Seit Adam« Fall gibt er kein Paradies «ehr auf Erden; eS wird anch niemals ein Himmel in dem „Jammerthal" geben. Denn der Mensch trägt in seiner Natur die Keime der Unglücks, die keinen vollkommenen Zustand, kein ungetrübtes Glück auf Erden aufkommen lasten.
Was unseren körperlichen OrganiSmiS angeht, fo ist er fortwährend behelligt von unangenehmen und gar schädlichen Raturkräften. Der Körper befindet fich von feinem ersten Schrei an in stetem Kampfe um Sein oder Nichtsein. Er treten Pausen zwischen den Schlachten ein, die erquicklich wirken, aber wegen der steten Fortdauer der Unsicherheit keine vollkommene Glückseligkeit bieten. Und wenn die kurzen Zwischen- räume des Wohlbefinden- abgerechnet werden, so bleibt vom Leben nur eine Summe von Unbehaglichkeit, Müdigkeit, GesundheitLsorge, Gesundheitsstörung, Schmerz und wachsendem Schwächegefühl übrig. ES vergeht selten ein Tag, wo wir nicht den Wunsch empfänden, gesunder zu fein, als wir sind. Alle denkbare Vervollkommnung der gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen wird biefe Quelle der irdischen Unglückfeligkeit niemals verstopfen können. Auch die Bevorzugten der jetzigen Ordnung, die Aller für ihre Gesundheit thun können, war die Wissenschaft vor- schlägt und der Reichthum ermöglicht, haben ihre Leiden, ihr Siechthum, ihren Verfall. Die Erfahrung aller Jahrtausende zeigt, daß die Körper aller Thiere und aller Menschen unrettbar dem Verwelken und dem
Mercedes de Moron.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorifirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(29. Aortfrtzung.)
„Ist der Graf wirklich aui guter Familie?" fragte Mercedes. „Man sollte eS kaum glauben, denn er hat sich noch Niemanden in der Stadt vorstellen lasten."
Bei dieser Frage seiner Tochter, dünkte ei Herrn von Moron für fchicklich, die Unterhaltung über diesen Gegenstand abzubrechen.
Sich an Mercedes wendend, fragte der Herzog: „Hast Du noch Lust, dem Schauspiele b 8 zum Ende anzuwohnen?"
„Rein, Papa", erwiderte das junge Mädchen, nicht ohne etwas zu schmollen.
„Wenn Du nichts dagegen hast, liebe Tochter, meinte der Herzog leichthin, so gehen wir, um dar Gedränge zu v-rmeiden."
„Gehen Sie mit uns, la Montana? In diesem Falle bitte, reichen Sie meiner Tante den Arm und ich werde mit den jungen Damen folgen."
Der Wagen wartete bereits. Der Herzog half seiner Tante beim Einsteigen, worauf die junge Herzogin mit ihren beiden Freundinnen ebenfalls Platz nahm.
Sterben geweiht sind. Daran etwa- ändern zu können, darf sich außerhalb der Irrenhauses kein Phantast einbilden. Mit unerbittlicher Folgerichtigkeit ergibt sich daraus der harte Schluß: Die Erde läßt sich nicht zum Himmel machen! Sie wird im Krankenhaus und im Kirchhof bleiben; die Todten werden von Sterbenden begraben nnd die Kranken werden von Siechen gepflegt.
In der Seele de- Menschen stecken böse Triebe, die eine stete Quelle deS Unglückes für den Menfchen selbst, für feine Angehörigen nnd feine Umgebung, mittelbar auch für die ganze menschliche Gesellschaft sind. In den 6000 Jahren der Menschengeschichte und auch in ben 2000 Jahren deS Christen thums ist ei nicht zur Ausrottung der Leidenschaften, der Sünden, der Thorheiten und der Verbrechen gekommen. Wer will uns glauben machen, daß diese Aenderung der Natur der Menschen noch erfolgen werde? Aber wenn sie nicht erfolgt, bleibt die Erde ein Jammerthal — mag man sonst in Wistenschaft und Staatskunst noch so große Fortschritte machen.
