JW 65 Mttwoch, den 21. März 1894. 21. Jahrgang
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♦ Eine Neuregelung des Zeitungs-Porto \ soll nach einer Ministeriellen Andeutung demnächst er- - folgen. Was hinter dem schönen Namen „Neuregelung" i steckt, weiß der Steuerzahler und Betheiligte seit lange, ■ und hat eS besonders gut erfahren, seitdem Herr . Miquel dies süße Wort ihm so unheimlich nahe ans ; Bewußtsein gebracht hat. ES soll also aus den Zeitungen : eine weitere Anzahl Millionen zu Gunsten der Post- ? fiS k uS herauSgefchlagen werden, und, ganz wie Miquel ■ es zu machen pflegt, sicht aus dm theueren, welche für die „oberen Zehntausend" berechnet sind, die eS ! leisten können, sondern auS den billigen, also auS ’ denjenigen, welche in die weitm Bolkskreise dringen und I auch Tag für Tag auf den Tisch deS Arbeiters kommen . können. Wenn es also nach den Absichten in Regie- ; rungSkreisen geht, soll fernerhin der kleine Mann für > seine Zeitung ziemlich viel mehr bezahlen oder auf dieselbe verzichten. Nun hat allerdings in dieser An- ; gelegenheit der Reichstag ein Wort mitzusprelen, ’ und wir können nicht annehme», daß der Wähler deS ; Mittel- und Arbeiterstandes, welcher doch auch seine ; Zeitung halten will und ebensowohl ein Recht darauf z Hst, zu erfahren, was in der Welt vorgeht, einem - Abgeordneten ohne aller Bedenken von Neuem feine Stimme zuwenden würde, der dazu beitrüge, daß ihm ? Vierteljahr für Vierteljahr die tägliche Lektüre ver- - theuert oder vielleicht gar abgeschnitten würde. Aber i nicht die Rücksicht auf die Wählerschaft allein, sondern • das eigenste Interesse muß es dm Parteien, die sich i auf die breiten Bolksmassen stützen, nahe legen, die <- volksthümliche Presse in ihren berechtigten Interessen zu schirmm, nicht aber sie zu schädigen. Man kann allerdings nicht lmgnen, daß vielfach eine U eber- produktion von Zeitungen bei uns vorhanden ist, aber es ist in Dmtschland auf dem Gebiete der anständigen Presse zehnmal besser, als z. B. in Frankreich oder Nordamerika. Mit einer Steuer würde übrigens der Ueberproduktion nicht gesteuert werden, ebenso wenig den seichten, „parteilosen" Blättern; gegen letztere Hilst kein Reglementiren, sondern die gesunde Natur deS Volkes muß dagegm reagiren; es muß daS Bewußtsein Platz greifen, daß es ein Zeichen trauriger GeisteSarmuth ist, ein Klatschblatt zu halten, welches keine Farbe bekennt. Außerdem läßt sich leicht Nachweisen, daß gerade die „Parteilosen" vielfach nicht zu bett billigen Blättern gehören, der Schund vielmehr recht thmer bezahlt wird. Für wahrhaft volksthümliche : Parteien ist aber speziell die sogenannte kleine Presse \ von der hervorragendsten Bedeutung. Oder meint man, ; daß die paar Centrumsblätter, welche hohen Abonne- • mentS-Preis haben und deshalb nur einen beschränkten i Leserkreis besitzen können, bei den Wahlen und bei ■ politischen Fragen von Wichtigkeit die breiten Volks- - schichten genügend aufgeklärt würden? Ebenso die j Blätter mit billigem Abonnement, welche in das \
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Wie wird die hl. Gharwoche in Jerusalem ' gefeiert? (Nachdruck verboten.) ; (Schluß.)
Der Gründonnerstag ist natürlich in erster Linie dem Andenkm an die Einsetzung der heiligen ÄltarsakramenteS gewidmet. Ehedem, als die Spitze deS Berges Sion noch eine katholische Kirche krönte, konnte die GründonnerStagfeier im wirklichen Speisesaale des Herrn stittfinden; heutzutage wird sie in der AuferstehungSkirche abgehalten.
