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21. Jahrgang

Donnerstag, dm 19. April 1894.

FiildakrMZeitllng

„Wenn Sie eS gestatten, recht gern," meinte schmunzelnd der Schenkwirth.

«r begab fich zum Buffet, füllte eine Flasche und kehrte mit derselben nebst zwei Gläser« zu Antonio zurück.

„Wenn eS Ihnen nicht lästig fällt, Herr Wirth", meinte Antonio, indem er die Gläser füllte, „so möchte ich Sie um eine kleine Auskunft bitten. Bor allen Dingen wollen wir aber zuerst einmal trinken. Auf da? Gedeihen Ihres EtabliffementS.

„Auf dar Gelingen Ihrer Geschäfte," erwiderte der Wirth, nachdem er ein GlaS geleert hatte.

„Ich möchte gern wiffen, ob Sie nicht eine in dieser Straße wohnende Person kennen, an welche ich einen wichtigen Auftrag auSzurichten habe. Er ist eine Frau Namens Maria Ordonnez."

Antonio war so in sein Borhaben vertieft, daß er nicht bemerkte, wie ein hinter ihm, an einem anderen Tische sitzender Gast, als er diesen Namen hörte, eine heftige Bewegung machte.

Auch der Besitzer der Kneipe schien von der Frage sehr überrascht zu sein; er betrachtete Antonio mit einem recht mißtrauischen Blick. Antonio, welcher diese Veränderung in dem Gesichte deS SchenkwirthS sofort bemerkte, schien erstaunt und wiederholte seine Frage.

Während dieser kurzen Zeitspanne hatte der Gast, ein alter Mann, der hinter Antonio saß, ohne daß dieser ihn bemerkte, dem Wirthr ein geheimnißvolleS

■MMMBSKSBüsaass Zeichen gegeben. Der Wirth nahm darauf eine sehr gleichgültige Miene an und sagte leichthin:

„O ja, ich glaube, ich kenne eine Frau Mana Ordonnez; sie bewohnt daS drttte HauS rechter Seite nach dem meinige«. Was haben Sie bei ihr zu thu«?"

„Ich bin beaustragt, ihr einm Brief vov ihrem Letter Pedro Romerito in Sevilla zu überbringe«, welcher den Wunsch äußerte, daß ich das Schreiben nur persönlich an Maria Ordonnez abgebe. Könne« Sie mir sagen, war diese Maria Ordonnez sür eine Frau ist? Ist sie verheirathet, Wittwe oder ledig?"

„Jnteresfirt Sie die« Alles?" fragte der Wirch.

„Mein Gott, eigentlich nicht; aber doch wäre es mir angenehm, vorher zu erfahre«, mit wem ich e8 eigentlich zu thun habe, wenn ich mich meines Auf­trages entledige." r

Sie ist Wittwe und betreibt einen Handel mit Früchten. Sie lebt zusamme« mit einem mächtigen großen Hunde, welcher Fremden sehr gefährlich ist - ich warne Sie im Voraus. Meine Nichte kennt die Frau, und wenn Sie wünschen, kann diese Ihren Brief bestellen. Wenn die Frau nicht zu Hause ist, bewacht der Hund den Kramladen und jeder Fremde setzt in diesem Falle sein Lebe« in Gefahr. Wünsche« Sie also, daß ich Ihren Brief hintragen lasse?"

Antonio erstaunt über die Hartnäckigkeit deS WirtheS, ihn vom Besuche der Wittwe abzuhaltm, beobachtete denselben genauer und bemerkte, daß der-

Deutsches Reich.

Berlin, 17. April.

* Der Kaiser kehrt morgen von Schloß Kaltenbronn «ach Karlsruhe zurück und reist von dort zu den Hoch- zeitSfeierlichkeiten nach Ko bürg. Anfang Mai wird die kaiserliche Familie wieder im Neuen Palais ver­eint sein. , , , . „ ,

• Das preußische EtaatSministerium hielt heute vormittag eine Sitzung ab, in der beschlossen sein soll, ans der Durchberathung aller im Landtage noch uner­ledigten Vorlagen zu beharrm. Danach würde die Session weit über Pfingsten hinauSdauern.

* Laut kaiserlicher KabinetSordre ist, wie die,Kreuz- zeitung' vernimmt, sämmtlichen Offizieren der Armee und Marine daS Totalisatorspiel verbotm worden.

