Einzelbild herunterladen
 

Freitag, den 9. März 1894. 21. Jahrgang

»ldlierMZeitllng

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Anarchie in allen Gestalten.

Eine ganze Reihe von Hochverraths- und Anarchisten- Prozessen ist in dm letzten Wochen zu Ende geführt worden, welche bei aller Verschiedenheit der dabei in Betracht genommenen Verhältnisse und Persönlichkeiten doch darin Ueberetnstimmung zeigten, daß es sich um den gewaltsamen Umsturz der staatlichen und gesell­schaftlichen Ordnung handelte und daß Diejenigen, welche einer so schweren Deliktes bezichtigt und über­wiesen wurden, nicht einmal das Inten sie erwecken konnten, welcher man in manchm Kreisen selbst dem Verbrechen entgegenzubringen pflegt, sondern nur de« Ekel erregten, den die geistige und moralische Ver­kommenheit immer hervorbringt. Man hat in früheren Seiten innerhalb gewisser Parteien die Auflehnung gegen die Autoritäten, wenn sich ein Zug von Kühn­heit und Opfermuth dabei geltend machte, mit einer Art Ruhm umgeben. Mancher als Großthat ge­priesen selbst wenn eS sich nicht nur um die Thaten eines Räubers handelte. Wir erinnern daran, weil hier der Anfang der Vergiftung gerade der untersten Schichten der Bevölkerung durch eine gefährliche Lektüre zu suchen ist. In allen Fällen, von welchen wir heute ganz im Allgemeinen sprechen, ist aber die Berurtheilung der Missethaten allgemein gewesen, nicht nur weil die vollbrachte« oder versuchten Frevel jeder Gefühl em­pörte«, sondern weil sich zu der Frechheit der Attentate auch die Feigheit gesellte und weil die ganze Gesell­schaft und jedes einzelne Mitglied derfelben sich durch die entdeckten Anschläge bedroht sühlte.

In geistreicher und treffender Weise hat Staats­anwalt Hawlath in dem in Wern zu Ende geführten Anarchistenprozeffe den Anarchismus, der gegenwärtig seinen Zug durch die meisten Länder Europas hält, mit einer Seuche verglichen und die Nothwendigkeit betont, der Ausbreitung dieser Seuche nicht nur durch eine energische Kur, sondern auch durch eine ent­sprechende Berlengnung entgegenzuwirken. Die Kur richtet sich in erster Linie gegen die ekelhaften Beulen, welche an verschiedenen Orten zum Ausbruche gekom­men sind und besteht in der strengen Anwendung der bestehenden Gesetze auf die einzelnen Fälle. Wir sehen, wie überall dort, wo man sonst zur größten Milde gegen den Verbrecher geneigt war, in alle« Kreisen o r Bevölkerung jetzt die größte Strenge ver­langt wird, so oft es sich um die Bestrafung anar­chistischer Vergehen handelt, wie man die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen kaum für ausreichend hält, um der äußersten Gefährdung vorzubeugen. Als be­zeichnend für die Stimmung, die da um sich gegriffen hat, mag es gelten, daß man entrhrende körper­liche Strafen für die Anarchisten in Vorschlag brachte, die zeitweise öffentliche Auspeitschung derselben für zweckmäßig hält, um ihren Größenwahn zu dämpf n und abschreckend in der untersten Schichte zu wirken.

Man sieht, es ist eine starke Reaktion gegen die Wehleidigkeit und Humanitätsduselei eingetreten,

Aach Sibirien verbannt.

Bon Louis Colla». Mit Genehmigung des Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.

(39. Fortsetzung.)

Ich hatte nur einige geringfügige Verletzungen davon getragen, gleichermaßen Platvff, so daß wir den Sieg Uder den Tiger recht billig erkauft hatten.

Der zweite Tiger konnte nicht weit fein. Platvff und ich begaben uns daher auf deffen Verfolgung, welche durch Spuren aller Art sehr erleichtert war. Endlich entdeckten wir ihn. Er schien nicht übkl Lust zu haben, sich durch die Flucht zu retten, doch ent­schloß er sich anders. Er blickte uns, seine Flanken mit dem Schweife peitschend, mit seinen funkenfplühenden, tückischen Augen an und schien unser« Angriff in aller Ruhe und mit voller Ueberlegung zu erwarten. Mit aller Ruhe wachten wir uns schußfertig, denn wir wußten, daß wir verloren waren, wenn wir fehlten. Platvff zielte auf das Schulterblatt, das er kunstgerecht traf. Der Tiger stieß ein schreckliches Gebrüll aus und stürzte sich auf uns. Er sprang aber in Folge seiner schweren Verletzung zu kurz und fo war es mir ein leichtes, ihm einen wohlgezielten Schuß in die linke Augenhöhle zu geben, der dem Tiger die Hirnschale zerschmetterte.

welche sich früher zu Gunsten der Berbrecherthums ge­zeigt hat.