Bor dem hl. Grabe erhebt sich ein einfacher, aber kostbarer Altar, geschmückt mit silbernm Leuchtern und einem höchst kunstvollen Kruzifix, welches von katholischen Monarchen des Abendlandes gespendet wurde.
Au diesem Altäre nimmt der Patriarch die hl. Handlungen vor, umgeben von allen Priestern und Ocdensleutm, die in Jerusalem sich befinden. DaS . Hochamt ist außerordentlich feierlich, und von hinreißen- > der Wirkung ist eS, wenn der Kirchenfürst nach Schluß ; desselben daS hochheilige Sakrammt dreimal zunächst ; in Prozession in dem Gottestempel herumträgt, die an- j betenbe Menge segnend, um eS sodann in daS wirkliche Grab Christi zu dringen. Sehr ergreifend ist eS auch, ; wenn hierauf unter Absingung der dumpfen Klage- - lieber die Altäre ihres Schmuckes beraubt werden, an i der Stelle also, wo die rohen Henkersknechte nach ■ Christi Kreuzigung thatsächlich den Herrn seiner Kleider > beraubten und über seinen ungenähten Rock das Loos warfen. i
Schloß deS Adeligen, wie in die Hände des Heuermanns kommen, üben bei solchen Gelegenheiten den größten Einfluß aus, ifjnen ist der Ausfall der Wahlen in erster Linie zu danken. Es mag sein, daß die nationalliberalen großindustriellen Vertreter glauben, es sei nichts daran verloren, wenn den Arbeitern, Handwerkern ic. daS Halten eines Blattes erschwert würde, auch die konservativen Junker des Ostens sehen es ja nicht gern, daß der ländliche Arbeiter und Pächter Zeitungen liest, aber das kann für das Cent rum so wenig wie für irgend eine andere im Volke wurzelnde Partei maßgebend sein. Unter allen Umständen heißt es gegen die Kultur-Jnteressm handeln, wenn man eS der Tagespresse erschweren will, aufklärend und aufbauend zu wirken. Oder glaubt man etwa, daß der kleine Mann, wenn er in Folge der Bertheuerung durch die Post auf das tägliche Blatt verzichten müßte, nicht Ersatz suchte? Wird er nicht zum billigen Schund-Roman in endlosen Lieferungen und ähnlichen entsittlichenden Produkten greifen? Mißstände, mit denen der neue Aderlaß begründet werden soll, sind allerdings vorhanden, nämlich die Thatsache, daß von Berlin aus geistlose Schundblätter, die nichts als ein Abkatsch von Judenzeitungen sind, für 1 Mark vierteljährlich dem gutmütigen Michel aufgedrungen werden, der dumm genug ist, sich von diesen JtzigS vom Mühlendamm die geistige Kost vorschneiden zu lassen. Derartige Blätter haben fast keine Kosten, als Papier und Druck, deshalb wird die Waare auch nach Preis und — Qualität der „Goldenen 110“ unter das Volk geschleudert. Gegen diesen Krebsschaden — auf den wir jetzt, zu Quartalsschluß, wiederholt aufmerksam machen — kann sich die Post schützen, wenn ein MinimaliBerech- uungspreiS der Postgebühren festgesetzt würde, z.B. entsprechend dem Abonnement von 1,50 Mk., welcher Satz ja für volksthümliche Blätter eine Art Normalsatz geworden ist. Sonst aber wird jeder den Volksinter- essen dienende Abgeordnete mit dem alten Fritz denken: „Gazetten dürfen nicht genirt werden" und Vorschläge, welche auf die Schädigung der populären Presse hinauslaufen, von vorn herein abweisen.
Deutsches Reich.
