44 Samstag, den 24. Februar 1894. 21. Jahrgang
FiiIdaerM^eitilng
wird man auch zngebev, daß.der Lehrer wenigsten» einen Thril seiner freien Zeit der E.holung widmen muß; denn ohne ein gewisses Maß physischer Kraft nnd geistiger Frische ist der Erfolg der Lehrthätigktt rasch in Frage gestellt. War nnn dem Lehrer darüber hinaus an verfügbarer Zeit verbleibt, das könnte er a allerdings dvrch eine lohnende Nebenbeschäftigung auifüllen, wenn er sie hätte. Daß einzelne verschied«« einträgliche Nebenämter bekleide«, beweist doch noch nicht, daß jeder auf diese Weise beliebig sein Einkorn- men verbessern kann.
Das einfachste Mittel, die «lagen der Lehrer an» der Welt zu schoffm, besteht darin, daß man geregelt Zustände herbeiführt, wodurch dem Lehrer em Gehalt gewährleistet wird, daß er ihm ermöglicht, ganz seinem Berufe zu leben. Leider hat daS Scheitern deS Schul- gefktz s die Hoffnung auf gesetzliche Regelung zunichte gemacht. Es liegt also jetzt bei den Gemeinden, zu geigen, wie weit sie den Werth der Schule und die Stellung der Lehrers zu würdigen w'ssen. Wir dürfe« wohl annehmen, daß Niemand eine Ehre darin such« will, daß der Lehrer seiner Kinder ein gedrückter, nach allen Seiten hin abhängiger Mann ist. Denn eS kann einer Gemeinde, die ihren wahren Interessen im Auge hält, durchaus nicht gleichgiltig sein, wer die Männer sind, die ihre Kinder unterricht«, ob eS sreie Männer find — oder ob man diese Männer zu Knechten macht, ob die Unzusriedenheit daS HauS des JugmdbildnerS Heimsucht, oder ob er in stiller Zufriedenheit seine» Amtes waltet. Die Eltern verlang« mit Recht, daß der Lehrer an ihr« Kindern seine Schuldigkeit thue, dann suche man ihm aber auch seine Aufgabe zu erleichtern. ES gibt wohl kaum ein anderes Amt, de» so viel guten Willen» Freundlichkeit, Theilnahme mit den Kinderherzm, Geduld und Entsagung erfordert, wie daS des Lehrers, und eS gehört ein besonderer Beruf dazu, unter den mannigfach« Widerwärtigkeit« und Entbehrungen dieses Amt treu zu verwalt«. Darum dürfen die Lehrer aber auch erwart«, daß diejenigm, für die sie arbeit«, nicht theilnahmloS ihr« Wünschen und Interest« gegenübersteh«, sonder« daß dieselb« freudig die jetzt dargebotene Geiegenheft ergreif«, um ihre Anerkennung für daS Wirken de» Lehrers durch die That Ausdruck zu verleih«.
Mach Sibirien verbannt.
Bon LouiS Colla». Mit Genehmigung deS BerfafferS in'S Deutsche übertragen von PH. Freibank.
(28. Fortsetzung.)
Die Bestimmtheit meiner Sprache entsetzte ihn, und um mich seine Verwirrung nicht merk« zu last«, fetzte er sich außerhalb deS Lichtstreifens, den feine La- lerne verbreitete. Nach längerem Stillschweigm, nahm er wieder das Wort, aber der Tonfall seiner Stimme war nicht mehr derselbe.
„Herr Graf Steinbeck", sagte er mit einer beinahe herzlich zu nenumder Stimme, „Sie sind ein Mann von Ueberlegung und taktischer Geschicklichkeit. Wenn dieser unvernünftige Ladislaus davon nur eine Spur besessen hätte, würde ich ernstlich mit ihm habe rechn« müssen. Da ich sehe, daß Sie ein nicht zu verachtender Gegner find, so liegt e8 in unserem gegenseitig« Interesse, uns zu verständigen. Sie entstamm« dem historischen Adel, ich bin der Sohn eines Leibeigenen. Aber Sie find, wie ich schon einmal sagte, arm und ich bin reich, Sie find Deportirter, ich mächtiger Staatsbeamter! Sie sind in der Lage, mit mir Frieden zu schließe«. Wenn Sie einwilligm, werde ich Sie, anstatt Sie zu vernichten, so hoch steig« lasten, daß Sie allseitig Neid erregen."
