21. Jahrgang
Sonntag, den 4. Februar 1894.
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Deutsches Reich.
rlin, 1. Februar.
* Bon unterrichteter Seite wird versichert, Kaiser Wilhelm werde spätestens am 20. d. MtS. in Friedrichsruh zum Besuche Bismarck! eintreffrn. Die ganze fürstliche Familie werde in Friedrichsruh weilen und den Kaiser am Bahnhofe empfangen.
* Im Auftrage des Kaisers hat sich heute der Flügeladjutant Graf Moltke nach Friedrichsruh begeben, um dem Fürsten Bismarck den ihm vom Kaiser gewidmeten neuen grauen Militärmantel zu überbringen.
* Beim Reichskanzler Grafen Caprivi findet am Montag eine größere Festtafel statt, zu welcher der Kaiser fein Erscheinen in Aussicht gestellt hat.
* Der Bundesrath nahm heute den Entwurf einer Gemeindeordnung für Elsaß-Lothrmgen an.
* Der Reichstag brrieth zunächst in dritter Lesung die Novelle zum Unterstützungswohnfitzgesetz und die dazu gestellte Resolution, in welcher die Ausführung des UnterftützungSwohnsttzgesetzeS auf Elsaß« Lothringen gewünscht wird. Gegen eine solche Ausdehnung sprach Lbg. Winterer (Els.), dafür die Abgg. Brühne (Soz.), Bued (elf. Soz.) und Schrader (frs. Ber.). Staatssekretär v. Bötticher erklärte den Wunsch nach einer einheitlichen Regelung für das Reich für nicht ganz unberechtigt. Adg. Rembold (Ctr.) sprach RamenS seiner süddeutschen Freunde als Anhänger des Prinzips der GeburtSheimath gegen die Vorlage. In der Spezialdebatte beantragte Adg. Spahn (Ctr.) nur die Berfäumniß der Unterhaltungspflicht gegenüber „Eltern, Kindern und Ehegatten" (anstatt gegenüber „denjenigen, zu deren Ernährung er verpflichtet ist") unter Strafe zu stellen. Abg. Molkenduhr (Soz.) beantragte, bei Versäumnissen der Unterhaltungspflicht nur Haft und Geldstrafe eintreten zu lasim, nicht aber Arbeitshaus bezw. unter Umständen Ueberweisung an die Landespolizeibehörde. Nach längerer Debatte wird der Antrag Molkenbuhr angenommen. Bei der Abstimmung über den CmtrumSantrag ergab sich Beschlußunfähigkeit. Montag: Etat.
* Das Herrenhaus tritt am Mittwoch über acht Tage zusammen, um über die geschäflliche Behandlung der Gesetzentwurfs, betr. die Abänderung der evangrli- schen Kirchenverfasiung der alten preußischen Provinzen, zu beschließen. Die Hauptbeftimmung der Vorlage geht dahin, daß künftig der Bestätigung durch ein Staatsgesetz etwaige Kirchengesetze, durch welche die Kirchen- gemeinde- uab Synodalordnung und die Kirchenverfasiung abgeändert werden, nur bedürfen sollen, wenn sie bestimmte, in der Vorlage aufgezählte Paragraphen dieser beiden grundlegenden Ordnungen betreffen; für die Aenderung der übrigen Paragraphen enthält die Zustimmung der staatliche« Gesetzgebung.
* DaS Abgeordnetenhaus fetzte die EtatSberath- ung beim Etat der landwirchschaftlichen Verwaltung fort. In der Debatte wurde zunächst von einer Seite em Zoll auf Quebrajonholz als für dir heimische
Dach Sibirien verbannt.
Bon Louis Callas. Mit Genehmigung des Versassers in'S Deutsche übertragen von PH. Freibank.
(11. Fortsetzung.)
Die Tochter bei General- war ein hinreißendes Wesen mit einem Teint von jenem matten Beiß, ber ein Wiberschein ber nördlichen Regionen zu sein scheint, mit rosigen Lippen und schwarzem Haar; ihren Augen von unbestimmter Farbe, welche von langen bunkelu Wimpern beschattet waren, entflohen lebhafte und boch zugleich süße Blitze, welche an rin südlicheres Klima erinnerten. Ihre Züge, welche btn GesichtSauSdrsck noch verführerischer machten, waren von einer beinahe klassischen Regelmäßigkett. Die HerzenSreinheit de- KinbeS verband sich in ihr mit dem sittigm Ernste der Jungfrau zu einem Bilde uneudlichen Reizes. Ich begriff nun, weshalb sie ihr Vater so abgötttsch liebte.
Die Damen von JrkatSk lieben eS, sich nach der neuesten Pariser Mode zu kleiden, aber eS gelingt ihnen schlecht. Der Geschmack ist wenig entwickelt und so sehen sie in ihrer neuesten Pariser Mode mehr grote-k als chic aus. Ganz anders war Fedora. Ihre Garderobe kleidete sie brillant und ihr feiner Geschmack zeigte sich bis zum kleinsten Dinge. Ohne mit übertriebenem LuxaS bekleidet zu sein, zeichnete sie sich durch Eleganz ihrer Kostüme aus. Man war erstaunt, in diesem ent-
legen en, von der C'vllisation so weit entfernten Theile der Welt, dieses zarte und feine Mädchen, welches in dem brillantesten Salon von Paris Auf scheu erregt hätte, benmnder» zu können.