Berlin, 19 März
* Bei dem Diner, welches am Sonnabend der russische Botschafter Schuwalow gab, und dem der Kaiser und der Reichskanzler beiwohnten, erhob sich zunächst der russische Botschafter zu folgendem Trinkspruch in deutscher Sprache: „Ich trinke auf dar Wohl Se. Majestät des Kaisers Wilhelm mit echt russischem Hurrah!" worauf der Kaiser in russischer Sprache auf „daS Wohl seines lieben Freundes, des Zaren Alexander" trank und dies mit einem dreimaligen Hurrah! begleitete. Beide Toaste wurden von der Musik mit der betreffenden Nationalhymne beglettet.
Nach Christi Vorbilde nimmt Nachmittags um 2 Uhr der Patriarch an 12 Pilgern aus verschiedenen europäischen Nationen die Fußwaschung vor und beschließt damit die Zeremonien des Gründonnerstags. In der Nacht, die dem hl. Karfreitag vorangeht, bleibt die Grabkirche unverschlossen. Die meisten Pilger durchwachen dieselbe in Gebet und Betrachtungen dieser hochheiligen Stätte, um sich würdig auf den Haupttag der Leidenswoche vorzubereiten.
H Der Charfreitag wird in der Sionsstadt mit höchster Feierlichkeit gefeiert. Hören wir, um nichts von der Großartigkeit dieser Feier zu verlieren, die begeisterten Worte eines Augenzeugen darüber.
„Am Charfreitag", sagt er, „wird die Basilika, ohnehin schon düster, noch trauriger gestaltet burch schwarze Tapeten und Teppiche, die hl. Gewänder find von schwarzem Sammt mit silbernen Borden und Figuren; eS pouttfizirt der Patriarch. Beim dämmernden Schein der Lampen mit farbigen Zylindern bekommen die Physiognomien der zahlreichen Andächtigen ein bleiches, unheimliches Kolorit, so daß man wirklich meint, eS sei die Stunde, wo die Sonne sich verdunkelt. Ich stand kaum drei Schritte vom Altäre entfernt. Vorüber waren die Prostration, vorüber die Prophetien; die dazu bestimmten Priester mit schwarzer Stola fangen an, die Passion Christi zu fingen. Ein heiliger Schauer geht durch die Versammlung, wir sehen einer deS anderen Antlitz erbleichen, der Gesang ist angelangt bei den Worten: „Und mit geneigtem Haupte", — hier verläßt der singende Diakon sein
* Der Kaiser ließ heute Nachmittag die Berliner Garnison allarmireu. Die Regimenter strebten in größter Eile dem Tempelhofer Felde zu.
* Von den Schwestern der Kaiserin ist nur noch eine unvermählt, die im Jahre 1874 geborene Prinzessin Fedora, nachdem Prinzessin Luise Sophie mit dem Prinzen Friedrich Leopold von Prmßen verheirathet ist. Also kann bei den erwähnten HeirathSgerüchten nur sie gemeint sein. Der italienische Kronprinz Viktor Emanuel ist 1869 geboren. SBeftätigung für die bett. Gerüchte ist noch nicht erfolgt.
