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21. Jahrgang

Mittwoch, den 28. Februar 1894

uld uer W Zeitung

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welche Geberbe verrathen; doch war ich fest überzeugt, im Oberbefehl des Heer«°er.«“ W' daß derselbe höchstens verhalten, nicht ausgegeben ' hatten, und daß er überhaupt -n v.ele G h P

vernehmen; ich glaubte annehmen zu dürfen, daß seine KörperkrLfte wiedergekehrt seien. Deshalb th-ilte ich Helena einige Störte über die geplante Flucht und die Möglichkeit. Ladislaus mitzuführen, mit; sie erbob bet diesen Worten die Augen zum Himmel. Zugleich schlug LadiSlauS die Augen auf, welche mir von unatür- lichem Glanze erschienen. Doch konnte ich mich ja getäuscht haben. Nichtsdestoweniger stieg mir ein un­bestimmter Verdacht auf, den ich aber sofort weit fort­

warf.

Meine Gegenwart schien ihm unangenehm zu sein, denn mit einer feierlichen Handbewcgung bedeutete er mir, daß die Audienz zu Ende sei.

Sengstlichen GemütheS entfernte ich m,ch; die Schwierigkeiten, dem Ehepaar gegenüber, bestanden noch fort. Wir mußten unserem guten Glück vertrauen. DaS einzige Hinderniß, das wir nicht leicht nehmen durften, war Koleiefi. Seine Versprechungen hatte et, wie ich erwartet hatte, vollständig vergessen. Unter dem Einflüsse der Furcht hatte er zwar anfänglich s-m Versprechen gehalten; je weiter wir uns aber von jenem verhängnißvoüen Tag im Gefängnisse entfernten, um so größer wurde sein Selbstvertrauen. Seit der Abreise des Generals Apraxin hatte er aber seine ganze Sicherheit wieder gewonnen. Sein Haß gegen mich hatte sich indessen durch kein Wort und irgend

liefet Mann wat die Verkörperung des Unter­drückungssystems ohne Gnade und Barmherzigkeit. Durften wir hoffen, daß seine Wachsamkeit sich em- schläfern lassen würde, daß wit unsere Fluchtplane vor seinen Späheraugen verbergen konnten? Sem unruhiger Wesen verursachte usS Bedenken und wir fühlten, daß wit von einem Netze von Spionen umgeben waren, welche jedes unserer Worte belauschten. DieS zwang uns zu verdoppelter Vorsicht. Wenn er auch noch keinen Wink über unser Vorhaben erhalten hatte, so wußten wir doch aus allerlei Anzeichen, daß er °»f der Lauer stand, um sofort zuzufaffen, wenn er Tatsächliches er- fahren sollte. „ _ ,,

Während wir unser Werk mit einer Vorsicht, welche unsere Arbeiten verlangsamte, förderten, leistete unS ein BundeSgenoffe, auf besten Hülfe wir gar nicht rechneten, einen unschätzbaren Dienst. ,

Mit meinen Besuchen bet LadrslauS war ich sehr karg und ich machte sie nur dann, wenn ich Helena neues von unserem Vorhaben mitzuth eilen hatte. Koleieff dagegen war beinahe täglich bei dem armen Irren. Er wußte, daß der Verbannte die geheime Regierung kannte, deren Befehlen Langiewitz und seine Genoffen im Oberbefehl deS HeereS der Aufständischen gehorcht

ziere u. a. angewendet und dahin ausgedehnt wird, als ob der Offizier das geforderte Versprechen über- Haupt nicht oder wenigstens nicht direkt dem katholischen Geistlichen, sondern nur etwa den Angehörigen deS katholischen TheileS geben dürfe. Diese Verdrehung der Kabinetsordre hat die peinlichste Verlegenheit und Gewiffensnoth der Betheiligten, sowie eine Reihe der bittersten Berdrießlichketten und Konflitte zur Folge.

