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Sonntag, den 11. März 1894

21. Jahrgang

FiildllkrWZeitlliig

Deutsches Keich.

Berlin, 9. März.

* Am nächsten Dienstag gibt Finanzminister Miquel ein größeres Diner, wozu der Kaiser fein Erscheinen zugesagt hat.

• Herr Miquel läßt heute durch dar Depeschen- Bureau Herold verbreite», er stehe der Nachricht von seiner Amtsmüdigkeit vollständig fern; er denke nicht daran, selbst vor der schwierigsten Position zu desertiren, und fühle sich hinsichtlich feiner Gesundheit stark genug, die Aufgabe der Sanirung der Staats- finanzen durchzuführen. Herr Miquel erschien gestern auch im Reichstage und nahm für die Aufhebung des Identitätsnachweises daS Wort, obgleich diese gar nicht in Gefahr ist. Er hat sich offenbar vergaloppirt in seinem geheimen Feldzuge gegen den russischen Handelsvertrag und sucht nun den Anschluß wieder« zugewinnen. Daß nunmehr daS gute Berhältniß zwischen Miquel und Caprivi wiederhergestellt sei, ist nicht anzunehmen. Aber Herr Miquel sah sich selbst von seinen alten nationalliberalen Freunden verlassen, die ihn vor zwei Jahren wegen seiner Thätigkeit zum Sturze des Schulgesetzes gepriesen hatten, — der Kampf gegen den Handelsvertrag ist aussichtslos, und um nun nicht selbst unter die Räder zu kommen, schwingt Herr Miquel sich rasch auf den Bock. Ist der Ver­trag erst angenommen, dann wird der Vertrauens­mann der konservativen Caprivi-Stürmer den Wag« so zu lenken suchen, daß der Reichskanzler in den Graben fällt. Ja der That, Herr Miquel denkt nicht an den Rücktritt; eher träumt er von Beförderung. Wir halten nun zwar eine Miquel'sche Re chSkanzler- fchaft für ganz aussichtslos, aber warum sollte er selbst sich nicht berufen fühlen? Auf dem Kaiser - Esten des brandenburgischen Provinzial-LavdtageS soll er ja, wie man heute erfährt, auf dre Frage, was denn bei einer Ablehnung deS Handelsvertrags aus dem Reichs­kanzler werde, geantwortrt haben, auf diesen brauchten die Konservativ« doch keine Rücksicht zu nehmen. Hr. Miquel hat sich damit wohl selbst als Kandidaten vor­stellen wolle». Nachdem sein Feldzug diesmal miß­glückt ist, scheint er sich für daS Weitere auf seine Unentbehrlichkeit als Steuei sinder zu Verlusten. Wenn er und Graf Caprivi nickt mit einander auskommen können, so mutz Graf Caprivi dem Unentbehrlichen daS Feld räumen. DaS ist nach den offiziösen An­preisungen des Finanzkünstlers Miquel offenbar besten Gedankengang. Sann fei», daß ihm der Sturz Caprivis gelingt, aber ob ihm die „Sanirung" der Finanzen gelingt, erscheint sehr zweifelhaft. Nach glänzenden und raschen Erfolgen scheint auch Dr. Miquel jetzt au dem Punkte angelaugt zu sei», wo ihm nichts mehr gelingt. Seine ReichSsteuerreform ist ja ganz kläglich ins Wastrr gefallen. Jedenfalls daif man auf die Entwickelung der Dinge nach Erledigung des HandelS - Vertrages gespannt sei». DaS Duell Miquel - Caprivi wird dann erst ernst und interessant werden.

* Die zweite Berathung des deutsch-russische« Handelsvertrages wird morgen ihren Anfang nehmen. Die abwefenden Mitglieder sind hiervon tele» graphiich benachrichtigt worden.

• Frhr. v. Heeremau ist von den Folgen eines Unfalles wiederhergestellt. Er erschien heute im Reichs­tage und wurde von allen Seite« begrüßt.