Entweder gibt eS einen Himmel im Jenseits, oder eS gibt gar keinen Himmel. Entweder sind wir berufen, dem Aufgefahrenen zu folgen in dar Haus seiner Vater-, der Wohmmg für Alle hat, oder wir sind verurtheilt, mit ungestilltem Hunger nach Glückseligkeit nach einem mühe» und qualvollen Leben durch emen qualvollen Tod zu Nichte zu werden. Gibt e- keine Auferstehung und kein ewige-Leben, bann haben nicht bie zukunft-staatlichen Schwärmer Recht, sonbern viel- mehr bie pessimistischen „Philosophen", die Nichtgeboren, werden für da- Allerbeste und ben Abschieb aus dem Jammerleben für ba- Nächstbeste erklären.
Wer sein Herz nicht himmelwärts stellt, muß der Verzweiflung zntreibm. Aber wer auf dar vollendete Glück im Jenseits hofft, wird mit frischem Muth und flotter Hand Mitarbeiten an der möglichst guten Gestaltung deS irdischen Geschicke«. Denn die himmlischen Gedanken schließen nicht die irdischen Pflichten auS; sie heben uns nicht in die Lüfte, aber sie halten uns - oben in den Wogen irdischer Trübsal und erleichtern unS dar Schwimmen zum Gestade der Glückseligkeit.
Die Erde läßt sich nicht zum Himmel machen, aber ein Stückchen Himmelsfrieden läßt sich vorzeitig herab- ziehen in da- brave Menschenherz — gemäß der Weihnacht--Verheißung: Friede den Menschen, die eine- guten Willens sind. ES ist eine einzige Anzahlung, ein schwacher Vorgeschmack, aber doch dar Köstlichste, war auf Erden zu haben ist.
DaS Himmelfahrtsfest fällt in die Zeit, wo die , Natur ihre Lieblichkeit und Schönheit am besten entfaltet. In beu Genuß bet Herrlichkeit bet Natur will sich stets ber Gebanke an bie Vergänglichkeit, an Winter unb Tod störend hineindrängen. Der Christ wehrt i diesen Stachel ab mit der trostreichen Empfindung, daß droben ein ewiger Frühling herrscht, dessen schwaches ; Vorbild der irdische ist. Dar Licht des HimmelSglaubenS hebt die Schatten der irdischen Dinge.
I Die beiden Herren verabschiedeten sich dann von ben i Damen unb setzten Arm in Arm ihren Weg zu Fuß i fort.
DaS aufregende Spiel war zu Ende und die beiden ! Helden deS Stierkämpfer, Lagartijo und FroSkuello, wurden auf den Schultern der Menge im Triumph zu ■ ihren Wagen getragen. Elf Pferden kostete der Nachmittag das Leben.
Raoul, der noch vollständig im Banne der blutigen Thiertragödie stand, hatte sich von feinem Freunde, dem französischen Konsul, verabschiedet und strebte seinem Hotel zu, wo er Nachrichten von Dubois oder ' Pigeorrain erwartete.
Während er fo im Gedränge wanderte, schwebte ihm bie züchtige reizend« Gestalt Mercedes de Moron vor seinem geistigen Ange und er konnte eS nicht begreifen, daß er die junge Dame hatte übersehen können. SS war zu köstlich, in welch' graziöser Weise Mercedes dem siegreichen Torero das Cigarrenetui zugeworfen hatte.
Der junge Mann befand sich in jener Penode deS UebergangeS, in welcher gleich den fortgesetzt fallenden Waffertropfen welche endlich den Stein durchlöchern, die Beschäftigung mit einer Person des anderen Ge» ; schlechter endlich die Liebe im Menschenherzen wach- 1 ruft. DaS Sntereffe, daS er für Mercedes von Moron
Deutsches Keich.
Berlin, 1. Mai.
• Die Maifeier in Berlin ist still verlaufen; große Aufzüge fanben richt statt. An den Gewerk- fchaftsverfammlungen nahmen etwa 10 bis 12,000 Menschen theil. Eine von den Anarchisten berufene Berfammlung verfiel der polizeilichen Auflösung als der Umsturz deS Thrones gepredigt wurde.
* Die Kommission deS Abgeordnetenhauses lehnte den Bau des Dortmunb-Rheinkanals mit 12 gegen 8 Stimmen ab, ebenso sämmtliche Vermittlung»- anträge unb die ganze Vorlage.
