21. Jahrgang
Dienstag, den K. März 1894.
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-G Die Sozialdemokraten und der Eeütrmns- ankag bezüglich der Wahlen im preußischen Abgeordveteuhause.
Als die Miquel'sche Steuerreform in Preußen durchgeführt wurde, hat das Centrum gewisse Vorbehalte gemacht, um die Verschlechterung des ohnehin schon schlechten Wahlverfahrens zu verhüten. ES wurde . dabei — sagen wir das offen — durch daS Herrenhaus und die daran sich fchließende Haltung der Konservativen im Abgeordnetenhause dupirt. Die Steuerreform wurde durchgeführt und das neue Wahlgesetz wurde ohne die vom Centrum beantragten Verbesserungen aagenommen. Die Folge dessen war, daß die Zahl der Wähler in der ersten und zweiten «lasie bedeutend zusammenschrumpfte und in der dritten Klaffe bedeutend anfchwoll. Da nun jede Klasse die gleiche Zahl Wahlmävner wählt, so wurde daS Wahlrecht der reichen Leute in der ersten vnd zweiten Klasse im Werthe bedeutend erhöht und das der Mittelstandes, sowie der ärmeren Wähler in der dritten Klasse im Werthe bedeutend vermindert.
Das Centrum ist nun nicht gesonnen, diese Karri- katur einer Wahlreform geduldig hinzunehmen. Ts hat deshalb den Antrag gestellt, die Regierung zunächst um statistische Erhebungen zu ersuchen, aus welchen hervorgeht, in welchem Umfange die Verschiebungen deS Wahlrechtes in Städten über 10,000 Einwohnern stattgefunden haben. ,
Natürlich soll« diese offiziellen statistischen Erhebungen nicht angestellt werden, um die schätzbaren Kennt- ntffe deS CentrumS zu vermehren. Mit der Erfüllung dieses Antrages ist der Zweck der CmttumSfraktion nicht erreicht, vielmehr erhält daS Ceutrum damit nur daS offizielle Material, um auf Grund desselben einen Antrag auf Abänderung deS Wahlgesetzes einzubringeu. Wie weit dieser Autrag gehen wird, das wird daS Centrum erst dann fefistrlleu können, wenn das erhobene Material vorliegt; nicht» dchoweniger nimmt heute schon die sozialdemokratische Prefie an, daS Centrum werde über die früheren Zahlenergebnisse nicht hinausgehen und fich auf die Wiederherstellung des statua quo ante in Bezug auf die Zahlenverhältnisse der Wählerklaffen beschränken. Das ist eine ganz willkürliche sozialdemokratische Annahme, welche keine andere Tendenz verfolgt, als daS Centrum zu verdächtigm.
Zu diesem Zwecke muß den Sozialdemokraten über- haupr Aller herhalten. Ist eine Aktion des Cevtrums gegen die sozialdemokratische Auffaffung gerichtet, so versteht es fich von selbst, daß dieselbe der Opposition der Sozialdemokratie begegnet. Aber es kann nicht fehlen, daß daS Centrum fich manchmal, wenn auch von verschiedenen Gesichtspunkten ausgchend, mit der Sozialdemokratie parallel bewegt. Die Sozialdemokratie betont ja so sehr ihre Fürsorge für den Arbeiterstand. Das Centrum widmet sich derselben Sorge. Die Sozialdemokratie will alle Ausnahmegesetze aufgehoben haben, das Cmtrum ebenfalls. Die Sozialdemokratie verlangt
Dach Sibirien verbannt.
Bon Louis Collas. Mit Genehmigung deS Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.
(36. Fortsetzung.)