» Die Steuerkommisfion deS Reichstages beneth gestern die Tabaksteuervorlage. Bor Einttitt in die Be- rathung gab Staatssekretär Graf PosadowSki ein Bild der Reichsfinanzlage, wie sie fich nach den jüngsten Be- schlüffen deS Reichstages gestalten wird. Darnach bleiben etwa 18 Millionen ungedeckt, auch würden viele dieses Jahr abgesetzte Forderungen wiedertehren, so daß die Regierung auf die Besteuerung deS Tabaks nicht verzichten könne. Frhr. von Stumm beanttagt daS «tzposö der Staatssekretärs drucken zu lassen und die Weiterberathung bis dahin zu vertage». Richter erklärt fich gegen die abermalige Verschleppung, v. Bmnigsen und Gamp wollen mindestens die Abstimmung aus« setzen, bis die Ausführungen der Grafen PosadowSky gedruckt vorliegen. Gescher erklärt es für eine Ehren­pflicht sowohl der Regierung wie der Konservative«, auS dem Tabak höhere Einnahmen zu erzielen. Singer stimmt dem Abg. Richter zu, Gröber erklärt die vorgeschlagene Form der Steuer für unannehmbar, v. Bmnigsm erklärt eS für selbstverständlich, daß, falls die Finanzlage eS erfordere, Mangels anderer Objette der Tabak heranzezogen werde. Abg. Baflermann ist für eine unbedingte Ablehnung. Abg. Fürst Radziwill erklärt, die Polen stehen der Besteuerung deS Tabaks sympathisch gegenüber. Die Kommission begann zu­nächst die Berathung über 8 4, den StmermoduS. v. Bennigsen sprach fich entschieden für die Fabrikat« stener avS. Gescher meint, die Besorgniffe, daß die Vorlage eine Stockung deS Geschäftsverkehrs verur­sachen werde, würden durch gewisse Modifikationen be­seitigt werden. Gamp hält den vorgeschlagenen Steuer- «wdus für einzig zweckmäßig und dem Gedanken einer progressiven Werthsteuer sei näher zu treten, durch die eine zu große Belastung der unteren BolkSklaffen ver­hindert würde. Daraus wird die Fortsetzung der Be- rathung auf Dienstag vertagt. — Die Kommission führte heute (Dienstag) die Berathung des Tabaksteuer- Gesetzentwurfes fort. Die Abstimmung, deren Er- gedmß ja nicht zweifelhaft ist (Ablehnung), soll m o r g e n erfolgen.

* Der Jesuitenantrag der CmtrumS ist, wie schon mitgetyeilt, am Montag im Reichstage in dritter

Mercedes de Morom

Bon Lambert de St. Croix.

Autorisirte freie llebersetzung von Philipp Freidank.

(17. Fortsetzung.)

Der Chnlo glaubte weniger aufzufallen, wenn er in der Taverne zum Affm mit aller Vorsicht Erkun­digungen über Maria Ordonnez einzog, anstatt von Haus zu Haus nach dieser Frau zu fragen.

Der falsche Kolporteur öffnete die Thür und trat ein.

Er stellte seinen Waarenballen neben sich auf eine Bank, nahm rechts vom Eingang an entern Tische Platz und ließ seine Blicke orientirend in dem Saale mnherschweifen. Wie Antonio bemerkte, waren nur zwei oder drei Gäste anwesend.

Der Schenkwirth begrüßte sofort seinen neues Gast und fragte nach seinen Wünschen.

„Eine Flasche Manzanilla und zwei Gläser," befahl Antonio.

„Erwartet der Herr noch Jemand?" fragte der Wirth.

„Nein, ich hoffe, Sie werden mir die Ehre schenke«, ein GlaS Wein mit mir zu trinken", erwiderte der Chnlo. „Ich habe nämlich heute sehr gute Geschäfte gemacht ititb da mag ich nicht gerne allein beim Weine fitzen. Wollen Sie mir Gesellschaft leisten, so machen Sie mir großes Vergnügen."^

soll ohne kommissarische Borberathung demnächst im Plenum stattfinden. Morgen: Kaligesetz.

* Bon den Arbeiten, welche den BundeSrath be- schästigen, ist die Jnstizvorlage, betreffend die Einfüh- rung der Berufung im Strafprozeß, die Entschädi­gung «»schuldig Verurtheitter u. s. w., noch sehr weit im Rückstände. Der Justizausschuß hat sich noch gar nicht damit beschäftigt. Gleichwohl hieß eS, jeden­falls mit Recht, daß die Regierung besonderen Werth darauf legte, die Vorlage noch in dieser ReichStagStagung verabschiedet zu sehen, woran ja numnehr nicht zu denken ist. Es verlautet aber mit ziemlicher Gewißheit, daß mehrere Bundesstaaten durchaus nicht mit der Vor­lage einverstanden sind, vielmehr auf eine Verstärkung der Berufung an die Strafkammern durch vermehrte Heranziehung deS LaienelementS, also durch Hinzuziehung von Schöffen zu den Strafkammern eintretm. Es heißt, die ganze Angelegenhett würde auf Reform der Straf- kammern in ihrer jetzigen Zusammensetzung hinauslaufen. Wie weit dies nun richtig ist, wird abzuwarten bleiben. ES scheint nicht, daß Preußen geneigt ist, seinen jetzigen Standpuntt aufzugeben. In der nächsten Reichstags- sitzung wird die Angelegenheit zweifellos zum Abschluß kommen.

* Trier, 16.April. Domkapitular Schrod.Sub- regenS am Priesterseminar, ist zum Weihbischof der Trierer Diözese ernannt wordm.

