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JV 62 Samstag, den 17. März 1894. 21. Jahrgang

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Kanu und darf ein Christa insondrrhett rin Theologe, eingeschriebenes Mitglied der

Sozialdemokratie fein?

Heber dieses Thema hielt vor einigen Tagen der Hoch». Herr Rektor Drießen in Essen einen treff» lichen Vortrag in einer dortselbst abgehaltenen Volks­versammlung, deren Verlaus in der .Essener Volks­zeitung' wie folgt geschildert wird:

Este« 12. März. Die gestern Morgen im Rohde'schen Saale auf der Frohnhauserstraße abgehaltene Versammlung, die der bochw. Herr Rektor Drießen einberusen hatte, um über das Thema: Kann und darf ein Christ, insonderheit em Theologe, eingeschriebener Mitglied der Sozialdemokratie fern, einen Vor­trag zu halten, war äußerst zahlreich besucht. Gegen 11 Uhr wurde die Versammlung eröffnet. Nach einigen emleltenden Worten des Vorsitzenden bestieg der hoch». Herr Rektor das Podium, von der Bersammlnng mit Beifall begrüßt. Redner verteidigte zunächst seine Person gegen die im Kratz'schen Lokale gegen ihn gerichteten Aeußerungen. Er sei nicht tn der von dem Prediglamtskandidaten Herrn Th. von Wächter einberufenen Versammlung erschienen, weil er überzeugt sei, daß bei solchen Diskussionen wenig oder gar nichts herauskomme, zumal be, Gegnern, die sich nicht belehren lassen wollten. Wenn man ,hm vorwerfe, er wolle, daß das Volk nicht aufgeklärt würde, so sei er im Gegentheil in seiner Eigenschaft als katholischer Geistlicher und Leiter verschiedener Vereine, besonders des christlichen Arbeitervereins, verpflichtet, die Arbeiter über die weltbewegen­den Fragen aufznklären und thue es auch im reichsten Maße nicht nur in der Kirche, sondern auch in anderen öffentlichen Versammlungen. Redner geht dann zur Beantwortung des Themas über. Zunächst wolle er darauf Hinweisen, was Staat und Kirche in der letzten Zeit gerade zur Hebung der Arbeiter gethan habe. Er erwähne die Februarerlasse unseres Monarchen vom Jahre 1891, der in denselben die soziale Frage vom christlichen Stand­punkte gelöst toiffen wolle, ferner weise er hin auf die segens­reichen Wirkungen des Unfallversicherungsgesetzes, des Alters­und Jnvaliditäts - BersichemngSgesetzeS. Der müsse blmd und taub sein, der nicht wüßte, wie auch gerade der hl. Vater tn {einer berühmten Encyklika über die Arbeiterfrage dieselbe nicht allein als religiöse, sondern auch als wirthschaftliche Frage auf- gefaßt toiffen wollte, der als Arbeiterpapst den reichen, herzlosen Arbeitgebern inS Gewissen rede und wolle, daß die Kirche sich ans die Seite des bedrückten Volkes stelle. Wenn man sehen wolle waS die Kirche heutzutage leiste in der Civilisation und Kultur, so solle man in die fremden Erdtheile wandern und die ersprießliche Thätigkeit der Missionare beobachten. Redner weist ferner hin auf die zahlreichen christlichen Vereine, die sich die Hebung deS Handwerker- und ArbeittrstandeS zum Ziele gesetzt hätten die Gesellenvereiae und Arbeitervereine, auch auf die so segensreich wirkenden Bincenzvereine, ganz besonders aber ans die Thätigkeit der BolksbureauS. D-S seien die Errungenschaften des Christenthums ans sozialem Gebiete in neuerer Zeit. Gehe man aber auf daS Mittelalter zurück, so zeige dieses sich gerade groß durch die Klöster und Vereine, die Zünfte. Er erinnere an die Gründung des Lazaristenordens zur Pflege der armen Aus­sätzigen, an den Malteserorden und die anderen Ritterorden, an die Hansa, alles Einrichtungen, die entstanden unter dem wohl- thätigeil Einfluß deS Christenthums. Im christlichen Alterthum aber sähen wir ganz besonders daS Christenthum als len An­fangspunkt aller Kultur. Schrecklich seien die Zustände der Völker, die das Christenthum nicht kennen gelernt hätten, die Armen seien verlassen gewesen, die Sklaven der Willkür des Herrn unterworfen, das Weib ein Spielball in den Händen des Mannes. Wer habe aber diese Zustände beseitigt und der bei den allen Heiden verachteten Arbeit ihren Werth gegeben und sie geadelt? Das sei einzig und allein das Verdienst deS Christenthums, deS göttlichen Stifters desselben. Man sage heute, die Arbeiter hätten sich selbst befreit; aber wie hätten die Sklaven geseufzt unter

Mach Sibirien verbannt.

