68 Sonntag, bett 25. März 1894. 21. Jahrgang
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L Osterglocken.
Jubrlklänge, fromme Weisen Hallen froh durch Wald und Flur; Um den Menschensohn zu preisen. Schmückt sich bräutlich die Natur.
Mächt'ge Lieder, laut Frohlocken, Engelsstimmen, Osterglocken.
Heidelerche prüft die Schwinge», Steigt zum Himmelsdom empor; Lob und Dank dem Sieger bringen Blume» dar und Bogel-Chor.
Tausendstimmig süßes Locken — Seiner Schöpfung Osterglocken.
Siegreich zieht im Menschenherzen Erster Kindheit Glauben ein. Wieder läßt e» Freud und Schmerzen Seinem Bott befohlen sein.
Süßer sind, wie Blüthenflocken FriedenSklünge, Osterglocken.
s Ghristeuthuw uud Sklaverei.
Herr Bebel hat bei den jüngsten Reichstag»»«- Handlung« über die deutsch - oftafrikauischen Kolonien gegen daS Christenthum, das eingestandenermaßen der stärkste Gegner der Sozialdemokratie ist, mal wieder eine Lanze gebrochen. Und damit die Welt einen amen Beweis dafür habe, wie die Sozialdemo- kratie den Satz verstehe: „Religion ist Privatsache", d. h. „die Sozialdemokratie kümmert sich nicht um die Religion", läßt er feine RüchStagSrede mit dm fchwerstm Beschuldigung« gegen die katholische Küche in Flug- blättern durch seine Genoss« in katholischen Gegend« verbreit«. Ran ja, hie „Genossen" glauben an Bebel, wie der Türke au Mahamed. „Der Sott Sozial,S- mu»" ist groß — Liebknecht hat'S gesagt! „und Bebel ist sein Prophet!" fällt der Choru» der „Senosim" öS- UuS aber soll die Wahrheit gelten!
„Ich bestreite nicht", sagte Bebel am 20. Februar, „daßdaSCgristmthum grundsätzlich derSklaverei feindlich ist. Aber ich bestrette, daß dar Christen- chum von alle» Anfang an bedacht gewesm ist, die Ellaverei aufzuheben. DaS Christenthum hat eS ausgezeichnet verstand«, sich dm jeweiligm Kulturforde- rang« (Anschauungen der Zeit) anzubequemm." DaS soll heiß«: die Kirche ist, wo sie die Sklaverei vorfand, für dieselbe eingetreten, hat selbst Sklavm ge- halt«.
Da jebtr im Reuen Testamente les« kann, wie PaudlS im Briefe an die Galater schrieb: „68 ist (m Christus) nicht Sklave noch Freier" oder wie er Philemon aufforderte: „Ich bitte Dich für mein« (durch die Taufe erzeugt«) Sohn OnesimuS (der als Sklave seinem Her« entlauf« war), und zwar nicht «ehr als Sklavm, sondern statt deS Sllavm al» vielgeliebter Bruder", fo kann Bebel schleckt ableugnen, daß das Christenthum aus religiösen Gründen ein Gegner der Sklaverei ist. Diese Lehre, die dem ganzen Jahrtausende alt« Heidmthume aus's schärsste wider- sprach, imponirt dem Sozialdemokrat« Kart Falk so sehr, daß et in seiner Sch ist: „Die christliche Kirche und der Sozialismus" S. 56 aaSrust: „Die ersten Ehristm waren Demokraten reinsten Wassers oder wie
wir sag« möchten, sie waren die Sozialdemokratie ihrer Zeit" uud S. 91: „Wie die ersten Christen sind wir wahrhaft Freie und Gleiche."