* Darmstadt, 15. April. In der Freitagssitzung der zweiten Kammer wurde mit der Berathung der Etats der Finanzministeriums begonnen, und eine Reihe Kapitel fanden ohne Debatte ihre Erledigung im Sinne der Ausschußmehrheit. Erst bei der Forstverwaltung mtspann sich über eine von der Majorität der AuS- schnsfeS geplante Aenderung in der Organisation eine lange Debatte, die gestern fortgesetzt und einstweilen gegen den hefttgen Widerspruch der Regierung mit 23 gegen 22 Stimmen im Sinne der Majorität entschieden wurde. Centrum und Sozialdemokaten stimmten im Sinne der Regierung, und er kam zu einer sehr hefttgen persönlichen Auseinandersetzung zwischen dm Abgeordneten Bergsträsser (liberal), Ulrich (Socdm.) und Wasserburg (Cenk.) einerseits und dem liberalm Berichterstatter der Majorität, Joeckel, andererseits. Die Budgetberathung wird noch die ganze folgmde Woche in Anspruch vehmm. — Gestern Nachmittag hielt auch die erste Kammer eine Sitzung ab, in welcher die dem Großherzog zu widmende LandeSmorgengabe von 100,000 Mark genehmigt wurde. Die Sitzung war tat Gegensätze zur zweiten Kammer öffentlich; natürlich war dort sozialdemokrattscher Einspruch nicht zu befürchten. Der weitere Gegmstand, die Abände­rung der Städteordnung bek. wurde abgesetzt. Die Stadt Mainz ist in Folge dieser Verschleppung fort* während außer Stande, dm erstm Beigeordnetenpostm zu besetzen.

Lesung mit 168 gegen 145 Stimmen, also mit einer Majorität von 23 Stimmen, angenommen wordm. Die deutsche BolkSverketung hat stch sonach in ihrer Mehrheit wieder einmal für die Beseitigung deS ge­hässigsten aller Kulturkampfsgesetze ausgesprochen. Man darf nun battrnf gespannt sein, waS derBundeSrath beschließen wird, ob er dem sehnlichsten Wunsche der deutschen Katholikm endlich entsprechen, oder ob er noch weiter in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Jesuitengesetz beharrm Md dem Votum der deutschen Reichstages seine ZustimmMg versagen wird.

* Der Reichstag lehnte heute den Gesetzentwurf, betr. Verlängerung der Frist für Gestattung von Aus­nahmen von der Bestimmung der letzten Gewerbe- ordnMgSnovelle über dm SonntagSMterricht in Fort­bildungsschulen gegen die Stimmen der Rational- liberalen, Freis. Bereinigung, nord- Md süddeutschen Volksparteiler ab. Der preußische Handelsminister v. Berlepsch hatte die Vorlage befürwortet mit Rücksicht auf den allgemeinen Nutzm der FortbildMgsschnlen und dargelegt, daß der Sonntag insbesondere für dm Zeichenunterricht nicht zu mtbehrm sei. Für die Vor­lagen hatten ferner Abgg. Osann (nl.), Schmidt-Elber­feld (frf. BolkSP ), Rickert (stets. Bg.) und Möller (nl.), dagegen Dr. Kropatschek (Kons.), Srf. Berns- torff-Laumburg (RchSp), Dr. Schaedler (Cevtr.), Voigtherr (Soz.) unb Frhr. v. Stumm (RchSp.) ge- sprochm. — AlSbann würbe in 3. Lesung bet Gesetz- evtwurf zur Sicherung beS Wahlgeheimnisses (Abgabe bet Stimmzettel in geschlossenen KouvertS) angenommen. Der Entwurf eines HeimstättmgefetzeS paffirte bie 1. Lefung unb soll morgen zur 2. Lesung gelangen. Angenommm würben sodann ber Nachtragsetat bett. Besolbungen beim Patentamt unb baS Brieftaubengesetz. Morgen: Heimstättmgesetz.

» Der Reichstag wird bei seinem bevorstehenbe« Schluß befinittv von bem Hause ut ber Leipzigerstraße Abschieb nehmen unb int Herbste bei seinem Wieder- zusammenkitt sich in dem neuen Heim eivfindm. Der HauSinspektor für daS neue ReichStagSgebäube ist bereftS ernannt unb wirb in wenigen Monaten als Erster feinen Einzug in baSfelbe halten. Die Borbereitungm für ben Umzug werben alsbald nach dem Schluffe deS Reichstages ihren Anfang nehmen.

* Das Abgeordnetenhaus führte heute die dritte EtatSberathung zu Ende. Beim Kultusetat wurden von Seiten des CmtrumS wiederum Befchwerdm über Dir- ponität erhoben. Zwischen dm Abgg. v. Eynern (nl.) und Dr. Porsch (Cmtr.) fand eine Auseinandersetzung über die Vermächtnisse zur tobten Hand statt, welche der Letztere vertheidigte. Minister Dr. Miquel erklärte, daß er sich Vorbehalte, dm nachtheiligm Einfluß der Finanzlage deS Reicher auf die StaatSfinanzm bei der Berathung deS Generalberichts der Budgetkommiffion über die BerrnögmSlage des preußischen Staates dar- zulegen. Dann wurde noch die Novelle zur hannov. Wegeordnung in 1. Lesung berathm. Die 2. Berathung