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yg ß3 Sonntag, den 18. März 1894. 21. Jahrgang

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§ Glend in Amerika.

Die Deutsche Gesellschaft der Stadt Newyork ver­öffentlicht soeben ihren Jahresbericht für 1893. Dem recht interessanten Inhalt entnehmen wir Folgender: Der Zweck der Deutschen Gesellschaft ist: „Deutsche Einwanderer zu unterstützen, sowie nothleidenden Deutschen und deren Nachkommen Hilfe zu leisten." Die Einwanderung war in den Jahren 1891 und 1892 wieder sehr in der Zunahme begriffen gewesen, bis ihr in der zweiten Hälfte des Jahres 1892 durch die Cholera Einhalt geboten wurde. Im Jahre 1893 erreichte dikfelbe auS diesem Grunde die Ziffern von 1892 ni t t. Der BerwaltungSrath kann bet der Abnahme der Konkurrenz im amerikanischen Arbeitsmarkte, sowie bis zur Klärung der amerikanischen wirthschaftlichm Zu­stände, die Auswanderung nach Amerika nicht sehr em­pfehlen nnd sich nicht enthalten, wieder einmal auS- wanderungslustigen Personen, welche nicht au körper­liche Arbeit gewöhnt find, die Schwierigkeit deS Fort­kommens in diesem Lande besonders zu bedenken zu geben. Der Gesellschaft gehören 1303 Mitglieder an. „Wie die Verhältnisse gegenwärtig in Amerika liegen, wird vermuthlich die Einwanderung im Jahre 1894 bedeutend abnehmen, da die Berichte über die an­haltende Arbeitslosigkeit und große Roth, welche schon seit einigen Monaten hier herrschen und deren Eade nicht abzusehen ist, wohl genügend verbreitet werden, um der Auswanderung entgegenzuarbeiten. ES dürfte daher wohl angebracht sein, wenn AuSwanderungSluktige in diesem Jahre mit besonderer Vorsicht den hiesigen Berhältnrffen Rechnung tragen und lieber abwalten, biS sich die Zeiten merklich gebessert haben. Di; alte AuSrede: Schlimmer a'S hier, kann eS m Amerika auch nicht sein, kann gegenwärtig nicht mit R'cht angewendet werden. Die finanzielle Kr-siS, in welcher sich das ganze Land seit einem halben Jahre befindet, erstreckt sich aus alle Geschäftszweige und die Aussichten auf eine baldige Befferung find bis jetzt noch trüb. Die Geschäftsleute vermindern ihr Personal auf das nöthigste, die Fabriken stellen ihre arbeiten ein oder verringern die Arbeitszeit und die Arbeitslöhne, und für große Unternehmungen, welche früher vielen klüftigen Händen Arbeit sicherten, fehlt das Vertrauen, welches durch zahlreiche Bankerotte erschüttert ist. Unser Land hat bisher die Folgen finanzieller Krisen glücklicher­weise bald überstanden, diesmal aber scheint eS, als ob wir länger zu kämpfen Haven werde», biS unsere Geschäftslage wilder so geordnet ist, um Reueinge- wanderten Aussicht auf Beschäftigung zu gewähren. Mr die nächsten Monate ist die große Zahl der Be­schäftigungslosen mehr als genügen», um allen Anforderungen zu entsprechen. Außer wirklichen Land­arbeitern, welche im Frühjahr und Sommer in den westlichen Staaten stets auf Arbeit rechnen dürfen, können wir keinem Arbeitsuchenden Hoffnung machen, und wiederholen wir daher unsere alljährlichen War­tungen an HandlungSdiener, Lehrer, Schreiber, Gelehrte,

Prediger, Telegraphisten, Beamte und namentlich an Stu­denten undOsfiziere, fichjuicht, selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen, unter denen sie drüben zu leiden haben mögen, zur Auswanderung zu entschließen. Für diese Klasse von Leuten ist positiv keine Aussicht, weder im nächsten Jahre, noch später. Die wenigen Ausnahmefälle kommen gar nicht in Betracht. Dar so häufig ausgeführte Bor- gehen, ungerathene Söhne nach der „großen Beste- rungSanstalt Amerika" abzuschütteln, um sie „die Schule des Lebens durchwachen" zu lasten und sie durch Roth und Entbehrung zu zwingen, sich an ungewohnte Arbeit zu gewöhnen, ist eine verwerfliche und ver- wahren wir uns gegen die häufig an uns gestellte Zumuthung, auch in solchen Fällen unsere hülfreiche Hand zu bieten. Wenn es den Eltern und Ver­wandten nicht möglich ist, dm leichtsinnigen Sohn auf den richtigm Weg zu bringen, so geht er in den meisten Fällen hierzulande, wo er sich ganz selbst über- lasten ist und bald einen Kreis leichtsinniger Kamerodm findet, sicher zu Grunde. Die wenigen Ausnahme- fälle kommen anch hierbei nicht in Betracht.