Mit sichtlicher Langeweile lieh sie den «lbernhetten ihr Ohr, mit welchen sie ihr Begleiter uatrrhielt; mit einer gewissen Ermüdung und mit geringfchätzender Miene nahm sie die Bezeugungen jener unterwürfigm Servilität, mit welcher man der Tochter des ersten Würdenträgers der Provinz überall begegnet, entgegen. Während die einen in Ehrfurcht erstarben, zeigte sich bei anderen in ihren Blicken verhaltener Zorn und durch schwere Leiden hervorgerufene Erbitterung. Traurige Verirrung btS Hasses, bis an eine« Kinde Rache für erltttenes Unrecht unb Prüfungen nehmen will. Fedora, in ihrer verführerischen Schönheit unb in chrem gläu- zendm Kostüme, erregte bei manchen dieser Unglücklichen wahnsinnigen Reib.
Ich vernahm, wie gehässige Worte gegen Fedora fielen, ich sah, wie sich erregte Gruppen um sie bildeten, anscheinend unter dem Vorwande, sie zu bewundem, in Wirklichkeit aber in der feindlichm Absicht, sie zu be- schimpfen und zu demüthigen. Der General hatte sich entfernt, um einige Instruktionen zu erthrilen; in diesem Augenblicke sprengte ein loSgeriffeneS Pferd im Galopp die Straße entlang. Sofort entstand eine wirkliche oder gemachte Panik und dar junge Mädchen
zureichen.
* Die bayerische zweite Kammer hat den; Duellautrag be» CentrumS gegen Konservative und Liberale angenommen. Die Regierung hatte dem tapferen KriegSmiuister ihre Vertretung allein überlassen. Ec suchte in brüskem Tone seine früheren Auslassungen möglichst abzuschwächen, er versprach; alles zu thun, um die Duelle möglichst einzuschränten, ; mißbilligte ei, daß von Seiten der Kommandeure . irgendwelche GewiffenSftagen religiöser oder politischer Natur an die OsfizierSaspiranten gerichtet würden, gab aber auf die Frage, ob ein Offizier, der einen Zweikampf verweigere, kassirt werde, oder ob die Militärverwaltung in diesem Falle die Gewissensfreiheit und das gesetzliche Recht der Offiziere schütze, keine Antwort. Befriedigen konnte da» natürlich nicht, wenn auch für die Mitglieder kacholischer Studentenkorporationen ein wenig erreicht ist. Dieses Wenige wird vermuthlich für die Praxis auch noch werthlos sein.
Ausland.
* In Ungar» geht die liberale Partei immer mehr in die Brüche. Die Stellung deS Ministers Wekerle ist thatsächlich kaum noch haltbar. Die Versuche von Freimaurern und Israeliten, katholische Gegendemonstrationen zu Gunsten der Kulturkampfgesetze zu veranstalten, sind kläglich gescheitert. Die Wahlen zum Nationalkasino haben den deutlichen Beweis geliefert, daß man von der jüdisch-liberalen Be- scheerung nichts wiffen will.
* Die weiter vorliegenden Nachrichten über das Befinden des Kaiser vo» Rußland lassen jede Gefahr als absolut ausgeschlossen erscheinen.
* Paris, 1. Febr. Der anarchistische Abgeordnete Faure wird die Tochter BaillantS mit nach Marseille nehmen. Baillant erklärte, er ziehe den Tod einer lebenslänglichen Zwangsarbeit vor.
* In Italien hat CriSpi vorläufig durch ein sehr einfaches Mittel Abhilfe gegen die Finanz-Calamität gesucht, nämlich durch eine vermehrte Notenausgabe. DaS heißt allerdings das Pferd am Schwänze aufzäumen. Es ist dort äußerlich Aller ruhig; man geht bereits daran, aus Sizilien die dorthin gesandten Regimenter zurückzuziehen. Daß bei dm Unruhen die Anarchisten und Sozialisten die Hand im Spiel gehabt haben, wird täglich mehr klar. Einen Beweis dafür liefert ein Krawall, den die Anarchisten in der Schweiz verursachten, um ihrem Unmuth über dar Mißlingen der italienischen Aufstandsbewegung Ausdruck zu geben. Sie rotteten sich in Zürich vor dem italienischm Con- sulat zusammen und gerieten dabei inS Handgemenge mit der Polizei. Es gab wüste Prügelscenen, bei denen sowohl auf Seiten der Polizei, als der Tumul- tuantm mehrere Verwundungen vorkamen.
* Rom, 2. Febr. Im Aufstandsgebiete von Carrara nahm die Gendarmerie wiederum achtzehn Häupter der Bewegung gefangm. Zwei andere stellten sich freiwillig. Ganze Schaaren flüchtiger Insurgenten durchstreifen hungernd und bettelnd das Hochgebirge.
