Einzelbild herunterladen
 

Beilage zu Nr. 91 der »Fuldaer Zeitung',.

Meree-es de Moro«.

Vou Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.

(20. Fortsetzung.)

Antonio war unfähig, Widerstand zu leisten. Sein Zorn war plötzlich verflogen und hatte dem Gefühl tiefer Beschämung Platz gemacht. Er nahm deshalb feinen Waarenballen auf die Achsel, warf fünfzig Realen auf den Tisch und ging fort. Die Nachtluft begann ihn vollständig zu ernüchtern, und als er auf einer Bank der Alameda Platz genommen, schlug er sich in tiefer Selbstzerknirschung an die Brust und hielt einen Monolog folgenden Inhalts:

„Wie konnte ich ein solcher Dummkopf sein, mich von diesem Elenden derart prellen und betrunken machen zu lassen! Und was hat diese Geschichte mich erst gekostet! Thatsächlich hat mich aber nicht der Wein des Fremden berauscht gemacht, sondern nur sein künstlich Mittel. Und weshalb? Um mich zu 6er« hindern, Maria Ordonnez zu besuchen- War mag der Gauner nur wohl für einen Zweck damit befolgt haben? Welch' neues Geheimniß mag sich dahinter wohl ver­bergen ? Auf alle Fälle muß ich meinen Fehler wieder gut zu machen suchen. WaS würde Herr Leclerc dazu sagen, wenn er wüßte, wie schmählich ich mich habe über den Löffel barbieren lassen. Und waS mache ich jetzt mit meinem Packet? Die Nachtwächter unserer guten Stadt würden einen Spaziergang mit demselben zu jeder Nachtzeit sehr seltsam finden und mich viel« leicht Bekanntschaft mit der Polizeiwache machen lassen. Dazu trage ich aber keine Lust. Ich halte es deshalb für das Beste, mein Packet nach der Taverne zum Affen zu bringen."

Nach diesem Selbstgespräch erhob sich Antonio und schlug den Weg nach der Taverne in der Straße Prieta ein, welche trotz der strengen Polizeivorschriften noch geöffnet war.

Er öffnete vorsichtig die Thür, weil er vermuthete, daß sein neuer Freund sich vielleicht noch dort befinden könne. Ein rascher Blick belehrte ihn aber, daß nur der Wirth und sein Kellner anwesend waren und Dame spielten.

„Wer ist da?" rief der Kellner, um dann, als er den Ankömmling erkannte, zu fragen, was derselbe wünsche.

„Eine Gefälligkeit."

„Bitte, reden Sie," sagte der Besitzer der Kneipe.

„Wollen Sie nicht meinen Waarenpack auf drei Viertel Stunden in Verwahr nehmen? Ich habe einige Briefe zur Post zu tragen und werde auf dem Rück­wege meine SB taten wieder abholen. Wird Ihr Lokal bis dahin noch offen sein?"

„ES wird wohl nicht mehr offen sein", erwiderte der Wirth. „Aber mein Kellner schläft daselbst. Sie brauchen nur dreimal an die Thür zu klopfen, worauf derselbe Ihnen Ihre Waare sofort herauSreichen wird."

„Ich danke recht sehr. Ich werde Sie nicht ver­gessen, junger Mann", sagte Antonio sich zu dem Kellner wendend. „Sie trinken dann auf meine Ge­sundheit ein GlaS Anisette. Also in einer Stunde, mein Herr."

Antonio drückte dem Gastwirth warm die Hand, ging hinaus und machte die Thür hinter sich zu. Nachdem er sich durch einen Blick durch die Scheibe vergewiffert hatte, daß Wirth und Kellner wieder zum Damenspiel zurückzekehrt waren, bewegte er sich vor­sichtig und langsam gegen das Haus von Maria Ordonnez.

Die Nacht war schön. Eine einzige Straßenlaterne an der Ecke der Straße Pietra und Alameda warf einen fchmalen Streifen Lichtes auf seinen Weg. Die übrigen Laternen waren bereits verlöscht. Der Mond strahlte in seinem bläulichen Glanze. In diesem durch die Klarheit seiner Nächte so begünstigten Lande über­nehmen die Gestirne in ganz hervorragendem Maße das Amt der nächtlichen Straßenbeleuchtung.