„Ich verstehe Sie nicht."
„Dann muß ich mich eben näher erklären", erwiderte Koleieff cy zisch. „ES handelt sich, wohl ver-
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Februar.
* Die Eteuerkommisfiou des Reichstags hat die Berathung über die QuittuugS- und Frachtbrief- steuer auf nächste Woche verschob«.
* In der Bndgetkommisfio« gab heute Gmeral v. Goßler eine Erklärung dahin ab, daß seine neuliche Ausführung über die Einstellung der polnisch« Rekmt« in der Preste zu Mißdeutung« Anlaß gegeben habe. Er habe nur erklärt, daß, nachdem in jenen Gegend« die nationalen Gegensätze sich gemildert hätten, die ■MMHMÖaaassaHBBs einen Einfluß erlangt, der zwar recht schmeichelhaft ist, aber Ihnen keinen Nutzen bringen wird, w«n Ihn« keine mächtige Persönlichkeit als Stütze zur Seite steht.
Dank Ihrer unermüdlich« und uneigmnützigw Arbeit find die Erträgniste der Bergwerke erheblich ge- wachsen, aber das ist nur ein Anfang. Es wird «ft ein Leichtes fein, Ihnen die Oberleitung der Bergwerke zu verschaffen, sei eS unter Ihrem Ramm, sei eS unter dem eine» Dritten. Unendliche Reichthümer steh« daun zu unserer Verfügung. D«n eS wäre doch zu einfältig, alle diese Massen von Sold und Silber durch untere Hände gehen zu lost«, ohne, wie die übrig« Beamt«, ein« großen Theil davon zu unserem Rutz« zu verwmden. Erklär« Sie sich nun und ich werde daS Meinige thun, um Ihn« sofort nützlich zu sein."
Koleieff berauschte sich förmlich in fein« Worten; für ihn war daS Wort Ehrlichkeit ein leerer Schall. Er glaubte, ich sei vollständig geblmdet von dem glänzenden Bilde, daS er mir vorgemalt hatte. In seiner Verblendung nannte mir dieser so listige, „mit all« Wassern gewaschene" Mann eine Reche von Person« mit Namen und Titel, welche er bereits für seine Zwecke, sei eS durch Anwendung von EinschüchternngS- mitteln, sei es durch Betheiligung am Gewinne, gewonnen hatte. , , ,
„Mit mir verbündet," fahr er fort, „erwartet Sie Wohlhaben und Genuß. DaS ist aber noch nicht AlleS. Sie sind in heftiger Leidenschaft zu einer Dame mt- drannt, welche so hoch über Ihnen steht, daß es Unsinn
Jmt Gehaltsftage der Volksschullehrer. !
* Die .Trier'sche Landekzeitung' bringt über dieses | Thema einen Artikel, der soviel BeherzigenSwerthes j enthält, daß wir dmselb« mit einigen Abändernngen l «wesentlicher Natur mftthttlm, um für eine gute und ; gerechte Sache einzutreten.
