JV87 Mittwoch, dm 18. April 1894. 21. Jahrgang
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* Der Lurus.
In der Weise, wie der Luxus gegenwärtig in die Oeffentlichkeit tritt, ist er ein HauptbeförderuvgSmittel der Sozialdemokratie. Bor 30 bis 40 Jahren lebten reiche Leute noch verhältnißmäßig einfach und bescheiden, ja die Lebensweise vieler derselben ließ nicht im Entferntesten darauf schließen, daß sie in wirchschaftlich besseren Berhältnissey als ihre Nachbaren lebten. Sie fürchteten dm Neid der Unbemittelten und vermiedm grundsätzlich allm Prunk und Aufwand. Heute ist das anders geworden. In HauS und Hof, in Speise und Trank, in der Kleiderpracht und selbst in den gesellschaftlichen BergnügMgen offenbart sich eine Prachtliebe, die offenbar darauf hinauSgeht, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wer die Mittel hat — oft auch der, welcher sie nicht hat — baut fich eine Billa oder ein Landhaus, legt einen Kunstgarten mit Wafferkünsten an und verschafft sich eine Equipage. Wldere Kapitalisten veranstaltm große, geräuschvolle Gesellschaften, lukullische Eastmähler, Jagdmund Wettspiele und füllen ihre Tage damit auS; und, was die Haupffache ist, dieses „fürstliche" Leben muß so viel wie möglich vor der Oeffentlichkeit geführt werdm. Die feinstm Kleiderstoffe, die küvstlichstm Spitzen und Gewebe, die kostbarsten Schmucksachen und Tafelauffätze find kaum gut genug für dm Großkapitalisten. Die Speifezettel der fernen Gastmähler werden nicht seltm in dm Tagesblättern veröffentlicht. Wenn nun der arme Tagelöhner, der kaum fo viel im Schweiße seiner Augefichtes verdient, daß er sich mit dm ©einigen sättigen kann, dar liest, wenn der arme, vielleicht auf halbe Arbeit gestellte Fabrikarbeiter den chm entgegen» schallenden Festjubel hört, muß ihm da nicht der Wunsch aufsteigen, sich auch einmal solche Genüsse zu verschaf- fm? Wenn die reiche Dame im seidenen Bewände an der Jammergestalt der Elends vorüberrauscht, muß da nicht der Arme mit Gewalt die Versuchung niederkämpfen, mit Gott über sein harter Geschick zu Hadem?
Gerade der übertriebene Aufwand ist er, welcher die Begehrlichkeit der unteren BolkSklaffen wachgerufen hat, der sie nährt und zur Nachahmung und zum Haffe reizt. Theobald Werra fagt in feiner Broschüre „Preußen an der Kulturbrewse" Seite 20: „Man schwatzt gedankenlos, ein Lassalle habe die Arbeitermassen rebellirt, habe ihnen Genügsamkeit und Bedürfnißlosigkeit vorgeworfen. Dazu bedurfte eS keines Lassalle. Die einzige und wahrhafte Triebfeder dieser Begehrlichkeit ist der dnrch unser Kulturleben getragene LvxuS, keine andere. Es heißt eben Engel anstatt Menschen voraus- setzen, wmn die Massen diesem LvxuS gleichgiltig, genügsam und mit ihrem Elende auSgesöhnt bleibm sollen." Wenn wir auch dem Urtheil der sozialdemokratischen Schriftstellers nicht vollständig beistimmen können und den Grund der herrschenden Unzufriedenheit und Begehrlichkeit nicht einzig und allein im Luxus erblicken, so sind die angeführten Worte doch immerhin höchst beherzigmSwerth.
An der Prnnksucht kranken nicht bloß die Reichen,
sie hat auch im Mittelstände bedenkliche Fortschritte gemacht und wir alle, mit wenigen Ausnahmen, haben uns von dem Sttome der Zeit mehr oder minder weit fortreißen lassen. So manchen Gegenstand, den nnsere Väter als überflüssigen Luxusartikel ansahen, betrachten wir als einen nothwendigen Bedarfsartikel, geben Geld, oft viel Geld, dafür aus und Würden eS fehr beklagen, wenn wir nicht in feinem Besitze wären. ES kommt uns bei unseren Wohnungen nicht mehr allein darauf an, daß sie bequem, trocken, freundlich, fonnig und luftig, alfo der Gesundheit zuträglich sind, wir verlangen auch feine Tapeten, LuxuSöfen, Teppiche, große Spiegel, kostbare Gardinen u. f. w. Die „gute Stube" ist oft nicht-weiter, als ein bloßes Schaustück für Andere. Ebenso fragen wir hinsichtlich der Kleidung nicht bloß nach dem Nutzen derselben oder nach der Haltbarkeit des Stoffes; die herrschende Mode gibt den Ausschlag beim Einkäufe. Einzelne gehen auch so weit, daß sie dar, war alle Welt trägt, verschmähen; sie müssen etwa-Eigenartiges, Apartes, Auffälligerhaben, um zu prunken und verschreiben fich die allermodernsten Artikel aus weiter Ferne, anstatt einem armen Handwerker oder Kleinhändler ihres Wohnorte- einen Verdienst znzuwenden. Selbst bi- in die Kinderstube ist der Luxus gedrungen. Früher spielten unsere Klemm mit Sand, Steinen, Blumen und dm einfachsten Gegenständen. Heute bekommen sie die theuerstm Spielsachen: Kücheneinrichtungen, Werkstätten, Theater und bergt Auch die Kleidung der Kleinen muß dazu dienen, öffent- lich zu zeigen, daß sie reicher Leute Kinder sind. Bon der frühesten Jugend an gewöhnt man sie an Prunk.
