J\S 37 Freitag, den 16. Februar 1894.
21. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. Februar.
* Es steht jetzt fest, daß der Kaiser anläßlich - seiner Reise nach Wilhelmshaven zu der dort am 20. d. M. stattfiübenden Jubiläumsfeier den Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe besuchen wird, entweder auf der Hin- oder Rückreise. — Der Kaiser soll sich bei dem gestrigen Diner beim preußischen Ministerpräsidenten Traf v. Eulenburg in noch weit bestimmteren «nd schärferen Ausdrücken für die Nothwendigkeit der Annahme des deutsch-russischen Handelsvertrages ausgesprochen haben, als dies bereits in voriger Woche durch ihn gelegentlich des parlamentarischen Diners beim Reichskanzler geschah.
* Wie soeben bekannt wird, hat das preußische Staaisministerium beschlossen, in Berücksichtigung der s Beschwerden der westlichen preußischen Provinzen und : Süddeutschland laut gewordenen Beschwerden auf die l Staffeltarife zu verzichten
* Der Reichstag setzte heute die zweite Berathuug der vom Centrum und Freisinngen beantragte Gesetzentwürfe betreffend Abänderung des Wahlgesetzes fort. Für die Bestimmung, wonach die Stimmzettel in amtlich abgestempelten verschlossenen Couverts abgegeben i werden sollen, sprachen Abg. Frhr. v.Herrmann (Ctr), ? Dr. v. Marqaardsen (ntl.) und Rickert (fts.). Die Be- - stimmung wurde schließlich gegen die Stimme der beiden - konservativen Fraktionen angenommen. Ggen die - fernere Bestimmung, wonach die Stimmzettel vom - Wähler in isolirtem Raum des Wahllokals in das - Wahllokal gelegt werden sollen, sprachen Abgg. Basser- - mann und v. Maiquardsen (rl.) da die Isolier:äame \ auf dem Lande nicht zu beschcffen sein würden, in den ' Städten bei großem Andrang« aber die Wahlhandlung ; aufgihalten werden würde. Für die Jsolierräume i sprachen Abgg. Dr. Barth (frs. Br.), Auer (Soz.). j Gröber (Ctr) und Levzmann (frs. Bp) Ohne diese i Bestimmung würde dec gegenwärlkge Zustand nur ver- i schlechtert. Die Bestimmung wurde schließlich gegen ' die Stimmen der Rechten und der Nationalliberalen angenommen. Angenommen wurde ferner ein Antrag Casselmann, wonach die um 7 Uhr Abends im Wahllokal noch anwesenden Wähler roch zur Stimmabgabe , zugelossen werden sollen. Die Gesetzentwürfe, welche ; wörtlich übereinstimmen, werden im Uebrigen in die s beantragte Fassung angenommen. Dann wurde die ' vom Abg. Schröder (frs. Ber.) beantragte Novelle l zum Handelsgesetzbuch berathen, wonach die KündigungS- frist für Prinzipale und Handlungsgehilfen gleich sein soll ‘ und wonach die Handlungsgehilfen ein Zeugniß über ‘ Art und Dauer ihrer Beschäftigung fordern können, welches auf Verlangen auch auf Fahrung und Leistungen ausgedehnt werden soll. Abg. Singer (Soc.) kündigte für die 2. Lesung dieser Novelle einen Antrag auf Einführung einer vierwöchigen Minimalkündigungsfrist an. Abg. Spahn (Ctr.) erklärte sich dafür, daß eine
Dach Sibirien verbannt.
Von Louis Collas. Mit Genehmigung des Verfassers in's ; Deutsche übertragen von Ph. Freidank.
(21. Fortsetzung.)
Fedora und ihre Mutter fanden indessen oft irgend einen Borwand, sich mir zu nähern und wenn ihnen dies gelungen, machten sie mir Vorwürfe, weshalb ich wich so in die Einsamkeit zurückziehe. Auf einem der öffentlichen Plätze von Irkutsk wohnte ein russischer Finanzbeamter, mit welchem ich befreundet war. Obwohl er eine höhere Stelle bekleidete, war er arm, da er darauf Verzicht leistete, seine Einnahmen auf uner- laubteW ise zu verbtssern. Einem seiner kranken Kinder gab ich Unterricht. Da Fedora dort Krankenbesuche machte, so traf ich sie eines Tazcs in dem Hause.
