Einzelbild herunterladen
 

J\8 29

Mttwoch, den 7. Februar 1894.

21^Jahrgang

FiildaerWZkittng

täglich, Sonn, und S«erta« «l-geuomm«. - I»kernte kost« die «i-spaltige ober be*n Sun» U fU H «ikdechotuag« «tst-chende' Rabatt, »ertekjiihrkcher Abonnementspreis ohne Bringerlohn nad Bestellgeld mit der bestetrififfchen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda «d aiMMt 1 Mark 00 ff—,

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Februar.

* Das Centrum hat im Abgeordnetenhause folgenden Antrag eingebracht: „Dai Hans der Abgeordnete» wolle beschließen, die königl. Staats- regierung zu ersuchen, dem Abgeordnetenhause bald­möglichst, zunächst für alle Städte von mehr als 10,000 Einwohnern, statistische Mittheilungen über die Ergebnisse des Wahlverfahrens nach Erlaß der Aenderungen des Wahlverfahrens betreffenden Gesetze- vom 29. Juni 1893 zu machen, die sowohl bezüglich der Wahlen zum Abgeordnetenhause, als be­züglich der Gemeindewahlen, soweit bei diesen dar Dreiklassenwahlsystem gilt, unter Vergleichung mit dm entsprechenden Zahlen bei früheren Wahl« den Ein­fluß ersehen lassen, den die neuere Wahl- und Steuer­gesetzgebung auf die Bertheilung der Wähler in die verschiedenen Wahlklassen auSgeübt hat."

* Im Reichstage verkündete der Präsident beim Beginn der heutigen Sitzung, daß der Abgeordnete von Unruhe-Bomst (ReichSp.) sein Mandat uiedergelegt hat. Bekanntlich ist derselbe vom Bunde der Land- wirthe dazu gedrängt wordm, nachdem er für die „kleinen" Handelsverträge gestimmt hatte. Sodann trat der Reichstag in die zweite Berathung des ReichS- hauShaltSetats ein. Beim Etat für den Reichs­kanzler richtet Abg. Dr. Friedberg (natlib.) an den anwesenden Reichskanzler die Anfrage, ob es mit den Interessen des Deutschen Reiches vereinbar sei, daß der Herzog vonsSachsen-Coburg-Gotha zugleich englischer Unterthan ist. ES habe mit Recht Unwillen erregt, daß der Herzog Alfred nicht auS dem englischm Unterthanenverbande ausgeschieden sei, auch sei eS ein Mißverhältniß, daß ein Souverän, der nicht souverän erscheine, die SouveränMt ausübe. Ein deutscher Bundesfürst soll deutsch sein und sonst nichts. Wenn ein Ausländer deutscher Bundesfürst werde, so werde dadurch ein Faktor der Fremdherrschaft in unsere deutschen Verhältnisse hineingrtragen. Verletzend seien «auch die Borkommniffe in England gewesm, indem man dort darüber verhandelt habe, ob die englischen Steuerzahler für einen deutschen BundeSfürsten Unter­stützungen zahlm sollten. Da eS nun aber auch Vor­kommen könne, daß ein Ausländer deutscher Bundesfürst werde, so müsse er die verbündeten Regierungen fragen, ob sie geneigt feien, die diesbezügliche Lücke in der Verfassung auSzufülle« ? Reichskanzler Graf C a v r i v i erwiderte, daß zur Zeit kein Grund vorliege, auf die letzte prinzipielle Frage der Vorredners einzugehen. Im Uebrigen liege die Sache ganz klar. Ueber die Thron­folge in den einzelnen Staaten mtscheide Landes- und Fürstenrecht und wenn der Bundesfürst dann einen Bevollmächtigten zum BundeSrathe entsende, so stehe eS Letzterem zu, darüber zu eutscheidm, ob derselbe de jure in der Lage ist, das Land zu vertreten. Daß der Herzog Alfred rechtmäßiger Souverän von Sachsen-

Nach Sibirien verbannt.

Bon Louis Collas. Mit Genehmigung der Verfassers in'S Deutsche übertrag« von PH. Freidank.

