Vellage zu Nr. 85 der »Fuldaer Zeitung"
Sonntag, den 14. April 1893.
Des andern Tags, als der Vizekonsul in aller SemüthSruhe beim Frühsttick und mit Behaglichkeit seine Tasse Kaffee schlürfte, wurde er J““ Ton der Hausglocke im Lesen der Morgenblätter unter«
beiten zu. Ich habe den jungen Mann, von dem ich Ihnen gestern erzählte, aus l1/» Uhr hierher bestellt; er wird stch wahrscheinlich bereits in meinem Bureau befinden. Ich werde ihn herauskommen lassen, damit wir mit ihm sprechen können."
Der Konsul läutete und besah! seinem Diener, bett jungen Spanier herauszuführen.
Nach einigen Minuten öffnete sich die Thür, Antonio der Chulo erschien auf der Schwelle.
Antonio war etwa 30 Jahre alt, hoch gewachsm und von einer Geschmeidigkeit der Glieder, welche auffallen mußte. Sein Gesicht war glatt rafirt, dte Koleta — ein mit Seide durchflochtener Zops seiner langen Haare, eine besondere Haartracht der Stierkämpfer — fiel rückwärts vom Scheitel, sein Blick war stet und durchdringend und dichte Augenbrauen liefen über der kühn geschwungenen Nase zusammen. Em mit zwei Reihen blendend weißer Zähne geschmückter Mund zeigte Linien höchster Energie, gepaart mit Behutsamkeit. So präsentirte sich Antonio der Chulo, der Lehrlmg m der Zunft der Thierkämpfer.
Antonio hatte noch keine ausgeprägte gesellschaftliche Stellung. So lange der Chulo seinem Berufe noch recht gewerbsmäßig obliegen kann» sucht sich derselbe zu be- schäfttgen, wie eS eben geht. Intelligent und m Pro- m« । vinzialstädten sehr lokalkundig, beschäftigt fich der Chulo
durch dm schrillen in der Regel mit dem Amte eines Fremdenfuhrers mck ' > als Vermittler zum An- und Verkaufe alter Handschrift I ten und sonstiger Antiquitäten. Häufig ist er anchRoß- «___(Hnitnrrp führt National»
um fie unter irgend einem Vorwande auszuholen und ihre Handschrift festznstellen?"
Ich glaube, ich kenne einen solche« Mann," unterbrach Bizekonsul Lrclerc Raoul. »Antonio der Chulo ist ein ganz gewandter Bursche. Dieser wird uvS mit Leichtigkeit ein Stück Papier verschaffen, welches von der sogenannten Milchschwester der Aebtisstn geschrieben ist, auch wird sie es uns erlauben, ihre Handschrift mit der des Briefe» an Se. Eminenz zu vergleichen. Sind Sie damit einverstanden?"
„Ja," erwiderte Raoul, „Wir nehmen nun Ab- fchied von Ihnen, Herr Konsul," sprach er weiter, indem er die ihm entgegengereichte Hand mit Herzlichkeit drückte. „Besten Dank für Ihren freundlichen Empfang.
„Auf diese Weise kennen wir uns nicht," meinte artig der Vertreter Frankreichs. „Heute geht kein Zug mehr nach XereS und deshalb bitte ich Sie, Herr Graf, wie Ihre beiden Freunde und auch Sie, lieber Leclerc, mit mir zu speisen. Ich werde mir sofort meinen put auffetzen, um Ihnen zunächst die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Um 6*/, Uhr breiten wir. Leiber kann ich Ihnen als Junggeselle keine HauSherrm vorstellen, aber das kann einer schönen Tage« noch kommen.
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seinen drei Pariser Schutzbefohlenen von Cadix.abge- ......... “ rnfln,m atier trDB ou
reist und hatte mit Raoul de FerStte für zwei Uhr deS Nachmittags eine Zusammenkunft vereinbart. Sere Erstaunen war daher sehr groß, als ihm letzt schon, einige Stunden vor der verabredeten Zett, der Besuch des Grafen angemeldet wmde.
Beim Eintreten Raouls frug der Konsul: „Warum
so frühe, lieber Freund?"
„Meine zwei Begleiter versuchen mich mit aller Gewalt dazu zu bestimmen, mit ihnen nach PanS zurückzureisen und auf die Verfolgung der Falscher Verzicht zu leisten. Ich theilte ihnen meinen un- wandelbaren Entschluß mit, hier zu bleiben und Die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Sie möchten sonst thuv und lassen, was ihnen beliebt. Ich störe doch nicht, Herr Konsul?"