So verflossen bereit- acht Tage seit unserer Flucht und wir befanden unS noch immer nahe der Grenze von Sibirien, weil wir weite Umwege gewacht hatten, um un ere nahen Verfolger von unserer Spur abzu- lenke». Wir lagerten UNS an den Fluß eines steil abfallenden Hügels, um dort unfer Nachtlager aufzuschlagen. Derselbe war mit Bäumen bestanden. Kaum ruhten wir einige Augenblicke, als wir in der Ferne ein heiseres Geheul verrahmeu. Unsere Pferde begannen unruhig zu werden, ein Zeichen, daß ein Rudel Wölfe eS war, welcher sich dem Lager nahte. Wir hatten alle Ursache, ernste Befürchtungen für unsere Reitthiere zu hegen, welche hockten und sich, je näher daS Geheul der vierfüßigen Räuber kam, immer wider- fpänstiger zeigten. Sie versuchten sich loSzureißen und wären in diesem Falle znm Theil eine Beute der Wölfe, zum Theil eine solche der «nS feindlichen Nomaden geworden. WaS sollte aus uns werden? fragten wir nnS. Wir mußten dann entweder sterbm oder in Gefangenfchaft gerathen.
Auf alle Fälle traf ich sofort Vorsichtsmaßregeln. Die Pferde wurden beruhigt, fester angepflöckt und
eine schärfere Belastung der stärkeren Schultern. DaS ist auch eine Forderung deS CentrumS. Nun follte man denken, daß, wenn fich ein Antrag des CentrumS in dieser Richtung bewegt die Sozialdemokratie dem zustimmen müsse. Allein wir finden mit Ausnahme höchst seltener Fälle daS GegentheU. Stets sucht die Sozialdemokratie einen Grund, wie fie um diese Zustimmung herum kann. Solche Vorgänge bekunden eben dar der Sozialdemokratie tief innewohnende Gefühl, daß daS Centrum der eigentliche Feind sei und daß es, wenn irgend möglich, vermieden werden müsse, diesem Feinde irgend welche Zugeständnisse zu machen. Da ist jeder Grand, jede Ausrede, fei sie auch noch so fadenscheinig, hinreichend, um gegen das Centrum Front zu machen. , ,,,
Und dieses instinktive Gefühl ist richtig. Wir leugnen eS keineswegs, wir sind der entschiedene Feind der Sozialdemokratie; wir sind er, die sie in ihrem tiefsten Fundamente bekämpfen. Wie die Führer der Sozialdemokratie zielbewußt einer auf der Basis erklärter Gottlosigkeit errichteten menschlichen Gesellschaft zustreben, fo find wir eS, die ebenso zielbewußt dieser Gesellschaftsordnung eine auf der BafiS deS Glaubens an Gott und feine Vorsehung gegründeten Gesellschaftsordnung gegenüberstellen.
DaS ist der Kampf au fond und wir dürfen uns darüber keiner Täuschung hingeben, in diesem Kampfe au fond haben wir so gut wie keine Slliirten. Diejenigen, die fich heute als solche geriren, sagen Gott und meinen damit zumeist sich selber. Wenn längst alltS ringsum in Trümmer und Rainen gesanken ist, dann stehen wir Katholiken immer «och auf dem Plane, um den Altar GotteS gegen die Angriffe der Sozialdemokratie zu vercheidigey. Das weiß die Sozialdemokratie, und Führer, die zu den hervorragendsten gehören, haben es dem Schreiber dieses im Privat- gefpräche zugestanden. Daher der Kampf gegen das Centrum bis aufs Messer auch in solchen Fragen, wo die Mängel der gegenwärttgen Gesellschaftsordnung ein paralleles Vorgehen deS Centmms und der Sozialdemokratie zu gebieten scheinen.