Wir setzten unS auf den Holzbalken, um uns einige Zeit zu unterhalten. Tie Luft war mild, fahle Sonnenstrahlen beleuchteten die fernen Hügel und ließen dieWaffer des Angara gleich Spiegeln aufblitzen. Unsere Aufmerksamkeit wurde p'ötzlich durch das Geräusch einer vom W-sten kommenden Trupps Gefangener erregt. Ich erblickte alsbald den Transport, der Demjenigen glich, mit welchem ich angelangt war, nur waren die Verbannten in einem noch elenderen Zustande als wir. Die Gefangenen waren sämmtlich hohlwangig und abgezehrt; die Kleider hingen ihnen in Fetzen vom Leibe. Die , Nachzügler erhielten von den Kosaken Schläge mit ihren •
Kündigung nur immer zum 1. eines Monats stattfinde. Die erste Lesung des Antrags Schröder wurde zu Ende geführt, die zweite begonnen, doch bald Vertagung beschlossen. Morgen Postetat.
* Im Herrenhause wurde heute die Novelle zur Kirchengememde - und Synodalordnung, sowie zum Kirchenverfassungsgesetz an eine 15er Kommission verwiesen. Morgen 2 Uhr: Kleine Vorlagen.
* Das Abgeordnetenhaus setzte die Etats- beratbung bei dem Etat des Auswärtigen fort. Die mit Rkpräfentationspflichten begründete Erhöbung des Gehalts für den Gesandten in Stuttgart um 6000 M. (auf 36,000 M ) wurde abgelehnt. Auch die Konservativen stimmten dagegen weil, wie Abg. v. Krocher bemerkte, teilt Grund vorliege, den Stuttgarter Gesandtposten besser zu dotiren, als den Dresdener. Abg. v. Cy-ieru (Ntl) regte eine Verwendung dafür an, daß die Staatsbetriebe in den Einzelstaaten ihren Bedarf an Rohmaterialen möglichst ans deutschen Werken entnehmen. Beim Etat der Münzverwaltung kam eS zu einer längeren Währungsdebatte. Abg. Dr. Arendt (fit) wirs auf den durch die Silberentwerthung entstandenen Mißstand der großen Unterwerchigkeit (50 pCt.) unserer Silbermünzen hin. Eine feinere Prägung solcher unterwerthigen Münzen gehe nicht an. UnterstaatSsekretär Meinecke erwiderte, daß Preußen die Prägung ohne direkten Eingriff in die Rechte des Reichs nicht ablehnen könne. Abgg. v. Eynern (Ntl.), Dr. Presche (Ntl.) und Dr. Biömel (fr. Ver ) vertraten bett Standpunkt d.r Goldwährung und bestritten, daß die Golt Produktion für den Müvzebedaif nicht ouSreiche. Abg. Fuchs (Str.) trat dagegen dem Abg. Arendt bei und führte die Preisrückgänge auf die ungenügende Summe der Umlaufmittel zurück. Abg. Arendt erklärte noch, zu der Reichssilberkomimstion ihrer einseitigen Zusammensetzung westen kein V.-r- trau?» zu Haven. Finanzminister Dr. M quel erkläite, daß die preußische Regierung ohne alle Voretngenornmen- beit der Frcge gegenüber stehe. Nachdem sich roch Graf Limburg namens der Konservativen für Wiedereinsetzung des S löerS als Münzmetoll ausgesprochen, wurde ber Etat der Münzverwalrung genehmigt. Morgen: Justizet-it-
* In die WährnngSkommisston (behufs Erörterung von Maßregeln zur Hebung und Befestigung deS Silberwerthe!) sind folgende Herren als Mitglieder berufen worden: Dr. Arendt, Dr. Bamberger, General-Sekretär H. A. Buesk, Rechtsawalt und Bankdirektor Büsing, Dr. Hammacher, v. Kardorss, Krinas, Direktor des Schaafhausen'ichen Bankverein Köln (Rhein), Geheimer Berarath Leuschner, Prost ssor Dr. LepiS in Göttingen, Prof. Dr. Bötz in München, Arnold Otto Mey-r fen. in Hamburg, Graf v. Mirbach, Generalkonsul Ruffel, Frhr. v. Schorlemer-Alst. Dr. A. Schäsfle, Dr. Moritz Stroell, Direktor der Notenbank in München.
