J\S 48 Donnerstag, den 1. März 1894. 21. Jahrgang
FiildiitrWZkitliiig
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. Februar.
* Im Reichstage ergriff Caprivi das Wort zur Bertheidigung des russischen Handelsvertrages. Derselbe empfehle sich selbst auS wirthschaftliche» Gründen und bedürfe nicht der Unterstützung a«S Gründen der allgemeinen Politik. Man habe gestern hier und in der Presfe angedeutet, daß Uneinigkeit in den maßgebenden Kreisen über den Handelsvertrag herrsche und er als Baumeister dabei vom Gerüst fallen könne. Alle diese Behauptungen über Streitig» leiten und Meinungsverschiedenheiten auch im Preußischen Ministerium, auch bezüglich der WSHrungSfrage feien durchaus unbegründet. Ich habe nach langen Bedenken vor 4 Jahren mein Amt angenommen und werde es halten, so lange meine Kräfte reichen und der Kaiser er wünscht. Dieses Werk des Handelsvertrags hätte ich nicht ohne wesentliche Unterstützung von allen Seiten und vor allen Dingen nicht durchführen können, wenn nicht der Bauherr und Kaiser mit voller Energie und Uebrrzeugung für dieses große wirthschaftliche Werk eingetreten wäre. Es ist einstimmig vom Bundes» rath und vom preußischen Ministerium angenommen worden und die Regierungen der verbündeten Staaten Oesterreich und Italien haben nnS ihre hohe Bestie» digung über dieses Werk ausgedrückt. (Hört, hört! links.) Er schildert namentlich die Folgen, die em Zollkrieg für Ostpreußen haben würde. Weise man die von Rußland dargebotene Hand zurück, so treibe man dieses Land direkt in die Arme des PayslaviSmuS. Durch Ablehnung würden die alten Drähte, wovon soviel gesprochen worden fei, wirklich zerschnitte». Die werth- volle« Zugeständnisse der Vertrages für unsere Industrie haben wir erkauft lediglich mit einem Preise, dem des Konventionaltarifs, den wir bereits Oesterreich gezahlt haben. Die Politik der Dreibundes fei nach wie vor friedlich, auch dieser Vertrag sei ein Werk deS Friedens, er beweist, daß wir auf 10 Jahre lang an die Erhaltung des Friedens glauben. Er bedauere, daß gestern ein Redner eS so dargestellt habe, als ob man mit Rußland überhaupt keinen stiedlichen Vertrag schließen könne. Was wäre denn die Folge solcher Anschauung? Sie müßte ja direkt zum Krieg führe«. In einzelnen Fällen möge vielleicht bei wirthschaftlichem Krieg die politifche Freundschaft bestehen können, im Allgemeinen aber befördern wirthschaftliche Kämpfe den Frieden nicht und haben ihn auch in Deutschland nicht gefördert. (Beifall links.) Der Vertrag vermehre das Ansehen Deutschlands und erleichtere ihm seine großen Kulturaufgaben. Er weist weiter nach, daß die Landwirthschaft durch den Vertrag nicht geschädigt wird. Eine Ablehnung würde die Fortsetzung deS Zollkrieges mit allen bedaverlichen Folgen nach sich ziehen. Wie Jemand, der für den österreichischen Vertrag gestimmt hat, gegen den russischen stimmen wolle, der keinen neuen Preis koste, sei ihm unklar. Die Gegner deS Vertrages quälen sich mit dem Kampfe gegen große wirthschaftliche Gesetze ab; der Bund der .Lemdwirtbe habe den Landwirt hm materiell bisher nicht eine Mark eingebracht, geistig und moralisch aber habe
Mach Sibirien verbannt.
Bon LouiS CollaS, Mit Genehmigung des Verfassers in'S < Deutsche übertragen von PH. Freidank.
ä (3 2. Fortsetzung,)
LadiSlauS und Helena gingen immer weiter auf einsamen Fußpfaden, wohin sich selten rin menschliches Wesen wagt, denn in Sibirien beginnen die Wüsten und öden Steppen oft vor den Thoren der Städte. Man hätte nicht glauben sollen, welche Leistungsfähigkeit im Mar schirm der Irre in seiner anscheinmdm Gebrechlichkeit ohne Ermüdung entwickelte.
Je weiter er sich von Irkutsk entfernte, um so leichter und elastischer wurden seine Schritte; er schien seine volle Kraft und Gesundheit wieder erlangt zu haben. Sie erreichten endlich eine einsame Stätte, „Bärmsprung" genannt, weil sich einige riesige, von Jägern verfolgte Bärm dort in einm Abgrund von mehr als hundert Fuß Tiefe gestürzt hatten. Es war ein gar düsterer Ort. Mächtige Lärchm und Tannm senkten ihre Wurzeln in die FelSritzen; wilde Schluch» ten und hochaufgethürmte nackte Felsen boten ein wildes Chaos. In der Tiefe eines Abgrundes, dm die Blicke kaum mesim konnten, kochte und gurgelte ein wilder Bergstrom.