Dasselbe isi auch bei dem Wahlanttage deS CentrumS der Fall und die sehr gewöhnliche und wohlfeile Ausrede ist dabei, daß, waS daS Centrum beantrage, doch nur Flickwerk fei. Wir nehmen das Bild an; ja, eS wird in den meisten Fällen Flickwerk fein: „Die Menschen verstehen sich aus'sFlicken und auf'S Stückeln," läßt Schiller feinen Wallenstein sagen, und wenn unS die Mittel fehlen, statt der nun einmal durchlöcherten Hofe eine neue zu kaufen, so düutt eS unS um Vieles vernünftiger, einen Flicken auf das Loch zu setzen, als mit zerrissenen Hosen herumzuwandeln, und das müßte selbst für den Fall gelten, wenn daS Centrum einst- wellen über die herzlich schlechten Prinzipien deSLand- tagSwahlgesetzeS mit seinem Dreiklossen-Wahlsystem und seiner öffentlichen Stimmabgabe nicht hinauSgehen wollte. ES wäre das doch mindestens ein Flicken auf den Riß, welchen die Miquel'sche Steuerreform in das bestehende Wahlrecht gemacht hat.
gefesselt. Dann ließ ich Feuer an durch Felsen ge- schützten Stellen anzündm, damit unS das Licht nicht unseren Feinden vorzeittg verrathe. Mit unserer Munition mußten wir sehr sparsam umgehen «nd alles vermeiden, was die Aufmerksamkeit aus unS lenken konnte. Ich verbot deshalb, ohne meinen Befehl einen Schuß abzugeben.
Die Wölfe waren inzwischen näher gekommen. Ich sah ihre Schatten und bemerkte, wie ihre glühenden Augen vor Mordbegier brannten. Immer neue Wölfe stießen zu de» Haufe«, der uuS umzingelt hatte, und ihr Gehen! erfüllte die ganze Ebene. Doch hielten sich die Raubthiere trotz ihrer Menge und ihres Hungers in refpektvoller Entfernung, so daß ich Hoffnung schöpfte, die Nacht werde vorübergehen, ohne von ihnen ange- fallen zu werden.
Plötzlich ließ sich ein Knall einer Flinte vernehmen, dem alsbald ein ganzes Rottenfeuer folgte und die Berge hallten daS Echo der Schüsse in die weite Ebene hinein. Ich war wüthend übet diese Unbot- Mäßigkeit, denn von der Disziplin hing dar Gelingen unserer Flucht ab. Meine Autorität besaß allerdings einen wenig scheu Grund. Sie fußte auf meinen überlegenen K-nntnißen und auf der freien Zustimmung meiner Gefährten. Bor allen Dingen stellte ich alsbald fest. wer dieses unnütze Gewehrsiuer veranlaßt habe. Es war Ladislaus. Ich sprach ihm j in recht
Aber die Sozialdemokratie hat sich mit der Bezeichnung als „Flickwerk" keineswegs genügen lassen. Bor uns liegt das Hauptorgan der Sozialdemokratie am Rhein, die in Köln erscheinende .Rheinische Zeitung', worin anscheinend ein sozialdemokratischer Waschzettel diesen Gegenstand bespricht und am Schluffe seiner Besprechung die Unverfrorenheit hat, beizuf^m: „Die Partei für „Freiheit, Wahrheit und Recht" will aber bei Leibe nicht das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht; dazu fürchten sich die Herren viel zu fehr vor der Sozialdemokratie." Wir lönnen nicht beurtheilen, ob diefer Vorwurf auf gründlicher Verlogenheit, auf maßloser Bornirtheit oder auf unbegreiflicher Unkenntniß der Thatsachen bernht. Zur Ein- ’ führung der allgemeinen diretten Wahlrechts gehören bekanntlich drei Fakroren: das Abgeordnetenhaus, dar ' Herrenhaus und die Krone. Wen« nur von Seiten eines dieser Faktoren das geringste Zeichen einer Neigung vorhanden wäre, auf daS direkte Wahlrecht einzugehen, würde das Centrum wohl keinen Augenblick zögern, den betreffenden Antrag einzubringen, aber nur pro nihilo zu arbeiten, scheint uns doch einer so großen Fraktion, wie das Centrum ist, nicht würdig zu sein. Dar kann eine kleine Minorität thuu; fie hat ein Interesse daran, ihre Prinzipien nnd ihre Forderungen auf der erste« Tribüne deS Landes vor Thron und Volk zu entwickeln, aber von einer großen, häufig auSschlag- ! gebenden Partei kann man doch annehmen, daß ihre Prinzipien bekannt genug sind und dann würde ein solcher Antrag, der auf Annahme absolut nicht zu rechnen hätte, vollständig zweck- und nutzlos sein.