„Im Gegentheil, Sie erweisen mir einen großen Gefallen, wenn Sie mich veranlassen, aus die Siesta nach dem Mahle zu verzichten, umsomehr, als der Arzt mir diese gänzlich untersagt hat. Bitte, brennen Sie sich eine Cigarre an."
„Mein unfern Abmachungen nicht entsprechender Besuch hat mir nebenbei bemerkt, eine unvermuthete Begegnung eingetragen; ich hatte dar Vergnügen, mit einem schönen jungen Mädchen eine Zeit lang auf dem Trottoir zusammenzugehen, natürlich nicht Seite an Seite." „Wer ist diese Schönheit?"
„ES ist dieselbe junge Dame, welche Sie uns auf der Alameda als Fräulein von Moro« re der Entfernung vorgestellt haben. Als ich nufer Hotel verließ, bemerkte ich, wie sie mit einer älteren Dame aus einem Hanse trat, und da der Zufall wollte, daß beide denselben Weg einschlugen, so folgte ,ch den Damen. Trotz meiner Eile, zu Ihnen zu gelangen, hielt ich eitle respektvolle Entfernung ein, ba ich in diesem Lande wo man so sehr auf UmgangSformen halt, durchaus keinen Anstoß erregen wollte."
„Daran haben Sie gut gethan, lieber lunger Freund, denn die junge Dame ist von hohem Stande und vielleicht wenig stolz. Wenn fie bemertt haben würde, daß man ihr folgte, würde fie ihren Weg nicht fortgesetzt haben, sondern wäre zurückgegangen und in dar erste beste Haus eingetreten. Nichts wird in XereS härter verurtheilt, als einer Dame zu folgen, doppelt aber, wenn dies Seitens eines Fremden geschieht.
„Sie hat es auch nicht gesehen, dessen bin ich sicher. Wohl ober hatte ich im Vorübergehre das Glück, ihr holdes Antlitz im Profil zu erblicken. An der Ecke dieser Straße hatte ich meinen Gang beschleunigt und die Dame» überholt. Sie hatten mir keine Aufmerksamkeit geschenkt, als ich vorbeiging. Die junge Dame ist übrigens von bezaubernder Schönheit."
„Sie ist nicht nur schön," erwiderte der Konsul, „sondern sie besitzt auch eine gewisse Originalität, diese junge Herzogin; dabei ist sie bemerkenSwerth intelligent und gebildet. Die junge Dame ist Huldigungen unzugänglich und die Ansordernngen, welche sie an ihren zukünftigen Gemahl stellt, sollen, wie man sich in der Gesellschaft von XereS erzählt, sehr hohe sein. Ich glaube, daß ihr Ideal auch vorläufig nur ein durch die Phantasie selbst geschaffene- ist.
„Sie ist noch jung und hat Zeit, zu warten, wozu die Thatsache nicht wenig beittägt, daß ihr Vater sehr reich und fie die einzige Tochter ist. Aber lass« w,r Fräulein de Moron, diese reizende lange Erbin, bet Seite und wenden wir unS unseren eigenen Angelegen
beseitigte. t ,
®r schwor, den ihm gewordenen Auftrag gleich dem besten Geheimpolizisten auSzuführen, und versicherte, daß er binnen zwei oder drei Sagen einen Brief, von Maria Ordounez eigenhändig geschrieben, zur Stelle liefern und außerdem genaue Auskünfte über ihre Person verschaffen werde.
Nachdem dieser wichtige Zweck des Besuches er» reicht war, dankte Raoul dem Konsul und verabschiedete stch einstweilen. , „« ,,
Sm Begriffe nach seinem Hotel zmückzukehren, blickte Graf Raoul zufällig auf die Uhr der Kirche vom heiligen Anton nS und bemerke, daß eS erst ein Uhx war. Da er vor dem Diner nichts Weiteres vor hatte, so beschloß er durch die Straßen der Stadt zu flaniren.____________________(gottf. folgt.)
Vermischtes.
* Eine schärfere Strafe für Nichtbefolgung einer Polizei- verordnuna hat wohl noch keine Behörde festgesetzt, wie der Gemeindevorsteher einer ländlichen Ortschaft in Westpreußen, der, wie der ,Gef." erzählt, in einer in der Gemeinde iirfnhtcnben Bekanntmachung folgende exemplarische Strafe androhte: „DaS königliche Landrathsamt hat für die hiesige Gemeinde eine Hundi^ sperre angeordnet, wer seine Hunde frei herumlaufen läßt, wird tobt geschossen und bezahlt noch 30 Mark Strafe/ .