er die Kräfte der Nation geschwächt, die Industrie mit der Landwirthschaft, den Osten mit dem Westen verfeindet. Redner zitirt eine Rede BiSMarckS auS dem Jahre 1879, worin dieser sagt, er werde nicht ablassen, nach einem Handelsvertrag mit Rußland zu streben, und wenn es 50 Jahre daure und wmn nicht er selbst, so sein Nachfolger. Caprivi schließt: „Der Nachfolger des Fürsten Bismarck ist bestrebt gewesen, dieses Versprechen einzulösen." Abg. König (Antisemit) bekämpft den Handelsvertrag. Er polemisirt gegm Rickert, Marschall und Caprivi und vertheidigt den Bund der Landwirthe. AlS Redner dabei auf die Militärvorlage zu sprechm kommt, die auS Patriotismus von den Gegnern des Handelsvertrages angenommen worden sei» ruft Singer: „Oder aus Dummheit", was großen Tumult und einen Lärm hervorruft, in dem der Ordnungsruf des Präsidenten Bnol verloren geht. Am Schluffe der Rede macht v. Ham werft ein auf diesen Zwischenruf aufmerksam und fordert dm Ordnungsruf, worauf der Präsident konstatirt, daß daS geschehen sei. Singer erklärt, daß er gesagt habe: „Oder auS Dummheit, wie bei dm Antisemiten" (Großer Lärm und Wuthgefchrei bei den Antisemiten), und beruft sich auf Böckel, der seiner Enttäuschung über die Annahme der Militärvorlage Ausdruck gegeben habe. Liebermann v. Sonnenberg sieht in dm Worten Singer's eine neue Beleidigung, die einen neuen Ordnungsruf erheische, und verlangt Abstimmung der Hauses, als der Prästdmt einen dahingehenden Antrag ablehnt. Unter großer Unruhe konstatirt der Pr äsident, daß ein solcher Antrag geschäftsordnungsmäßig unzulässig sei, womit der Zwischenfall erledigt ist. In längerer Rede legt dann Bennigsen die Bedeutung des russischen Vertrages für Industrie, Handel und Gewerbe dar. Er schildert die Bedeutung der Aufhebung des Identitätsnachweises für die östliche Landwirthschaft, womit auch die Staffeltarife an Werth verlörm. Diese ohne weiteres mit Rücksicht auf dm Handelsvertrag aufzuheben, würde dm Vertrag gefährden. Redner schließt mit einer Verherrlichung des preußischen JunkerthumS und einer Schilderung der Situation, die durch Ablehnung des Handelsvertrags und Auflösung des Reichstags entstehen würde. Nach einer Rede des Abg. Lutz gegen dm Handelsvertrag wird die weitere Berachung auf morgen vertagt.
* DaS Abgeordnetenhaus berieth zunächst daS Extraordinarium des Etats der direkten und indirekten Steuern. In demselben werden 180,000 M. gefordert als 1. Rate zum Neubau eines DimstgebäudeS für dos Hauptsteueramt für ausländische Gegenstände in Berlin. Der Neubau soll auf einem fiskalischen Grundstück in der Oranienburgerstraße aufgeführt werden; gegmwärtig werden als Dienstgebäude die Räume des ehemaligen PackhofeS hinter den MuseumSgebäudm benutzt, und diese Grundstücke sollen für die Erweiterung der Kunstmuseen benutzt werden. Während die Budgetkommission die Bewilligung dieser Forderung beantragt hat, beschloß daS HauS nach längerer Debatte, auf Antrag deS konservativen Abg. v. Buch, in Anbetracht der gegmwärtigen schlechten Finanzlage die Forderung, welche zugleich eine Bewilligung für zu»
Koleieff, welcher den Beiden gefolgt war und fie nicht auS dm Augen gelassen hatte, war inzwischen zu ihnen gestoßen.
„Sie sehen, Sire," sagte er in unterwürfigem Tone, „daß ich pünktlich zum Rmdez-vouS eingetroffen bin. Sind Sie nun bereit?"
„Ist mein Volk versammelt?" frug LadiSlauS mit einer lächerlichen Würde.
„Ja, Sire."
„Sind auch die Großen meines Königreiches zugegm ?"
„Ja, Sire. Vernehmen Sie nicht dm Klang der Trompeten und hören Sie nicht, wie Ihnen das Volk zujubelt?"
„Jo, ich höre eS. Gebiete Stillschweigen ... ES ist gut. Nun schreibe!"
„Wir warm zu dreißig, alle bereit, Polm zu befreien. Darunter: Daniel Maudeck, Alexander KonSko....... Schreibst Du?"
„Ja, Sire."
Er schrieb wirklich und lieh dm Enthüllungen, die nun folgen sollten, ein aufmerksamer Ohr. Aber im Augenblicke, als Koleieff den letztm Namm geschrieben hatte, sprang LadiSlauS mit der Geschmeidigkeit eines Tigers auf und ergriff feinen Feind, ehe er nur er» rathm konnte, was vorging, bei der Kehle, welche er
künftige MusmmSbautm in sich schließen würde, zu streichen. Hierauf ging das HauS zur Berathung des Etats der Bauverwaltung über, welcher nach längere« unerheblichen Debatten erledigt wurde. Donnerstag: KnltuSetat.