• Auf dem Balkan entwickeln sich die Dinge in Eerbie» anscheinend doch ruhiger, als sich in Folge des kleinen Grwaltstreiches der jungen Königs Alexander und der Rückkehr des Exkönigs Milan erwarten ließ. Jndeß lasten Mmister-Jutriguen und VolkSleiden- schäften doch jeden Augenblick eine neue Uebrrraschung in diesem politisch sturmbewegten Lande erwarten. In vulgarie» wächst die Anhänglichkeit zu feinem Fürsten durch die Geburt eines Prinzen; sie scheint die Dynastie deS Fürstm Ferdinand zu befestigen. Allerdings liegt für ihn auch wohl die Versuchung nahe, durch einen unvorsichtigen Schritt sich die Unabhängigkeit von der Türkei zu erringen. Vorläufig sind dieZritverhältniste hierzu noch sicht reif.
• In die brasilianische Revolution habm die nord- amerikanischen ©tauten eingegriffen. Die Nachricht aber, daß der Insurgenten-Admiral de Gama sich ben nordamerikanischen Kreuzern ergeben habe, ist unrichtig. Snbtffen scheint die Sache der Insurgenten verzweiselt
* befand sich hilflos in der Mitte einer johlenden Men- schmgrupp', welche sie umringte. Als sich diese zer- firmt hatte, sah man, baß die Robe des lungen Mab- i chenS in seiner ganzm Länge mittelst eines scharfm MesterS zerschnitten war. Es war bie dummgemeine Rache eine» Verbannten.
\ tz j. Sie warf einen traurigen und unwilligen Buck ans - die Meäge und ging mit dem Adjutanten ihres Vaters, $ dem sie kaum so viel Zeit ließ, bet einem dienstthuenbm Offizier über das schmähliche «orkommniß Klage zu führen, weiter. . ,. „ .
Oberst Romanzoff, welcher mit fernem Regiment zur Aufrechthaltung ber Ordnung kommandirt war, befand sich nicht weit; er eilte sofort herbei.
Ich könnte den Ausdruck M Zornes, welchen bie Züge des Obersten tragen, malen; noch erblicke ich ihn vor mir, wie er wüihend die Augen rollte und mit fieberhafter Eile die langen Ende seines Schnurrbartes drehte. Er hatte die Tochter fernes General» beschimpfen laffm; das war für einen dienstbeflissenen Offizier ein schweres Verbrechen. Der Verwegene sollte seineSchand- that theuer büßen.
Dieser aber war rasch durch bie ihn umgebende Menge geglitten und mußte, wie ich bemerkte, schon weit entfernt sein. Der Oberst mußte einen Schuldigen entdecken, denn seine Ehre stand auf dem Spiele. Er bemerkte eben armen Teufel, welcher in bummer Werse
Leberinbustrie nachtheilig verworfen, von ber anderen s Seite ober im Interesse der heimischen Schutzwaldungen, • namentlich der Eifel, befürwortet. Abg. v. Tiedemann- Bomst (frk.) wünschte energerische Maßregeln gegen die - SSerbreitung von Viehseuchen, namentlich durch Grenzsperren. Minister für Landwirthschaft v. Heyden erwiderte, daß eS am richtigsten wäre, für tuberkulöses j Vieh Entschädigung zu gewähren, e» frage sich nur, ? wer die Entschädigung zahlen sollte. Die Durchführung \ der Maßregeln an der Grenze lassen nichts zu wünschen f übrig. Abg. Dr. v. Mendel (kons.) verlangt gleichfalls , schärfere Maßregeln gegen die Einschleppung von Vieh- ; seuchen. Die Seuchen würden nicht bei uns erzeugt, \ sondern importirt. Nach längerer Diskussion wurde der < Etat der landwirthschaftlichen Verwaltung genehmigt. - Dienstag: erste Lesung der Vorlage betreffend die; LandwirthschaftSkammern.
* Die Steuerkommission dis Reichstages hat heute f die Börsensteuer für inländische Aktien, Renten- und - Schuldverschreibungen, sowie für ausländische Banknoten ; gut 8/i0 vom Tausend, entsprechend der RegierungS- i Vorlage, festgesetzt. Für Waaren-Termingeschäste wurde ; bie Steuer auf 4/io. für anbete Waaren-Börsengeschäste auf 2/io vom Taufend festgesetzt.
* Die Bubgetkommisfion bes Reichstags setzte heute bie Berathung be» Kolouialetats fort und nahm zwei - vom Centrum beantragte Resolutionen an, wonach ; ber Orden der „Väter vom heiligen Geist" im Interesse ; der Mission zugelassen und das Strafgesetzbuch dahin j erweitert werden soll, daß auch ber von Reichsaugehörigen int Auslände betriebene Sklavenhandel unter Strafe gestellt werden soll.
♦ Die Nachricht, daß schon in den nächsten Tagen bie Veröffentlichung bes deutsch-russischen Zolltarifs zu erwarten sei, ist verfrüht. Es wirb noch übet Einzelheiten verhandelt.
* Major v. Wißmauu ist in Bombay eingetroffen und gedenkt von dort aus fein Entlaffungsgesuch em-