Sobald die Frage der Lehrerbesoldung die Tage- blätter beschäftigt, ist e» nicht ohne Jntereste, die Sn- schauung« und die Haltung des unbetheiligtm Publikums zu beobachten. Sin Theil ist einsichtsvoll genug, die Klag« der Lehrer über die schlechten Gehälter als berechtigt anzuerkmnen, leider bildet aber dieser Theil die Ausnahme von der Regel, die Mehrzahl sieht in dies« Klag« weiter nichts als eine Bestätigung des althergebrachten BorurtheileS von der Unzufriedenheit der Lehrer. Stets neue Nahrung erhält dieses Bor- urtheil leider durch die fortwährenden Mittheilunge« der Preste von geplanter Aufbesserung der Lehrer- > gehälter. Ist eine solche Nachricht einmal widerrufen, 1 so taucht sie bald wieder in anderer Form auf, um - die Nachricht vorzubereit«, daß die Absicht« deS Ministers, eine zeitgemäße Besoldung der Lehrer allgemein zur Durchführung zu bring«, an diesem oder jenem Umstande gescheitert fei«. DaS Publikum hat aber von einer GehaltSaufbesterung der Lehrer gelesen nnd daun übersehen, daß all die Pläne nicht zur That gewordm find. „Warum beklagen sich die Lehrer, ihr Gehalt wird ja immerfort erhöht," heißt eS dann. War es nun von jeher für die Lehrer schlimm genug, tzaß sie sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen, Klag« erheben zu wüst«, so wird gewiß Niemand sie um die zweifelhafte Ehre, zu den Unzufriedenen gerechnet zu werden, bmeid«. DaS Trostloseste bei der Sache ist aber, daß man an maßgebmder Stelle auf diefeS Borurtheil hin sehr ost die Wünsche der Lehrer int- beachtet läßt. Biele glaube» aus derartige Klag« die jetzig« Berhältniste mit dm früheren vergleichen zu müffen. Angesicht» der damaligen kärglichen Besoldung erschein« ja die heutigen Gehälter vielfach hoch, indeß wird dabei ganz übersehen, wie sich die Verhältnisse überhaupt geändert haben. Soviel steht fest, mit ber- artigm Hinweis« und Vergleichen kann man die Berechtigung jener Klagen, wie sie heute erhoben »erden, nicht hinweg demonstrirm. Biel vernünftiger erscheint es, die berufliche und soziale Stellung der Lehrer in» Auge zu fasten und von diesem Standpunkte aus zu prüf«, ob die heutige Besoldung eines groß« Theile« der Bolksschullehrer eine auch nur mäßigen Anforderungen entsprechende ist. Zwar hält «an dem Lehrer so gerne entgegen, er wüste sein« Beruf ideal auffaflen. Damit sind wir ganz einver- stand«, und wir müßten einen Lehrer, und noch mehr die ihm anverftautm Kinder bedauern, dem die ibeale Berufsauffassung abhanden gekommen ist, aber: „Erst leben!" Alle die Ideale, mit dm« der junge Lehrer in sein Amt eingetreten, verflüchtig« sich in
erfindlich.
Auch manche andere Gründe weiß man anzuführen, welche beweif« soll«, daß die Klagen der Lehrer ungerechtfertigt find, fo z. B. tagt man, der Lehrer habe fo viel freie Zeit, daß er sich manchen einträglichen Nebenverdienste widmen könne. Er ist ja richtig, daß die eigentlichen Schulstundm die Zeit des Lehrers nicht fo sehr in Anspruch nehmen, aber e8 wird dabei übersehen, daß mit dem Schulehalten die Arbeit deS Lehrers noch keineswegs ihren Abschluß gefunden bat. Man verlangt von ihm, daß er die schriftlichen Arbeiten der Schüler einer gewisten Korrektur unterwerfe, daß er seiner Fortbildung obliege, und so vieles andere, wovon der Laie oft keine Ahnung hat. Wenn man sodann bedenkt, daß die Arbeit des Erziehens und UnterrichtmS äußerst aufreibend ist (daS werden die Eltern an ihren eigen« Kmdern erfahren haben), dann standen, zwifchm unS beidm keineswegs um uneigennützige (platonische) Großmüthigkeit, sondern um eine Verbindung, welche auf gegenseitigem Dienst beruht, von dm« wir beide Nutzen ziehen werden. Die Ziele, welche mein Ehrgeiz sich gesteckt hat, gmügm wir noch nicht; ich will noch weiter auf der sozialen Letter emporsteigen und Sie können diese Gelegmheit nur benützen.