In Uebereinstirnrnung mit der vorliegenden Dar­legung schreibt die .Hildesheimer Ztg?: „Der Abg. Lingens brachte in der Sitzung der Budgetkommfffion des Reichstages die KabinetSordreFriebrich Wilhelms IV., welche in den fünfziger Jahren aus Anlaß einer Ber- fügimg des Bischofs Arnoldi von Trier erging und diejenigen evangelischen Offiziere, die bei Eingehung einer Ehe mit einem katholischen Mädchen die katho­lische Erziehung der Kinder versprechen mit Entfernung auS dem Heere bedrohte, zur Sprache. Der Kriegs- Minister vertheidigte die Kabinetsordre, trotzdem die Voraussetzungen, unter welchen dieselbe ergangen war, gar nicht mehr vorhanden sind. Bischof Arnoldi hatte angeordnet, daß eine feierliche Trauung gemischter Brautpaare auch dann nicht er­folgen solle, wenn der evangelische Theil alle Forde- rangen der katholischen Kirche bewilligt habe; die Trauung sollte nur in nicht feierlicher Weise erfolgen. Gegen daS Versprechen, auch diese Be­dingung einzugehen, erging die Ordre. Jene Verfügung deS Bischofs Arnoldi ist längst beseittgt. Dieser Um- stand scheint in der Budgetkommission gar nicht zur Sprache gebracht worden zu sein. Der Herr Minister hält es für „unwürdig", wenn ein evangelischer Offi­zier daS Selöbniß katholischer Kindererziehuug ablege. Die evangelische Kirche verlange ein solches Versprechen nicht. Die Versicherung deS Herrn KriegSrntnisterS tritt in eine interessante Beachtung durch die That- sache, daß seit Jahren in dem Bereiche der 12. Division von evangelischenUnteroffiziren, welchekatho- lische Mädchen heirathen, das schriftliche Ver­sprechen der evangelischen Trauung und der evangelischen Kindererziehung gefordert, und daß von diesem Versprechen die Ertheilung des HeirathS-KonsenseS abhängig gemacht wird. Daß in dem Bereiche der 11. Division diese Forde­rung einzeführt wurde, ist notorisch. Ebenso sicher ist, daß der Befehl bis heute nicht aufgehoben ist."

Es wird nothwendig sein, die Kabinetsordre er­neut zur Sprache zu bringen, auf die vollständig unhaltbare, in dem Wortlaut und der ursprüng­lichen Auslegung in keiner Weise begründete Anwen­dung derselben, wie sie in der Folgezeit und beson­ders neuerdings sich herausgebildet hat, hinzuweisen und die Abstellung der daraus sich ergebenden, für die Katholiken drückenden Mißstände zu verlangen. Daß die preußische HeereS - Verwaltung dieser Forde- rung dauernd sich entziehen könnte, erscheint kaum denkbar.

Sofort nahm ich mit vor, meinen unglücklichen Freund wieder einmal aufzusuchrn. Meine Besuche geschahen deswegen so selten, weil sie mir gefährlich erschienen. Denn ich wußte ja nicht, ob er nicht immer noch von seinem alten Verdachte gegen mich befangen war, welcher bei ihm, dem armen Wahn- sinnigen, bei meinem Anblicke zu neuen Leben erwachen konnte. Er erkannte mich aber nicht, sondern hielt mich für seinen Kammerherrn und richtete allerlei tolle Fragen unter Lachen und Drohungen an mich, auf welche ich natürlich die Antwort schuldig blieb.

Helena fing ich, ob eS wahr sei, daß er in seinem Wahnsinn die alten Genossen bei der jüngsten Er­hebung deS Vaterlandes zu denunziren beabsichttge. Sie gestand dies offen ein. Doch waren seine Mit- theilungen im großen und ganzen kaum verständlich, den« er hat Koleieff Helden der nationalen Erhebung wie SlaSko und Lodeffi als gefallen bezeichnet.