Aber auch die durchgreifenden Maßnahmen auf dem Gebiete der Repression, so nothwendig und er­sprießlich sie sein mögen, werden dem überhandnehmen­de« liebel eben so wenig Einhalt thun, wie die weit- gehendsten Wohlfahrtseinrichtungen zum Beste« der unterste« Schichten, wenn man dem Anarchismus, der sich ja nicht allein auf die eigentlichsten Anarchisten beschränkt, sondern in mancherlei Verkappungen in den meisten anderen Parteien Eingang gefunden hat, nicht an seinem Ursprünge zu Leide geht, tn der Leugnung der göttlichen und menschlichen Autoritäten. Wir wissen, daß wir mit diesem einzigen Satze den Unmuth weiter Kreise entfsseln, daß man dagegen von Reaktion, Unterdrückung der Freiheit der Forschung, Wiedereinführung der Jrqrsition spricht. Aber das darf uns nicht hindern, dir Wahr­heit zu sagen. Der Ansturm gegen die Autori­tät derKirche und desStaates ist drrVater des modernen Anarchismus, und wer diesen treffe« will, mnß sich gegen jenen wenden. Das ist so selbftverstärdlich, daß es uns wie ein Gemeinplatz erscheint, aber trotzdem scheint ein nicht geringer Theil des Publikums es vergessen zu haben, und wir sehen, wie in großen politischen BertretungSkörpern, in der Presse und in Vereinen nur zu oft eine Ehre darein gesetzt wird, unter dem Vorwande der Kritik der Autorität in der rüdesten Form dem entg-genzutreten und die Auflehnung zu beginnen und zu unterstützen. Man beginnt mit der Absetzung Gottes in quasi wissenschastlichen Formen und hört mit der Verun­glimpfung eines Organes der Behörden in mehr oder minder anmuthigen Formen auf, ohne daß man als Anarchist gebrandmarkt wird. Man wird erst gewahr, daß man dm Boden für die Anarchie vorbereitet hat, wenn unterschiedliche Bombe« von Jenen geworfen werden, welche nicht begreife« können, daß nicht auch sie getrüffelte Truthühner «ffen und Champagner dazu trinken.

Zu der Propaganda der Thai in diesem verbreche­rischen Sinne gehören auch Jene, welche bewußt oder unbewußt durch Lehren und Schlüsse aller Art die Einbildung erhitzen und irre führen. Wir wissen wohl, daß Schilderungen, welche den wirklichen Zuständen die idealen evtgegenhalten, seit den Zeiten des grauen AlterthumS einen unverkennbaren Reiz auf die wechseln­den Geschlechter der Menschen geübt haben, und wir verkennen nicht, daß diese „Weisheit" auch viele schätz­baren Früchte gezeitigt, in mancher Beziehung die An­bahnung besserer Verhältnisse gefördert hat. In früheren Zeiten haben solche Lehren thatsächlich meist nur eine gute Wirkung gehabt, weil sie von Männern herrührten, die auf der Höhe ihrer Zeit oder über der­felben standen und weil diese Schriften nur den in­telligenten Kreise« zugänglich waren. Das ist in unseren Tagen, wo nur zu oft N edrigdmkende an die niedrigsten Leivenschaften der Massen apprlliren, anders geworden, ja, es liegt die Gefahr nahe, daß selbst Dasjenige, was an und für sich nicht böse gemeint und nur als eine

Im Triumph kehrten wir nach dem Aul zurück. Die Menge empfing uns mit Freudengeschrei Und drückte uns mit lautem Zurufen ihren Dank aus, darunter auch der Häuptling Krimlai. Und doch konnte ich ein gewisses Mißtrauen gegen den Chef nicht los werden; er schien mir Hintergedanken zu haben. An der Seite seiner dicht verschleierten, stummen Frau gekauert, er­müdete er mich mit allerlei Fragen und machte nach jeder meiner Antworten gewisse Pausen, wie wenn er in meine Aufrichtigkeit Zweifel setzte. Die Einzelheiten feiner Zelteinrichtung bewiesen mir, daß er mit den Russm lebhafte und enge Beziehungen unterhielt, lieber seinem Sitze befand sich das Bild des Zaren und alle Waffen, welche er besaß, waren russischer Herkunft. In einem Samowar aus trefflicher Tulaifcher Arbeit be­reitete er uns den würzigen chinesischen Karawaneuthee.

Noch andere bedenkliche Anzeichen machten mich stutzig. Ich faßte mich daher kurz und verabschiedete mich unter dem Vorwande der Ermüdung und kehrte nach unserem Lager zurück. Ich beabsichtigte, sofort weiter zu reiten, doch war dieser Plan unausführbar, weil viele der Untrigen sich entfernt hatten. Bor allem traf ich nun Vorsichtsmaßregeln, um vor jedem feind­lichen Uederfall geschützt zu sei«.