(13. Fortsetzung.)

Auf meinen Lippen schwebte noch eine bittere Be- merkung, doch hielt ich sie zurück und überlegte, wie ich sie in eine Form kleiden könne, welche Festigkeit und Klugheit verband, als eine neue Person in Thätigkeit trat.

Er war Fedora, welche in daS Zimmer geschlüpft war, als der General mit erhobener Stimme zu sprechen begann.

»Aber lieber Vater, waS sagtest Du soeben? Du führst wirklich eine Sprache, welche wenig genug mit Deiner DenkungSweise übereinstimmt."

„WaS machst Du hier?" frug er erstaunt. „Du hast mich also behorcht?"

„Ja, dar ist war. Aber eS geschah um zu ver­hindern, daß Du Dich selbst verleumdest. Glauben Sie eS nicht, Herr Graf, glauben Sie eS nicht, daß fein Herz so verhärtet ist gegen diejenigen, welche daS Schicksal heimgesucht hat. Glauben Sie er nicht!"

„Schweige, Fedora?"

„Warum sollte ich er nicht sagen dürfen, daß Du schwer darunter leidest, wenn Du gezwungen bist, unmenschliche Befehle zu ertheilen, daß Du dar erste Opfer der Rolle bist, welche Dir auferlegt ist?"

I Coburg-Gotha ist, habe auch vom Vorredner nicht be­stritten werden können. Die Eigenschaft eines deutschen Souveräns schließt aber eo ipso jede Abhängigkeit vom Auslande aus; eS sei nicht denkbar, daß ein deutscher Souverän gleichzeitig Unterthan einer fremden Macht sein könne. Da der Herzog von Coburg-Gotha ein Deutscher, ein legitimer Souverän und kein Unterthan eines anderen Landes sei, so könne zu Besorgnissen ' kein Anlaß vorliegen. Der Herzog habe auch in legalster Weise im Beisein des Kaisers den Thron bestiegen. Zu prüfen, ob und welche Verpflichtungen der Herzog gegen England habe, sei nicht unsere Sache. Abg. Spahn (Ctr.) legte entschieden Verwahrung ein gegen Eingriffe in dieSouveränetät der einzelnen Bundesfürsten und in das Recht der Thronfolge; der Reichstag habe keine Veranlassung, fich mit diesem Gegenstände zu be­schäftigen und die Regierung zu Ausnahmegesetzen be­züglich der Thronfolge zu drängen. Abg. Richter (freis. Bolksp.) bemerkte, daß nur einige nationalliberale Blätter durch die Thronfolge des Herzogs von Sachsen- Coburg-Gotha in ihrem „Nationalgefühl" fich verletzt gezeigt hätten, sonst habe man davon nichts bemerkt. Der Reichstag habe etwas BeffereS zu thun, als sich mit solchen QuiSquilien zu beschäftigen. Abgeordneter Dr. Friedberg verzichtete nunmehr darauf, auf die Sache weiter einzugehen; er schätze sich aber glücklich, vom Nationalgefühl eine andere Auffassung zu haben, als der Abgeordnete Richter. Der gothaische Staats­minister v. Bonin gab Namens der Regierung seines Landes die Erklärung ab: Der Herzog als deutscher Bundesfürst stehe selbstverständlich in keinem Unter» thanenverhättniß zu irgend einer fremden Macht. Auch gegenüber England habe derselbe keinerlei Verpflichtung«, welche seiner jetzigen souveränen Stellung zuwiderlaufen. Damit war diese nach dem Bericht der.Germania' hier wiedergegebene Debatte beendet, der EtatZ für den Reichskanzler und die Reichskanzlei wurde ge­nehmigt. Das Haus trat hierauf in die Be­ratung der Etats des Reichsamts im Innern. Abg. Stumm beantragt die Wiederherstellung der von der Kommission gestrichenen Forderung eines neuen Direktors. Der Antrag wurde nach langer Debatte über Sonntagsruhe und Fabrikinspektion gegen die Stimmen des Centtums und einzelner Konservativer angenommen. Morgen Fortsetzung der EtatSberathung.