* Minister Miquel wünscht ersichtlich, anS der Reichsstenerresorm - Politik auSzuscheiben. Rach dem.Haunov. Kur.' leidet der Minister infolge von Ueberarbeitung an neuralgifchen Kopffchmerzen und wird deshalb die Hauptsorge betreffend die Fortführung der Steuerreform dem Grafen PosadowSky überlassen, der sich einer solchen Aufgabe in hohem Maße gewachsen gezeigt hat und mit Miquel in allen wesentlichen Punkten einig sei. Der Schlaukopf! Er hat nun erkannt, daß das Geld für die HeereSvermehrung, dessen Beschaffung die nationale« Hurrahschreier besonders in der Psalz als Kinderspiel vorgaukelten, nach de« von ihm entworfenen Plane unmöglich zu erlangen ist. Deshalb hat er feine Vorlagen nicht einmal zur entscheidenden Beraihung kommen lasten und überläßt ek nun dem Grafen PosadowSky die Suppe auSzuestm. Damit hat sich Miquel vor einem offiziellen Mißerfolg geschützt und bleibt daS große Finanzgenie.
* Ahlwardt wurde heute vom Berliner Landgericht I wegen der im Essener Bortrage ausgesprochenen Beleidigung deS preußischen Beamtenstander wiederum zu 3 Monaten Gesängnißverurtheilt. GegendaS erste Urtheil derselben Straskammer hatte Ahlwardt bekanntlich erfolgreich die Revision eingelegt.
* Kanzler Leist ist aus Kamerun bereits in Deutschland eingetroffen, hat sich aber im Auswärtigen Amte bisher noch nicht gemeldet. — Ebenso ist der bisherige Bicegouverneur von Ostafrika, Major von Wrochem, auS Dar-eS-Salaam bereits wieder in Berlin eingetroffen. Durch feine Vernehmung im Auswärtigen Amte ist an dem Entfchluste, ihn nicht wieder nach Ostafrika zu fenben, nichts geändert worden. Im Gegentheil, Herr v. Wrochem wird aus dem gefammten Kolonialdienst auSscheiden und itt die Armee zurücktreten. Die wegen des Dienstalters des Herrn Major» v. Manteuffel ihm feiner Zeit verliehene Borpatentirnng wird Herrn v. Wrochem erhalten bleiben.
* Born Abgeordnetenhanse wurde nach längerer General-Debatte, in der Eyacrn, Kröcher, Rickert, Virchow noch einmal kurz den Standpunkt ihrer Partei präzistrten und Kardoiff erklärte, die Freikonservativen würden schweren Herzens für bie Vorlage stimmen, weil sie den Ausführungen beS Kultusministers, baß baS landesherrliche Kirchenregiment nicht auf einmal verschwinden unb bie Kultusminister auch fernerhin ihren Ewfluß geltenb machen würden, Berttamn schenkten, die Novelle zur Synodal-Ordnung und
im Herzen trug, erfüllte ihn mit Erstaunen, aber der tieferen Folgen feiner Neigung war er sich noch nicht vollständig bewußt. , ,
Nach und nach wurde der Wunsch, bie junge Dame zu sprechen unb sich ihr zu nähern, beinahe zur fixen Idee. Und wie in Folge eines plötzlichen Zaubers be- fanb er fich vor der Frage: die Tochter des Herzog» von Moron entweder persönlich kennen zu lernen oder nach Pari» zmück zu reisen. .
Solchen Gedanken nachhängend, war er endlich in seinem Hotel angenommen. Er sand daselbst einen Bries seine» Vormundes. Derselbe theilte ihm feine glückliche Ankunft in Pari» und zugleich das Resiütat einer Audienz bei dem Herrn Erzbischof mit. Der Kirchenfürst hatte feinem Onkel mitgetbeilt, daß der unter der Firma der Wittwe Maria Ordonnez ver- suchte Betrug nicht der erste Versuch spanischer Hochstapler gewesen fei, leichtgläubige Menschen um ihr gute» Geld zu betrügen.
Onkel DuboiS schloß den Brief an feinen Neffen mit der Bemerkung, fein Gut lasie sich schwer »erlaufen und e» wäre nützlich, wenn Raoul nach Pan» zurückkehre, um eine Menge von Förmlichkeiten zu er- füllen.
Zum Kuckuck mit biefem Verkauf," fügte Raoul zu fich selbst. „Ich habe gar keine Lust nach Paris