Bon LoniS Calla». Mit Genehmigung bei Verfassers in'S Deutsche übertragen von P h. Freidank.

(46. Fortsetzung.)

Wenn der Anblick deS fremden Elends über daS eigene Unglück Hinwegtrösten kann, io fehlte uns dieser seltsame Trost nicht. Wir haben Gelegenheit gehabt, in chinesischen Srädten so schandbare Szenen zu er­leben, wie sie höchstens einige Quartiere Londons bieten. Wir sahen, wie halbverhungerte Menschen in wilder Sucht ihr« Hunger zu stillen, die Dungfiättrn nach noch einigermaßen genießbaren Abfällen durch­wühlten. Aber dar Elend am gelben Flusse, dar wir zu beobachten gezwungen waren, war nicht weniger mtsktzlich.

Man nimmt an, daß nicht weniger als 20 Millionen Menschen in China auf den Flüssen leben, um der Grundsteuer zu entgehen. Die «tsrtzliche Armuth unter welcher die Mehrzahl dieser Flußbewohner seufzt, spottet jeder Beschreibung. Die halbversaulten flachen Boote liegen eng neben einander zwischen gelben und weiß« Seerosen und machen sich gegenseitig den Platz flreitig. Die Bewohner dieser Boote sehen abgemagert und elend auS und ihr Blick zeigt au, daß ihnen neben der körperlichen auch die geistige Kraft fehlt, ihr Elend Mit Würde zu ertragen.

Kann man sich unter diesen Umständen über die

ihrem Joch, unfähig, sich zn befreien. Ja, die Menfchhett ginge, so sagte ein heidnischer Philosoph, zn Grunde, wenn nicht ein Gott käme, dieWelt zu erlösen. Und da wolle man das Christen­thum verlassen und mit ihm den Gott der Wahrheit und der Liebe. Durch das durch Christus erklärte doppelte Gebot der Liebe habe das Christenthum die Welt erobert. Dem Beispiel Christi seien auch die Christen aller Zeit gefolgt. Groß stehe da auch die Zeit der Kirchenväter, wo besonders der hl. Basilius seine ganze Kraft einsetzte, das Schicksal der Armen zu mildern. Man sehe also, wie die Kirche aller Zeiten sich der Armen und Nothleidenden angenommen und die Reichen dringend ermahnt habe, der armen Brüder zu gedenken und dieselben zu unter- stützen. Was thue aber die Sozialdernokratte? Nach dem Ge­ständnisse ihres Hanptvertreters erstrebe sie in religiöser Hinsicht den Atheismus, in wirthschaftlicher Hinsicht den Kommunismus, in staatlicher die Republik. Ihr Programm von Erfntt erkläre zwar Religion für Privatsache, doch sei es, wie Redner trefflich nachwieS, das Streben der sozialistischen Partei, die Religion vollständig zu vernichten und den Atheismus zu verbreiten. DaS bezwecke auch das Stteben nach Verweltlichung der Schule. Das Christenthum solle auS der Schule heraus. Den Satz: Reli­gion ist Privatsache, habe man aus dem Programmstreichen wollen, doch seien einige aus taktischen Gründen dagegen gewesen, weil es ihnen dann wohl nicht gelingen würde, in echt christlicher Be­völkerung Boden zu gewinnen. Da könne ein Christ nicht mit« machen. Er müsse die Taufe hochhalten und den dabei einge­gangenen Verpflichtungen treu und redlich Nachkommen und ganz besonders gelte das von einem Theologen, dessen Berns es sei, Gottes Wort zu oertiinben unb unter dem Volke christliche Lehre und christliches Leben zu erhalten. Wie steht es aber mit den politischen Zielen der Sozialdemokratie? Thron, Altar und Geld­sack, diese irdische Dreieinigkeit müsse vernichtet werden. Der Christ sei aber als solcher verpflichtet, seiner Obrigkeit zu ge­horchen. da jede Ordnung von Gott komme, während die Sozial­demokraten nach den Ausiprüchen ihrer Gründer an die Gewalt oppelliren, um die ihr mißliebige Weltordnung umzustoßen. Als Beleg könne auch die Herrschaft der Kommune in Paris dienen. In wirthschaftlicher Hinsicht verlangten die Sozialisten Abschaf­fung des Privateigenthnms, der Staat solle alleiniger Besitzer sein. Der Gedanke sei zwar großartig, aber großartig dumm. In kräftigen, markanten Zügen wußte Redner die Unmöglichkeit deS sozialistischen Ideals zu zeigen. Dann geißelte derselbe mit scharfen Worten das Streben bet Partei, den Klaffenhaß zu schüren anstatt das Elend deS Volkes zu lindern, Haß zu predigen statt Liebe und Versöhnung. ES sei die Aufgabe aller rechtlich denkenden Menschen, die Schäden der heuttgen Gesellschafts-Ord­nung auf gesetzlichem Wege zu Skseitigen, aber nicht durch Zer­trümmerung alles Bestehenden. Das könne aber nur geschehen auf dem Boden des Cbristenthums. Die Wege der Liebe müßten eingefcblogen werden, damit es gelinge, die große Kluft zwischen den besitzenden und arbeitenden Klassen zu überbrücken. Lang andauernder Beifall folgte den beredten Ausführungen deS Red­ners. Nachdem noch Herr Baltes auS Huttrop in einigen treffenden Sorten die Ziele der Sozialdemokratie beleuchtet und die christlichen Arbeiter aufgefoibert hatte, sich ben christlichen Vereinen anzuschließen, bestieg Herr Kaplan Hellings aus Werben die Rebnerbühne, von den Anwesenben lebhaft begrüßt. Redner glaubte konstatiren zu können, baß bet Kamps gegen Christenthum unb Kirche überhaupt einer der Hauptziele der sozialdemokratischen Partei sei, es fei Lüge und Betrug, wenn das Programm derselben die Religion als Privatsache erkläre; das beweise daS thatsächliche Vorgehen derselben. Allerdings gebe es Arbeitgeber, welche ihre Untergebenen bedrückten und ver­langten, daß dieselben sich ihren Ansichten und Launen fügten. Auch heute verlange das Christenthum von Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Befolgung der zehn Gebote. Die Sozialdemo­kratie solle aber durch Thaten beweisen, daß sie fähig wäre, das Wohl der Arbeiter zu fördern. Wenn Jemand ihr beitrete ans Unzufriedenheit, wie könne er denn dort sein Glück finden, wo seine Unzusriedeuhett zum Haß entflammt würde. Der häusliche Friede, ein schönes, glückliches Berhältniß zwischen Mann unb Frau, ein christliche» Familienleben sei geeignet, den Arbeiter mit seinem harten Loose auszusöhnen. Alle sollten deshalb auf