Der Schatten der niedrigen Häuser fiel weit über die Mitte der engen Straßen und hüllte die rechte Seite derselben in vollständiges Dunkel.

Alles schlief und die tiefste Stille herrschte in der Straße Pcieta, als Antonio vor dem Hause von Maria Ordonnez anlangte.

DaS Haus hatte nur zwei Stockwerke. Eine breite Maueröffnung diente als Fenster und zur Thüre ge­langte man von der Straße aus durch einige Stein­treppen.

In dem ersten Stock befand^ sich ein Balkon mit zwei Fenstern, welcher die Straße um einige Meter überragte.

Der Parterreraum hatte an seiner großen Fenster­öffnung Läden; die Fenster deS ersten Stocke- besaßen deren keine.

Antonio unterwarf das Haus von der dunklen Seite der Straße aus einer sorgfältigen Prüfung. In den Fenstern des ersten Stockes, welche von den

Sonntag, den 22. April 1893.

Strahlen des Mondes magisch beleuchtet wurden, glaubte er ein schwaches Licht zu bemerken.

Maria Ordonnez wachte ohne Zweifel.

Antonio durchquerte die Straße, nachdem er sich versichert hatte, daß ihn Niemand beobachtete und näherte sich dem Hanfe.

Die Läden der großen Fensteröffnung waren in schlechtem Zustande und ebenfo verfallen wie die tan­nene HansthÜre, welche mittelst vier Holzbolzen ver­schlossen war.

Er erstieg die wenigen Stufen und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß die HauSthüre halb offen stand.

Seine Bewunderung wuchs, als er sein Ohr an die Thür legte und nicht das geringste Geräusch im Innern des Parterreraumes vernahm. Wo mochte der wachsame, bösartige Hund sein, von dem ihm der Wirth gesprochen hatte?

Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung öffnete er vorsichtig die Thüre etwas mehr und schnalzte, um den vielleicht eingeschlafenen Hund wach zu machen, mit der Zange. Nichts regte sich. Sollte der Hund vielleicht Den offenen Spalt an der Thür benutzt haben, um zu entfliehen? fragte sich Antonio. Die Oeffanng war aber zu klein, und der große Hund konnte un­möglich, nachdem er fort gelaufen war, die Thür in diesem Zustande zurückgelassen haben, wie Antonio sie vorfand.

Antonio öffnete die Thür etwas weiter und streckte seinen Kopf in diese Oeffnung, um einen Umblick in das Innere des Zimmers zu gewinnen. In dem Zimmer herrschte ein ungewisser Halbdunkel; indessen er­leuchtete ein durch die Ritzen der Fensterladens dringender Mondstrahl das Zimmer soweit, daß ein beschränkter Ueberblick möglich war. Nichts regte sich in der Stube.

Antonio wnrde kühner und drang in das Zimmer ein; durch das O<ffaen der Thüre strömte das bläu­liche Licht des Mondes voll in das Zimmer.

Der erste Gegenstand, den Anto .io erblickte, war der Kadaver eines großen Hundes, dessen Kehle an­scheinend von einer Navaja durchschnitten war. DaS arme Thier schwamm förmlich im Blute und fein Körper war noch warm. DaS treue Thier lag lang hingestreckt am Feuerherd, nahe dem AuSgange zum ersten Stock.

Der Chule wich entsetzt vor Schrecken zurück; dann erkletterte er, seinen ganzen Muth zusammen- nehmend, die steile Treppe, welche zum zweiten Stock­werk führte. Hier bot sich ihm ein noch weit gräß­licherer Anblick dar.

Die Fenster des ersten Stockes hatten keine Laden; aus diesem Grunde war das einzige Zimmer desselben von dem Mondlichte bis in den äußersten Winkel er­hellt. Auf einem einfachen Holztische nahe der Thüre brannte eine Kerze, welche Dem Erlöschen nahe war.