* Mit der Ausarbeitung eines Gesetzentwurfes über einen neuen Zeituugstarif für die Postbeförderung ist nach Mittheilung deS Herrn v. Stephan im Reichstage die Postverwaltung gegenwärtig beschäftigt. Spätestens im November soll der Gesetzentwurf dem Reichstage vorgelegt werden. ES firn» dazu verschiedme Vorschläge gemacht wordm, z. B. 1) an Abonnements - und Beförderungsgebühren für jede zur Bersmdung gelangende Nummer im Gewicht bis zu 50 Gramm 1 Pfennig und bei höherem Gewicht 2 Pfennig, mindestens aber für jede Zeitung 50 Pfennig im Jahr zu zahlen, ober 2) eine Durch» schnittStaxe von l1/» Pfennig für jede Zeitungsnummer zu Grunde zu legm, mit der Maßgabe, daß im Jahr ein Mindestbetrag von 40 Pfg. für seltener als einmal wöchentlich erscheinende Zeitungen erhoben werde. @8 haben auch mit den bayerischen und württembergi- schen Regierungen Verhandlungen zu diesem Zwecke stattgefunden, eine einheitliche Regelung deS ZettungS» SebührenwesmS für das ganze dmtsche Reichsgebiet anzubahnen.
* Frhr. v. Schorlemer-Alst, welcher gegenwärtig behufs Theilnahme an den Verhandlungen der WährungS-Enquete-Kommiffion in Berlin weilt, hat sicherem Bernehmm nach in feiner Unterhaltung mit Mitgliedern deS Reichstags wiederholt zu Gunsten des deutsch-russischen Handelsvertrages sich auSgesprochm, bezw. die Gründe geltmd gemacht, welche für die Annahme dieses Vertrages sprechm.
* Die letzten Kolouialdebatteu im Reichstage haben unS Katholiken eine Gmugthunng gebracht. Rückhaltlos wurde von den Vertretern der Regiernng die segensreiche Thätigkeit der Missionen anerkannt, ja man will sogar den unter dem Jesuitmgesetz stehenden Väter» vom hl. Geiste die Errichtung eines Missionshauses in Preußm ermöglichen. Leider sollen sie deshalb immer noch „jesuitenverwandt" bleiben; wir haben aber Grmü» zu der Annahme, daß die Kongregation in der Hoffnung auf eine bessere Zuknnft daS einstweilen Gebotene als Abschlagszahlung an nimmt. Der weitere glückliche Fortschritt der katholischen MissionSthätigknt in Afrika wird nun vor allem davon abhängen, ob den dort arbeitenden Ordm und Kongregationm die nothwendigen Mittel zugehen. Diese Mittel können nicht auS öffentlichen Kasim, sondern einzig und allein auS der Wohlthättgkeit der deutschen Katho» likm kommen. Leider ist eS nun aber Thatfache, daß die EinnahmendeSAfrika-Vereins dmtscherKatholiken von Jahr zu Jahr zurückgehen, während sie doch steigen müßten. Diesem Rückschritt, der auch im letzten Jahre wieder stark hervortritt, widmet die in in Münster i. W erscheinende Afrika-Zeitschrift „Kreuz und Schwert" (Märzheft) einen längeren Artikel. Der Herausgeber kommt zu dem Schlüsse, daß die Organisation des Vereins fehlerhaft ist, daß es einer durchgreifmdm Reform bedarf, um ihn wieder wie in einem Schraubstock zudrückte. Er hielt fein Opfer einen Augenblick über dem Boden empor. Seine hohe Gestalt hatte sich stramm aufgerichtet, feine Hugen blitzten voll Wuth, er glich einem Rachedämon. Koleieff konnte keinm Schrei'ausstoße« und krümmte sich machtlos unter den eisernen Händen Ladislaus. Seine Züge verzerrten sich int TodrSkampfe.
Als LadiSlauS bemerkte, daß der Körper des lieber* fallenm bewegungslos war, ließ er ihn zur Erde fallm und durchwühlte dessen Taschen, d?nm er alles entnahm, was sie an Papierm und Geld mthieltm. lieber sein Opfer geneigt, beobachtete der Mörder mit grausamer Freude das keuchende» ruckweise Athemholm desselben, sowie die Zuckungen seiner GesichtSmuSkel». Koleieff konnte sich nicht bewegen, doch zeigte fein ängstlicher Blick, den er auf LadiSlauS warf, daß er das Bewußtsein noch nicht verlorm hatte und wußte, was um ihn her vorging.
„Du hast geglaubt", sagte der Pole, indem er in ein gellendes Gelächter auSbrach, „ich sei verrückt und Dir eingebildet, ich kenne Dich nicht, als ob Deine einfache Gegenwart nicht genügend gewesen wäre, mir die Vernunft wiederzugeben. Du meintest, all die Ber» rücktheitm, welche ich Dir vorgemacht, seien ächt ge» wesm und glaubtest, ich würde Dir die Namen aller