Freitag, den 9. Februar 1894.
21. Jahrgang
illdaerWZeitilng
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* Der russisch-deutsche Vertragstarif für die Einfuhr nach Rußland wrrd, wie schon kurz erwähnt, vom .Reichsanzeiger' in einer besonderen Beilage veröffentlicht. Die vereinbarten Sätze sind tabellarisch zusammengkstellt. Beigrfügt sind noch die für daS Schlußprotokoll des Handelsvertrags bestimmten Vereinbarungen zolltarifl-cher Natur. Die .Norddeutsche Allg. Ztg.' setzt hinzu: „Wir greifen nachstehend noch einige Positionen von besonderer Wichtigkeit heraus, für welche wir die Sätze des allgemeinen Tarifs von 1891, des Kampszoll-Tarifs, des jetzt vereinbarten deutsch-russischen Konventionaltarifs und
Rußland nicht überall das volle Äerständniß für die Grenzen der Macht habe, welche in Deutschland der Regierung gegenüber dem Parlamente gezogen seien und leitete daraus die Folgen her, welche eine Ablehnung des russischen Handelsvertrages für die Auffassung der leitenden Kreise iu Rußland bezüglich der politischen Lage zu Deutschland haben könne. Der Kaiser hielt die wirthschuftlichen Gesichtspunkte, aus denen der Abschluß deS Vertrages bekämpft werd-, trotz ihrer vollen Wü.drgung doch nicht für so sch oer» wiegend, daß ihnen gegenüber eine etwaige erhebliche Verschlechterung der allgemeinen politischen Lage unbeachtet bleiben könne, und gab der Hl ff ivng Ausdruck, daß der opferwillige Patriotismus, welcher den Vertretern der Landwirthschaft von jeher eigen gewesen, auch diesmal der Leitstern ihres Handelns sein werde. ReichStagSpräsident v. Levetzow wies in längerer und entschiedener Darlegung darauf hin, daß die Agitation gegen den russischen Vertrag, wenn auch vielfach leider übertrieben, aus drr bis zum Aeußersten gesteigerten Nothlage der Landwirthschaft gewissermaßen mit Raiurnothweudigkeit hervorgegapgen sei, daß aber d e Kce-se, weiche diesmal sich zur Bekämpfung der Regierung deS Kaisers gezwungen sähen, an Liebs und Verehrung für den Monarchen und an Hingabe für das Vat.rland nach wie vor von keiner Seite sich überwff-n lassen würden. — AuL dem weiteren Verlaufe oeS zwanglosen Gesprächs, welches u A. auch das Nationaldenkmal berührte, ergab sich eine begründete Hoffnung auf eine Verständigung über dieses vielumstrtttene Thema.
Am 11. Febr. 1894, dem Feste der Unbefleckten Empfängriiß von Lourdes, wird an diesem Wallfahrtsorte ein Danksagungshochamt celebrirt werden; nach dem Te Deum wird in der Grotte von Massabielle eine ewige Lampe aufgehängt werden, die für ewige Zeiten brennen soll als Zeichen der Dankbarkeit der Katholiken aller Völker, die an der sogen. „Geistigen Wallfahrt nach Lourdes" theilgenommen haben.
Am 16, 17. und 18. Febr. wird in der Kirche al Gesü in Rom ein Triduum abgehalten werden, zur Danksagung dafür, daß dem heiligen Vater der Erfolg der Jubiläumsfeier be- schieden war.
Am Sonntag den 18. Febr. wird der Exekutivausschuß im Namen des heiligen Vaters, welcher die Armen als den aus- erwählten Theil der Heerde Jesu Christi betrachtet, an die Armen der Stadt Rom 20,000 Anweisungen auf Brod ver- theilen; an alle Mitglieder der katholischen Kirche ergeht die Aufforderung, an diesem Tage ebenfalls ein Werk der Nächstenliebe auszuüben, weil das Gebet und der Segen der Armen bei Gott besonders wirksam sind, um den endlichen Triumph der Kirche und des Papstes zu beschleunigen.