ES sei fern, gegen die behagliche Einrichtung einer Wohnung zu eifern, ober die sinnige Ausschmückung derselbm durch Blumen, Bilder n. s. w. hindern oder tadeln zu wollen. Im Gegmtheil sind wir der Mein- ung, daß die Hausfrau, welche es versteht, dem Manne ein ttanlicheS Heim zu schaffen und ihn an den Familienkreis zu fesseln, alles Lob verdient. Nur dem übertriebenen Aufwand, in welchem Eitelkeit undThorheit zum Ausdruck kommt, muß gesteuert werden. Dem LuxuSgötzen werdeg Opfer gebracht, die den moralischen und wirthschaft- liehen Ruin geachteter Familien herbeiführen und die Zahl der Armen und Unzufriedmm vermehren. Dadurch, daß wir einen erheblichen Theil unseres Ein- kommmS für Luxusartikel verwenden, wird eS un- unmöglich, den Nothleidmden so zu helfen, wie eS da- Christmthum verlangt. Die Zeiten find ernst und nicht für Pracht u. Wohlleben geeignet. Arbeitslosigkeit und Verarmung greifen immer weiter um sich, die Noth in einzelnen Familien ist groß, und an Gelegenheit zu Werken christlicher Nächstmliebe fehlt es in nuferer Gegenwart wahrhaft nicht. Kehren Wir daher zu einer einfachen, mäßigen Lebensweise zurück; dann werden wir die Mittel und Wege finden, den Bedrängten beizustehen und zur Lösung der sozialen Frage Wertthätig beizutragen.
Deutsches Keich.
Berlin, 16. April.
* Der Kaiser ist am Sonntag früh wohlbehalten von Wien in Karlsruhe eingetroffen. Abends um 6 Uhr begab sich der Kaiser in Begleitung des Erbgroß- Herzogs von Baden nach Jagdschloß Kaltenborn, Wo die Mkunst Abends 9 Uhr erfolgte. Auf der Durchreise durch München war der Kaiser durch den Prinh« rezenten Luitpold sehr herzlich begrüßt worben. Die Kaiserin hat sich heute Morgen von.Abbazia nach Venedig begeben. Die Rückkehr nach Abbazia ist für Mittwoch in Aussicht genommen. •
* Die Kaiserin Friedrich, welche feit dem 12. b. M. zum Besuch beim Prinzen und der Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe weilte, hat gestern Bonn verlaffen und sich nach Meiningen begeben, woselbst sie bis zum 18. d. M. zu verbleiben gedenkt. Bon dort reist sie zu den HochzeitSfeierlichkeiten nach ßofcurg. Nach ben Festlichkeiten in Kvburg gedenkt sich Kaiserin Friedrich zum Besuch deS Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen nach Schloß Rümpen- heim zu begeben.
• Der Großfürst - Thronfolger von Rußland und die Großfürsten Wladimir, SergiuS und Paul trafen heute ftÄ vor 7 Uhr auf dem Schlesischen Bahn- Hofe Hierselbst mittels SonderzuzeS ein und setzten nach Mündigem Aufenthalte die Reife nach Ko bürg fort.
• Was von dem Handwerker» «nd Jnnungs- tage, der letzte Woche in Berlin abgehalten wurde, erwartet werben kann, ist erreicht worben. ES konnte sich natürlich nicht darum handeln, neue überraschende Reformvorfchläge zu machen, vielmehr waren nur die alten, für unbedingt nothwendig befundenen Forde- rangen zu wiederholen und dieselben gegenüber den Reformplänen der HandelSministerS betreffend die Neuorganisation der Handwerks durch Fachgenossen- schäften und Regelung deS LehrlingSWefenS als Verbesserung-Vorschläge klar und bestimmt fest- zulegen. Auch die Regierung wird sich dem Eindruck dieser Berhandlungen um so weniger entziehen können, als die Berathnnzen sich in ruhiger Form in sachlicher Diskussion und in vollkommener Einmüthigkest vollzogen. Der JnnnngS- und Handwerkertag hat, weil er gerade in Berlin während der Parlamentszeit abgehalten wurde, auch daS Interesse der Abgeordneten lebhaft in Anspruch genommen. Sogar Abgeordnete der nationalliberalen Partei, welche sich bisher im Reichstage 20 Jahre lang allen Forderungen des Handwerkerstandes gegenüber „kühl bis au'S Herz hinan" und bei allen Gesetzentwürfen zur Hebung des Handwerks stets ablehnend verhaltenhatten, versuchten sich in Liebeswerbungen. Dieselben wurden freilich etwas mißtrauisch ausgenommen, denn eS ist ja bekannt, daß die liberale Gewerbefreiheit, die daS Handwerk dem Niedergange zugeführt hat, gerade von den Nationalliberalen (Lasier!) herrührt. Herr Biehl hatte daher recht, wenn er eS für nöthig erklärte, abzuwarten, ob dm schönen Worten auch die T h a t e n im Reichstage folgen
Mercedes de Moro«.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Uebersetzung von Philipp Freidank.
