JM 40
Dienstaq, den 20. Februar 1894.
21. Jahrgang
ulbatr
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Der Handelsvertrag mit Rußland.
Berlin, 16. Februar.
Um ein Urtheil über die Vortheile und Nachtheile des beabsichtigten Vertrags mit Rußland abgeben zu können, muß man sich zunächst ein genaues Bild über unsere Ausfuhr nach Rußland und unsere Einfuhr von Rußland machen.
Unsere Einfuhr von dort besteht vorzugsweise aus Getreide, Vieh, Talg, Petroleum, Holz, Hanf und Wolle, also überwiegend aus Produkten der Landwirth- schüft, weshalb diese auch die russische Konkurrenz mit Recht fürchtet. Unsere Ausfuhr nach Rußland besteht zvm Theil aus Erzeugnissen der Industrie und der Bergbaues, zum Theil aus Gold, Silber und gemünztem Gelbe, welches wir als Zahlung für die Mehreinfuhr russischer Produkte dahin abführen. Diese Ausfuhr an Geld und Edelmetallen muß beim Vergleich der gegenseitigen Absatzverhältnisse außer Betracht bleiben, da aus derselben ein Vortheil für uns nicht erwachsen kann. Die nachstehenden Zahlen geben deshalb den Betrag de- Verkehrs mit Rußland unter Abzug der Edelmetalle und der baaren Geldes. Danach betrug
die Ausfuhr nach Rußland 1889 Mk. 174,000,000 1890 „ 183,000,000 1891 „ 145,000,000 1892 „ 129,000,000
die Einfuhr von Rußland 1889 Mk. 551,000,000 1890 „ 541,000,000 1891 „ 580,000,000 1892 „ 333,000,000
Die gegebenen Zahlen zeigen auf der einen Seite die Wirkung der russischen Mißernte im Jahre 1892, anderseits den Rückgang unserer Einfuhr nach Rußland in Folge deS Zolltarifs vom Jahre 1891. Die Wirkung der Kampfzölle, welche im August 1893 eintraten, läßt sich leider noch nicht nachweisen, da die vollständige Statistik für da- Jahr 1893 erst in etwa 6 Wochen fertig gestellt fein dürfte.
Aus obigen Zahl«, ist jedoch zu ersehen, daß die russische Einfuhr noch Deutschland weit stärker als die deutsche Ausfuhr nach Rußland ist und, daß wir jährlich mchrere hundert Millionen Mark an Rußland baar herauszahlen müsfen, um die Differenz auszugleichrn. Deshalb sollte man auch annehmen, daß die Gründe ?u einer Verständigung für Rußland weit zwingender ein müßten, als für Deutschland.
Unter diesen Umständen hätte man erwarten sollen, daß ein Vertrag mit Rußland nur dann abgeschlossen werden würde, wenn dabei für Deutschland außergewöhnliche Bortheile erzielt werden könnten. Leider hat der vorliegende Vertrag diese Erwartungen nicht gerechtfertigt, die russischen Zölle werden von ihrer übertriebenen Höhe theilS gar nicht, theils nur um 15 °/0 herabgesetzt, nur für ganz wenige Artikel findet eine stärkere Ermäßigung statt, fo daß die Ausfuhr der meisten deutschen Produkte nach Rußland auch auf weiters 10 Jahre unmöglich gemacht sein wird.
Auf der anderen Seite werden die Zölle für die wichtigsten Artist! der russischen Einfuhr nach Deutsch- land, Roggen und Warzen, um 30% (von Mark 5 auf 3 50) ermäßigt und durch das Recht der
Aach Sibirien verbannt.
Bon Louis Collas. Mit Genehmigung deS Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.
(24. Fortsetzung.)
„Ich habe überlegt, daß es bester für Sie sei, Sie für Len Augenblick von Hirt zu entfernen. ES besteht der Plan, an dm Ufern dks Baikalsee's einen zugänglichen Hafen aulegen zu losten, wie ihn die Bucht von Liventscynaia bietet; die Wegedauten, durchweiche, den See umgehend, JrlutSk mit SeliuginSk verbunden - werden soll, find ins Stocken gerathen. Ich werde ' Sie mit Vollmachten versehen, um an Ort und Stelle ' Vorarbeiten zu machen. Ihre Abwesenheit kann nur - einige Tage, vielleicht auch länger dauern. Während i dieser Zeit leiten Sie die Mission, welche ich Ihnen anvertraue, und sind dadurch vor jeder Verfolgung geschützt. Hier werden wir inzwischen Ohr und Augen offen halten. .
Bon dieser Fürsorge des Generals war ich tief ge- - rührt; aber der Gedanke, alle meine Freunderm Stiche lasten zu müssen, bereitete mir ernste Sorgen. Ich machte mir Vorwürfe, ihnen gerade jetzt nicht zur Seite stehen zu können; er erwiderte aber lebhaft auf mein Bedenken:
„Gerade Ihrer Freunde wegen halte ich es für gut, S:e zu entfernen. Sw spielen unklugerweise mit
Meistbegünstigung auch alle anderen russischen Einfuhrartikel wieder zu den mäßigen deutschen Zollsätzen zugelafsen.