An einem noch zu bestimmenden Tage, zwischen dem 16. und dem 19 Febr., wird der hl Vater die italienischen Katholiken, die an dem vom 11. bis 15. Februar stattfindenden Katholikenkongreß von Neapel theilgenommen haben werden, sowie alle anderen italienischen Pilger empfangen, die sich den ersteren anschließen wollen.
Am Montag den 19. Februar, dem letzten Tage des Jubiläumsjahres, wird in der Peterskirche ein Danksagungs- und
Schluß-Te Deum gesungen werden.
6) Der Ausschuß macht den Vorschlag, daß am 19. Februar alle Priester für den Triumph des Papstes und für die i Freiheit der Kirche die hl Messe aufopfern, und daß die Laien in der nämlichen Meinung die hl. Som- ; munion empfangen sollen; Alle sind endlich aufgesordert, einen Beitrag zu dem PeterspMennige zu leisten, den der Ausschuß nebst einem die Namen sämmtlicher Geber, Priester sowohl als Laien, enthaltenden Album dem hl. Vater : überreichen wird. Sämmtliche Geber werden ein Andenken an das Jubiläumsjahr erhalten. Die Beiträge zu dem P-tcrs- pfennig sind einzusenden an den Präsidenten des Ausschusses für das Jubiläum Leo's XIII., via Terra-Argentum Nr. 76 in Rom.
Deutsches Neich.
Berlin, 7. Februar.
* Zum Diner beim Reichskanzler waren fämmt- • liche Staatsfi ccetaire, Ministerpräsident Eulenburg, die Präsidenten ins Reichstages, des Abgeordnetenhauses ; und des Herrenhauses, sowie eine größere Zahl von i Abgeordneten geladen. Der Kaiser erschien kurz vor s 7 Uhr und hielt zunächst kurzen Cercle ab, wobei ver- ! schiedene Gäste mit Ansprachen ausgezeichnet wurden; verschi dene Abgeordnete wurden auch dem Kaiser vorgestellt. Bei der Tafel saßen recht? vom Kaiser Ministerpräsident Graf Eulenburg, links Staatssikretär von Bötticher, dem Kaiser gegenüber Graf Caprivi, zu dessen beiden Seiten die Fürsten v. Fü-stenberg und ___________ _____________________
Radziwill. Za beiden Seiten schlossen sich an: der des im letzten Sommer in Kraft getretenen russische
- ReichStagSpräsident v. Levetzow. der Präsident des Ab- i geordneten Hauses v. Köller, der Vcepräsident des ReichS- - tagS v. Buol. Unter den geladenen Abgeordneten | befanden sich vom Reichstag die Herren: v. Hollevffer, Graf Dönhoff, Kvllmann. Uhden, v. Stumm, Krupp, Graf Moltke, v. Hawmerstein, Möller, Paasche, Bartz, Prinz v. Arenberg, v. KokcielSki, v. KomierowSki u. A., i sowie die Mitglieder des Abgeordnetenhauses, Graf • Ballestrcm und v. Huene. Nach Aufhebung der Tafel i unterhielt der Kaiser sich lebhaft in einem größeren ; Kreise von Abgeordneten, nobei auch der russische ‘ Handelsvertrag und die Koloaial-Angeleg- nheiten berührt ■ wurden. Zu der Unterhaltung über den deutsch- russischen Handelsvertrag wird der „Krmzzeitung"
; berichtet: Der Kaiser totes darauf hin, daß man in
Urogramm für die Schlußfeier des Mchossjubilämns Ao's IIIL Aufgestellt mit päpstlicher Genehmigung von dem italienischen Exekutivausschuß.
französischen Konventionaltarifs neben einander stellen.
russischer Tarifsatz pro Allgem. Tarif 1801
Kohlen über die westliche Grenze.... 0,02
Roheisen......0,35
Gußeisen bearbeitet . . 1,70
Stahl.......0,60
Maschinen.....4,80
Landwirthschaftliche
Maschinen .... 0,70
Wollene Gewebe . . . 7,50
Wollene Gewebe mit
Kammgarn .... 1,50
Chemische Produkte . . 2,40
Lederwaaren seine pr. Pfd. 3,00
Pud in Rubel Gold.