Häufige Anftagen von Damen, alten und jungen, aus besteren Ständen, welche hoffen, in Amerika als Gesellschafterinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinvm, Vorleserinnen und in anderen bevorzugten Stellungm rin Unterkommen zu finden, haben wir stets abrathend beantwortet, und ist nufere Warnung unter den jetzigen Verhältnissen, welche selbst wohlhabmden Famrlim Einschränkungen auferlegm sehr am Platze. Für Dienst- mädchm für allgemeine-Hausarbeiten ist dagegm selbst in schlechten Zeiten noch ein ergiebiges Feld und die­selben könnm mit Sicherheit daraus rechnen, sofort Stellen und guten Lohn zu finden.

Bezüglich der armen- und Krankenpflege heißt eS: Die große Roth, welche seit Monaten in Folge der allgemeinen Arbeitslosigkeit im ganzen Lande herrscht und beten Ende leider nicht abzusehen ist, hat auch uns veranlaßt, unS vertrauensvoll an unsere Mit- glieder um thatkräftige und schleunige Unterstützung zur Linderung deS großen Elmds zu wenden. Da die reichlich gespendeten Gaben aber unzulänglich waren, hat sich der BerwaltungSrath genöthigt gesehm, einen Aufruf an seine Mitglieder zu erlassen, in dem eS heißt:

„Bielen armen Deutschen dieser Stadt steht ein sehr schlimmer Winter bevor. Die Ansprüche, welche an unsere Wohlthätigkeit bisher gestellt worden, sind größer, alS sie in früheren Jahren gewesen, und müssen wir auch darauf rechnen, daß dieselben sich in den nächsten Monaten in ungewöhnlichem Grade steigern werden. Um den Zw-ck der Gesellschaft: „den nothleidenden Deutschen und deren Nachkommen Hülfe zu leisten" gegenüber solch' vermehrten uno dringenden Ansprüchen auch nur theilweise erfüllen zu können, bedürfen wir größeren Muthes, und sehen uns daher genöthigt. Sie hierdurch nm eine außerordentliche Unterstützung zu bitten Die bestehende Nothlage ist Jedermann bekannt, und andererseits wird es auch anerkannt, wie höchst segensreich unsere Gesellschaft seit mehr als hundert Jahren ge­wirkt hat. rc.

Die Baukabtheilung d-r Gefellfchast bietet ihren Landsleuten einen zuverlässig», prompten und billigen Weg zur Besorgung ihrer Geldgeschäfte. Sie erlhcilt bereitwilligst jede Auskunft unentgeldlich, leistet jedoch keinen Vorschuß irgend einer Art und bedingt baute Zahlung für alle von ihr zu besorgenden Ge- schäfte.

Mach Sibirien verbannt.

Bon Louis Colla«. Mit Genehmigung deS Berfaflers in'S Deutsche übertragen von PH. Freidank.

(Schluß.) 16.

Schlußwort.

Arm kehrte ich nach Paris zurück, wo ich früher im Ueberfluffe gelebt hatte. Doch fand ich ergebene Freunde mit »atmen Herzen, welche mir behilflich waten, eine Stellung zu erlangen, die mich einfach, aber anständig ernährte. Der häufige und mit Ent­behrungen aller Art verknüpfte Wechsel in meinen Lebens- gewohnheiten hatte meine Gesundheit zwar erschüttert, doch bald befand ich mich wieder in meiner ganzen Vollkraft. Mein Glück wurde nur hie und da durch die Erinnerung an die Äamercben gestört, welche auf un­serer Flucht ihr Leben einbüßteu oder auch durch Ge­danken an meine Freunde, welche ich in den fibitischen Gefängnissen zurücklassen mußte. Mehr noch quälten mich meine süßen Erinnerungen an Irkutsk und daS Bild Fedora'S verfolgte mich Tag und Rächt.

Bor allen Dingen suchte ich zu erfahren, w,S au!

