21. Jahrgang
Dienstag, den 17. April 1884
FiildlierMZeitimg
Folgen des Pariser LebenS für feinen Neffen erwartet, vor Allem aber, daß er das Seine - Babel gerade zu einer Zeit verlassen mußte, wo der Aufenthalt für Raoul gefährlich zu werden drohte. Raoul hatte sich nämlich in der letzten Zeit mit Leidenfchast de» Hazardspiele ergeben, welchem bekanntlich in den höheren Kreifev der Hauptstadt Frankreich- fehr gehuldigt wird. , t
Raoul flanirte also ruhig durch die Straßen von Xere-, wobei«! Muße genug fand, seinen Gedanken über sein hiesige- Abenteuer nachzuhängen. Widersprechende Gefühle beherrschten ihn. Tiefe Berstim- mung, bei den Augustinerinnen eine Art Niederlage erlitten zu haben und der berechtigte Wunsch, die Fälscher, deren Opfer er war, zur Bestrafung zu bringen. AndererfeitS hatte sich seiner Person da, Gefühl bemächtigt, wie einsam er eigentlich in der Welt dastehe, und eine tiefe Traurigkeit, deren er kau» Herr werden konnte, befiel ihn. Er versuchte, sich ferne düsteren Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen und setzte feinen Weg auf- Geratewohl fort. Plötzlich befand er fich in einem Gewirr enger Sassen und eS war ihm unmöglich, sich in der Richtung nach seinem Hotel zurecht zu finden. Sc wählte eine kleine von hohen Mauern begrenzte Straße, um au- dem Laby-
Deutsches Keich.
Berlin, 14. April.
* Kaiser Wilhelm hat heute Mittag Wien ver- lassen und sich nach Karlsruhe begeben. Kaiser Franz Joseph gab ihm bir zum Bahnhofe da- Geleite, wo sich die Monarch« mit Umarmen und Kuß herzlich
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Raoul hatte im Grunde genommen einen ganz vorzüglichen Charakter und es stand zu erwarten, daß die Keime der christlichen moralischen Erziehung, welche seine Mutter während der ersten Jahre seiner Kindheit in die Seele der Kinde- gelegt hatte, eines Tage- herrlich aufgehen mußten; aber er verstand e- nicht immer, den Verführungen, welche ihn in der Gesell- schäft feiner Kameraden umgarnten, Widerstand zu leisten, und fo hatte er eine Zeit lang gelebt, wie e- leider in der fogenannten guten Gesellfchaft von Pari- Gitte geworden ist. Auch nachdem er die Uniform abgelegt und feinen Abfchied genommen hatte, fetzte er diese- Leben noch einige Zeit fort und so kam e-, daß Raoul mit seinen dreißig Jahren zum Skeptiker wurde — und an wahre Liebe nicht mehr glaubte — nein, weil er eben nur solche Frauen kennen gelernt hatte, welche derselben nicht würdig waren und sie auch nicht einzuflößen verstanden. •
ES wäre nicht schwer gewesen, die kranke Seele Raoul- zu heilen und sie wieder in da- fo noch« wendige Gleichgewicht zu bringen, wenn sein Onkel die Gabe besessm hätte, diese Umwandlung mit Erfolg an» zubahnen, obwohl e- am guten Willen nicht fehlte. Duboi- war deshalb im Geheimen fehr erfreut darüber, daß der geheimnißvolle Brief an den Erzbischof von > —---- u- - v r ,ntlh -
Paris zu feiner Kenntniß gelangte, weil er von dem | rrnth herauszukommen. Nach kurzer Z"tbefaod er spanischen Abenteuer eine heilsame Ablenkung von den ! sich ans einem großen freien Platze, we.chen eine der
ganz eigevthümliche Verhältnisse ob. Die Dinge stehen dort noch wie vor der französischen Revolution. ES gibt dort keinen Bauernstand, keine kleinen Grundbesitzer da- gelammte Wald- und Ackerland gehört einigen Großgrundbesitzern. In Andalusien giebt es nur Millionäre und Proletarier. DieLageder Letzteren ist elender al- die der Sklaven und Leibeigenen de- Alterthums. Die Großgrundbesitzer bilden unter sich eine Bereinigung, eine Art Syndicat, zur Wahrnehmung der eigenen Interessen. DaS Syndicat hat hauptsächlich die Ausbeutung der Volkrklassen in'- Auge gefaßt. Der Tagelohn der andalusischen Feldarbeiter, bei 15 Stunden Tagesarbeit, beträgt 2 Reales, in deutschem Gelde 40 Pfennige.
