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21. Jahrgang

Donnerstag, den 15. Februar 1894.

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FilldaerMZeitiiiig

«-Ehrlicher Abonnementsp

aber elend zubereitet, die Bedienung schlecht und dar Arrangement der Tafel ohne jeden Geschmack; waS die Weine betrifft, so waren sie alle weit her bezogen, hatten hochfeineEtiquetteS, schmeckten aber fürchterlich.

Ich war nicht überrascht von dem, WaS ich sah, wohl aber darüber, daß man sich von mir nur weit wegsetzte. Man unterhielt sich mit leiser Stimme und hörte mit der Unterhaltung auf, sobald man anzunehmen glaubte, daß ich einige Worte davon vernehmen könne; ich glaubte verstanden zu haben, daß e» sich um neue Nachrichen auS dem Westen handele. Ich wußte wohl, daß da- gegenseitige Mißtrauen der gewöhnliche Zustand in einem Lande ist, in welchem ein ausgebil­detes Spionensystem blüht, wo ein einziger unkluges Wort sehr theuer zu stehen kommen kann, wo die Gunst der Beamten käuflich ist, wo man endlich alle Mittel anwendet, um zum Ziele zu gelangen, aber durch nichts war ich auf eine derartige RücksichtSlosig- kett vorbereitet, mit welcher ich behandelt wurde.

Fedora bemerkte sehr wohl, wie man mich absicht­lich als Luft behandelte und dadurch in eine ganz und gar unhattbare Lage brachte; sie verdoppelte ihre Zuvor­kommenheit und suchte mich durch liebenswürdige Worte, wie sie nur einem so vollendeten Wesen zu Gebote stehen, zu entschädigen.

DaS Diner schien mir entsetzlich lang; endlich nahte eS sich seinem Ende. Die Taselgenossen gaben sich zum Theil in aller Ruhe der Verdauung hin, welche auch

Aeußerungen des national« Lebens Thell; die öffent­liche Meinung ist heute daran gewöhnt und das große Publikum wendet der Stellung, die er zur Arbeiter­frage nimmt, eine besondere Aufmerksamkeit zu. Auch nehmen die Bischöfe, sich ben Sitten des Landes an- bequemend, keinen Anstand, vor einem sehr gemischt« ZuhörerkreiS Vorlesungen über wissenschaftliche mb soziale Gegenstände zu halten unb dadurch ihren kirch­lichen Unterricht zu vervollständigen.

Doch hat auch der alte Sauerteig der Intoleranz nicht aufgehört, in ben protestantischen Sekten zu gähren unb gewisse Freimanrergruppm sinb stet- auf ber Lauer, um, wenn immer möglich, Maßregeln zu veranlass«, bie birekt ober inbireh Die Stellung der Kirche schädigen könnte. Diese Stellung ist also unbedingt noch nicht so gesichert, daß man sie unkluger Weise kompromittiren dürfte. Die Katholiken, bie baS wohl erkennen, ermüde» darum einerseits nicht, bie Wahrheit barzulegen, mb anberseits zählm sie auf ben Fortschritt ber wahren Vernunft, auf bie Lehren ber Erfahrung unb auf bie Mithilfe ber aufrichtigen Protestanten, bie sich ber An­erkennung ber heilsamen Wirksamkeit ber katholische» Kirche in ben Bereinigten Staaten nicht verschließen fömte».

Mm barf benn auch hoffen, daß diese edle und großmüthige Weise, die religiöse Frage zu behandeln, durch den Erfolg gekrönt sein wird. Aber welcher wirb bie Natur unb bie Ausdehnung dieses Erfolges fein? Wird die neue Welt im Laufe des 20. Jahrhunderts Zeuge der wichtigen historischen Thatsache sein, daß die Mehrzahl eine« Volkes nicht in Folge de- Eingreifens einer Regierung — denn die Zeitm Konstantins, Karls des Großen unb beS hl. Stephan sinb vorüber — son­dern mS vernünftiger Ueberzeugnng und durch einen freien WillenSakt sich unter die Leitung der katholische» Kirche stelle» wird? Oder aber wird bet Katholizis­mus als Achtung gebietenbe Minorität unter ungeheuren Bevölkerungsmassen leben, in welchen bie feindlichen Boruriheile gegen sie mehr und mehr abnehmen? Und wird die Kirche immer eine genügende Freiheit genieße», um ihre übernatürliche Mission erfüllen zu könum mb bie Demokratie ber neue» Welt wenigste»- bie Achtung vor bem Rechte festhalten?