„Wußte er dies?" ftug ich Helena.

„Ich glaube nicht, denn mir selbst ist dies nicht bekannt.

M-ine Befürchtungen verdoppelten sich. Während wir uns leise unterhielten, ließ er einen leisen Gesang

Aach Sibirien verbannt.

Bon Louis Collar. Mt Genehmigung deS Verfassers Deutsche übertragen von Ph. Freidank.

(31. Forrse»ung.i

* Die Misch-Ghen der GMere.

Ja Betreff btt Kabinets - Ordre Friedrich Wilhelm IV. vom 7. Juni 1853, welche gegenwärtig wieder zur Erörterung gelangt ist, scheint sich in weiten Kreisen eine Auffassung festzusetzen ober festgesetzt zu haben, die weder dem Wortlaut, noch ber Auslegung, noch der langjährigen Anwendung dieser Kabinetsordre entsprießt. Der Wortlaut der Kabinetsordre vom 7. Ium 1853 ist folgender:

„(Sin Erlaß des Bischofs von Trier, welcher auf den Be- Kimmungen eine- pästlichen Breves beruhen soll, bestehlt be, Ehen gemischten Bekenntnisses dem evangelischen Bräutigam, in die Hände des Bischofs oder desjenigen inner Pfarrer, den derselbe dazu designirt, einen Eid zu leisten, kraft dessen er ge­lobt, seine Kinder der römisch-katholischen Kirche zu weihen. Be» Berweigerung dieser Forderung ist die Ehe vom römisch-katholi- fchen Standpunkte untersagt. Erfüllt er aber diese Forderung, so wird ihm als Lohn das Erscheinen vor dem Pfaner an ungeweihtem Orte und die Erklärung des Entschlusses eine Ebe eingehen zu wollen, gestattet, die Einsegnung aber dennoch verweigert. Dies veranlaßt Äich, hierdurch zu erklären, daß Ich jeden .Offizier Meiner Armee der dm ge- sorderten, den Mann wie dar evangelische Bekenntmß ent- würdigenden Schritt unternimmt, sogleich auS Memem Heeres­dienst entlasten werde “

Bezüglich ber Auslegung ber KabuietS - Ordre wird in bet (im Jahre 1883 in Berlin erschienenen) Schrift deS Geheimen OderregiecuugSrathS Dr. Hüb- ner, ordentlichen Professors ber Rechte an ber Uni­versität Berlin, über „Eheschließung und gemischte Ehen in Preußen nach Recht und Brauch ber Katholiken , anknüpfenb an eine Aussage in Vering'S Archiv, ge­tagt: Mit Recht ist hier (bei Bering) bemerkt, baß bte Kabinetsordre nur den Eid und die Eingehung der Ehe in loco non sacro ohne Einsegnung den protestantischen Offizieren verbietet, daß mithin nicht jeder evangelische Offizier, welcher bei Eingehung einer 5Hcfiten Ehe daS Versprechen abgibt, bte Kinder

»lisch erziehen zu lassen, Dienstenlassung zu ge- wärtigen hat.

WaS endlich die Anwendung der Kabinetsordre anfangt, so haben nach zuverlässigster Mittheilung bte Offiziere bis zu den höchsten Chargm früher, nametit- ltch auch in den ersten Jahren nach Erlaß der KabmetS- Ordre, wo diese also besonders streng gehandhabt wurde, ohne jegliches Bedenken das von der katholi­schen Kirche geforderte Versprechen in jeder Form, in ber eS gewünscht wurde, eidlich, schriftlich, auf Ehrenwort u. s. w. bereitwilligst gegeben, wofern ihnen nur die kirchliche Trauung, bezw. in der Diözese Trier die Erlaubniß, nach Leistung deS er­wähnten BersprechenSsich auswärts kirchlich trauen zu lassen (Dimifforien), gewährt wurde. Rur die Verweigerung der kirchlichen Trauung, nicht die Sicherung deS kirchlicherfeits zu fordernden obigen Versprechens wurde gemäß ber Kabinetsordre als für den Offizier unehrenhaft angesehen.

