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57 Sonntag, den 11. März 1894. 21. Jahrgang

in's

Mit eisigem Schweigen nahm ich die Huldigung der von einem bösen Geiste besessenen Weiber auf.

„Diejenigen, welche ich hasse," fuhr Eudvxia fort, „werden von ihm jedeSmal niedergeschmettert. Deine Feinde sind auch die meinigen. Sie werden mir nicht entrinnen." ,

„Ich hasse Niemanden," erwiderte ich endlich; „ich hatte nur die Absicht, der Gefangenschaft zu entfliehen, nicht mich an meinen Feinden zu rächen."

Sie blickte mich mit ihren vor innerer Erregung düster glühenden Augen durchdringend an, wie wenn sie in meinem Innern lesen wollte. Dieser Blick ver­ursachte mir eine gewisse unheimliche Furcht.

„DaS srtzte ich nicht voraus," sagte sie.

Durch meine Aeußerung schien ich in ihrer Werth« schätzung sehr gesunken zu sein. Wir ritten schweigend über den harten Boden der Wüste dahin.

„Ist diese Frau Deine Gattin?" frug Eudrxra endlich, auf Helena zeigend, welche in Gedanken ver­sunken, einige Schritte hinter mir ritt.

„Nein, eS ist eine Jugendsreundin."

Die Züge EudoxiaS verriethen beim" Anblick der unglücklichen Helena den Ausdruck von Haß und Ver­achtung. Bei dieser Beobachtung wurde ich in meiner Vorahnung über die schlimmen Folgen, welche der Eintritt unserer neuen Reisegefährtin in unsere Gesell­schaft unS bringen mußte, noch mehr bestärkt.

Die Wüste erwieS sich, je tiefer wir eindrangen, desto wilder und unwirthlicher. Mit Recht nannten sie die Asiaten die Steinwüsts (Gobi). Stellenweise glich sie mit ihrem Geschiebe von großen und kleinen Felsentrümmern dem Meeresgründe. Unsere Pferde litten sehr unter dem Marsche durch diese rauhen Steine, mit welchen der Boden förmlich besäet war. Hier und da stießen wir auf kleine See'n, welche durch das Regenwasser sich gebildet hatten.

Vegetation war wenig vorhanden. Wir erblickten nur spärlich stehendes Queckengras, mageres Haidekraut und einige Steinbrecharten mit rosafarbenen Blüthen. Der Sand, in welchem diese kümmerlich aursehenden Pflanzen Wurzel geschlagen hatten, diente Ratten und giftigen behaarten Taranteln von abscheulichem Anblick als Aufenthalt. Im Frühjahr finden sich in dem vom Regen ausgewaschenen Gesteine die mit Trinkwasser gefüllten Lachen häufig. Wir befanden uriS aber im Sommer, in welchem die tropische Hitze viele dieser von der Natur dargebotenen Wasserbehälter auszu­trocknen pflegt.

Von Zeit zu Zeit bemerkten wir kleine Rudel wilder Pferde, welche bei unserer Annäherung davon galrp- parten und deren Gewieher unsere Pferde beantworteten. Hier und da tauchte auch vor unseren Blicken eine in der Ferne dahinziehende Karawane auf, oder wir er­blickten einen Trupp der die Wüste durchkreuzenden Nomaden, welche auf ihren kleinen, aber ausdauernden und schnellen Pferden dahin sprengten und täglich ganz riesige Entfernungen zurücklegen können.

Der östliche Theil der Wüste Gobi ist der am wenigsten ausgedehnte und am wenigsten gefährliche; das Leben in derfelben ist nicht unmöglich, wenn auch von schrecklichen Entbehrungen und Anstrengungen be- gleitet. Wir hatten nicht nur an Hunger und Durst zu leiden, sondern auch unter den Tückm deS Tempe­ratur Wechsels. NachtS war eS empfindlich kalt, so daß wir vor Frost schlotterten und deS Mittags hatten wir eine tropische Hitze ouszuhalten. Wir trafen auf un- , serem Wege zahlreiche Leichname von Nomaden, welche

Dach Sibirien verbannt.

