J\£ 30 Donnerstag, den 8. Februar 1894. 21. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 6. Februar.
* Nachdem der russisch-deutsche Vertragstarif für die Einfuhr »ach Rußland von den beiderseitigen Delegirten paraphirt worden ist, veröffentlicht der »Reichsanzeiger' heute in einer besonderen Beilage eine Ueberstcht der vereinbarten Sätze. ES handelt sich um ca. 150 Positionen, bei denen sich Rußland zu einer theilweise recht erheblichen Herabsetzung der Zollsätze bereit gefunden hat. Die wichtigsten dieser Herabsetzungen sind inzwischen bereits bekannt geworden. Da für den Vertrag auch die gegenseitige Meistbegünstigung in Aussicht genommen ist, kommen der deutschen Ausfuhr außerdem die f. Z. von Rußland an Frankreich gewährten Tarifmäßigungen zu Gute. Deutscherseits wird an Rußland bekanntlich der Vertragstarif zugestanden.
* Der Reichstag setzte heute die Berathung des Etats des Innern fort. Bei den Reichskommissariaten brachte Abg. Bebel (Soz.) die von Hamburg aus stattfindenden MädchentranSporte nach Rußland u. s. w. zur Sprache und verlangte energisches Vorgehen gegen diesen schmachvollen Handel sowie Unterdrückung der in Hamburg zwar osfiziell aufgehobenen, offiziös aber fortdestehenden öffentlichen Häuser. Staatssekretär von Bötticher erwiderte, daß zufolge BundeSrathsbeschlusses die öffentlichen Häuser aufgehoben feien. Die Anregungen Bebels würden ihm indeß Gelegenheit geben, der Frage näher zu treten, in wie weit Lücken in der Gesetzgebung vorbanden und wie dieselben zu schließen seien. Abg. Hüffe (Ntl.) befürwortete Erlaß eines Auswanderungsgesetzes und Errichtung von AusUnfis- bürcaus für Auswanderer. Abg. HLp.den (Kons.) wünscht vermehrte Fürsorge sür unsere Seeleute in fremden Häfm durch Seemannsheime und dergl. Bei der Position für Arbeiterstaüstik forderre Abg. Bebel (Soz.) Bestimmungen bezüglich gewerblicher Arbeitsräume und Untersuchungen über die Arbeitszeit in den Berkehrsgewerben und den Wäschereien. Staatssekretär v. Bötticher erwiderte, daß den Mißständen bezüglich der Arbeitsräume am besten durch lokale und Bezirks- anorduungen entgegengewirkt werde. Betreffs der Arbeitszeit im VerkehrSgewerbe schweben Erhebungen. Beim statistischen Amt verlangte Abg. Schönlank (Soz.) parlamentarische Erqueten mit kontradiktorischem Verfahren wie in England, Ausnahme einer Gewerbestatistik und Ergänzung der Reichsstatistik nach verschiedenen Richtungen. Staatssekretär v. Bötticher erwiderte, daß eine neue Berussstatistik mit der nächsten Bevölkerungsstatistik werde verdürben werden können. Beim Gesundheitsamt befürwortete Abg. Prinz Karo- lath Zulassung der Frauen zum Aerzteberuf. Staatssekretär von Bötticher erwiderte, daß von Reichswcgen kein Hinderniß bestehe. Gelegenheit zur Vorbildung könne nur durch die Eiuzelstaaten gegeben werden. Auf eine Anregung des Abg Dr. Langerhans erklärte der Staatssekretär noch, daß nach Erledigung des Seuchengesetzks an die Frage der obligatorischen Leichenschau herangetreten werden solle.Morgev :Jaitiativantrage.
Dach Sibirien verbannt.
Bon Louis Cottas. Mit Genehmigung des Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freidank.
(14. Fortsetzung-)
Fedora war sür mich ein äußerst merkwürdiger Studiengegenstand mit ihren feurigen Anwandlungen, ihren Antworten, welche von seltener Beobachtungsgabe zeugten, und dieser Geschmeidigkeit des Temperaments, das mit Leichtigkeit von einem Thema zam andern überzugehen verstand. Indem ich sie ans scheinbare Kleinigkeiten hin prüfte, erkannte ich in Fedora eine enthusiastische lebhafte Natur, gleichmäßig zugänglich und empfänglich für Freude und Schmerz, Vertrauen und Enkmuthigung; die Zeichnungen, welche ich vor Augen hatte, bestätigten dieses Urtheil. Die Entwürfe waren mit Vorliebe den heißen Ländern entnommen, Bilder von Sibirien hatte sie nur unter dem ungünstigsten Lichte gezeichnet. Litt sie an Heimweh noch einem andern Himmelsstrich? Handelte sie unter dem Eindruck jener Leidenden, welche das Glück dort zu suchen pflegen, wo sie nicht sind?
„An war denken Sie?" frug sie mich, als sie bemerkte, wie ich nachsann.