* Zu dem Gerüchte von dem Rücktritt des Justizmiuisters v. Schelling wird der ,Boff. Ztg.' geschrieben: „Daß der Justizminister Schelling zurück­treten wolle, amtSmüde sei oder dergleichen, hat man schon öfters verbreitet und stets schnell widerruf«. Herr v. Schelling ist trotz seiner vorgerückte» Jahre körperlich rüstig und geistig ungemein spannkräftig. Es ist daher an seinen Rücktritt nicht zu denken. Völlig ungereimt ist aber die Angabe, der jetzige Kultusminister Dr. v. Bosse sei zum Justizminister und zu seinem Nachfolger als Kultusminister der jetzige Oberpräsident von Wefipreußen Graf Udo zu Stolberg-Wernigerode ausersehen. Die ganze Kow-

„Nun ist eS aber genug, Fedora."

»Daß Du unter herben und barschen Formen Dein Mitleid und Deine Sympathie verbirgst?"

„Aber Fedora, muß ich Dich anflehen, zu schweige» ?"

„Rem, lieber Vater, ich werde nicht ftiHe fein. Denn ich will nicht, daß Du Dich in diesem-gehässigen Lichte zeigst.

Du wolltest behaupten, daß Du Prinzipientteue und Charakterfestigkeit, sowie diejenigen, welche nach diesen Grundsätzen leben und handeln, verachtest? Du solltest eS übel nehmen, daß man die Bertheidigung derer übernimmt, welche ungerecht verurtheilt sind, und daß man unter allen Umständen seine Pflicht erfüllt, möge dies auch von den härtesten Folgen begleitet sein?! Deine ganze Vergangenheit würde gegen Dich sprechen und Dich Lügen strafen. ES ist nicht meine Schuld, daß ich gezwungen bin, Deinen wahren Charakter zu enthüllen und zu beweisen, wie ungerecht eS von Dir ist, Du bester aller Menschen, so böse er­scheinen zu wollen, wie Du eben nicht bist."

Nichts konnte dem Ausdruck der Begeisterung, mit welchem sie von ihrem Vater sprach, Einhalt thun; derjenige, welcher sich anscheinend zu böse über diese Enthüllung zeigte, konnte seine Befriedigung kaum verbergen.

„So seien Sie denn Zeuge meiner Schwäche, Herr Graf, aber Sie sind ja nicht Vater und können solche 1

I bination beweist die denkbarste Unkmntniß von Per­sonen und Berhältniffen, die hierbei in Betracht kommen."

* Das Befinden des Centrumsabgeordnete» Fritze» hat sich den letzten Nachrichten aus Düssel­dorf zufolge in erfreulicher Weise gebessert, wenngleich leider noch nicht alle Gefahr überwunden ist. Jeden­falls bedarf er noch längerer Zeit strengster Schonung. Die Nachricht von der Erkrankung des allgemein be­liebten und hochgeschätzten Parlamentariers ruft in alle» parlamentarischen Kreisen aufrichtige Theilnahme her­vor, und man hegt den innigen Wunsch, daß es ihm bald wieder möglich werden möge, sich an den Ver­handlungen betheiligen zu können. Für die nächst« Monate wird man allerdings leider auf seine Kraft verzichten müssen.

* Fulda, 6. Febr. I« der Sitzung des preußi­schen Abgeordnetenhauses vom 1. d. M., über welche kurzer Bericht bereits erstattet wurde, hat auch unser neugewählter Landtagsabgeordneter, Herr Robert Kircher, zum ersten Male daSWort ergriffen und sind wir heute in der Lage, das Gesprochene in seinem vollen Worttaute hier nachzutragen. Wie schon erwähnt, stand die Fortsetzung der zweiten Berathung deS Ent­wurfes des StaatShaushaltS-EtatS für 1894/95 auf der Tagesordnung. Bei der Debatte über den Etat der lavdwirthfchaftlichen Verwaltung wurde von den Ab­geordneten Kircher, Knebel und Schmitz (Erkelenz) im Jnteresfe der Eichenloh-Schälwaldungen der Rhein- Provinz, die fich meistens in den Händen kleiner Leute befinden, die Einführung eines LoHzolleS befürwor­tet, während sich die Abgeordneten S e y f fa r d t (Magde­burg) und Gotheim im Interesse der Lederindustrie dagegen aussprachen. Die vorn Hause mit Beifall auf» genommenen Ausführungen unseres LandtagSabgeord» neten, des Herrn R. Kircher, lauteten nach stenographischer Aufzeichnung':