Nachdem so einige Zeit verflossen war, ließ er mich eines Tages bitten, ihn zu besuchen. Die Kisten und Koffer, welche ich erblickte, als ich die Wohnung des

General Aptsxin geworden war; eS dauerte längere Zeit, bis ich nähere Auskünfte erhalten konnte. Endlich erhielt ich einen von Odessa batirten Brief. AuS dem­selben ersah ich, daß eS dem General und seiner Fa- milie sehr gut ergehe; er gratulirte mir zur gelungenen Flucht und theilte mir mit, daß ich dadurch in Ruß­land zu einer ganz volkSthümlichen Berühmtheit gelangt sei. Mau bewunderte meinen Muth und ich galt als großer Held, während der arme General Nathalin, der so schmählich getäuscht worden, seinen Abschied erhalten habe und vor ein Kriegsgericht gestellt worden sei, besten Urtheil noch auSstehe. Der Brief enthielt sehr wenig über Fedora und über die Zuneigung, welche sie mir früher bewiesen, aber der familiäre Ton, in dem er geschrieben war, beruhigte mich nach dieser Hinficht. Der General schloß seinen Brief mit der Meldung, daß er demnächst Paris besuchen werde und mich bort wieberzusehen hoffe. , ,

Unb wirklich, wenige Tage später erhielt ich feinen Besuch in meiner bescheibenen Wohnung Unser Wieder­sehen war ein äußerst herzliches. Der General hatte einen längeren Urlaub angetreten unb beabsichtigte, ben russischen Heeresdienst zu verkästen. DaS hing aber, wie er sagte, von gewisten Umständen, die er mit seiner Frau und Tochter noch zu berathm habe, ab. In Be­zug auf seine Tochter war sein Verhalten ein völlig rätselhaftes; tarnen wir in der Unterhaltung auf Fedora zu sprechen, so brachte er daS Gespräch sofort auf ein anderes Gebiet, indem er mich dabei beobachtend lächelnd anHidte. Er schien sich an meiner Verlegenheit zu weiden. Schon dachte ich darüber irgend eine Erklä­rung herbeizuführen, alS er endlich der unerträglicher. Lage ein Ende bereitete und mitleidig fragte:

„Sie reben ja gar nicht von Febora?"

Meine innere Bewegung bei biefen Worten schnürte mir bie Kehle zu. ,

„Sie sinb em Unbankbarer," sagte er lächelnb, ohne meine Antwort abzuwarten; „Febora spricht ohne Unter­laß von Ihnen, so baß Ihnen oft bie Ohren klingen müßten. Die Frauen schienen bie Gabe bet Vorher- sagung zu besitzen. Als ich Sibirien verlassen hatte, war ich ber Ansicht, daß Sie, mein armer Freund niemals mehr den Westen Europas Wiedersehen würden. Fedora widersprach mir aber jedesmal und wiederholte: „Er wird wiederkehren." Ich frag sie um die Gründe ihrer zuversichtlichen Erwartung; sie wußte aber keine andere Erklärung, al« die ihrer eigenen Ueberzeugung anzugeben. Meine Tochter setzte chre ganze Hoffnung aus Ihren Muth, auf Ihre Thatkraft.

„AlS wir von Ihrer Flucht hörten, sagte sie sofort, daß Sie dieselbe geleitet haben. Sie hatten allerdings Vorgänger dieser Kühnheit: BeniowSki und P'-etrowSki; allein, wenn auch ein solch' tolles Unternehmen ein­mal gelingt, ist noch lange nicht bewiesen, daß auch Andere denselben glücklichen Erfolg erreichen. Aber Fedora zweifelte nicht daran.

„Sigismund (verzeihen Sie die große Freiheit, welche sie sich nahm, Ihren Vornamen zu gebrauchen), Sigismund," sagte sie, „thut nichts, was er nicht durch­führen kann unb er wird mit Ehre seine Aufgabe durchführen." „ , ,

„Nichts konnte ihr Vertrauen erschüttern; sie glaubte unbedingt an Ihren guten Stern und sie hat Recht behalten." . , u ,

Ermuthigt durch die launige Sprache des Generals frug ich nach Tausenderlei und machte aus meinen innigen Gefühlen für Fedora kein Hehl mchr. Plötz­lich sagte der General lächelnd, indem er sich verab­schiedete: . „

„Für heute ist eS genug, wir wollen noch Stoff für spätere Unterhaltung aufsparen."

Wir trafen unS von da an häufig unb ich fanb ihn immer gleichmäßig liebenswürdig gegen mich. Auf einem unserer längeren Spaziergänge bat er mich ein­mal um ein ausführliches Gutachten über die Berg­werke in der Umgegend von Irkutsk, in besonderer Beziehung auf bie weitere Verbesserung deS Betriebes unb der Rentabilität, außerdem sollte ich meine Au- fichten bahin aussprechen, welche Maßnahmen getroffen werben müßten, um baS LooS ber eingeborenen unb europäischen Bevölkerung zu verbessern. AlS ich ihm bieseS Gutachten übergeben hatte, sprach er baröber nicht mehr.