Ist schon das Schicksal der Feldarbeiter im Allge- meinen ein wenig beneidenSwerthe-, so gestaltet sich dasselbe zu einem verzweifelten, wenn die Arbeit, wie die- gegenwärtig der Fall ist, stillsteht. Die armen Leute, die gewöhnlich von der Hand in den Mund leben, seh« alsdann den Hungertod vor der Thüre. Als eine naturgemäße Folge dieser trostlosen Zustände erscheint daS immer stärkere Umsichgreifen des Anarchismus und daS Auftauchen von Räuberbanden allenthalben in Andalusien. ES kann nicht ander- fein. Die schlechten Zeiten, die im Allgemeinen für die Landwirthschaft hereingebrochen sind, haben im Gefolge, daß die Großgrundbesitzer Andalusien- ihre Felder lieber brach liegen, al-daß sie dieselben bestellen lassen, da die landwirthschaftlichen Erzeugnisse zur Zeit nur schwach« Absatz finden. So kommt e-, daß es keine Beschäftigung gibt für die unglücklichen Feldarbeiter.
Bon jeher haben diese Arbeiter e- drückend empfunden, in der Abhängigkeit der Großgrundbesitzer leb« zu müffen, und erblicken die Ausbesserung ihrer Lage blo- in der Möglichkeit, selbst Grundbesitzer, wen» auch einer winzig« Ackerfläche, zu werden und ben eigenen Grund und Bod« zu bebauen. So haben viele, ihrem HerzenStriebe folgend, sich auf den fast ungangbaren Abhängen bet Sierra Moreno aufgeschlagen, inbem sie bort zwischen FelSblöcken, in bet Nähe einer Quelle, eine Hütte aus Baumzweigen nnb Lehm errichteten und unter unsäglichen Mühen ein kleine- Stück Sand urbar machten, den Lebensunterhalt gewinnend für sich und die Familie, arm zwar aber frei und unabhängig, eigene Herren auf eigener Scholle. Die ganze Sierra Morena ist mit solchen Niederlassungen, RanchoS, bedeckt. Der Grund und Boden, auf dem die RanchoS stehen, gehörte dem Staate, und der vormalige Finanzminister Gamazo, schuf behufs Hebung der Staatseinnahmen ein Gesetz kraft, welchem diejenigen Ansiedler, RancheroS, welche ihren Acker schon während einer bestimmten Anzahl von Jahren bearbeitet hatten und die entsprechenden Steuern zahle« wollten, in den rechtmäßigen und entgiltigen Besitz derselben übergehen sollten. Man kann sich den Jubel denken, den dieses Gesetz, da» den RancheroS aus dem Herzen gesprochen war, in der ganzen Sierra Morena hervorbrachte. Ma« ließ es fich nicht zweimal sagen, und die Berg - Ansiedler drängten sich in
hellen Schaaren zu bett betreffenden Verwaltungsämtern, um die zur Legalifirung ihrer Lage vor geschriebenen Formalitäten zur erfüllen. DaS bezügliche Gesetz ist jedoch auch vielfach mißverstanden toorben. Biele Leute deuteten eS dahin, daß die brach liegenden, dem Staate gehörenden Grundstücke denjenigen gehör« foüten, die sie während einer gewissen Reihe von Jahr« bebauen würden. In diesem Wahne haben sich in vielen Ortschaften Arbeiter zusammengethan und Staatsdomänen kurzer Hand unter sich vertheilt, indem eia Jeder die ihm zufallene Parzelle zu bestell« ich anschickte. Die Gendarmerie mußte öfter- einschrei- «, um dieser Auffassung entgegen zu treten. Der Staat thäte jedoch viel besser daran, wo die- nur immer anginge, ein Auge zuzudrücken und die ihm ge- jörenben Ländereien von den arme« Leute« beackern zu assen. E- wäre die- da- einzige Mittel, der schrecklichen Nothlage in Andalusien wirksam zu begegn«.