Selbstmordmanie, welche unter den Bewohnern deS gelben FluffeS herrfcht, wundern? Darf kS erstaun«, daß Mord u. Todtf chlag dort keineswegs seltene Verbrechen sind, dessen Opfer der Fluß unter seinen Fluthen mit­leidig verbirgt.

Währmd einer dunkeln Nacht stand,ch am User dieser großartigm Waste, stroße. Dschunken, mit Kauf- mannSwaaren beladm, kreuzten sich und ich betrachtete die Reflex-, welche die SchiffSlaternm der verschiedenstm Farben in dem mächtigen Flvste hervorriesm. Ich hielt bei dieser Selegwheit eine Betrachtung, welche sich mit thatiächlich auszwang.

DaS also ist deraus seineU-berlegenheit so stolzeChmefe. In seinem Stolze nennt er sein Land sogar daS „himm­lische Reich" und sein Herrscher wagt es, den Titel „Sohn der Himmels" zu führen! Keine Nation zwar kann ihre Geschichte auf viertausend Jahre zurücksühren, wie dieser Staat. Seine Einrichtungen find da» Werk der Erfahrung von Jahrtausmden.

Der Kaiser nennt sich auch „Vater semeS Volkes , deswegen wahrscheinlich, weil die Familie, auf der Ach­tung der Kinder vor dm Eltern beruhmd, dort die einzige Grundlage ist, aus welcher sich eine gesunde Gesellschaft aufbauen sollte.

Der Unterricht ist dort Jedermann zugänglich und strenge Examina regeln daS Emporsteigm in der Kate- gorie der Beamtm, derer. Autorität strenge gewahrt und geschützt ist.

bem Boden des Christenthums verbleiben, ba8 schon nahezu 2000 Jahre feine Kraft bewährt habe.

Es meldete sich nun zum Wort Herr Thörner, ber vom sozialdemokratischen Stanbpunkte ans Einiges zu widerlegen suchte. Redner wollte auf dem Boden deS Christenthums verharren und den Ansichten feiner Parteiführer nur so weit folgen, als sie im Parlament vorgebracht würden Um deren persönliche Ansichten kümmere er sich nicht. Das Christenthum, besonders die katho­lische Kirche, rede den Reichen, den Kapitalisten in's Sewiffeu, aber nicht in dem Maße, wie sie sollte. Es gebe keinen Sozial- demokraten, wenn die Lehren der Kirche befolgt würden. ®» war Herrn Rektor Drießen ein LeichteS, die Behauptungen be» Herrn Thörner zurückzuweisen. ES sprachen noch zwei anbere Herren, bie früher ber sozialdemokratischen Partei angehörend, sich aber von derselben loSgesagt hatten und in feurigen beredten Worten die christlichen Arbeiter aufforderten, sich zusamwenzu- schließen zum Kampfe gegen diesen Feind, um ihm den »oben unter ben Füßen wegzuziehen. Mit einem begeistert aufgenom­menen Hoch auf Papst unb Kaiser schloß ber hochw. Herr Rektor Drießen gegen l*/< Uhr bie Versammlung.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mäiy.