Nahe diesem Tische lag auf dem Fußboden in einem Meere von Blut der Leichnam einer Frau, ohne Zweifel der von Maria Ordonnez. Die Haare waren v-rwirrt und die Augen weit offen. Antonio war keine furchtsame Natur und sein Charakter konnte wohl ein starkes Stück Schrecken ertragen. Er hatte dem Tode in seiner Karriere als Stierkämpfer schon ost ge­nug inS Auge geblickt; die höchste Lebensgefahr hatte ihn noch niemals außer Fassung gebracht. Indessen der Anblick dieser in ihrem Blute gebadeten Frau, deren aufgerissene Augen ihn vorwurfsvoll anzubticken schienen, machte auf ihn einen ganz unbeschreiblichen, noch nicht empfundenen Schrecken.

Er stand auf dem Punkte zu entfliehen, aber dar Gefühl der Menschlichkeit überwog bei ihm daS des Schrecken- und auch vielleicht der Klugheit. Er kniete neben dem Leichnam nieder, strich die Haare, welche einen Theil des Gesichtes bedeckten, zur Seite und befeuchtete mit feinem Taschentuch, welches er in ein nahestehender Wassergefäß tauchte, dar Antlitz der Frau in der Hoffnung, sie noch ins Leben zurückrufen zu können. Diese Bemühungen waren vergeblich. DaS Leben hatte Maria Ordonnez bereit- verlassen. Die nach der EingangSthür blickenden Augen blieben unbe­weglich und offen; die Arme hatte ihre natürliche Lage beibehalten und die ganze Haltung deS Kör­pers zeigte an, daß daS arme Opfer unversehens Über­fällen worden war und der Tod plötzlich eingetreten fein mußte.

In feiner tiefen Bewegung schloß Antonio die Augen der lobten, dann suchte er sich klar zu machen, auf welche Weise die Frau gelobtet wurde. Auf der Brust in der Gegend deS Herzens zeigte die leichte Kleidung der Frau einen starken Blutflecken und von da hatte sich etn Blutstrom auf den Tisch sowohl wie noch mehr auf den Fußboden verbreitet.

AlS er daS Oberkleid etwas zurückschob, bemerkte er auf der linken Brustseite eine tiefe schmale Wunde, welche durch geronnenes Blut bereits verklebt und sicherlich durch eine Navaja verursacht war.

Antonio hatte derartige schreckliche Wunden bei Streitigkeiten zwischen Angehörigen der niederen Volks­

klaffen schon häufig gesehen und konnte sich Über deren Gefährlichkeit nicht täuschen.

Er konnte hier nicht mehr helfen und eS schien ihm das Beste zu sein, um über den geheimnißvollen Mord kein Zeugniß ablegen tu müssen, zu entfliehen. Alles befand sich sonst in Ordnung in dem Zimmer. Ehe er aber sich entfernte, beabsichtigte Antonio Schrift­stücke von der Hand dieser Frau zu entdecken, um da­durch seinen Auftrag besser erledigen zu können. AnS diesem Grunde begann er daS bescheidene Mobiliar der Wittwe zu durchsuchen.

Im Begriff, eine Schublade aufzuschließen, vernahm er plötzlich auf der Straße einen gellenden Pfiff.

Dieses Geräusch erregte bei ihm ein Zittern deS Schreckens; er hielt in seinem Beginnen inne und horchte.

Ein zweite«, noch schrilleres Pfeifen ertönte in der Stille der Nacht.

Diesmal täufchte er sich nicht, es war das Allarm- Signal der Sicherheitswache.

An dieses unglückliche Zusammentreffen von Um­ständen hatte Antonio nicht gedacht. Er erinnerte sich mit Schrecken, die HauSthür offen gelassen zu haben. Ein Nachtwächter, welcher vorüverging, hatte die- be­merkt und ohne Zweifel feine Kameraden zu Hilfe her­beigerufen.

Er war gefangen.

Die Nachtwächter erregten ihm zwar keine Furcht, besonders da einige derselben zu seinen besten Freunden zählten, aber ein plötzlicher Gedanke erschreckte ihn auf- Tödtlichste.

Wenn die Beamten hier eindrangen, so fanden sie ihn bei dem Leichname dieser Frau, seine Hände und Kleider waren mit Blut bedeckt. Auch feine Berkleidung mußte ihn verdächtig machen.

Ein Stimmengewirr drang von der Straße an feine Ohren. Antonio mußte nun einen Entschluß fassen. Er trat auf den Balkon hinaus und zog die Thür hinter sich zu.

Auf der Straße bemerkte er drei Nachtwächter, die sich mit gedämpfter Stimme unterhielten und anschei­nend zögerten, in das Haus einzubringen.