(16. Foktfetzung.)
Noch im Nachdenken begriffen, legte sich eine Hand auf seine Schulter unb brachte ihn zu sich selbst zurück.
„Sehe ich Dich hier, lieber Raoul", sagte eine bekannte Stimme scherzhaft. „Wie steht eS um den famosen Geheimpolizisten und mit der Untersuchung," frog DuboiS, der Onkel Raouls.
„Alles geht gut und in einigen Tagen hoffe ich bezüglich des Briefes und der angeblichen Milchschwester der «ebtissin, der Frau Maria Ordenez, im Klaren zu fein," erwiderte Raoul verlegen.
„Ja drei Tagen werde ich nicht mehr weit von PartS sein," schmunzelte Dubois. „Eine Wichtige An- gelegen beit vöthigt mich, sofort abzureisen. Doch bleibt Herr Pigeorrain bei Dir, und wenn Du mich nöthig hast, so werde ich auf Deinen Wunsch sofort wieder hierher reifen."
Mein lieber Gras," unterbrach Pigeorrain den Redefluß femeS Freundes Dubois, den er begleitete, «Sie thun am Besten, ebenfalls mit uns nach Paris zu reifen und zwar in Ihrem eigenen Interesse. Wie Sie wissen, findet in acht Tagen der Verkauf Ihres Guter Bezon statt und bei diesem Geschäft ist entweder
Ihre oder meine Anwefenheit nothwendig. UebrigmS können Sie, wenn Sie wollen, ruhig hier bleiben; wenn nur ich Ihre Jntereffen vertrete. DaS Resultat deS Verkaufes kann ich Ihnen ja brieflich mittheilm. Ich ziehe vor, die Reise gemeinschaftlich mit meinem Freunde DuboiS zu machen; sagen Sie nur, ob Sie mitreisen wollen oder nicht."
„Ich habe Alles wohl überlegt und bleibe deshalb hier," erwiderte Raoul. „Konsul Leclerc ist so liebenswürdig und gefällig gegen mich, daß ich fühle, einen Wirklichen Freund gefunden in haben. Wenn ich Eurer bedarf, versprecht Ihr mir hierherzukommen?"
„Wir schwören ef,“ riefen wie au8 einem Munde DuboiS und Pigeorrain.
„Da nun Alles wohl geordnet ist, liebe Freunde, so schlage ich vor, zum Diner zu gehen, denn ich habe starken Hunger," setzte nach dieser Erklärung Graf Raoul munter hinzu.
5. Kapitel.
DaS Verbrechen in der Straße Prieta.
Die Straße Prieta mündet auf die Alameda der Augustiner und ist lediglich oon einer in kümmerliches Verhältnissen lebenden Bevölkerung bewohnt. Dieselbe ist eng und die Häuser, welche selten mehr als zwei Stockwerke zählen, schmal. Die Häuser entlang führt ein schlechtes Trottoir, welches, wie die Straße selbst, in ziemlich schlechtem Zustande sich befindet. Im Gegen
satz zum übrigen Theile der Stadt ist die Straße Prieta schmutzig; die Rinnsteine werden selten gereinigt; Abfälle aller Art häufen sich dort an und verbreiten einen abscheulichen Geruch. Die Sttaße wäre ein reiner Pestherd, wenn die geringe Höhe der Häuser eS der Sonne und der frischen Seeluft nicht ermöglichte, die aufsteigenden Dünste zu zerstreuen und die Atmosphäre
i zu reinigen. ,
' Einige wenige Kramläden, wenn man den mit Obstund Semüsekörben ungefüllten Hausflur verschiedener
I Häuser mit diesem Namen bezeichnen darf, befinden fich \ in der Straße. Mehr gegen ihren Mittelpunkt zu er» i blickt man eine Taverne, in welcher schlechte Weine i verkauft werben. Die Trinkstube besteht aus einem ! Zimmer, dessen Wände von Tabakrauch vollständig | braun geworben sind. Zu biejem Saale führt eine ; Steintreppe von vier Stufen. Eine Anzahl lahmer Tische und grob gearbeiteter Bänke laden zum Riedersitzen ein. Im Hintergrund öffnet fich eine kleine Thüre, welche in die Wohnräume des Besitzers der Kneipe führt.
Auf der linken Seite der TavernensaoleS ist eine Art von Buffet angebracht, hinter welchem nach spanischer Mode eine Anzahl mit Wem gefüllter Fässer aus hölzernen Dreifüßen die Wände dekoriren. Der Boden deS weiten SaaleS befl.ht ans festgestawpfter Thonerde i gleich der Tenne einer deutschen Scheune. Nur ist der-