„Ich denke, daß Ihre Einbildungskraft Träume hegt, welche die Wirklichkeit nicht zu erfüllen pflegt,
* DaS preußische Abgeordnetenhaus begann heute die erste Berathung der Gesetzentwurfs betreff. Land- wirthschaftskammern. Sämmtliche Redner hatten schwere Bedenken gegen den Entwurs in der vorliegenden Fassung. Namentlich werden das Wahlrecht und das Steuerrecht bemängelt durch die vorgeschlagene Ordnung des Wahlrechts würde ein Gegensatz zwischen kleinen und großen Besitz geschaffen. Auch wurde befürchtet, daß mit dem Jrslebentreten der neuen Kammer die bestehenden neuen Organisationen, insbesondere die landwirthschaftlichen Centralvereine, zerstört und würden. Wahrend sich einige Redner überhaupt ablehnend verhielten, sprachen die meisten Redner die Hoffnung aus, daß es in der Kommission gelingen werde die Vorlage zu einem brauchbaren Gesetz umzugestalten. Ü brigens gingen die Ansichten innerhalb der einzelnen Parteien auseinander. An der Debatte betheiligten sich die Abgg. Schmidt-Erkelenz (Ctr.) v.Tiedemann-Bomst (Cer.tr.), Herold (Centr.), See (Centr.), v. Zoltowski (Pole), von Schalscha (Centr.), Dr. Sattler (nat!.), v. Rändel (Kons), v. Puttkammer - Plantsch (Kons, v. Tschvppe (C:r.) und Minister von H yden. Weiter- berathung morgen.
* Gegenüber den Meldungen, wonach in Samoa der Ausbr uch neuer Unruhen bevorstände, ist die,N. A. Z ' in der Lage, mitzutheilen, daß nach den l.tztea, aus Apia eingegangenen Nachrichten die Kriegsgefahr dort vorläufig als beseitigt angesehen werden kann.
* Papst Leo XIII. bereitet, wie ein halbamtliches Telegrophenbureau meld t, eine Encyklika über die Lage der polnischen Katholiken vor. Bor Kurzem ist behauptet worden, der katholische Bischof von Tiraspol in Südrußland sei in Rom anwesend, um im russischen Auftrage die Veröffentlichung einer solchen Ercy- klika zu Hintertreiben. An dieser Meldung war nur das Eine richt g, daß eben der Papst eine sÄche Veröffentlichung plane. Die letztere soll in versöhnlichem Sinne gehalten sein, wird aber jedenfalls auch auf das grausame Vorgehen der russischen Regierung in Kroze Hinweisen.
*^Der Kronprinz von Schweden trifft morgen zu kurzem Besuch am hiesigen Hofe aus Karlsruhe ein und reist am Mittwoch nach Stockholm weiter.
* Der weimarifche Landtag, der in vergangener Woche wieder zwei S tzurgen gehalten hat, beschäftigte sich am Sonnabend mit der Regierungsvorlage betr. Linderung der Futternoth und nahm schließlich einstimmig mit wenig Abänderungen die Regierungs- Vorschläge an. Die Abänderungen bestehen darin, daß in den letzten 2 Jahren die auf 5 Jahre geliehenen Gelder nicht mit 3^, sondern nur mit 39/0 zu verzinsen sein werden und weitr soll gegebenen Falles bei eintrctenden Verlusten die Gemeinde nur zur Erstattung der Hälfte der Summe gehalten sein. Die andere Hälfte der Garantie übernimmt somit der Staat. Bei der ersten Lesung der Vorlage war besonders betont worden, daß gerade Diejenigen, die das G-ld am rölhigsten haben, nach den Vorschlägen der Regierung nichts bekommen werden. In wieweit
। diesem Mangel ernstlich abgeholfen wird, ist aus den i bis jetzt vorliegenden Berichten nicht zu erfehev.
Ausland.
* In der Schweiz (Aarau) ist am 2. d. M. im Alter von 74 Jahren der eidgenössische General Hans Herzog gestorben. Beim Ausbruch des deutschfranzösischen Krieges im Jahre 1870 wurde er zum Oberbesehlshaber der zum Schutze der schweizerischen Grenze aufgestellten Armee ernannt. Nach Entlassung des größten Theils derselben nahm er seinen Abschied, ‘ trat jedoch im Januar 1871 wiederum an die Spitze eines Armeekorps, welches die Westgrenze besetzt hielt. In dieser Stellung schloß er am 1. Februar die bekannte Konvention über die Internierung der 90,000 Mann starken Bombakischen Armee mit dem französischen General Clichant ab, welche die Urberführung derselben in die Kantone zur Folge hatte.
* Rom, 3. Febr. Ter hl. Vater ließ den Mon- ' signori Fausti, Uditore Santissimo und Jakobini, i Nuntius in L ssabon, durch das Staatssekretariat das i Billet übersenden, welches denselben die Ernennung zu ; Kardinalen mittheilt. Wann dar Konsistorium ' sein wird, ist noch ungewiß; es ist nicht unmöglich, j daß dasselbe nicht, wie anfangs bestimmt, im Februar i bei Gelegenheit der Schlußfeierlichkeit der päpstlichen Jubiläums, sondern erst im März stattfindet. - — Der Papst hat dem Bischof von Clermont die : hohe Auszeichnung des Palliums verliehen. Diese Aus- 8 zeichnung wurde zum Andenken an das Centenarium j des Konzils von Clermont verliehen, aus welchem Papst Urban II. den Kreuzzug predigte.