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen und ich überzeugte mich persönlich, daß alle meine Anweisungen

blendende Theorie in Umlauf gebracht worden war, plötzlich zum Frevel auSschlägt, weil in den untersten Schichten der wahnwitzige Versuch gemacht wird, Das­jenige plötzlich und mit Gewalt zu verwirklichen, was nur als dar Ende einer langen EntwickelungSreihe gedacht worden war.

Wir haben in den Betrachtungen, welche aus Anlaß der letzten Anarchistenprozesse von Blättern angestellt wurden, gelesen, daß nur durch eine weitere Vervoll­kommnung der Bo lkSerziehung der Verbreitung des Anarchismus Einhalt gethan werden kann. In einem gewissen Sinne dürfen wir dem beipflichte«. Die religiöse Erziehung deS Volkes ist aller­dings das einzige wirksame Mittel zur Eindämmung des Anarchismus, der schon viel weiter verbreitet ist, als man ahnt. In feem Augenblicke, wo die höchste Autorität erschüttert ist, steht auch keine andere mehr sest, und daS Gesetz, welches der vom Him­mel loSgerissene Mensch in der eigenen Brust sucht, gibt sich, wie so viele Beispiele zeigen, in Formen aller Art kund, am lautesten und schreck­lichsten in der Explosion der Bomben, die das Leven und das Ergenthum von Menschen vernichten, denen nichts zur Last fällt, als daß man sie in dem Rothwälsch der Sozialisten als „Mastbürger" bezeichnet.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. März.

* Dem Vernehmen nach werden Reichstag «nd Abgeordnetenhaus gleichzeitig am 16. März sich vertagen und am 3. April die Sitzungen wieder beginnen.

* Die am Donnerstag im Abgeordnetenhause bei der Berathung des Kultusetats von dem Abg. Bachem mit einem wahrhaft erdrückenden Material angeschnittene Paritätsfrage beherrschte auch die beiden folgende» Sitzungen des Hauser. In diesen war es namentlich der Abg. Porsch, der ans den Bachem'schen Ausführungen Einzelheiten hervorgriff und dieselben eingehender behandelte, als es der erste Redner konnte, dessen Aufgabe war, möglichst alle Beschwerden des kathol. Volkes auf dem Gebiete der Parität in eine Sammlung vereint vorzutragen. Bei der erschreckenden Reichhaltigkeit dieser Sammlung, die ihren Eindruck selbst auf die Gegner nicht verfehlte, war es natürlich nicht möglich, die einzelnen Punkte ausführlich zu behandeln, und >o war es ein Verdienst des Abgeordneten Porsch, daß er einige der wichtigste« Kapitel herauSgr.ff und beleuchtete. Die National- Liberalen suchten ihren „bewährten" Ruf, die ver- bissendsten Kulturkämpfer zu sein, auch bei der jetzigen Debatte zu behaupten, waS ehren Rednern auch vor­trefflich gelang. Das alte Register der kulturkämpfe­rischen Redensarten zog zunächst der Wi-pperthaler „Erasmus von Amsterdam", Herr v. Eynern, auf, und zwar mit folchem „Schneid", daß sein Fraktions­kollege Dr. Sattler ordentlich neidisch wurde und die Eynern'schen Leistungen noch zu überbieten suchte. Die Aufnahme, die die Beschwerden der C-ntrums bei dem Kultusminister fanden, war eine sehr kühle.

befolgt waren. Dann erst legte ich mich zur Rahe nieder. Plötzlich wurde mir gemeldet, daß mich ein be­rittener Khalka zu sprechen wünsche. Ich beeilte mich ihn zu empfangen. In der Dunkelheit konnte ich die Gesichtszüge des Boten nicht unterscheiden, doch war eS mir bei den ersten Worten desselben klar, daß eine Frau eS war, welche diese Verkleidung gewählt hatte. Noch erstaunter war ich ober, als ich hörte, daß sie die russische Sprache vollständig beherrschte.

„Sie müssen ohne Verzag von hier wegreiten," sagte sie, „Krimlai hat sich von Ihrer Vermummung nicht hinter'« Licht führen lasfen. Sr weiß, daß Sie entflohene politische Gefangene find und will sich die hohe Summe nicht entgehen lasfen, welche auf Ihre Festwhmung ausgesetzt ist."

„Wie konnte er überhaupt Verdacht schöpfe«?" frug ich.

„Er ist mehrfach in Irkutsk gewesen, um dort Handel zu treibe«. Daher kennt er einige Ihre: Ge­fährten. Dan« stieß er sich daran, daß Sie nieumls den Namen des Zaren mit der diesem allerhöchsten Herrn gebührenden Verehrung auSsp rache« und sich in Widersprüche bezüglich Ihrer Mission verwickelten," erwiderte das verkleidete Weib.

„Er soll unS nur angreifen; wir sind zu jedem Widerstand gerüstet."