* Die Budget-Kommission des Abgeordnetenhauses lehnte alle Centrums-Anträge, welche bisher
Lanzenschäften. Ein Mann, dessen Haupt mit einer goldbetreßten UniformSmütze bekleidet war und in welchem ich Koleieff zu e: kennen glaubte, ertheilte in hartem Tone Befehle. DaS Schauspiel war herzzerreißend.
Fedora, welche mich erbleichen sah, wollte mich von dieser schrecklichen Scene wegsühren; aber ich konnte meine Blicke von den Unglücklichen nicht wegwenden in der Hoffnung, endlich ein bekannter Gesicht unter denselben zu erblicken.
„Helena, Helena!" rief ich außer mir vor Schrecken aus.
In den Reihen der Verbannten erblickte ich die Freundin meiner Jugend, wie sie abgemagert, mit vor Fieber glänzenden Augen, immer noch schön in ihrer stoischen Ruhe und Ergebung daherschntt.
Mit fliegender Eile lief ich auf die Straße, wurde aber von der Kosakm-Begleitung brutal zurückgestoßen. Ich hatte nur noch Zeit, an Helena die kurze Frage zu richten:
„Was ist auS Ladislaus geworden?"
Stumm deutete sie auf eine Gruppe Verbannter, welche mit Ketten belastet waren, sei er der Schwere ihrer Verbrechen wegen, sei es, weil sie sich unterwegs widerfitzt oder Fluchtversuche gemacht hatte«. Er lag auf einem Haufen Stroh. Wer hätte in dem Unglücklichen mit dem ungepflegten Haupt- und Barthaar, den hohlen Wangen und dem abgemagerten Gesichte, auS welchem ein Paar halberloschene Augen ausdruckslos in
zum KultuS-Etat gestellt werden find, ab, nämlich StaatSzufchüffe für die Missionspfarrer, Erhöhung des Höchstgehalts der katholischen Geistlichen bis 2700 M. und Anrechnung des Kirchen- und Schul-DiensteS in andern deutfchrn Bundesstaaten bei Bemessung der Alterszulagen.
* Zur HandwerkS-Reform werden ber .Deutsch. Böttcherztg.' über die Absichten der Regierung folgende Miitheilungen gemacht:
„Es stimmen die auf Grund der von den Magistraten, Innungen u. s. w. eingeholten Informationen, verfaßten und eingelaufenen Gutachten der Regierungs-Präsidenten sämmtlich darin überein, daß die von Herrn v. Berlepsch seiner Zeit verössent- lichten Vorschläge als zu einer allseitig befriedigenden Olga-, nisalion des Handwerkerstandes nicht geeignet anzusehen seien und der Oberpräsident von Hannover, Herr v. Bennigsen, hat Gegenvorschläge unterbreitet, die als angemessmcr bezeichnet werden und die deshalb als Grundlage eines neuen Organ!sa- tionS-Entwnrss zur Zeit der Bearbeitung unterliegen. Nach Andeutungen dürften sich diese Vorschläge denjenigen nähern, welche seiner Zeit die ständige Deputation des Berliner Innungs- Ausschusses veröffentlicht hat, speziell soweit der dort und auch sonst geforderte obligatorische Zusammenschluß an Jnnnngsverbänden in Betracht kommt. Die zu erwartenden neuen Vorschläge sollen im Wesentlichen auf den obligatorischen Ausbau der bestehenden und die zwangsweise Errichtung neuer Innungen, sowie auf den obligatorischen Zusammenschluß der Innungen zu Jnnnngsverbänden hinauslanfen. Von der Errichtung von Handwerkerkammern will man Abstand nehmen und mit den diesen zugedacht gewesenen Funktionen die Berbandsvorstände betrauen. Die nach Hamburger Muster geplanten Fachgenossenschaften kämen demnach nicht mehr in Fi age Daß in den Bennigsen'schen Vorschlägen ebenso wenig von der Erbringung des Befähigungs-Nachweises wie in dem Regierungs-Entwurf die Rede ist, versteht sich von selbst."