Bor einig« zehn Jahren hatte der verstorbme , Herzog von Osuna, dem die Wurzeln de- Nebel- wohl bekannt waren, den hochherzig« Plan gefaßt, feine ungeheur« Ländereien in Andalusien zu zerstückel« und unter die Arbeiter zu theil«, um so eine Menge von klein« Besitzern zu schaffen. Da- Syndicat der Großgrundbesitzer sah hierin eine schwere Schädigung einer Interessen. Hätte der Herzog sein Vorhab« au-geführt, fo wären die Arbeiter seltener und mithin die Arbeitslöhne höher geword«. Alle Mittel zur Vereitelung des Gedankens wurdm in Bewegung ge« setzt. Den Abgeordneten und der Regierung wurde für die nächsten Wahle« bang gemacht u. s. w. Bon allen Seiten bestürmt, sah sich schließlich der Herzog veranlaßt, von der Ausführung feines Planes abzufehen.
Derzeit haben die Dinge in Andalusi« fich bedenkli- cher als je zugefpitzt. Anhaltendes Sturm- und Regenwetter macht jede Feldarbeit unmöglich und zwingt auch die Küstenfischer zur Untbätigkeit. I« An- dalusi«, wo die B«ölkerung nur Pflanzen- und Fisch- nahrung genießt, ist die HungerSnoth fürchterlich. Die Regieruug, die leider nur zu sehr dem Grundsätze huldigt, Gottes Wasser über SotteS Land laufen zu las- fett, thut sehr wenig zur Linderung der Roth. Bisher hat sie sich begnügt, zur Aufrechterhaltung ber Ordnung zahlreiche Gendarmerie nach dem Süden z« beordern, sowie die Inangriffnahme von öffentlich« Bauten in den heimgesuchten Provinzen in Aussicht zu stellen. Bon einem ernstlich« Ansatz zur Bekämpfung deS UebelS ist nichts wahrzunehmm. Wen» nicht bald etwas geschieht, so dürfte der Hunger bet andalusische« Arbeiter zur Verzweiflung treiben mtb blutige Meuterei veranlass«.
Die Uoth in Spante».
* In Andalusien, dem Paradiese Spaniens, herrscht zur Zeit unter den Arbeiterklassen ein entsetzlicher Elend. Die in der Hauptstadt Madrid erscheinenden Zeitung« bring« seit längerer Zeit schon Tag für Tag tieftraurige Berichte über die Roth und den Jammer, welche die meisten Bewohner jmeS von der Natur so reich gesegnet« Himmelsstriches bedrücken, und auch über die ÄnSbrüche der Verzweiflung, die dort zu Tage treten. WaS man in jenen — die volle Wahrheit nicht einmal schildernde« — Berichten liegt, läßt bett Menschenfreund inniges Mitleid mit de« Aermsten empfind«, die, umgeben von der verschwenderischen Natur, an dem zum Leben Nothwendigsten bittern Mangel leid« und ht dieser entsetzlich« Lage der Verzweiflung in die Arme getrieben werden. Hören wir, was in dieser Beziehung ein Korrespond«t der ,Frkf. Ztg/ dem genannt« Blatte mtttheilt.