Bon Louis Collar. Mit Genehmigung des Verfassers Deutsche übertragen von PH. Freidank.

(41. Fortsetzung.)

Viertel,ührSÄoÄ^. S

NachtS der eisigen Kälte unterlegen waren. Ein solches Klima muß die Gesundheit auch deS stärksten Mannes zu Grunde richten.

Wir Alle litten furchtbar bei der Durchquerung der Wüste und dadurch wurde die Moral und Disziplin eineSTHeileS meiner Gefährten, welche bisher über allen Zweifel erhaben waren, erschüttert. Ich vernahm Klagen und dumpfer Murmeln. Diese Symptome einer nahen Gefahr beunruhigte mich, besonders aber, als ich ent­deckte, daß Ladislaus, den ich früher meinen besten Freund nannte, Derjenige war, der durch Ohrenbläse- reien die Unzufriedenheit noch mehr schürte.

Schon lange'waren alle meine guten Meinungen für ihn durch seine 'brutale Selbstsucht verschwunden und dem Gefühle der Verachtung gewichen. Ich bemerkte auch seit einiger Zest, daß er eifersüchtig auf meine Stellung als Führer war und daß er es unwillig er­trug, sich meinen Anordnungen fügen zu sollen; ebenso war er darüber erbittert, daß ich daS schreiende Un- recht kannte, welcher er Helena zugefügt hatte. Diese letztere Thatsache schien er mir besonders nachzutragen.

Bei der Zerfahrenheit seiner Charakters und seinem bösen Gewissen mußte eS einem energischen Willen sehr leicht sein, auf LadirlauS den unheilvollsten Einfluß zu gewinnen. Eudoxia Jvavowna hatte ihn bald durch­schaut und, als sich von mir abgewiesen sah, LadislavS die nöthigen Avancen gemacht. Ihr Stolz forderte für meine Zurücksetzung Rache und außerdem machte es ihr Spaß, eine vermeintliche Nebenbuhlerin zu demüthigen. Gab eS da einen besseren Plan, als den Gemahl Helena'S in ihre Netze zu ziehen?

Der Erfolg war nur zu sicher und es bedurfte keiner großen Aufwandes von Geschicklichkeit und Koket­terie, um zu siegen. Die schmerzlichen Prüfungen, welche Helena hatte durchmachen müssen, hatten sie vor­zeitig altern lassen. Ihre Züge waren welk und ihr Haar begann bereits zu bleichen. Ihr Antlitz trug die Spuren tiefen Kummers und selbst ihr Lächeln war von bitterer Schwermuth. Der G danke, daß Helena durch seine Schuld frühzeitig verblüht war, schien Ladis­laus mit Abneigung gegen seine Frau zu erfüllen, aus welcher er in Wort und Blick kem Hehl machte.

Ihre Ergebung in den göttliche Willen rührte ihn nicht; ich allein empfand Mitleid mit ihrem Kummer, allein sie verhielt sich dagegen ablehnend, indem sie sich heiter und zufrieden stellte. Mußte sie ja ihren Gatten anklagen, wenn sie mir ihr Leid vertrauen wollte. Sie trug daher lieber still und gelassen ihr Unglück weiter.

"Die feige Schwäche Ladislaus und die Bosheit Der­jenigen, deren Spielball er geworden, empörten mich, um so mehr, als dar unwürdige Weib ihre Herrschaft über meinen Jugendfreund vor Aller Augen offen kund zu thun liebte. Eines Tages klagte sie bei Ladislaus über Durst. Ladislaus jagte im Sonnenbrand nach einem ziemlich weit entfernten, in der Sonne glitzernden Wafferloche und kam dann mit einer mit dem kostbaren Raffe gefüllten Feldflasche herangesprengt, die er der jungen Frau anbot. Sie trank langsam aus dem Ge­fäße, betrachtete Helena spöttisch und schüttete den Rest, den sie nicht mehr trinken mochte, auf die Erde. Ich konnte meine Entrüstung über diese Frechheit nicht unter- drücken.