* (Zwecklos.) Arzt: „Bor allen Dingen dürfen Ste te« Bier mehr trinken . . .V' - Patient: »Wer Herr Doktor, dann hat ja daS Leben gar keinen Zweck mehr für mich! . . . Ja, wenn S' mir noch die — Arbeit verboten hatten . . .
* (Druckfehler.) Man hatte sicher erwartet, daß der junge Doktor um Almas Hand anhalten würde, weck er den ganzen Winter viel in ihrer Familie verzehrte.
♦ (Merkwürdiges Pech.) Junggeselle: . . . Ich war von jeher ein Pechvogel! Alle die Mädchen, die ich aus Liebe heirathen wollte, haben viel zu wenig Geld gehabt!
9 * (Zn höflich ) Major (zu dem Dirigenten der Militärkapelle, die eben das Lied „Wie schön bist Du", gespielt hm): Was war denn daS eben für ein Lied? — Dirigent: „Wie schön sind Sie, Herr Major." , ,,, .
♦ (Auch ei* Fußübel.) „Sie schauen jetzt so schlecht au-, lieber Freund!" — „Ja, der Fuß, auf dem ich lebe, schmerzt I mich ein wenig!"j
tänje auf, versteht zu rasiren, gehört aber trotz all bieser Fertigkeiten keinem bestimmten Gewerbe an und will ihm auch gar nicht angehören.
Durchschnittlich ist der Chulo arbeitsunfähig und nicht gewillt, sich einer regelmäßigen Beschaftigmighre- zugeben; am liebsten treibt er Dinge, die wenig Mühe machen und gefällt sich gern in d« Rolle des jmert- behrlichen Schwerenöters. Neben diesen Fehlern besitzt der Chulo ganz besonders die Tugenden der Ehrlichkeit, der Anstelligkeit und Wohlanständigkeit.
Der Konsul hatte Antonio bereits als sehr findigen Menschen kennen gelernt und auch vielfach benutzt, fei ei, um durch ihn werthvolle alte Bücherschätze zu erwerben, fei es, um brauchbare Pferde einzukaufen. Außerdem pflegte ihn der Konful als höchst werthvollen Begleiter bei der Jagd und am Fischfänge zu benutzen. Kurz und gut, Antonio war ein sehr brauchbarer Mensch und was sehr wesentlich ist, dem Konsul vollständig oc- geben, weil dieser ihn regelmäßig zu beschäftigen pflegte.
ES bedurfte daher nur weniger Worte, um den Chulo mit dem Auftrage bekannt zu machen, den ihm der Konsul in der Angelegenheit RaonlS zugedacht hatte. Die Geschäfte gingen in diesem Augenblicke sehr schlecht, so daß die gefällte Börse, welche ihm Raoul nach den ihm gegebenen Aufklärungen re die Hand drückte, einen sehr tiefen Eindruck auf Antonio machte, und feine GewiffenSbebenken, einige seiner Landsleute vielleicht der Justiz zu überliefern, schleunigst
Schützet die Singvögel.
Der Frühling ist eingezogen in Feld und Wald. Seine lieben Säuger beleben du ganze Natur und be- ainnen mit der Gründung eines Familienkbens. Wegen LreS großen Nutzens, ihres schönen Gesanges und ihres muntern, anmnthigen Wesens ist eS jedes Mensche« Pflicht, auf ihre Pflege und Erhaltung nach Äräften hinzuwirken. Sie find das auf der Erde, waS Zael, Maulwürfe, Kröten, Eidechse« re der Erde sind. unzertrennbare Freunde deS Landmanves, Beschützer unb Erhalter seiner Früchte im Felbe seines ObsteS im Garten. Und was ernten sie dafür? Ihre Woh» ««ngen werden von Jung und Alt aufgefucht, zerstört, ihre Kinder manchmal grausam gemordet ober ver- stümmelt; mit Fallen, Schlingen, Netzen und Gewehre« wird ch«e« «achgestellt. Dank, daß man von Tag zu Tag renntet schärfere Maßregeln zur Erhaltung der Vögel anordnet; wir könnten zuletzt einen öden, klanglosen Frühling und einen trostlosen Herbst feiern; den« die Insekten in ihrer Gefräßigkeit und Bermehmngs- traft würden bald Herr der Natur sere. Die schädliche Stubenfliege kann sich in einem Sommer nm 30,000 vermehren. Blattläuse, Wanzenarten, Erdflöhe bleiben re der