ES gibt eine höhere Macht, welche bie Geschicke bet Bölkerslenkt unb sich aller Voraussicht entzieht. Washington erkannte bieS in bem Augenblicke, als die Konvention von Philadelphia auSeinandetging, mit den folgend« Wort« an: „Wir miiffen mit frommer und dankbarer Freude den Finget ber Vorsehung in den geheimniß- voll« unb unverständlichen Ereignissen erkennen, welche mS Schritt für Schritt zu der Konvention geführt hab«, die aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach die Ruhe unb baS Glück beS Volkes bauetnb begründ« wird, während wir nur zu viel Ursache hatten, Wir­rungen mb Leibe» zu befürcht«." Unb wttklich 8* verschieben« Malen gewahrt man m ber Geschichte bet Vereinigten Staaten ein ähnlicher Eingreifen bet Vor­sehung und basselbe kann sich auch in ber Zukunft wiederholen. Doch lautet schließlich daS Urtheil Im-

Aach Minen verbannt.

Von Louis Collar. Mit Genehmigung deS Verfassers in'S Deutsche übertragen von PH. Freidank.

(20. Fortsetzung.)

Ein reicher Kaufmann, dem ich einige Di«ste ge­leistet hatte, indem ich nicht nur in seine Bücher, fon- bern auch in fein etwas vernachlässigtes Geschäft Ord­nung gebracht, lud mich zu einem MittagSmahle ein, welchem die Notabilitätm der Bevölkerung anwohnten. Auch der General wat geladen, doch wat er zu kom­men verhindert. Ich fand dort nur dessen Gemahlin nebst Tochter.

Die Gesellschaft von JrkutSk zeichnete sich weder durch besondere Eleganz, noch durch feine Umgangs- formen aus, wie man offen sagen barf. Geistige Ver­gnügungen kennt man kmm, denn gelesm wirb fehr wenig. Die Unterhaltung ist deshalb einförmig und schleppend. Dafür herrscht Uebeifluß an Luxus und dieser ist meistentheilS von schlechtem Geschmack. Man macht oft wahrhaft unsinnige Ausgaben, nur auS dem lächerlichen Grunde, feinen Nachbar zu übertrumpfen. Alles spitzt sich auf ben materiellen Genuß zu. Die Tafelfreudm stehen bähet in erster Linie.

So würbe auch baS Diner mit großem Prunke fervirt, aber derart, daß eS dem Oberkellner eines westeuropäischen Hotels einen Schrei ber Entrüstung erpressen mußte. Die Sp.'ism waren alle sehr kostbar,

Die Zukunft des Katholizismus in Nordamerika.

Unter dem Titel: „Die vereinigten Staaten Nord- ametika's in der Gegenwart. Seine Institutionen und Ideen seit dem SezesfionS-Ktiege" veröffentlichte.Clmdio Ja nnet, Professor der Sozialökonomie m der katho­lischen Universität zu Paris vor mehreren Jahren ein Werk, welches nicht bloß in Frankreich, sondern auch in Amerika selbst die allgemeinste Beachtung sand; dem ber Verfasser bewies, daß er die staatlich« Einrich­tungen, die wirthschastlichm Verhältnisse und die sozialen Gestaltungen besser kannte, ihre Vorzüge unb ihre Schwächen richtiger zu würdigen wußte, als die meisten Amerikaner selbst. Alle Besprechung« des Buches in französischen und nordamerikanischen Blättern hoben darum den gewaltigen Eindruck hervor, welchen daS Werk hervorgerufen hat. Dr. Walter Kämpfe in Salz­burg hat das Jannet'sche Werk in'S Deutsche übertragen. Derselbe ist in Oesterreich und Deutschland als hervor- rog«ber Sozialökonom bekannt, dessm Artikel im Staatslexikon der GörreSgesellschaft große Beach­tung find«. Dr. Kämpfe beschränkt sich nicht auf eine bloße Uebersetzung, er erweiterte vielfach daS Jannet'sche Werk, wobei ihm zu Statten kam, daß ber Verfasser bem Uebersetzer beträchtliches neues Material zur Ver­fügung stellte. Die Leser der ,Fulbaer Zeitung' inter- effirt sicherlich am meist« Jannet'S Urtheil über bie Zukunft ber katholischen Kirche in ben Bereinigten Staaten. ,