* Der Reichstag nahm den Etat der Reichs­bahnen unter Erhöhung der Einnahmen ttm 3 Millionen gegen den Voranschlag der Regierungsvorlage an und erledigte ferner die Etats deS Reichsschatzamts und des Reichstags. Bom Marineetat waren die Forderung« für drei Schiffsneubauten: Ersatz Preußen, Ersatz Leipzig und Ersatz Falke zurückgestellt. Abg. Dr. Lieber empfahl als Referent der Kommission die Be- willigung der drei Schiffe. Staatssekretär v. Hollman» Kat in längerer Rede für die Bewilligung ein. Abg. Richter (ft. Bp.) bekämpfte die Forderungen mit Rück­sicht auf die Finanzlage und weil er in denselben Pläne erblickt, die auf eine Hochseeflotte abzielen. Da­gegen sprach ferner Abg. Böckel Namens der Avtife- miten, während die Abgg. Jobsen (al.) Dr. Bache« (Cent.), v. Kardorff (Reichkp.) und von Leipziger (kons.) dafür eintrateu, da eS sich um nothwendige Ersatzbauten handle. „Ersatz Preußen" wurde schließ­lich in Ramensabstimmung mit 134 gegen 94 Stimm« angmommen, „Ersatz Leipzig" dagegen mit 117 gegen 95 Stimmen abgelehnt. Bei der Abstimmung über „Ersatz Falke" ist daS HauS beschlußunfähig.

* Im Herreuhaufe wurde heute der Gesetzentwurf, bett, das Pfandrecht a» Privateifenbahnen und Klein­bahn« und die ZwangSvollstreckmg in dieselb« an die durch drei Mitglieder der Eisenbahnkommission ver­stärkte Justizkommisfion vttwies«. Die Gesetzentwürfe, bett, die Abänderung von Amtsgerichts-Bezirken und bett. Errichtung eines Amtsgerichtes in der Stadt RouS- dorf, wurden angenommen. Eine Petition des hanno­verschen Städtevereins um Erlaß einer neuen Spar­kassengesetzes wurde der Regierung zur Erwägung, eine Petition der westfäliscken Städtetsges um Erlaß eines Gesetzes, welches eine Nutzbarmachung neuer Apotheken- Konzessionen für die Gemeinden ermöglicht, wird der Regierung als Material zur anderweit« gesetzlich« Regelung deS Apotheken-KonzessionSwesevS zugewiesm. Eine Petition deS Buchhändlers Gorksch in Liegnitz um staatliche Prüfung der jüdischen Geheimgesetze wurde ohne Diskussion als zur Berathung im Plenum un­geeignet erachtet. Nächste Sitzung Donnerstag: Novelle zur evangelische» Kirchkvverfassung und Synodalordnung.

* Das Abgeordnetenhaus setzte die Berathung der Kultusetats beim Kapitel höhere Lehranstalten fort. In der Debatte wurde Klage darüber geführt, daß i» dm Vorschulen der Berliner Gymnasien katholisch-- konfessionellen Unterricht nicht ertheilt werde. ES wurde ferner rege Förderung der Bewegungsspiele empfohlen. Auch wurde Einführung deS fakultativ« Unterrichts in der polnischen und russisch« Sprache an de« oberschlesischen Gymnasim befürwortet. Eine längere Auseinandersetzung veranlaßten die Verhältnisse bet höheren Schulen in Bochum, in deren Neuregelung seitens des Centrums eine Verletzung der Parität er­blickt wurde. Auch beim Kapitel Elementarschulwes« wurden seitens des CmtrumS Beschwerden über Imparität erhob«. Bon derselben Seite wurde gewünscht, daß die Kinder bereit» vor vollendetem 14. Jahre auS der Schule entlasten werden können, wem der geistliche Schulinspektor ihnen daS Zeugniß der Reife gebe. Minister Dr. Bosse erwiderte, daß die» nach gerichtlich« Entscheidungen nicht zulässig sei. Weiterberathung morgen.