Vermehrung nicht weit zurück; ähnlich tft e8 bei andern schädlichen Thieren. Fliegen, Wanzen, Erdflöhe, Blattläuse, Gewürm, Hunderfuß, Kellerassel, Erdgrille, Schnecken, Würmer, Heuschrecken, Käfer, Larven, Engerlinge alle würden am Untergänge der Nutzgewächse arbeiten. Aber mit ihrem Auftreten kommen auch ihre Feinde, nufere Freunde und beginnen den Kampf gegen sie. — Unfere beliebtesten Sänger sind auch die eifrigften Jusektenverttlger; bei Tag und bei Nacht, Sommer und Winter arbeiten fie mit einem gefunden, alles verdauenden Magen. Rur von Infekten und Gewürm leben: Nachtigall, Bachstelze, Lerche, Rothfchwänzchen, Rothkelchen, alle Spechtarten, die mit der harten, mit Widerhaken versehenen Zunge die Infekten herausziehen und fpießen; Schnepfen, Schwalben, Kuckuck und Wiedehopf, Zaun- könig und Goldhähnchen; letzteres erspäht die kleinsten Insekten schon auf 50 Schritte. Alle Meisen-, Finken» mtb Drosselarten, Krähen, Dohlen und Staare ver- tilgen Raupen, Engerlinge zu Tansenben. Wenn nun bte Vöglein ihre junge Brut erst füttern muffen! Millionen- | weife verschwindet dann dar Ungeziefer von der Erde • zum Nutzen der Obst- und Waldbäume und Feldfrüchte. Und mit welcher Freude begrüßen wir die ersten Klänge der Nachttgall, der Lerche nach den langen, bangen Wintertagen! Wie süß berühre« sie die Menfchenbrust! Ohne sie würde die Natur trauern; felbst der Frühling wäre reizloser. Zu dieser geheimnißvollen Stimme gesellen sich noch die Farbenpracht ihres Gefieders, ihr Flug, ihr Huschen, Flattern, Sinken, Steigen, ihre Regsamkeit, Reinlichkeit und zutrauliches Wesen. Alle schönen und guten Eigenschaftw für eine Familie vereinigen sie in sich. Und auch wegen dieser Annehmlichkeiten sind wir verpflichtet, sie unter unser» Schutz z» nehmen. Der, welcher das Gebot erließ: „Ehre Vater und Mutter, auf daß es Dir wohl ergehe" knüpfte an dieselbe Verheißung auch die Schonung der ! Vogelnester. Und wer einmal der Ängst eines Vögleins zugesehen hat, wen» eine Gefahr dem Neste seiner Kinoer droht, der kann bei einem Funken Mitgefühl die Hand nicht ausstrecken zum Raube. Und was soll ein roher Bube oder auch ein Erwachsener anfangw mit de» Eiern oder den kleinw Geschöpfe«? Möge darum in der jetzigen Zeit kein Tag vergehen, an welchem die Schule nicht praktische, belehrende, ermahnende, nntzwbringende Naturgeschichte betreibe, denn fie stiftet jetzt unredlich viel Gutes. Lehrer, Geistliche, Polizei und Eltern möge« Kinder unb Erwachsene von den Raubzügen abhalten, die nur der Plünderung des Waldes gelte». Wo gute Worte nicht helfe», müffre Strafe« auf der That sich eine« bessere« Eindruck verschaffen. Halte« wir Katzen, Wiesel, Raubvögel, wo eS nur geht, von ihren Nachstellungen gegen die Singvögel ob. Wirken wir, wo wir nur können, belehrend und überzeugend zum Schutze der Singvögel; denn damit bereiten wir unS selbst Freude und Nutzen.
Mercedes de Moron.
Bon Lambert de St. Croix.
Autorisirte freie Ueberfetzung von Philipp Freidank.
(14. Fvrtfetzung.)
„Wir müssen nnS also an dre Civilgonvernrer oder den Bürgermeister von XereS wenden, um einen geschickten Polizei - Agenten zu diesem Zwecke zu gewinnen," sagte der Konsul.
„DaS werde ich unter keinen Umständen thire, Herr Konsul," erwiderte Raoul. „Dadurch würde re kurzer Zeit ganz XereS von' der Briesangelegreheit unterrichtet sein und die wirflichre Schuldigen dre Raschen des Gesetzes entrinnen. Würde eS nicht viel besser sein, eine Civilperson zu beauftragen, diese Frau zu besuchen,