„Ihr Ansehm in Pol« ist groß, wie ich weiß, und Ihre frühere, vorauSsehende, zurückhaltende Politik hat dasselbe noch vermehrt; außerdem befind« Sie sich im Besitze von allerlei Geheimnistm. Wenn Sie Ihre Kräfte der Wiederherstellung der Ordnung und Ruhe in Ihrer Heimath widmen wollten, würde die Regierung sich geschmeichelt fühl«, Ihre Mitwirkung mtgegen zu nehm«. Ich würde dann die Rolle bei; Vermittlers übernehmen und wir wärm dann reichlich ■ bezahlt für unsere dem allgemeinm Wohl getrifteten Dienste durch das erhöhte Ansehen, daS wir beide ge- Winnen müßten." Ä ,. „ , ,
Ich schwieg stille; dann fuhr Koleieff sott:
„Auch hier wird unsere Verbindung unserem ge- meinschaftlichen Jntereffe nicht wmiger nützlich, wie in Ihrer Heimath sein. Da Sie das Land vollständig tarnen, fo werden Sie, anstatt in der Masse der Verbannten zu verschwinden, eine Stellung erreich«, die Sie weit über alle anderen herauShebt. Ihr Name ist bereits unter den Eingeborenen des Landes bekannt geworden und Sie haben in der Bevölkerung von Irkutsk
nebelgraue Ferne, sobald die gemein« Sorgen des Lebens sich ihm entgegmstellm, dann wird eS ihm schwer, sich liebmd der Schwachheiten und Armseligkeit« anzunehme«, die Ausgelassenheiten nnd Ungezogen- heften in Geduld zu ertrug«.
Auch auf einen anderen Punkt möchten wir noch Hinweis«. Der Lehrer gehört seinem Berufe nach unter die AutoritätSPerson«, und wenn man so oft die Schule anrust, um biefe ober jene Uebelstände abstellen zn helfen, muß man doch wohl bem Lehrer — bmn bet macht boch schließlich bie Schule ans —, einen bedeut«!)« E nfluß zuerkennen. Wem gegenüber ober soll sich dieser Eii fluß wirksam erweis«, off nbar in erster Linie den Schülern gegmüber. Run ist eS cü&er eine bekannte Thatsache, daß daS Ansehm und der Einfluß der Lehrer den Schülern gegenüber vielfach bedingt ist durch die Achtung, die derselbe bei den Eltern genießt. Und was gibt heutzutage vielfach den Maßstab für die Werthschätzung eines Mannes ab?
Wie sehr wenig Berständniß und Herz oft die Semeinderäthe für die materielle Sage des Lehrers haben, das könnte auS manchen Aeußerungen einzelner Mitglieder dieser Körperschaft« illustrirt »erben. „WaS sollen wir ben Lehrern mehr Gehalt geben; wenn wir eine Stelle ausschreibm, melden sich genug." So soll man sich verschiedentlich dm Beschwerden der Lehrer gegenüber geäußert habm. Wenn eine Gemeinde ihren Lehrer zum Miethling degradirt, so darf sie auch nicht verlang«, daß er etwa anderes als ein Miethling ist. . „
Ein Lehrer war nm Gehaltserhöhung eingenommen. Zur Begründung seines Gesuches hatte er darauf hingewiesen, daß er verheftathet fei und bereits zwei Kinder habe. Doch das war einem Schulvorsteher Grund genug, gegen das Gefuch zu sprech«, mit der Rotivftung: „Der hätte ja nicht zu heirathm brauchm," ieantragte er, daS Gesuch abzulehnen. Wie man da, wo solches Wohlwollen dem Lehrer entgegmgebracht wird, noch verlangen kann, der Lehrer solle mit Fleiß und Hingabe seinem Berufe leben, ist uns rein un-