Ja, sagt Bebel, die Kirche hat aber damit me Emst gemacht. Oder hat sie, wie wir Sozialdemokraten heute die Arbeiter zu einer Partei sammeln, um einen Zukunftsstaat zu erreichen, in dem er „keinen Herrn und keinen Knecht mehr gibt", so ihrersestS auch die Sklaven zu einer Revolution aufgefordert, um mit einem Schlage die Sklaverei aufzuheben? DaS hat sie nicht gethan, sie hat die Sklaverei besteh« lasim, ja sogar anerkannt. ,.L
lieber diese GeschichtS-Erfindung wunde« sich nicht nur die katholisch« und protestantisch« Geschichtsforscher, sie ist selbst „aufgeklärt«" Gelehrten nm, die der Kirche eher aller Schlechte als dar geringste Gute nachgesagt hättm, wenn eS sich mit dm Thatfach« hätte vereinbar« last«. Ein solcher, Friedrich von Hellwald schreibt: „Zu dm Kulturverdiensten deS ChristmthumS wird mit Recht die Aufhebung der Sklaverei gezählt." (Angeführt in „SeschichtSlügm". Eine Widerlegung u. f. w. 10. Auflage. Paderborn Schöningh, wo dieser Zeugnisse mehrere zu lesen sind.) Der kirchenfeindliche Lecky nmnt dies „eine unzweifelhafte Thatsache". Selbst der Großmeister der Freimaurer, Bluntschli, gibt daS Gleiche zu. Weshalb stellte dann aber, so wirft man ein, die Kirche nicht unter Verlust deS SeelmheilS dar Kirchmgebot auf: Jeder Sklave ist fteizulaffm, weshalb proklamirte sie nicht dm „Slasimkampf" zur Befreiung der Sklavm? Bebel weiß dm Grund dafür ganz gut. Bon dem Propheten Muhamed, desien Religion mit Vielweiberei uud blutigen Religionskriegen ihm höher gllt al» daS Ehristmthum, sagt er (Die Muhamed. Arad. Kultur- Periode S. 63): „Sich für absolute Aufhebung der Sklaverei auSzusprechm, wär für ihn unmöglich. Die Sklaverei bildete zu jmer Zeit noch ebmso wie m den ersten acht bi« neun Jahrhunderten unserer Zettrech- vuug in (dem christlichm) Europa die ökonomische Grundlage der damaligen Gesellschaft. Sie abschaffen wollm, hieße die ganze soziale Ordnung beseitig«! wollen, was sür damals ebmso unmöglich war, als er hmte wäre, durch ein staatliches Machtgebot den Sozialismus an Stelle der bürgerlichen Gefell- schuft fetzen zu wollen." Run, was einem Muhamed recht ist, ist dem Christenthume zum mindestm billig! Die Päpste der ersten Jahrhunderte, die vielfach von dm LandeSfürstm verfolgt wurden, konntm ebensowenig dekretirm: Alle Sklaven find auf einmal fteizulasim, als bmte der Papst in einer Encyklika fordern kann: die Arbeiter müsim so unb so viel Mark Lohv habm, oder: die Arbeiter sollen mit den Fabrikant« sich in dm Reingewinn der Fabrik theilm und Aktionäre der- selbm werden. Wie aber heute Leo XIII. durch die Kirche unaufhörlich in Previgtm, in dm Vereinen, auf d« Bolksversammlungm gemäß seiner Sacystika über die Arbeiterfrage von den Reichm für dm Ar- bester mmfchmwürdige Behandlung, gerechttn und auskömmlich« Lohn verlangt und die« ihn« zur Ge- wisimSpflicht macht, wie er vom Staate ArbMerschutz durch staatliche Gesetze fordert, so haben eS noch eifriger die früheren Päpste und die ganze kachousche Kirche auf ähnliche Weise für die arm« Sklavm ge- fordert. So lehrtm die Kirchmväter und Kirchevver- sarnrnlungm (angrführt in dm „SeschichtSlügm").Aus der Zeit des fiedmten bis acht« Jahrhunderts lieg« hmte noch etwa dreihundert Konzils • Beschlüsse und andere kirchliche Verordnung« zu Gunsten der Sklaven vor. Die Kirche verlangte für die Sklavm, daß fie ebmso als Menschen angesehen und behandelt würdm, wie die Freien; damit war die eigentliche Härte, unter der dieselbm im Heidmthum ltttm, beseitigt und für die Sklavm der christlichen Herrm aufgehobm. Für Könige und Sklavm gab eS in dm Augm der Kirche kern« Unterschied wedm in d« Geboten, noch in dm Snadmmitteln. Sie verlangte für die Sllavm die Frecheit dm Eheschließung, ließ fie zur Würde der PriesterthumS zu, ja nhob fie zu Bischöfm uud Päpsten. Dm Einttstt in dm bevorzugten Orden»- stand war ihnen frei, daS Asylrecht mit dm Straflosigkeit für die zu dm Kirchm ober heiligm Orten Flüchtenden war ihnen besonders gewährt. Sein vorzügliches Augmrnmk aber richtete dar Christenthum darauf, durch Einfluß auf die staatlichen Gesetze die Sklaverei ganz auch in der äußerlichen Rechts- stellung aufzuhebm. Sie nreichte dar schon theilweise im 4. Jahrvundnt unter dem nsten christlich« Kaifm Konstantin, später unter Karl bem Groß« u.s.w. 68
