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JW 32 Samstag, den 10. Februar 1894. 21. Jahrgang

FuldakrMZtitiliig

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Deutsches Reich.

Berlin, 8. Februar.

* Der Entwurf über Aufhebung de- Identität-" Nachweise- hat die Genehmigung des Kaisers erhalten und wird alsbald dem Bundesrath zugehen.

* Der ruffifche Handel-Vertrag ist auf 10 Jahre abgeschlossen. Der Vertrag beruht auf dem Grundsätze der Meistbegünstigung, sodaß Deutschland auch dre Frankreich eingeräumtcn Begünstigungen zugefallen sind, wie umgekehrt die von Deutschland erlangten Ec- mäßigungen Frankreich ebenfalls zu Gute kommen. Der BertcagStext enthält Vergünstigungen für den Transit- und Schifffahrtsverkehr, sowie eine Regelung der Zollabfertigung, durch die eine den Interessen der vertragschließenden Staaten abträgliche Tarisbehandlung ausgeschloffen werden soll. In drei Anlagen enthält der Vertrag sodann die Zollherabsetzungen, die ohne Herabsetzung erlangten Bedingungen einzelner Tarif- nummrrn und ferner Ergänzungen, die nicht direkt, aber indirekt Zugeständnisse enthalten, indem sie Ver­änderungen in den Tarifnummern herbeiführen. Die Zollverhältnisse FinlandS sind besonders geregelt und zwar bleiben die jetzigen niedrigen finischm Zölle zu­nächst noch 5 Jahre unverändert in Kraft.

* Die preußische Wahlrechtsfrage hat daS Centrum im Abgeordnetenhause wieder in Fluß ge­bracht. Die bisherigen Erfahrungen, namentlich in den Städten des Westens, haben bereits außer Zweifel ge­stellt, daß die Steuergesetze das Wahlrecht in einem Grade nach der plutokratischen Richtung hin verschoben haben, gegen den die Karrikatur eines Wahlreform- Gesetze-, wie er Konservative und Nationalliberale in der letzten Session zu Stande gebracht haben, keinerlei Gegengewicht bietet. Für das Centrum steht deshalb auch schon fest, daß dar Gesetz geändert werden muß. Wenn daS Centrum trotz dieser Ueberzeugung nicht sofort einen Antrag auf Abänderung oder gar einen sormulirten Wahlgesetzentwurf eingeoracht hat, so erklärt sich das vollkommen aus der parlamentari­schen Lage. Das Centrum allein kann nichts durch­setzen; Diejenigen, die dar letzte Gesetz in ihrem Inter- effe geschaffen haben, und, wie der Adg.Kröcher neulich versicherte, sehr zufrieden damit find, weil fie bei den Wahlen Geschäfte gemacht haben, haben die Mehrheit und werden Abänderungs-Anträge verwerfen, womög­lich unter Leugnung jeder plutokratischen Verschiebung des Wahlrechts. Der Antrag des CrntrumS soll nun den Boden für ein weiteresBorgehen schaf­fen und den Gegnern den Boden für ihren Widerstand entziehen. Wenn die Regierung eineUnterfuchung über die Wirkung der Steuerreform und der Wahlgesetzes anstellt, so wftd daS Ergebniß eine amtliche Bestätigung der Behauptungen der CentrumSpartei sein und allen Unbefangenen daS Unrecht und die Unhaltbarkrit des jetzigen Zustandes zeigen. Auch die Schöpfer des jetzigen Wahlgesetzes werden sich der beantragten Untersuchung nicht widersetzen dürfen, wenn sie nicht zugeden wollen,

Dach Sibirien verbannt.

Bon Louis Collas. Mit Genehmigung deS Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.

(16. Fortsetzung.;

„Hauptmann Apraxin trat später ein, und als er sah, daß ich wie die Pest geflohen und wie eine Aus­sätzige behandelt wurde, trat er auf mich zu, bat um meutai Arm. Seine Haltung war ruhig und würdig, gleich der eines Mannes, der die Herausforderung nicht sucht, aber ihr zu begegnen gewillt ist. Ich war im Gegevtheil stolz und blickte voll Verachtung auf meine Landsleute, wie wenn ich ihnen sagen wollte: „Sie können mir so viel Beschimpfungen entgegen­schleudern wie Sie wollen, Sie werden mir kein Wort der Klage oder der Erwiderung abpreffm.

Ich berauschte mich sörmlich an dem quälenden Genuffe eines Wortwechsels. Die Zwischenfälle dieses Abends und ein unblutiges Duell, dar Hauptmann Apraxin meinetwegen ausfechten mußte, befchlmnigten meine Vermählung."

„In dieser Zeit kam einer der Führer der nationalen Bewegung nach.....Sie waren dies, Graf Sigis­

mund Steinbeck. Man rühmte Ihre Mäßigung, man sagte, daß Sie den Ungrstüm Ihrer Landsleute zurück­zuhalten suchen, und daß Sie vom Losschlagen ganz entschieden abriethen. Wie kam e8, daß Sie der Vor­sicht Ihrer Rede zum Trotz überall, wo fie weilten,

daß fie das Ergebniß scheuen und ein Unrecht unter allen Umständen aufrecht erhalten möchten.