Kampf- deutscher, französischer Taris Konventional-Taris 1E93 1894 1893
0,03 0,01 nicht genannt
0,35 0,30 nicht genannt
3,06 1,40 1,53
1,08 0,50 nicht genannt
9,36 4,32 nicht genannt
1,26 0,50 0,52
14,62 3,00 nicht genannt
2,92 1,05 1,20
4,32 1,50 1,80
5,85 2,00 nicht genannt
Dem Vernehmen nach ist die Unterzeichnung deS aus der deutsch-russischen Zollkonferenz hervor- gegangenen Vertragswerkes für einen der nächsten Tage in Aussicht genommen. Den Bundesregierungen ist der im .Rüchsanzeiger' zur Publikation gelangende russische Vertragstarif vor einigen Tagen in französischem Dxt zugegangen.
* Im Reichstage wurde heute eine Schwerins« tagssitzung abgehalten. Auf der Tagesordnung derselben standen an erster Stelle die Anträge der Abgeordneten Gröber und Gen. (Centrum) und der Abg. Rick-rt und Gen. (Freisinnige Vereinigung) betreffend Aenderung deS Wahlgesetzes, welche auf eine Sicherung des geheimen R-ichZtagSwahlrechts abzielt. Die Anträge wurden von den Antragstellern Gröber und R ckert begründet, von den Abgeordneten v. CzarlinSki und Lenzmann befürwortet und nach mehrstündiger Debatte, in der sich nur Konservative und Nationalliberale dagegen aussprachen, in erster Lesung erledigt. Die zweite Lesung wurde sofort vorgenommen, aber nicht beendet. Morgen Etat.
* Im Abgeordnetenhause wurde heute die erste Berathung des Gesetzentwurfs über die Landwirth« schaftskammern fortgesetzt. Abg. Rickert (freis. Ver.) glaubte aus dem Verlaufe der gestrigen Debatte seinerseits Den Schluß ziehen zu können, daß die Vorlage in der vorliegenden Form keine Amtahme finden werde. Gegen Landwirthschaftskammern nach Analogie der Handelskammern habe er nichts eivzutoenden; aber Vorlage gehe darüber weit hinaus, sie sei überdtes die ein Rahmen ohne Bild. Wenn Freiherr v. See die ständische durch den Kapitalismus gestörte christliche Gesellschaft wieder aufrichten wolle, so sei das nur ein Phantom. Und was verstehe man unter dem neuen Agrarrecht? In den Landwirthschaftskammern werde die politische Agitation das treibende Moment fein, bei den Wahlen würden die Landräthe H.beammen- dienste verrichten, überall werde Streik geschaffen werden. Eine vollständige Vertretung der Landwirth« schäft werde man schon deshalb nicht schaffen können, weil nicht alle Landwirthe zu den Wahlen kommen würden. Hinter der Vorlage lauere die staatliche Unterstützung der Landwirthschaft, eine staatliche Ga«
Aach Sibirien verbannt.
Von Louis Collas. Mit Genehmigung des Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.
(15. Fortsetzung.)
DaS junge Mädchen ging ihr lächelnd und Schmeichel« Worte znflüsternd entgegen und zeigte damit, daß sie gewohnt war, auf diese W.ise den tiefen Kummer ihrer Mutter zu lindern.
„Wie kommt er," frugFrau Aprox'm mit schwacher, aber wohllautender Stimme, „daß sich dieser Herr hier befindet?"
. ist," erwiderte Fedora, „auf die Einladung memes Vaters gekommen, welcher ihn sehr hoch schätzt."
„Ja, ich weiß, Dein Vater liebt die Polen, als ob er in ihren Diensten stände; aber es ist sehr unvernünftig, mich zu zwingen, ihnen hier begegnen zu müssen."