* London, 5. Febr. Der Sekretär Gladstone'- l hat aus Biarritz an dar Bureau Reuter ein Telegramm j gerichtet, in welchem er das Gerücht von dem bevor- i stehenden Rücktritte Gladstone's für völlig unwahr I erklärt. Gladstone habe nicht die Ansicht, sich den Arbeiten der Session zu entziehen. Freilich hätten seit vielen Monaten nach Gladstone's Meinung sein Alter und der Zustand seiner Gesichts und Gehörs ihm die Besreiung von der Regierungsarbeit wünschenswerth erscheinen lassen und deshalb könnte seine Fortführung des Amtes jederzeit durch diese ihrer Natur nach permanenten Ursachen unterbrochen werden. Gladstone wisse nicht, welche Wmdung die für die Nation wichtigen Eceigniffe nehmen werden, aber er habe nichts gesagt oder gethan, was auch nur im geringsten Grade seine und seiner Kollegen absolute Fceiheit bezüglich weiterer Schritte beschränken könnte.
Stadt, Provinz mrd Aachbargebiet.
Fulda, 7. Februar.
+ AlS vor einigen Monaten der im kleinen Saale der „Harmonie" auSgest llre, in Holz gefertigte Altar der neuen KonviktSkapelle an dieser Stelle lobende Anerkennung fand, wurde gleichzeitig darauf hingewiesen, daß eine für diesen Altar bestimmte und ebenfalls in Holz zu fertigende Herz-Mariä-Statue erst nach einiger Zeit zur Aufstellung gelangen könne. Auch dieses Kunst-
daß Sie unter der Maske der Heiterkeit eine schmerzliche Bestimmung verbergen und daß Ihr ganzer Denken und Wünschen sich weit hinaus über Ihre jetzigen Kreise des Umgangs schwingen."
Sie erröthete vor Verlegenheit, so gut verstanden worden zu sein.
„Wenn das der Fall wäre," antwortete sie, ihr Köpfchen erhebend, „wäre es dann erstaunlich, daß ich dieses schrecklichen Landes überdrüssig bin? Es ist ein Oct der Verbannung für uns wie für Sie. Wenn Sie hier nur Leiden gefunden haben, glauben Sie, daß uns Freuden befcheert sind? Bitte, enthüllen Sie mir das Geheimniß, wie dieses Land voll Kälte und Trauer in einen Aufenthalt der Glückes umzewandelt ist, wenn Sie es vermögen."
„Mein Geheimniß ist sehr einfach. Die Langeweile verzehrt Sie; wenden Sie ihre Zeit nützlich an. Ihr Herz bedarf der Beschäftigung und Unterhaltung; gewähren Sie ihm das. DaS Unglück umgiebt Sie in allen Gestalten; können Sie nichts thun, dies den Verbannten tragen zu helfen, es ihnen leichter zu machen? Sie sind reich, Sie find schön; ein Lächeln von Ihnen wird für die Verzweifelten sein, war ein Sonnenstrahl an einem dunklen Wintertoge ist, ein Wort des Trostes aus Ihrem Munde wird wieder Vertrauen und Hoffnung in die verzagten Herzen
zurückführen; Sie können in diesem Lande als Engel des Trostes und des Schutzes wirken. Versuchen Sie diese Mission christlicher Charitas und Gott wird es Ihnen hundertfältig vergelten. Sie werden dann diese« Ort der Verbannung im lachendsten Lichte erblicken, denn alles, was uns umgiebt, sehen wir im Wieder- sch-in unserer eigenen Stimmung. Verzeihen Sie, daß ich so offen zu Ihnen spreche, aber da Ihr Vater mich als Freund betrachtet wissen will und ich alt genug bin, so wendete ich mich an Sie, wie der Vater zu seinem Kinde."
Sie blieb ruhig; ihre Blicke und ihre Haltung sagten mir genug, welch' tiefen Eindruck meine Worte auf dieser für alle edlen Gefühle empfängliche Herz gemacht hatten.
Wit standen am Fenster; in der Ferne zeigten sich die mit Schnee bedeckten Gipfel der Berge; durch die Tannenbäume blitzten die Wasser, welche der Angara vom Baikalsee herbeiführte; das rechte Ufer der Flusses zeigte kultivirteS Land, während das linke den Anblick großer Dürre und Unfruchtbarkeit, aber zugleich den einer wilden und mächtigen Großartigkeit bot.
„Ist dieses Land denn jedes Reizes entblößt?" sagte ich zu Fedora.
„Nein, im Gegentheil. Sie haben vollkommen Recht; die Schönheit eines Buches zu würdigen, man