Sollte es aber der Sozialdemokrane so ganz unbekannt sein, daß int Reichstage gerade das Centrum der unüberwindliche Hort des direkten, allgemeinen Wahlrechte- ist, daß in jedem Wahlkampfe der Schutz desselben auf'S Reue betont wird? Wahrlich, es bedürfte nicht der Angst vor der Sozialdemokraüe, eS ließe sich ein vortreffliches Handelsgeschäft abschließen, »ernt hat Centrum irgend welche Geneigtheit kundgäbe, diese Schützerrolle fallen zu lassen. Es fällt ihm nicht ein, trotz der steigenden Hochfluth der Sozialdemokratie! WelcheBornirtheit bekundetes, unterfolchenUmständen eine solche Tendenz dem Centrum zuttaue» zu wollen!
i Aber nicht nur das. Im Großherzogthum Baden hat i daS Cmtrum die Forderung des allgemeinen, diretten ’i Wahlrechts geradezu auf seine Fahne geschrieben und - ausschließlich seiner entschiedenen Aktion dafür ist es zu ■ verdanken, wenn die Liberalen ihre Opposition, mehr dem Zwange gehorchend, als dem eigenm Triebe, offiziell eingestellt haben, fo daß wohl ein ziemlich einstimmiger Kammerbeschluß darüber zu Stande kommt. Im Großherzogthum Hessen hat dieCenttumSfraktion bereits im Jahre 1884 einen Antrag auf Einführung des all- i gemeinen direkten Wahlrechtes für die Landtagswahlen ' eingebracht. Der Antrag wurde damals durch eine j Petitionsbewegnng in demokratischen und CentrumSkreisen ! lebhaft unterstützt, in sozialdemokratischen Kreisen da- i gegen hat Ruhe über allen Wipfeln geherrscht und eS . ist auch nicht eine einzige Petition eingelaufen, welche | lebhaften Ausdrücken meine Unzufriedenheit aus. Anfänglich wollte er fick widersetzm, doch, als er sah, daß er nirgendwo Unterstützung fand, gab er klein bei. Ich sah wieder einmal, wie wenig er selbst an geringe Disziplin gewöhnt war, die ich von ihm und bett übrigen Genossen sordern mußte, sollte unsere Flucht gelinge». ' ,
Der Rest der Nacht verfloß in einet gewissen Bangigkeit, doch wurden wir von den Wölfen nicht ; weiter belästigt. Beim grooenbett Morgen erblickten ; mir vor bem Lager etwa ein Dutzend solcher Bestien, \ ein Jagdergebniß, daS uns theuer zu stehm kommm । konnte.
Beim Grauen deS Tages nahmen wir unfern i Marsch gegen Osten auf. In bet Ferne erblickten j wir einige Reiter, welche mit verhängten Zügeln fich ; von nnS entfernten. ES waten ohne Zweifel Nowabm; ? ba ich wußte, welch' großen Eirflaß b e Russen auf ! fie auSübten unb wie sehr biete halb zivilisierten i Völkerschaften bestrebt waren, unseren Feinden gefällig f zu fein, so beunruhigte mich bieftiS plötzliche Erscheinen - und Verschwinden derselben.
Ich war überzeugt, daß sie unsere Verfolger auf ! unsere Spar lenken und uns nicht entrinnen lassen ! würden.
Mit einer gewissen schmerzlichen Aengstlichkett, lautlos und die Gefahr, in welcher wir schwebten, vor