In diesem Augenblicke schrie eine laute Stimme vou der Straße auS: „Sofort eindringen l"

Nach diefen Worten drangen die Polizeimannschaften ein. Nach diesem Kommando beschloß Antonio, sich unter allen Umständen zu retten und gedachte mit einem kühnen Sprunge die Straße zu erreichen. Zu seinem Entsetzen vemerkte er aber, daß die ganze Straße mit den Wächtern der Sicherheit besetzt war.

Er zögerte deshalb und verblieb auf dem Balkon. Kurz darauf, rascher als es erzählt wird, stürzte sich ein Mann auf Antonio mit dem Rufe: „Hier ist der Mörder, haltet ihn fest."_________(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Am Sonntag hat in Wien nach Meldung deS,B. T.' unter dem Vorsitz eines IKjährigen Knirpses eine Lrhrjungeu» Versammlung stattgefunden. 120 Knaben waren anwesend und debattirten drei Stunden lang nach dem Vorbild erwachsener Sozialdemokraten über die Macht des Proletariat-, die Aus­beutung durch den Kapitalismus und ähnliche Dinge, mehrere Redner befürworteten den Anschluß der Lehrjungen an die Parteiorganisation und einen Lehrjungenftreik bei Ausbruch des nächsten Gehilfenstreiks. Ein Beschluß wurde indessen nicht gefaßt, unter Absingen eines Arbeiterliedes gingen die Lehr­jungen auseinander.

* (Dunkle Kleidung.) Ein englischer Arzt sagt in dieser Beziehung: Es ist nicht allgemein bekannt, daß ein Mann, welcher in Krankenzimmern schwarze oder dunkle Kleider trägt, empfänglicher für ansteckende Krankheiten ist, weil die feinen Theile welche von den kranken Körpern ausftrömen, viel leichter von dunklen, als von Hellen Stoffen aufgesaugt werden. Dies läßt sich erproben; so, wenn man ein Helles und dunkles Ge­wand fünf Minuten lang dem Tabaksrauch ausfetzt, wird man finden, daß das dunkle stärker nach Tabak riecht und dessen Geruch länger festhält, als ein Heller Stoff. Im Zimmer, wo ansteckende Krankheiten herrschen, sollte man deshalb keine

schwarzen und dunklen Gewänder tragen.

ätUrarif* *».

§ Ein Gebet- und Bttrachtungsbuch, einzig in seiner Art, bringr die rührige Bonifatius-Druckerei für den heran- nahenden Monat Mai in zweiter revidierter und umgearbeiteter Auflage auf den Büchermarkt. Verfaßt ist dasselbe von dem be­rühmten Konvertiten und Domdekan KarlWeicknmund betitelt Beata quae credidisti! O selig, die du geglaubt hast! Das Büchlein, dessen innere und äußere Ausstattung eine über­aus würdige ist, enthält außer 31 Betrachtungen über das Apostolische GlaubenSbekenntniß für die Maiandacht zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria viele fchöne, durch echte Frömmigkeit sich auszeichnende Gebete, AndachtSübungen und eine Auswahl der gebräuchlichsten liturgischen Gesänge. Ein­gerichtet ist dasselbe in der Weise, daß eS sich sowohl zum privaten Gebrauche, als auch für die öffentliche Maiandacht und das ganze Jahr hindurch benutzen läßt. Der billige Preis — es kostet in Kaliko mit Rotschnilt gebunden nur 1,80 M; frei ins HauS 1,90 M — ermöglicht auch dem Unbemittelten die Anschaffung. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

* Einig contra Beyschlag. Bon Prof. Einig's letzter Broschüre gegen Professor Beyschlag wird soeben, nachdem in 14 Tagen 3s00 Exemplare abgesctzt sind, eine zweite unver­änderte Auflage angekündigt. Auch ein Zeichen der Zeit! Den orthodoxen evangelischen Zeitschriften ist diese Polemik Einig'S sehr unbequem: er weist nach, daß Beyschlag, der Nachfolger Luther's, durch seine Leugnung der Göttlichkeit Christi ein „Führer nach Rom" geworden ist. Die protestantische Wiffen- schast schweigt einstweilen dazu. Wie lange noch?