Dadurch wird das M ßverhältniß zwischen der russischen Einfuhr nach Deutschland und der deutschen Ausfuhr nach Rußland auch künftig fortbestehen und wir werden genölhigt sein, auch ferner jährlich große Zahlungen an Edelmetallen, Geld und Werthpapieren zur Ausgleichung unserer Handelsbilanz nach Rußland zu machen. Im Verkehr mit den meisten anderen Ländern ist das Berhältniß zwischen Einfuhr und Ausfuhr ein für Deutschland wesentlich günstigeres, so stellte sich z. B. im Jahre 1891 die deutsche
Ausfuhr nach England auf 684 Millionen Mark, die Einfuhr von „
„ Ausfuhr nach Frankreich
„ Einfuhr von „
„ Ausfuhr nach Nordamerika
„ Einfuhr von „
„ Ausfuhr nach der Schweiz
„ Einfuhr von „ „
„ Ausfuhr nach Holland „ Einfuhr von „ Ausfuhr nach Rumänien „ Einfuhr von „ Diese Länder haben also
Deutschland annähernd den gleichen Werth deutscher Erzeugnisse erhalten, theilweise sogar noch weit mehr, fo daß sie an Deutschland baar herauszohl« wußten. AuS den bereits fertig gestellten Nachweisen über die deutsche Getreideeinfuhr im Jahre 1893 geht hervor, daß diese Einfuhr aus Rußland ganz erheblich nachgelassen hat. Während uns dieses Land im Jihre 1891 16,315,000 Doppelzentner Getreide und 1892 5,925,000 Doppelzentner Getreide (trotz der Mißernte) lieferte, sind in 1893 nur 3,878 000 Doppelzentner von da eingeführt worden, also kaum % so viel als in 1891. Man ersieht hieraus die Wirkung des deutschen KawpfzolleS von M. 7,50 pro 100 Kilo Roggen und Weizen.
Hört dieser Zollkrieg auf und wird das russische Getreide zum Zollsatz von M. 3,50 zugelassen, so muß auch die russische Einfuhr wieder stärker werden und daraus voraussichtlich auch ein noch stärkerer Druck, namentlich auf den ohnehin schon viel zu niedrigen Roggenpreis stattfinden.
Dieser Druck würde naturgemäß zunächst die öst- ; lichen Provinzen treffen, durch die bestehenden Staffeltarife, welche daS Getreide aus dem Osten zu sehr f niedrigen Frachtsätzen nach Mittel-, W-st- und Süd- \ deutschland führen, aber auch in unsrer Gegend die \ Preise noch mehr herunterdrücken. Es ist nun keines- - wlgr ausgeschlossen, daß in Folge der außerordent- i lichen Anstrengungen, welche schon jetzt in dieser Sache j gemacht werden, der Vertrag trotz seiner Schädlichkeit - für die Landwirthschaft, aus politischen Gründen zur ; Annahme gelangt. ES find hierfür 2 Möglichkeiten, gegeben; entweder würde die Genehmigung durch den - Reichstag mit Hülfe der Konservativen in den östlichen I Provinzen erfolgen, dann bleiben die Staffeltarife zu i deren Gunsten voraussichtlich auch ferner bestehen, !
oder der Vertrag würde mit Hülfe der süddeutschm und westdeutschen Abgeordneten zu Stande gebracht, unter Aufhebung der Staffeltarife. Die Regierung« scheinen den letzteren Fall für aussichtsvoller anzusehm, deshalb werden jetzt die Staffeltarife als schädlich erklärt und deren PreiSgebung in Aussicht gestellt, eS ist jedoch anzunehmen, daß die süd- und westdeutsch« Gegner sich auf keinen Kompromiß einlaffm und lieber auf Abschaffung der Staffeltarife verzichten, als fol ch e durch Annahme des Vertrags erkaufen.
Ob die Konfervativen der Ostprovinzen ebenso fest bleib« werden, wird bereits bezweifelt. Eine dritte Möglichkeit wäre, daß beide gegnerischen Jnteresfengruppm standhaft bleiben und den Vertrag zu Fall bring«, dann würde die Auflösung des Reichstags mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten sein und wir hoffen, daß er so kommen wird. M.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Februar.
(*) Zu den von uns in Nc. 39 gebrachten Ausführungen des Mainzer Journals' über die rumänische Einfuhr wird uns auS Berlin von anderer Seite geschrieben: ES ist ganz richtig, daß die rumänische Getreide-Einfuhr in 1893 während der erst« 9 Monate 614.589 Tonnen betragen hat, im ganz« Jahr 1893 erreichte solche sogar 835,240 Tonnen, seh« wir uns jedoch einmal genau an, worin diese Einfuhr bestand.