Der Aufschwung, schreibt Sannet, ben ber Katho­lizismus feit einem halb« Jahrhundert in den Ber­einigten Staaten genommen hat, ist eine bedeutsame Thatsache. Erst seit wenig« Jahr« breitet sich sein organischer Ban über die ganze Union auS md bllde» die Gläubig« in einigen Staaten kompakte Rassen. Wenn er nun aber solche Fortschritte mit einer mvoll- kornrnene» Ausrüstung machen konnte, was darf man erst dann hoffen, wm» jede Pfarrei ihre Schule haben wird, wenn die Geistlichkeit md bie religiösen Orden sich an de» betreffend« Ort« genügend rekrutirm wer­ben unb eine große, dieses Namens würbige Universität ber Kirche in ber Leitung bet höheren Geisteskulinr b« Einfluß, de» sie kraft ihrer göttlichen Mission bean- sprncht, siche« wird?

Nachdem derBerfaffer auch noch darauf hingewiesm hat, daß die katholische Religion auch eine Schule der Sozialwiffmschaft sei unb auch dadurch an Ausbreitung in den Bereinigt« Staaten gewinn« müffe, stellt er sich die Frage: Muß man jedoch nicht fürchten, daß ohne besonderer Eingreifen der göttlichen Vorsehung der Katholizismus, obgleich er wächst und ihm manche in b« verschieden« protestantisch« Konfessionen zerstreute christliche Elemente zugeführt werd«, dmnoch in Zu­kunft nicht mehr in dem Maße, wie in bet letzten Hälfte bieseS Jahrhunderts, fortfchreit« werde? Die Gründe, welche zu dies« Besorgnissen Anlaß gab«, sind folgende:

Zunächst erhält der Katholizismus gegenwättig durch

die Einwanderer verhältnißmäßig geringer« Zuwachs als vor 1870, da dieselben gegenwärtig in der Mehr­zahl ans protestantischen Ländern komm«; d«n die Einwanderung aus Irland und dem südlichen Deutsch­land ist an Zahl schwächet geworden, und den stärksten Zuwachs bringen ber Kirche heutzutage vielleicht bie Kanabier. Dann aber erleidet der Katholizismus auch große Verluste unter ben in Amerika eintreffenden Aus­wanderern, und zwar ganz besonders unter deren Söhnen, bie in eine protestantische ober ungläubige Umgebung versetzt »erben, und in Folge des naturalistischen Un­terrichtes in den Gemeindeschulen. Der religionslosen Schule gegenüber kann man eben noch nicht überall eine Pfarrschule errichten. In ben gebildeten Kreis« verbreitet sich mehr und mehr bie ungläubige sogen. Auskliirung, unb zwar in Folge beS UniversitätS-Un- terrichteS unb bet im Sinne ungläubiger Aufklärung witkenb« publizistischen Organe. Aber das größte Hinderniß für die Wirksamkeit des Katholizismus bleibt doch immer bie wahrhaft heidnische Atmosphäre, bie sich so vielfach in ber nordamerikanischen Gesellschaft bildet. DaS Wort md die Presse sind zügllloS. Die blasphemisch« Angriffe gegen das Christenthum fallen zwar noch unter die gesetzlich« Straf«, aber diese Ge­setze, die vor 40—50 Iaht« angewandt wurden, wer­den jetzt nur mehr selten angewendet, well die öffent­liche Meinung abgestumpft ist. Alles wird in Frage gestellt und das Böse genießt fast dieselbe Freiheit wie daS Gute. Wohlfeile Romane mach« sich ber unziem­lich« Neugierde dienstbar und verwirr« durch die systematische Erzählung bet Laster und Verbrechen baS Gehirn bet Leser mb vorzüglich ben Geist der jungen Leute. Der Materialismus bricht sich Bahn. Die Sitt«verbetbniß, bie politische Bestechlichkeit unb bie finanzielle Unreblichkeit durchbrech« alle Schrank«. Ja, selbst bie Frauen sinb in gewissen Kreisen davon er­reicht, so daß die Familie dadurch in weit« Schichten zerstört ist. Dies ist also die neue äußerst bedrohliche Seite der moralischen Zustände in den Bereinigten Staaten.