* Der Reichstag setzte heute die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern fort beim Kapitel Patentamt. Abg. Bassermann brachte dabei die Frist­verkürzung für die Gebührenzahlung bei Patenterneue­rung von 3 Monaten auf 6 Wochen beschwerdeführend zur Sprache. Geh. Reg-Rath Haus vertheidigte diese Fristverkürzung, weil die älteren Patentbesitzer auch persönlich an die Erneuerung erinnert würden. Abg. Dr. LavgerhanS fand gleichwohl eine Härte in dieser Gesetzes-Bestimmung, die bei Erlaß des Gesetzes nicht beabsichtigt sei. Staatsekretär v. Bötticher erwiderte, daß die Anforderungen der Billigkeit durch die Mah­nungen vor Ablauf der Patenter vollauf Genüge ge­schehe, was Abgeordn. Dc.! Hammacher bestättgte. Sodann; ging der Reichstag zur Berathung des Kapitels iReichsversicherungs - Amt über, an welches sich,eine sehr ausgedehnte Debatte knüpfte, indem von sozialdemokratischer Seite die Rechtsprechung des Reichsversicherungsamts, die berufSgenoffenschaftliche Organisation der Unfallversicherung sowie Unfallver­hütung seitens der Berufsgenossenschaften zur Sprache gebracht wurde. Schließlich wurde noch die dritte Lesung der Novelle zum -UnterstützungSwohnsitzgesetzeS zu Ende geführt. Die Abstimmung über den Antrag Gröber, wonach nur die vorsätzliche pflichtwidrige Entziehung von der Alimentationspflicht seitens der Eltern, Kinder und Ehegatten der Strafandrohung unterstellt werden soll, führte bekanntlich vor einigen Tagen wegen Be- schlußunfähigkeit .deS Reichstags zu keinem definitiven Ergebnisse. In der heute wiederholten Abstimmung wurde der Antrag Gröber abgelehnt und die Novelle mit dem früher zur Annahme gelangten Anträge Molkenbuhr angenommen. Morgen beginnt die^Spezial- berathung des Etats der Post - und Telegraphenver­waltung.

* E3m Abgeordnetenhaufe wurde heute die Generaldebatte üver die LandwirthschaftSkammern be­endet und die Vorlage an eine Kommission Nn 28 "Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen. In der heutigen ^Debatte kamen nur noch zwei konsnvative Redner v und zwei CentrumSabge ordnete zum Worte, bett Abgg. kDaSbach, Szmuka und Frhr. v. Huene wurde, wie die .Germania' berichtet, durch den Schluß der 'Debatte das Wort abgeschnitten. Abg. v.'Erffa (kons.) stellte sich der Vorlage im Allgemeine« fteundlich gegenüber, „ohne pessimistische Befürchtungen, aber auch ohne optimistische Hoffnungen." Eine Umarbeitung der Vorlage hielt aber auch er für nothweudig, namentlich nach^der Richtung hin, daß statt der obligatorischen nur fakultative j Kammern eingeführt werden. An- knüpfend 'an eine Polemik gegen die Abaeordveten Richter und Rickert, „die Stützen der neuen OrdnungS- partei-im Reichstage" betonte Redner die Nothwendig- text bet' Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes als festestes Stütze -für Thron und Altar; der ^russische Handelsvertrag werde freilich dem Bauernstand« nicht

die erhitztesten Leidenschaften, den tollsten Haß zurück­ließen?"

„Man denke nur an den Tag meiner Vermählung. Im Einverständniß mit den Behörden fand meine Familie für gut, die Hochzeit auf die einfachste Weise abzuhalten, um derselben jeden Charakter einer Heraus­forderung zu benehmen. Nichtsdestoweniger erwartete uns am Ausgang der Kirche eine lärmende Menge von Männern und Frauen, welche uns mit Drohungen und Verhöhnungen so lange beschimpften bis wir nach Hause gelangten.

„Am Abend, als wir im Familienkreise beisammen saßen und unsere Vermählung feierten, erschienen johlende Menschengroppen vor unserem friedlichen Hause und schleuderten unter Verwünschungen schwere Steine durch die Fenster; einer derselben verletzte mich an der Stirne, so daß durch daS herabrieselnde Blut mein HochzeitSgewand besudelt wurde.