* Die nächste Sitzung der Silber-Kommission ist auf den 12. März anberaumt.

* Zur Militär-Strafprozeß-Ordnung th-ilt die ,Köln. Ztg/ mit, daß inzwischen tm preußischen Kriegs­ministerium ein dritter Entwurf fertig gestellt Word« ist, der eb« erst beginnt, die wichtigsten Zwischenstufe» zu durchlaufen.

* Das Direktorium der Deutschen Landwirth« fchaftSgefellfchaft erläßt folgende Mittheilung: „Nach­dem der Anmelvetermin für die Berliner Wanderaus­stellung der Deutschen LandwirthschaftSgesellschast, welche im Juni d. I. im Treptower Par! stattfindet, mit dem 28. Februar geschlostm ist, läßt eS sich überseh«, daß die Voraussetzungen, welche man in Bezug auf den Umfang der Schau hatte, gerechtfertigt wär«. SS wird die Berliner Ausstellung voraussichtlich die größte werden, welche die Deutsche LandvitthschaftSgeskllschast

Hüterin und berufene Auslegerin sie ist. So hat sie von jeher schon eS sich angelegen sein last«, dessen Autorität unangetastet zu bewahr«, die beste» Mittel zu seiner Bertherdigung auszuwählen und seine unschätz­baren Früchte zu vermitteln und zu vermehren. Wir sind deshalb der Güte des Hemm dankbar, daß Wir, mit ©einet Gnade, das Werkzeug geworden sind, diese Aufgabe weiter zu erfüllen; aber Lob und Ehre dafür gebührt allein Gott und seiner Kirche. Wir flehen ihn inbrünstig cm, er möge diesen köstlichen, auch in unseren Tagen von der katholisch« Kirche ausgestreuten Sam«, der schon, Ihm sei Dank, überall glücklich Wurzel faßt, mehr und mehr zum allgemeinen Heile fruchtbar werden lassen.

Wir danken dem hl. Kollegium für feine liebevollen Glückwünsche und erwidern dieselben aus dem Gmnde Unseres Herzens, indem Wir die Fülle der göttlichen Gnaden auf dasselbe, seine Bischöfe, Prälaten und alle hier Anwesenden herabfleh« und Allen väterlich dm Apostolischen Segen ertheilm." z | MMW

Außer den Mitgliedern des hl. Kollegium wohnten dieser Audienz auch zahlreiche Erzbischöfe und Bischöfe, die verfchiedeven Schulen der römisch« Prälatur, sowie eine große Anzahl von Geistlichen und Laim des Päpstlichen Hofes bei, benen ebenfalls bie Ehre zu Theil würbe, Sr. Heiligkeit ihre ehrfurchtsvollen Glück­wünsche widmm zu bürfrn.

Ansprache des hl. Vaters an feinem Geburts- und Kröuuugsftste.

Rom, 2. März.

Hmte Morgen begaben bie Kardinäle sich noch dem Vatikan, um dem hl. Vater zu der doppelten Gedenk« feiet seines Geburts« und KrönungSfesteS ihre ehrfurckts- vollen Glückwünsche datzubtingen. Der Papst empfing sie im Thronsaale, umgeben von seinem Hofe. Kardinal Monaco la Valletta, der Dekan der heiligen Kolle­giums verlas die feierliche Ansprache. Dieselbe hebt vor Allem ben hohen Rudm hervor, beit Leo XIII. durch die Förderung aller Zweige der Wiffenschaft, der geistlichen wie der profanm, der gelehrtm, literarisch«, philosophisch«, geschichtlichen rc. Studien während seiner nunmehr 16jährigen Pontifikats sich erworben hat. Die kräftige Entwickelung, die auf Veranlassung deS regieren» dm Papstes besonders auch daS biblische Studium er­reicht hat, wie eS in der jüngsten Encyklika des hl. BatnS geregelt worden ist, sei nicht der am wmigsten glänzende der kostbaren Edelsteine, welche die päpstliche Krone Leo's XIH. schmücken.