Kann nun aber eine solche Bevölkerung der Aus­breitung des Katholizismus günstig gestimmt sein? Und wird derselbe nicht unter solchen Bedingungen auf eine Auslese redlicher und reiner Seelen, bie immer die Minderzahl bild«, beschtäntt bleiben? Wohl geh« Bischöfe md Priester nicht nur in ihrer kirchlichen, sondern auch in ihrer sozial« Wirksamkeit mit voller Hingebung zu Werke, indem sie ErziehungS« und Wohl- thätigkeitS-Anftaltm wie auch die nothwendigen HllfS- kaff« für die irn WachSthurn begriffene Bevölkerung in'S Leb« ruf«. In dm Gebiet« deS Westens aber, die noch urbar zu machen und zu bevölkern sind, er­richt« sie Kolonien und gründen Dörfer mit all« ökonomischen Einrichtungen, welche neue Niederlassung« gestatten. Die Kirche macht also ihre ueuschaffende unb zusammenhaltenbe Kraft ber Gestaltung ber neu ent» stehenden menschlichen Gesellschaft dimstbar und alle wahrhaft politisch gebildeten Geister sind davon sehr befriedigt. Der Episkopat nimmt überhaupt an allen

ein sibirischer Magen zur Bewältigung all der zahl­reichen Speis« nothwmdig bedarf, ein anderer Thell, erhitzt durch reichlichen Genuß der theuer» Werne, sprach und lachte laut. Fedora erhob sich und bat mich, ihr an ein Fenster der Salon» zu folg«, wo wir uni ungestört unterhalt« könnt«. Sie zeigte: mit dem Finger nach ber Tafel, welche wir verlast« hatten, wie wenn sie sagen wollte:

„Welch' üchenSwürbige Gesellschaft!

Fedora unterhielt sich mit mir in alter Weise. In­zwischen mürbe bie Unterhaltung immer lärmender. Sie konnte deshalb einem Gesühl des Unbehagens nicht widersteh«, öffnete ein schlechtgestimmtes Piano, welches sich in der Nähe befand und spielte eine polnische Melodie. . , ...

Fedora gedachte dmch diese Manifestation auf dre zaghafte» Nerv« der Tischgäste belebend emzuWirkm; den Eindruck, b« sie hervorbrachte, hatte sie Nicht^er­wartet. Die Tafelgenosten erhoben sich mit einem Schlag unb ihre Gesichter drückten ein Entsetzen von Komik mS. DaS Erscheinen eine« Gespenstes hätte kaum eine größere Bewegung Hervorruf« könne». Die Hern» veS HauseS näherte sich dem jung« Mädchen, welches fottfnhr, die Tast« des JnstrummiS zu bearbeit«, ohne ihre» überraschenden Erfolg bemerk« zu wollm, den ihre merkwürdige Laune hervorgedracht hatte.

„Aber Fedora", sagte die Dame, „wie können Sie ein solches Sieb in bem gegenwärtigen Augenblick