Es wäre gut, wenn von amtlicher Seite alsbald mehrere Mlttheilungen über bie neuen Entwürfe gemacht würden; dann wäre man in der Lage, zu prüfen, ob Diese Entwürfe für die Verbi fferung ber Lage deS Handwerkerstandes wirklich von praktischer Bedeutung sind. Die Handwerkerfrage wird allgemach so brennend, daß eS endlich an ber Zeit ist, daß etwas wirklich Praktisches geschosftn wird. Mit dem fortwährenden Entwürfe - Fabrizire« ist dem Handwerk absolut nicht gedient, es wird dadurch nur Zeit vergeudet und dem Handwerk Zeit gelassen, noch immer mehr auf den Hund zu kommen. Hat man den ernstlichen Willen, demHandwerk zu muerBlüthe zu verhklfen, dann gehe man nicht länger wie bie Katze um den heißen Brei, sondern schicke sich an, die klaren und präzisen Forderungen, bie vom Handwerke:stände schon feit einem halben Menschenalter gestellt werden, zu erfüllen.
* In der Justizverwaltung werden gemäß den der Kommission gemachten Mlttheilungen nach dem Stande vom 1. Januar 1894 durch Hülfsrichter verwaltet, 183 etatsmäßige und 127 außeretatSrnäßige Stellen, deren Schaffung, zwei Stellen abgerechnet, durch dauernde geschäftliche Ueberbürdung nothwendig gemacht wurde. Außerdem sind ebenfalls als Hülfs- nchter 187 Gerichts-Affistören in ber Grundbuch-Anlegung und -Reguli: ung beschäftigt. Für Oberlandes- und Land-Gerichte sir d 45 Hülfsrichterstellen bewilligt. Bei den 106 Staatsanwaltschaften ber Monarchie wer-
bie Welt blickten, ben glänzenden Kavalier Ladislaus erkannt?
Als ich noch ganz fassungslos von ber Begegnung in's Hans zurückk<hrte, war ich über die Auflegung in ben Zügen Fedorn's gänzlich erstaunt. Die liebliche Anmuth ihres Gesichtchens hatte dem Ausbrnck ber Unruhe und Sorge Platz gemacht, selbst ber Klang ihrer Stimme hatte sich veränbert. Sie fragte mich:
„Sie haben das Gefühl dieser Dame wenig sorgfältig berücksichtigt, denn die Heiterkeit Ihrer Frage scheint sie tief bewegt zu haben."
Bei diesen Worten blickte ich sie an; sie erröthete. AuS verschiedenen Anzeichen glaubte ich schließen zu können, daß mich Fedora liebte; ich hatte zwar jedesmal diese Annahme als lächerlich zurückgewieen; heute konnte ich mich abernicht mehr täuschen. Helena selbst in Lumpen schön, hielt sie für eine Rivalin und bie Eifersucht erwachte in ihrem Herzen.
Ich beklagte diese ihre Herzensverwirrung und dachte erst daran, ihren Verdacht zu bestärken, damit sie bei der Aussichtslosigkeit ihrer Liebe solche bann aus ihrem Herzen reißen werde; aber ich konnte mich, abgesehen, daß solche Mittel selten helfen, nicht entschließen, zu dieser L-st zu greifen.
Ich erzählte Fedora also einfach meine Geschichte, sowie diejenige Helena's; ihr Blick zeigte zwar anfänglich noch Spuren von Zweifel und Mißtrauen, doch wußte sie ja, daß ich niemals log und deshalb glaubte