* Der Kaiser wohnte gestern dem vom Fmauz- minister Miguel gegeben«Diner bei. VonMinistem waren die Herren Thiel«, Frhr. v. Berlepsch, v. Heydm-Ladow und Dr. Boffe anwesend. Der Mim- sterpräfidmt Graf Eulenburg, der bei fich selbst em Diner veranstaltet hatte, erschien erst einige Zeit später. Bon Parlamentariern waren u.A. anwesend die Herr« v. Bennigsen, Hobrecht, Frhr. v. Eiffa, Frhr. v.Buol, Frhr. v. Stumm, ferner der Landerdirektor der Provmz Hannover Frhr. v. Hammerstein, der Konsul H. Meier auS Bremen. Der Kaiser, welcher um 7 Uhr erschien und bis um 11 Uhr im Ministerhotel verweist-, war außerordentlich guter Laune. Wiederholt gab er seiner Genugthuung darüber Ausdruck, daß der deutsch-rusfi« sche Handelsvertrag mit großer Mehrheit angenommen worden sei. Ein längeres Gespräch drehte fich um den Mittelland-Kanal; an der Hand mitgebrachter Kart« zeigte der Kaiser die Durchführbarkeit und hohe Bedeu­tung dieses Kanals. Konsul Hr. H. Meier hob hier­bei hervor, daß er bereits vor 25 Jahren mit dem jetzigen Finanzminister die Durchführbarkeit dieses Kanals erörtert habe. — Der Kaiser wird morgen (Freitag) einer Einladung des Reichskanzlers v. Caprivi zum Diner entsprechen. G

* In den Tagen vom 8. bt8 11. April 1894 fin­det die Abhaltung d-S deutsche« Innung«- und allgemeine« HaudwerkertageS in den Sälen de» GcwerkShauseS der „Germania - Bäcker • Innung" m Berlin R, Chauffeestrahe 103, statt. Den einzige« Gegenstand der Tagesordnung bildet die Stellungnahme zu den Vorschlägen des HandelSministerS Frhrn. von Berlepsch, betr. die Organisation deS Handwerks und die Regelung deS LehrlingSwesenS, sowie Beschlußsas- suna über Gegenvorschläge.

• Die Veröffentlichung der deutsch.franzöfische« Vertrages über daS Hinterland von Kamern« steht in den nächst« Tagen bevor.

♦ Der Reichstag führte gestern die 2. Berathuug des ReichShaurhastSetatS sür 1894/95 zu Ende. Die

Nach einem alten Erfahrung satze find aber die strengen Gesetze wirkungslos wenn deren »efolgtmg nicht durch die Sitten und Sittlichkeit unterstützt wird. Der Chinese ist aber in vollständigen Materialismus versunken, er besitzt keine höheren Ideen, und dich» BolkSübel erstickt alle guten Keime im Entstehen. Seme drei Rationalregionen find leere Formen ohne Inhalt, welche das blanke Nichts bedecken imb kein bessere» GesÄhl erwecken.

Unfähig sich in Regionen zu erheben, wo sich Herz und Verstand' gegenseitig ergänzen und Blüthen der christlichen Civilisation treiben, huldigt der Chinese lediglich den Eingebungen seiner thierischen Neigung und Lüsternheit. „

Alle Armier find kotz der strengen Gesetze käuflich und Wiffen sowohl al» Arbeit dienen nur dem einzig« Zwecke, Geld zu verdienen. Die Beamt« bieten für Geld alle» seil, über wa» fie zu verfüg« haben: Gerechtig­keit, Geldstraf«, Gefängniß, Zuwendung von Arbeit«. Die große Menge unbeschäftigter Gelehrter liefert d« Rekuten für die geheimen Gesellschaften, welche ein« Staat im Staate bilden und großen Einfluß besitz«. In den Kreis« de» Volke» find alle Laster verbreitet; daS Spiel, Opium und Trunksucht; unersättliche Uu- fittlichkeit, welche dm westlichen Völkern vor viel« Jahrhunderten in Erfindung«, Industrie und Handel überlegen waren, heute in allen diesen Ding« wert zurückgeblieben sind. Die Frauen sind verachtet und