* Zur Abstimmung über de« deutsch-russischen Handelsvertrag schreibt die .Germania": ES dürste von Interesse sein, die landschaftliche Vertheilmig der Gegner und der Freunde des Handelsvertrages nach den namentlichen Abstimmungen im Reichstag festzustellen. Königreich Preußen: In der Provinz Ostpreußen wurden abgegeben 5 ja, 11 nein, in West- Preußen 7 ja, 4 nein, in Stadt Berlin 6 ja, in der Provinz Brandenburg 6 ja, 13 nein, in Pommern 2 ja, 12 nein, in Pofen 11 ja, 2 nein, in Schlesien 19 ja, 15 nein, in der Provinz Sachsen 9 ja, 10 nein, in Schleswig-Holstein 7 ja, 3 nein, in Hannover 16 ja, 2 nein, in Westfalen 12 ja, 4 nein, in Hessen- Nassau 6 ja, 6 nein, in der Rheinprovinz und Hoheuzollern 29 ja, 5 nein, zusammen in Preußen: 136 ja, 87 nein. In Bayern 9 ja, 38 nein, in Sachsen 12 ja, 11 nein, in Württemberg 11 ja, 4 nein, in Baden 12 ja, 2 nein, in Hessen 3 ja, 5 nein, in den beiden Mecklenburg 1 ja, 6 nein, in den kleinen Fürstenthümern 17 ja, 7 nein, in den freien Städten 4 ja, in Elsaß- Lothringen 9 ja, 3 Stimmenenthaltungen. — Weggelassen find dabei diejenigen Mitglieder, die bei keiner Abstimmung zugegen waren. Es sind die konservativen Abgeordneten Steinmann, der krank ist, Graf Kanitz« Schlochau, der sein Mandat niederlegte, Bescher, Bauermeister und Engels von der Reichspartei; Human«, Fritzen, Lerzer vom Zentrum, die Antisemiten König und Leuß; die süddeutschen BolkSparteiler Haag und Pflüger-Württemberg; der Pole v. Kalkstein, die Sozialdemokraten Stadthagen, Joest und Metzger, die Elsaß-Lothringer Preiß, Simonis und Haas.
* Eine Riesenpetition gegen die Aufhebung de» Jesuitengesetze» wird also, wie schon früher erwähnt, von den genugsam bekannten Herren auS dem Wnpperthal: Kaufmann Schlechtendahl (Barmen), Ver- lagSbuchhändler Wiemann (Barmen) und Snperinten- f dent Dr. Thönes (Lennep) vorbereitet. Die Name« dieser Herren, welche den engeren „Ausschuß für die Abwehrbewegung gegen dieWiederzulassung der Jesuiten" bilden, besagen an sich schon genug, und das Weitere besagt das der ,®ermania' vorliegende, „streng vertrauliche" Rundschreiben der Herren. Hiernach soll die Petttion schleunigst in allen evangelischen Gemeinden zirkuliren, und sollen möglichst viel Unterschriften ge-
Pult und wirft sich nieder vor dem Altäre auf denselben Felsm, wo das Kreuz gestanden, und mit ersterbender Stimme spricht er: „Gab — Er hier — Seinen Geist auf." Da beugen sich alle Knie, alle Stirnen neigen sich zur Erde, die das Blvt Gottes getrunken, und küßt man dieselbe unwillkürlich. —
Abends findet noch eine ergreifende Feier in der Grabkirche statt, die Grablegung des Herrn. Die Feier begann unter Theilnahme einer unzähligen Menschenmaffe; die feierliche Prozession, an der alle theiluahrnen, Priester und Laien mit Wachslichtern, daS Seminar, der Patriarch, gefolgt von den Konsulen, zog herauS; alle Kapellen, alle Gänge, das heilige Grab und Golgatha schimmerten mit tausend Lampen und Lichtern, und die große Kuppel, die Helle wiederspiegelnd, bot einen prächtigen Anblick. Der Umgang macht mehrere Stationen, die erste bet der Kapelle der „Kleidervertheilung", wo eine griechische Predigt stattfindet, dann zum Altäre der „Verspottung", — hier ist die Anrede slavisch, beim Altäre der „Kreuzigung," deutsch, bei dem der „Kreuzerhöhung", französisch.
Hiernach folgt eine Scene, die daS Herz weich, daS Ange naß macht. In der Oeffnung nämlich, in der das wahre Kreuz gestanden, ist ein großes Cruzifix aufgepflanzt mit beweglicher, lebensgroßer Christusfigur. Die Kreuzabnahme beginnt. In schwarze Dalmatiken gekleidete Diakonen mit Hammer und Zange steigen auf weitern hinan — große Stille — Niemand wagt zu athmen. Zuvor nimmt der eine Diakon dem Erlöser die blutige Dornenkrone ab, zeigt sie den Andächtigen