In vielen Ortschaften der Provinzen Kadix, Sevilla, Malaga und Granada, schreibt der betr. Korrespondent, nährt fich das niedrige Volk seit einigen Monaten ausschließlich von Kräutern, Wurzeln und Waldfrüchten. Die Bäckereien habe« sich gezwungen gesehen, daS Brod Nachts, insgeheim an ihre Kunden zu vertheilen, da sonst am Tage die Waare von den heißhungerigm, ans Plätzen und Straß« hemmstehenden Feldarbeit«« aufgegriffev und verschlungen würde. Vereinzelte Landgüter und Villen werden von improvisirtev Räuberbanden überfallen, wobei jedoch die Geldschränke unberührt bleib«, und die Plünderung sich bloS auf die Speisekammer« erstreckt. Biele Mütter, um daS Geschrei der hungernden Kinder nicht vernehmen zu müssen, reich« denselben starke Abkochung« von Mohnkörttern; so schlafen denn die armen Kleinm.Tag ttnbj Nacht. Ist das nicht Herzzerreißmd?
Mancher Leser wird wahrscheinlich fragen, wie d«n solche Zustände möglich serm. Andalusi« fei ja be« ranntlich eine ber fruchtbarst« Gegenden Europa'S; die Erde bringt dort, fast ohne bearbeitet zu werden, herrliche Früchte, doppelte Ernten hervor. Zu ess« müsse eS dort doch in Hülle und Fülle geb«. Dem ist aber beider nicht so. Allerdings entspricht die Fruchtbarkeit deS andalusischen BodmS den allgemeinen Begriff«; allerdings könnte der Ackerbau dort eine um das Zehnfache dichtere Bevölkerung ernähr«, aber die Aecker liege» fast alle brach, «nd die Leute sterbe» vor Hunger daneben. Ja — wird man sagen — wenn die Trägheit der Andalusier so groß ist, daß sie lieber im greulichsten Elend dahinsiechen, als ihre Felder zu bebauen und im Ueberfluß zu leben, dann kann man sie schon weniger beklagen. Wem nicht zu rathen, dem ist nicht zu Helsen. Man lasse sich jedoch nicht durch den äußer« Schein irreführ«. Die Andalusier find nicht träge, man darf sogar behaupten, daß sie außerordentlich arbeitsam sind. Wenn sie die Felder nicht bebauen, so kommt daS daher, daß ihnen die Felder nicht gehören, sie dieselben folglich nicht bebauen dürfen. ES walten nämlich in Andalusien
Mercedes de Moron.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorifirte freie Ueberfetzung von Philipp Freidank.
(15. Fortfetzung.)
Raoul hatte bis jetzt sorglos dahin gelebt und daS Geld ausgegeben, ohne er zu zählen. Wie schon er- wähnt, hatte er auch einige Jugendsünden ans dem Gewiss«, welche seiner Erziehung zugeschrieben werden müss«. Schon als kleines Kind hatte er seine Mutter verlor«, und deshalb fehlte ihm die wohlthätige moralische Erziehung, wie sie eben nur eine christliche Mutter zu geb« vermag. Sein Batet hatte sich mit ihm nur während der letzt« fünf Jahre seine- Leben- beschäftigen können. Rach dem Hinfcheiden desselben besaß er nur noch einen einzigen Verwandten, seinen Onkel und Vormund DuboiS — ein« würdig« und braven Mann, da- mußte ihm der Neid sogar taffen, aber als Junggeselle nicht ganz geeignet, seinem Nrffen denjmigen sittlichen Halt zu geben, den ein so junger Mann in der Sturm» und Drangperiode seine- Lebens zu benöthige« Pflegt. Nichtsdestoweniger that sein Onkel, wa- in seinen Kräften stand, den jungen Schüler der KciegSschnle von St. Cyr von der Neigung zu allerlei leichtfertigen Vergnügung«, zu welch« er von seinen Kameraden häufig genug verführt wurde, zmück- zuhalten.