„LadiSlauS," sagte ich zu meinem alten Freunde, „Du hättest überlegen sollen, daß Deine Frau gewiß ebenso vom Durste gequält ist, Du hättest ihr deshalb zuerst Deine Sorge widmen müssen."

„DaS geht mich allein an," antwortete er trotzig, „habe ich Rechenschaft von Dir über Deine Liebe zur Tochter des Generals Aproxin verlangt?"

Eudvxia ermunterte ihn durch ihre Blicke zu wei­terem Widerstand, so daß ich auf dem Punkte stand, inZorneSworte auszubrechen. Ich beherrschte mich aber sofort; doch nahm ich mir vor, diese geflissentliche Gegnerschaft unter allen Umständen zu brechen, denn sonst konnte ich meine Autorität nicht mehr aufrecht erhalten. Diese Gelegenheit bot sich bald.

Wir hatten daS Ende der Stein- und Sandwüst« erreicht, wir trafen reichlicheres Wasser an und der Pflavzenwuchr wurde üppiger, besonders als wir an die Avhänge der Berge von Juchhan und Kinghan, nahe der Grenze des himmlischen Reiches, gelangten. Wir waren entzückt, als unsere Blicke auf dem smaragd­grünen Teppich ruhten, welcher die weiten Ebene der Mongolei bedeckte.

Unsere sehr erschöpften Pferde sanken -bis an den Bauch in den fetten Weiden ein und thaten sich nach langer Entbehrung gütlich an ben saftigen Kräutern. Federwild zeigte sich in Hülle und Fülle, und er war

so zutraulich, daß eS beinahe grausam erschien, dessen Vertrauen durch seine Erlegung zu mißbrauchen. Allein die harte Nothwendigkeit verbannte dieser Gefühl deS EdelmutheS.

Zwei Tage nach unserer Ankunft in diesem von Gott so reich gesegneten Lande lagerten wir unS im Schatten großer Bäume. Richt weit von unserem Lager befand sich ein von einem Kranz hohen RobreS umgebener kleiner Teich mit Hellem klarem Wasser. Derselbe diente einer wahren Mufierkarte aller Thiere der Gegend zum Stelldichein. Man erblickte vom Geschlechte der Vögel alle nur vorkommenden Arten in allen Farben der RegenbogenS und allen Größen; auch Antilopen und Damhirsche kamen zur Tränke. Man hatte in der That nicht übertrieben, als man unS die Schönheiten dieser Gegend rühmte.

Da ich die Gefahr erkannte, welche nnS erwuchs, wenn wir uns zerstreuten, hatte ich meinen Gefährten verboten sich vom Lager zu entfernen. LadiSlauS ver­anlaßte nichtsdestoweniger einige derselben, mit ihm in der Richtung des Sees hin einen Ausflug zu machen. Sie kamen aber schleunigst zurück, denn beim Beginne der Jagd wurden sie von nomadisirenden Mongolen, welche hinter dem Rohre verborgen waren, angegriffen und einer der Unfolgsamen wurde ver­wundet. . ,

Sofort ließ ich die ganze Mannschaft unserer Expe­dition antreten und LadiSlauS vor mich rufen. Als er erschien, sagte ich zu ihm:

„LadiSlauS Pokoski, Sie haben meinem Befehle zuwider gehandelt und der Autorität getrotzt, mit welcher ich durch daS Vertrauen unserer Genossen be­ehrt bin. So lange ich Ihr Chef bin, werde ich dieses nicht dulden." , u

Er wollte antworten, doch unterbrach ich seine Rede rücksichtslos und fuhr mit ernster Stimme fort:

„Schweigen Sie so lange, bis ich Ihnen zu reden gestatte. Sie haben zu hören, was ich Ihnen sage. Wenn meine Befehle fernerhin mißachtet werden, so muß ich die Kameraden bitten, mich der Stellung zu entheben, mit welcher sie mich bü Beginn unserer Expedition beehrt haben."