Meine Herren, ich will hier keine große Rede halten über die allgemeine Lage der Landwirthschaft, ich will nur den Aus­führungen derjenigen Herren Vorredner, die von der Rentabili­tät der Schälwaldungen und der Lage der Lederindustrie gesprochen haben, einiges hinzufügen. Ich glaube auch insofern besonders dazu berufen zu sein, weil ich mich seit einer langen Reihe von Jahren mit dem An- und Verkauf von Leder beschäftige. Ich besuche seit langen Jahren die Ledermefsen zu Frankfurt a. M. und zu Leipzig und ich habe in der Zeit die Beobachtung ge­macht, daß der kleinere und der mittlere Gerber immer mehr ! von diesen Messen verschwindet. So oft ich komme, finde ich | weniger kleine Gerber, die da ihr Leder feil bieten; und w«u ' ich mich erkundige, wo der Mann geblieben ist, so heißt es: er hat sein Geschäft ausgeben müffen, weil er nichts mehr verdient hat, weil er nicht mehr mit der Großindustrie hat konkurriren können. In den letzten Jahren hat durch die Einführung des QuebrachoholzeS sich in der Gegend von Hamburg eine großartige Industrie entwickelt, die ein Sohlleder produzirt, das int Preise erheblich billiger ist, als die berühmten rheinischen und Trierer Leder. Es ist aber dafür auch in ber Qualität erheblich geringer. Diese geringen Qualität«, die da auf den Mark gebracht wer­den, drücken naturgemäß d« Preis der guten Qualitäten und ich habe die Beobachtung gemacht, daß das Leder in einer verhält- nißmäßig kurzen Zeit von 170 auf 130 Mark im Preise herunter­gegangen ist. (Hört l hört l) Alle kleinen Gerber klagen über die Konkurrenz des QuebrachoholzeS. Es wäre deshalb int In­teresse der kleineren und der mittleren Industrie geboten, auf

Dinge daher nicht begreifen. Ich hoffe, Fedora, daß Du nun fertig sein wirst."

„Ja, lieber Vater, und da Du mich darum bittest, werde ich auch nicht wiederholen, WaS Du zu mir an­läßlich der Lobeserhebung, welche der Präsident der wiffenschaftlichen Kommission dem Herrn Graf« ge­spendet, gesprochen hast; ich möchte nur daran erinnern, daß Du'Dich glücklich geschätzt hast, ihm Gerechtigkett widerfahren laffen zu können."

„DaS ist der Gipfel deS BerratheS. Da fei Jemand Gouverneur einer Provinz, um solcher Tyrannei unter­worfen zu werde». ES bleibt mit nun nichts anderes mehr Übrig, als meine Doppelzüngigkeit offen einzu­gestehen. Ich hoffe aber, Sie werden feinen Mißbrauch mit den Vortheilen treiben, welch: Ihnen meine Tochter Über mich in die Hand gegeben hat. Womit haben Sie eigentlich eine so warme Fürsprache erobert?" fragte der General.

„Ganz gewiß nicht durch Schmeichelei."

„Dar Mittel hätte Ihnen nichts geholfen. Andere haben es angewendet und versuchen es noch; ich ver­sichere Sie, sie ermuthigt Niemand« dazu. Die ganze Plejade junger Offiziere strengt sich an, ihr Weihrauch zu streuen; er erregt Mitleid, mit welch'unglaublicher Höflichkeit sie alle diese Schmeicheleien aufnimmt. Sie fcheint dadurch auf mich eine Wolke von Feinden los» laffen zu wollen."

„WaS vermögen sie gegen Dich?" erwiderte Fedora.