Der hl Vater beantwortete die Adresse mit nach­stehender Ansprache:

„Richt ohne Zagen, der schweren Last deS Amtes mehr als je Uns bewußt, würdm Wir abermals ein Jahr Unseres Ponttfikats zu Ende gehm sehen, wenn nicht Unser Gemüth in dem Gedanken an dm barm« herzig« Beistand deSjenigm, in dessen Namen Wir die Kirche regieren, Trost nnd Stärkung fände. Am Nieder- gange Unseres Lebens angelangt, fahrm Wir dmnoch, so rüstig als Usfere Kräfte es gestatten, fort, an den großm Interessen der Kirche zu arbeitm, bis zu dem letzten ber Tage, welche Uns zu gewähr« Gott ge­fall« wirb.

Die Hanblungm, welche Sie, Herr Karbinal, her­vorgehoben haben, stud nicht fowohl Unser, als viel­mehr das Werk der Kirche, Kundgebungen ihrer über­natürlichen, unerschöpflich rüstig« und für alle wohl- thätig« Kraft. — Es gibt indeffen Zeiiperioden, wo, wie in der gegenwärtigen, ihre EtneuerungSarbett ganz besonders lebhaft ersehnt, überaus zeitgemäß und wünschenSwerth und von Allen, denen die öffentliche Wohlfahrt wahrhaft am Herz« liegt, willkommen ge- heiß« wird. Leider sind in der hmtigm Generation die Begriffe der Ehre und deS Rechtes, der Autorität und der Freiheit, der BUdung und des Fortschritts, der sittlichen und religiös« Gefühls, der sozialen Pflichten und Rechte in beklagenSwerther Weise ver­kehrt, wmn nicht ganz verwischt; die unsäglich traurigen Folgen hiervon machen sich im Gange der Thatsachm geltend. — Hier nun ist eS die Kirche, welche, von Mitleid für die irregeleiteten Völker ergriff«, dieselben dringend zum christlichen Gedanken und zum christlichen Leben zarückcuft, und deren unveränderliche Prinzipien des Glaubens, ber Moral, der Gerechtigkeit alle bie Heilmittel darbtet«, welche ben Umständen am besten mtsprechm. Sie zeigt die wahren Ursachen so vieler Jrrthümer und so vielen Unglücks, zieht den Schleier von dm perfidm Absichten der freimaurerischen Geheim- bünde, widmet sich unttwüdlich der Emeuerung der Geister und Herzen. Sie bringt bie uothwmdig« Ein­richtungen mit ben Forderungen bet Wahrheit und bet Gerechtigkeit in Uebereinstimmung, flößt ben Familien christlichen Geist, den Ständen den Geist der Billigkeit und wechselseitigen EntgegmkommenS, dm Gesetzgebern und Regierend« Rechtschaffmheit, den Völkern Pflicht­gefühl und Gehorsam ein, all« das Streben nach jenem Frieden, der von Gott kommt.

Hierauf aber beschränkt die Kirche sich nicht; immer dasselbe Ziel im Auge, sucht sie die Studien auf die Höhe der christlichen Wiffenschaft, bet ruhmvollen Er­zieherin ber höchst« Intelligenz«, zu erheb«; jme Höhe, beten Glanz u«b Werth die Pflege ber Ge­schichte, bet Wissenschaft« und Künste vermehrt. — Zum groß« Theile sind bie Schätze dieser Wissen­schaften in ben heiligen Schriften niebergelegt; mit vollem Rechte haben darum Sie, Herr Kardinal, die biblischen Disziplin« hervorgehob«. I« der That könnte die Kirche inmittm der lebhaft« Bewegung neuer, wenn auch empfehlenSwerther Studien, inmitten ‘ der oft unüberlegten Tendenz nach Neuheit der Meinung mit der höchst« Sorgfalt nicht ein treten für das geheiligte, ■ auf göttliche Inspiration entstandene Buch, deffea '

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