Jetzt scheint man, so schreibt man ber ,K Bztg., den Stand der Frage geflissentlich verschieben zu wollen, wie auch, ohne jeglichen Anhalt in dem Wortlaut der Kabinetsordre, diese auf Unteroffi-

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Februar.

* Die Lage der parlamentarische» Geschäfte im Reichstage ist jetzt eine derartige geworden, daß an eine Erledigung des Etats vor den Osterferien, mithin vor dem 1. April, dem verfassungsmäßigen Tag, nicht gedacht werden tarnt und zum Erlaß eines Roth- etatS geschritten werden muß. Auf lange Dauer wird man diesen Nothetat übrigens nicht zu beschließen haben, höchsten« auf einen Monat, da nach Erledigung des russischen HandelSverttages außer der Vollendung deS Etats dem Reichstag keine größeren Aufgaben mehr übrig bleiben. Man hofft in parlamentarischen Streifen, daß man bis Pfingsten die Session beenden tarnt, da es ziemlich sicher ist, daß außer dem Börsensteuergesetzentwurs kein weiterer Steuergesetzentwurf zur zweiten Lesung kommen wird. Die verbündeten Regierungen werden auf eine weitere Berathung ber Steuergesetzentwürfe um so weniger Werth legen, als sie bereits mit neuen Steuer­vorschlägen für die nächste Session deS Reichstages beschäftigt sind. , .

* Die Frage des Identitätsnachweise» *»d der Staffeltarife ist von der Regierung vorläufig zurückgestellt worben. DaS preußische Herrenhaus wie das Abgeordnetenhaus haben sich neuerdings imt den Staffeltarifen beschäftigt. Zwischen Osten und Westen besteht da ein Intereffentengegensatz, der sich durch lerne Dialektik überbrücken läßt. Wenn die Konservativen deS OstenS sich stellen, als ob sie lieber auf die Aufhebung deS Identitätsnachweises als die Staffeltarife verzichten wollten, so ist dies offenbar nur ein taktisches Manöver, um das eine zu erlangen und das andere zu behalten. Auf die Erfüllung dieses Wunsches ist aber auf leinen Fall zu hoffen. Da felbst bis Konfervativen, bte nicht dem Nordosten angehören, gegen die Staffeltarife sind, fo werden biefe entweder abgefchafft ober der Iden­titätsnachweis wird nicht aufgehoben. Die Regierungen der süddeutfchen Staaten und Sachfen haben bei der preußischen Vorstellungen gemacht wegen ber wirth- chaftlichen Schädigungen, die die Staffeltarife dem süd­deutschen Landmirthe zufügten. Di-preußische Regierung hat nicht umhin können, auf diese Klagen etnzngehm und mit den betreffenden Regierungen in Verhandlungen über etwaige Aendernng der Tarife einzutreten. Allem Anschein nach wird die preußische Regierung sich ge­nötigt sehen, die Staffeltarife soweit umzugestalten, daß sie nicht die Konkurrenz des östlichen Getreides im Süden stärken, sondern ihm den Transport nach den Ausfuhrhäfen erleichtern. Mit der Aufhebung des Identitätsnachweises gewinnt ja biefec Transport eme ganz andere Bedeutung, als er jetzt hat. Vorläufig läßt die Regierung alles noch unbestimmt, wohl um dem Handelsverträge nicht zu fchaden. Am 6. Februar soll der LandeSeisenbahnrath zufammevtreten, um bte Frage zu erörtern, ob, beziehungsweise durch welche Maßregeln ein Ausgleich ber verschiedenen durch bte war. Seine Stellung urb seine Schlauheit genügten übrigen» allein, ihn zu einem gefährlichen Gegner zu