„Begreifen Sie nun, daß diese Ereignisse unaus­löschlich in meinem Gedächtniß haften und daß meine Landsleute mir vollständig verhaßt worden find? Aber das ist noch nicht alles. Das Glück meines häuslichen Heerdes durste mich für die Verfolgungen meiner Lands­leute nicht schadlos halten, da« würde ein schlechtes Beispiel gegeben haben 1 Noch nicht lanG« hatte ich das hohe Glück einer auf gegenseitige Liebe gegründeten Ehe genoffen, als die Verleumdung mich bis in mein Haus verfolgte. Eines Tages war mir jede Hoffnung

nützen, der Tag, an dem dieser angenommen werde, werde vielmehr von der gesammtm preußischen Land- wirthschast schwarz angestrichen werden. (Zustimmung rechts.) Abz. Conrad (Pleß) sprach sich über die Belastung der Landwirthschast durch neue Steuern auS und über die Schädigung derselben durch die Handelsverträge, wenn nicht gleichzeitig die Währungs- Verhältnisse geregelt würden. Mit dieser Vorlage werde der Landwirthschast so gut wie gar nichts geboten. Abg. Graf HoenSbroech (Str.) begrüßte die Vor­lage mit großer Freude. Die freien landwirthschaft- lichen Vereine seien nur ein Nothbehelf, eine gesetzliche Organisation der Landwirthschast sei unbedingt vor­zuziehen, und deshalb passe auch eine fakultative Ein­führung von LandwirthschaftSkammern nicht. Dabei komme auch noch die geplante Schaffung eines Agrar­rechts in Betracht. Wenn Frhr. v. Schorlemer-Alst im Herrenhause gefragt habe, was darunter zu ver­stehen sei, so habe derselbe durch seine parlamentarische Vergangenheit, durch sein Eintreten für die Landgüter­ordnung, für das Anerberecht und für das Renten­prinzip selbst die Antwort darauf gegeben. Die Frage der Einführung einer anderen Berschuldungsfocmmöge ja anfänglich Schwierigkeiten begegnen, aber eine Lösung dieser Frage werde offenbar von wohlthätigster Wirkung sein. Die Kommission werde die Vorlage freilich namentlich in Bezug auf das Wahlrecht und auf die Besteuerung einer gründlichen Umarbeitung unterziehen müssen, wenn die LandwirthschaftSkammern eine segens­reiche Thätigkeit entwickeln sollen. Nachdem noch Abg. Bockelberg (kons.) für die Vorlage gesprochen, wurde die Debatte geschlossen und der Gesetzentwurf an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen. Sodann trat das Haus in die erste Berathung des Gesetzentwurfs betr. Staatssubvention für den Elbe« Travekanal. Derfelbe wurde nach langer Debatte der Budgetkmnmisfion überwiesen. Morgen Interpellation Knebel über Straferlaß wegen Forstfrevel.s

* Die Petitionskommisfion dcS Reichstages hat unter zahlreichen Petitionen auch die des Allgemeinen Deutschen Journalisten- und Schriftstellertags München betr. Urheberrecht au Schriftwerken u. s. w. sowie der Frhru. von Thüngen-Roßbach betr. Abänderung der Reich-Verfassung als zur Erörterung im Plenum nicht geeignet erachtet.

* Die Etempelsteuerkommisston des Reichstage- hofft heute die erste Lesung der Vorlage zu beenden und wird sich bann bis Montag vertagen, an welchem Tage die zweite beginnen würde.

* Die Verhandlungen in der Budgetkommiffion über die Kolonialpolitik haben uns plötzlich die Aus­sicht «öffnet auf eine Ausnahme von der harten Regel des JesuitengesetzeS. Der Orden vom hl. Geiste, deffen Missionare seit 30 Jahren i-i Ostafrika rc. so erfolgreich wirken, ist als „verwandt" mit dem Jesuitenorden in Deutschland verfehmt worden. Der deutsche Nachwuchs deS Ordens muß also in sran- zöfischen Anstalten erzogen werden. Das sei uner- auf eine Zukunft benommen. DaS Unglück saß bei unS zu Gast und folgte unS überall hin, bis hierher in dieses von Gott verlassene Land, und auch hier muß ich wieder auf Polen stoßen."

Sie schwieg und blieb in bittere Gedanken ver­sunken; aber ihre Blicke bezeigten ihren bis zum Wahn­sinn gesteigerten unversöhnlichen Haß. Fedora war stumm und unbeweglich, in Thränen gebadet. Ich fühlte mich vollständig machtlos diesem großen Schmerz gegenüber und litt sehr darunter. Ich fruz mich ver­geblich, wodurch ich diese Verwünschungen verdient haben könne und sagte endlich zu ihr mit auftichtigem Mitleid:

„Ihr Herz ist tief verletzt, Madame; erlauben Sie mir deshalb zu hoffen, daß, wenn deffen Wunden ver­narbt sind, .Ihre Sprache dann weniger bitter, Ihr Urtheil billig denkender sein wird. Gestatten Sie mir, hinzuzufügen, daß, wenn Derjenige, den Sie anklagen, in der That in einem gewissen Maße ohne sein Wollen die unfreiwillige Ursache der ihnen gewordenen un­würdigen Behandlung gewesen fein sollte, er darüber untröstlich gewesen wäre und Ihre Verzeihung erfleht haben würde, wie dies heute geschieht."

Ich glaubte einen Augenblick, daß meine Worte Eindruck auf sie macht:n und daß ihr« bitteren Em­pfindungen anderen gewichen wärrtz; aber die Ver­änderung ihrer Züge, welche ich bkmerkt hatte, ver-