bitbeten sich bie Orbm bet Trinitarier und RolaSkm „zum Lo8kaufe dm Sklaven in dm heidnischen Ländmn , die bis zu Ende des vorigm Jahrhunderts inSgrsammt 900,000 Christmsklavm mit freiwilligen gesammelten Gaben befreiten. „Andere Einflüffe konnten", sagte der gmannte Freigeist Lecky, „die Freilassung dm Sklavm bewirken, aber daS Ehristmthum allein konnte die tiefe Amderung deS Charakters hervorbringm, welche die Abschaffung dm Sklaverei möglich machte." ES mußte bei dm vom Heidmthum bekehrten Bölkem die ganz verlorm gegangme Idee der wahren Menschenwürde und Rechtsgleichheit dm Sklaven nst dm Wett zur Uebmzeugung gebracht werden, eS mußte die Arbeit nst zu Ehren gebracht werden, ehe em Stand freier Arbeiter möglich war; für die ganze float» liche Ordnung brachte das eine völlige Umwandlung mit sich. DaS wollte feine Zeit haben, Hmr Bebel, gmadeso für das Christmthurn, wie für Muhamed. Kurzmhand dm Umsturz predigm und Gewalt brauch«, kann wohl die bestehende Ordnung umstoßm, abm bei Mmschm mit freiem Will« und RechtSbewußtsem lerne dauerhafte und lebensfähige Ordnung schaff«. Gnade dies ist auch heute unser Standpunkt bei dn Forde- rmtfl einer friedlichen Sozialreform aus gesetzlichem Wege für die «rbeitn. Mit Flinten und Säbeln treibt man den Sozialdemokaten ihre Idem nicht aus, abn ebmsowmig bringm die Sozialdnnokatm damit dn jetzigen Gesellschaft die sozialdemokattschm Idem bei. We ftühm aber die Kirche durch ihre geistig« Mittel die öffentliche Uebnzeugung zur gänzlich« Aufhebung der Sklavnei gebracht hat, ebmso gewiß wird sie, die ewig jugmdliche, mit göttlich« Macht begabte, die Befteiung und Hebung der Arbetter- standeS herbeiführen, wenn man chr nur freie Be- weauna läßt.
Bebel rief im Reichstage auS: „Im Mittelalt« (d. h. zu Anfang deSfelbm) wurden unter dm Ang« deS Papstes in Rom Sklavmmärfte abgehaltm. Ab« war damals dm Papst „Hmr" von Rom odn war Rom nicht abwechselnd besetzt von noch wild« unchrist- lichen Völkerschaften, gewaltsamm Erobnmn? Sann dm Papst heute hindnn, daß in Rom „tmtet bat Augen" beS im Vatikan gefangen« Leo Xin. Bank- betrügnei geübt unb baS arme ttalienffchr Bott finanziell ausgesaugt wirb?
Wenn Bebel zuletzt behauptet, nicht baS Christmchum habe bie Kultur beS Mittelalters geschaffen, sonbnn aus bm schon vorhandmm Kultur sei da» Ehristmthum mtstanbm, also nicht hätten b,e Mönche bie «st« Sttecken LanbeS urbar gemacht unb um ihre «löst« bie «stm Ausiebelungm mit Kirchm, Schul«, Acknbau unb Hanbwttk in'S Leb« g«ufm, sonbem Bonifatius unb feine Benebiktinerrnönche wärm in bie Vorgefundenen Städte eingezogm und hättm die heidnischen Knttnrrnmschm zum Christmchum „mtwickelt" gefundm, so mag daS „revolutionäre Wisimschaft sein, die die Sach« auf dm Kopf stellt, geschrieben stehtS nirgmd», und Hm« Bebel gebühtt der Ruhm diestt, wie fo vieler ander« „Erfindung«.
Die Sbficht bei all diefm GefchichtSmtsteSungm über dar Christmthurn ,st klar. DaS Christenthum ist die einzige Macht, die fich der SozialdemokrÄte widerstand-kräftig in d« Weg stellt. Dieft muß in dm Augm dn Arbett« heruntttgefetzt und als Feindin dtt Arbett« ao die Wand gemalt wem«. Sie darf nicht, wie die Gefchichtt «zähtt, als tte «- barmmde Mutt« dastehm, die dm Sklaven dir Kett« abgmomm« und die Menfchmwürde wieder gegeb« hat, fände« muß al» bie grausame Herrschsüchtige hingestellt werb«, bie, dm weltlichen Tyrannen stets zu Will«, bie Scheiterhaufen für arme Irrgläubige anzündete und den Reichm die Sklavm und spät« die Arbeit« als Opfer dm Schlachtbank zuführte. Glaub« da» «ft Mal die zu dechörendm Arbett«, bm werden fie bei der glaubmSlvsm Sozialdemokatie, die dn Welt statt Thatm birhn nur leere «orte geböte« hat, chr Heil fuchm. Darum hält Bebel tm Reichstage feine „druckfertigm" Reden, die dort höchst«» «opfschütteln find«. Sie werben gehalt«, um aus Flugblättern in katholisch« Grgenbm, tme bet .Vorwärts' melbet, „mit Erfolg" unter unbelehrten Arbeitern »«breitet zu werb« zur Agitation. Sie find bar auf gut berechnet. Wie schrieb boch d« ,Borwärt» in Rc. 257 vom 9. November 1890 so „jesuitisch": „Sei bm Mitteln kommt e» einzig und allein auf bie Zweckmäßigkeit an. Unb bie Mittel find dir besten, welche am wirksamsten und schnellsten zum Ziele führen."