Ich schickte mich znm Weggthm an; ste H elt mich aber zurück.
„Da Ste doch einmal hier sind, Sigismund Stein- bcck, so bleiben fie auch: ich möchte Ihnen sagen, was ich schon lange auf dem Herzen habe; vielleicht erleichtert er mich. Sie können Ihren Landsleuten dann von dem Martyrium einer Frau, ihrem Werke erzählen: sie werden ohne Zweifel stolz auf diesen glorreichen Erfolg sein; er wird fie vielleicht über ihre Niederlage trösten."
i Sie nannte mich mit Namen; wie kannte sie mich? ! Ich hielt die Dame ihren Reden nach für wahnsinnig.
Sie begriff sofort den Sinn meines Blickes, den ich ' Fedora zuwarf und sagte:
„Ich besitze noch meinen vollen Verstand, ich habe unter meinen Erinnerungen zu sehr gelitten, als daß sie sich nicht fest in meinem Ge^ächtniß hätten haften ; müssen."
j „S e irren sich ohne Zweifel, Madame; die Polen j haben ihre Gegner mit ehrlichen W.ffea bikampsi und i besitzen nicht die Gewohnheit, mit ihrem Hasse Frauen | zu verfolgen."
„Sie find so edelmüthig, diese Polen, nicht wahr?" ! sagte sie mit bitterem Lachen. „Aber Sie haben mich j falsch verstanden; ich bin selbst Polin, zu meinem Uu- i glück sei es gesagt, und gerade deswegen haben die \ hinterlistigen Verfolgungen, deren Opfer ich war, bei s mir den Wunsch nach Rache entfacht, der sich nicht | austilgen läßt."
Sie war die Beute einer heftigen Gemüthsbcwegung; ihre Augen blitzten vor Rachsucht und ein heftiges Beben 1 durchzitterte ihre Glieder. Man fühlte, daß sie eine besonders herbe Genugthuuug empfand, ihren lange zurückgehaltenen Empfindungen freien Lauf lassen zu können. Ihre Blicke waren bei ihren Worten auf mich gerichtet und ich frua mich, ob sie nicht endlich chren Erinnerungen in Worten feste Gestalt geben werde.
„Ja," nahm sie ihre Rede wiederauf, „ich wünsche, daß sie alle hier sein können, um die Verwünschung zu vernehmen, welche ich schon so lange in mir verschlossen habe, ich wünschte, daß Sie sich zum Dolmetscher machen möchten. Meine Familie besaß glänzende Ehrentitel, denn einer meiner Vorfahren nahm theil an dem Bunde von Bar und ein anderer hat an der Seite KoSciuSko'S den Heldentod erlitten, aber mein Vater glaubte, um den Ruin, welcher sein V rmögen irn Jahre 1830 verschlungen hatze, auszuweichen, neue Mittel durch Industrie und Handel erwerben zu sollen. Der polnische Adelstolz, welcher den Müßiggang als eine der Hauptzugehörigkeiten des Adels betrachtet, verzieh ihm dies nicht. Daß er Geschäfte mit Rußland machte, war ein neues, ein unverzeihliches Verbrechen. Der Neid, die Unduldsamkeit, kurz, alle schlechten Selben« schäften verschworen sich gegen ihn; alle, auch die niederträchtigsten Verleumdungen wurden gegen chn ausgespielt. Unsere ganze Familie wurde vervchmt und die unsinnigsten Gerüchte fanden Glauben in der Menge.
„Die politischen Leidenschaften sind ungemein dumm. Doch sollte man annehmen, daß ein junges Mädchen, ein Kind seinem Alter nach, schon durch fein Geschlecht vor derartigen unversöhnlichen Gehässigkeiten geschützt bleiben müßte; ich wuchs aber inmitten der Beleidigungen und großen Beschimpfungen gegen all' die Meinigen auf. Hit dem Namen dtr Tochter eines Rene-