ES wurden eingeführt 348,700 Tonnen MaiS, 202,700 „ Gerste,
87,600 „ Hafer,
143,500 „ Weizen,
52,740 „ Roggen.
Mithin im Ganzen 196,240 Tonnen Brodgetreide, Dagegen 639,000 Tonnen Mais, Gerste nnd Hafer. Daß eine solche ungeheure Menge Mais eingesührt wurde, lag daran, daß solche von unserer Landwirth- schaft zur Erhaltung ihres Viehbestandes während der herrschenden Futternoth dringend benöthigt wurde, eS wird doch kein vernünftiger Mensch behaupten wollm, daß dadurch eine Schädigung der Landwirthschaft herbeigeführt wurde. Die rumänische Gerste ging fast ausschließlich an die großen Brauereien am Niederrhein und nach Baiern; die Einfuhr deS Hafers war eine Folge der in Deutschland eingetretenen Mißernte, der Preis des deutsch« Hafeis ist dadurch nicht gedrückt worden, sondern auch heute noch ganz außerordentlich hoch. Die von der rumänischen Einfuhr allein als fchädigend in Betracht kommenden Artikel siud Roggm und Weizen zusammen 196,240 Tonnen. Sehen wir uns nun dagegen die Ziffern der russischen Einfuhr an, wobei daS Jahr 1893 wegen des Kampf- zolleS und daS Jahr 1892 wegen der russischen Mißernte und Ausfuhrverbots nicht in Betracht komm«, mithin als letzter normales Jahr 1891 anzuführm ist.
Damals führten wir aus Rußland ein:
für ihre
238 261
357
377
184
144
268
282
112
56
der Gefahr. Die Beziehungen zu denselben sind mit Fallstricken besäet, welche Sie in Ihrer Herzensauf- richtigkeit reicht zu bemerken schein«. Auf der Schwelle der Wohnungen Ihrer Landsleute gedenkt Koleieff seine Hand auf Sie leg« zn können. Ladislaus PokoSki ist mir unheilvoll gevung gewesen und ich will deshalb nicht, daß er auch Ihr bösrr Geist sein soll."
Bei dies« Worten hi-lt der General bleich« Antlitzes inne; seine Stimme zitterte vor Erregung bei der Nennung dieses, für ihn verabscheuungSwüroigen NamerS. Doch gewann er bald feine Selbstbeherrfchung wieder und setzte in ruhigem Tone hinzu:
„Ich möchte nicht im Zorne von diesem Manne reden, weicher jrtzt auf so grausame Werse für das von ihm verübte Unrecht büßt. Ich habe ihn häufig genug verflucht, diesen Mann, der seiner Eitelkeit leichtherzig die Ehre einer Frau opferte, und welcher mit einem Tegenstich die Genugthuung reichlich bezahlt glaubte, die Welt glaub« zu laffen, daß ein unschuldiges Mädchen seine Geliebte gewesen, nicht zu gedenken des jahrelangen Jammer?, der dadurch über eine ganze Familie verhängt worden war. Ja, ich habe ihm oft geflucht; aber heute ist er unglücklich und deshalb will ,ch das Geschehene vergesien. Man wird über ihn und auch über Helena wachen."
Nun wußte ich, daß ich ruhig ebrefien konnte, denn ich tarnte dm zuverlässigen Charakter des Gene
rals. Ich war gerade am Abschiednehmen, als Fedora eiutrat.
„Immer Du," sagte ihr Vater mit scheinbare« Grolle.
„Ich muß 'wohl, lieber Vater, denn ich möchte mich versichern, daß man ihn während feiner Abwesm« , hrit nicht vergesien wird. Erinnern Sie sich nicht i mehr des Arbeiters Lipanski, den Sie vor einem so - schlimmen Schicksal bewahrt hab« und welcher über- I all erzählt, daß Sie ihm das Leben gerettet? Nun, ' dieser Manu wird Ihn« folgen und er hat mir fest ? versprochen, beständig über Ihnen zu wachen und wie j Ihr Schatten nicht von Ihrer Seite zu weich«. ' Halten Sie ihn nur nicht für einen Spion."
Der General überflog noch einmal die Instruktionen \ für mich, welche er bereits vorher entworfen hatte und I übergab mit ein Plakatey, einen regelmäßigen Paß.
„Klug und geheimnißvoll sollen Sie sein, wie man \ in der Oper singt," sagte er lächelnd. „Ueben Sie i Schlangenklugheit, denn derjenige, welcher Sie verfolgt ist eine Schlange."
Dann verabschiedete er mich. Fedora bestand aber ; darauf, mich bis zur Thüre zu begleiten. Wir ging« i an der Voliere vorüber, in welcher die Vögel ein herz- ■' erhebendes Konzert av.stimmt«.
„Bor einigen Tagen sangen sie nichi mehe, sagte F-dora; ihre heutige Munterkeit labet unS ebenfalls