Platoff, Bramil und die überaus große Mehrheit jubelten mir bei diesen Worten zu, versicherten mich ihrer Ergebenheit und Hochachtung und sagten, daß ich allein geeignet sei, daS glücklich begonnene Unternehmen zu Ende zu führen.

„Sie hören also, LadiSlauS Pokoski", sagte ich nach einer Pause, „daß ich das Vertrauen aller unserer Ge­nossin besitze und deren Autorität in meiner Person verkörpere. Sie werden sich derselben unweigerlich fernerhin unterwerfen oder von unserer Gesellschaft ausgeschlossen werden."

Meine Stimme hatte bei diesen Worten einen ge- bieterischen, niederschmetternden Ton angenommen, denn ich gedachte dadurch ein für alle Mal jeden Widerstand zu brechen.

Bleichen Antlitzes und stumm vor tiefer Bestürzung schäumte er wie ein störrisches Pferd in die Zügel, fraß aber diese Demüthigung, welche ihm widerfuhr, wortlos in sich hinein.

Eudvxia warf mir Blicke des tiefsten HaffeS zu, während meine Getreuen mich durch Zurufe in meiner Haltung bestärkten. Helena aber blieb stumm und traurig. Ihre Blicke schienen mich um Milde zu bitten und unter der Lektion, welche dem Stolze ihres Gemahls ertheilt worden, schien sie schwer zu leiden.

(Forts, folgt.)

Vermischtes.

* Statistik der „Sitzeugrbliebknen." Wenn man das heirathsfähige Alter der Frauen von 17 bis 50 Jahren rechnet, so sind nach der letzten Volkszählung in Preußen 10,344,000 heiratsfähige Frauen vorhanden. Nimmt man dem gegenüber bei den stark verschobenen Verhältnissen unseres Erwerbslebens das heirathsfähige Alter der Männer vom 25. bis 70. Jahre an (statt richtiger vom 20. bis 60.), so sind 9,924,000 Männer im heiratsfähigen Alter vorhanden, also ein lieberschuß von ' nur 420,000 heiratsfähigen Frauen, die unverheiratet bleiben würden, auch wenn alle Männer heiratheten. In Wirklichkeit waren aber für die genannte Altersgrenze 4,080,000 Frauen unverheirathet. Von sämmtlichen ehemündigen Frauen — d. h. über 16 Jahren — in Preußen sind rund 40 vom Hundert unverheirathet — Schreckliches Loos!

* Wie viel Bier trinkt man in Deutschland? Die braven Deutschen tranken im vergangenen Jahre 5456 Millionen Liter Bier. Das sind auf jeden Kopf 107 Liter. Am trunksüchtigsten waren die Bayern, sie tranken jede Person 227 Liter, während ein jeder Badener sich mit 103 Litern, ein Elsaß-Lotdringer stch schon mit 60 Litern begnügte. Wenn von jedem Liter nur em Pfennig zu einem guten Zwecke geopfert worden wäre, so wären b4'/, Millionen Mark zusammengekommen.

Bald mutz der Frühling kommen!

Ich grüße dich o Sonnenlicht In deinem milden Schein! Zwar führst du noch den Frühling nicht Mit voller Pracht herein.

Doch sprichst du süß zum Herzen mein, Hold lächelnd rings zur Erden: Geduld, bald soll es anders sem, Bald wird es schöner werden, —

Und fachest warm mein Hoffen an, Das winterlich verglommen;

Tie Lust erwacht, — es ist kein Wahn, - Bald muß ter Frühling kommen!Sek