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J\g 25 Donnerstag, den 1. Februar 1894. 21. Jahrgang

FiildaerWZcitiing

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War es druu wirklich so arg?

N. Berlin, 29. Januar.

Wer die „großen" Berliner Zeitungen oder das Kölnische „Weltblatt" gelesen hat, wird gewiß glauben, daß Berlin an dem ewig denkwürdigen Tage des 26. Januar ganz aus dem Häuschen gewesen. Wenn man den Berichterstattern trauen will, so ist so etwas von Massenandrang und Riesenbegeisterung noch gar nicht dagewrsm. Da muß ich aber doch nachträglich mein bescheidener, aber wohlerwogener Zeugniß zum Besten der „geschichtlichen Wahrheit" mit in die Wagschaale werfen, und daS geht dahin: Recht nett, aber keines­wegs so außerordentlich, wie die stark übertreiben­den Berichterstatter die Welt glauben machen wollen.

Bei der Ankunft Bismarcks hatte ich am Platz vor dem Brandenburger Thor Posten gefaßt. Eine ansehn­liche Menge, aber keineswegs eine beängstigende Ueber- füllung. Letzteres ergiebt sich handgreiflich aus der Thatsache, daß fast bis zum letzten Augenblicke die Pferdebahnen den Platz vor dem Thore durchfahren konnten. Die Stimmung war den Berhältniflen ange­messen. Von einem nervöse« Ueberschwang habe ich nichts bemerkt. DaS Publikum bestand nicht aus Ar­beitern oder sonstigen „kleinen Leuten", die hatten offen­bar keine Zeit, vielleicht auch zum groß« Theil nicht viel Lust gehabt. ES war der bessere Mittelstand vor­wiegend vertreten, viel Offiziere und auch, wie ich nach Stichproben vermuthe, viel Beamte. Als der Zug der Wagen mit seiner militärischen Begleitung durchfuhr, wurde natürlich gerufen und mit Tüchern geschwenkt, aber in recht maßvoller Weise. Die Mäßigung erklärt sich auch leicht aus zwei Umständen. Erstens wurde recht schnell geritten und gefahren, so daß zu den sonst üblichen orosovuäo-Rufm nicht recht Zeit blieb, und Seitens wirkte der geschloffene Wage« ettvaS enttäu- end, abkühlend. Richt bloß deshalb, weil der größte Theil des Publikums von dem Helden des Tages nichts sah (ich habe trotz meiner respektablen Leibeslänge nur ein Stück von einem weißen Gewände in der Gegend ’ des linken Frontfitzes gesehen). Vielmehr hatte ich den ' Eindruck, daß der geschlossene Wagen, den man bei dem ’> milden Wetter nicht erwartet hatte, dem Publikum ? plötzlich zum Bewußtsein brachte: Seine Kraft ist doch I gebrochen! Es schien mir so etwas wie ein melancho- 1 lisch er Schatten über die Stimmung zu fallen.

Am Nachmittag bin ich zu» Schloßplatz gefahren. ' An der Süd- und Westseite sah es alltäglich aus. An \ der nördlichen (Lustgarten) Seite, wo der Fürst wohnte, < stand jenseits des freigehaltenen Fahrweges eine Men- < schenmenge; aber ste war kleiner, als ich erwartet hatte, i Der Fürst war angeblich zum Palais der Kaiserin Friedrich gefahren. Ich ging dorthin, ohne die ge­ringste Erschwerung der Passage zu spüren. Am Pa­lais und gegenüber, auf dem weiten OpnvhauSplatz nebst Zubehör, standen etwas größere Mevfchenwaffen; aber na eigentliche« Gedränge gab es auch dort «icht. Bor dem Palais bin ich etwas auf unb abgegaugen

Mch Sibirien verbannt.

von Louis Collar. Mit Genehmigung der Verfasser- »'s * Deutsche übertragen von PH. Freibank.

(9. Fortsetzung.)

Mein Landsmann verließ mich und bald sah ich, wie er mit dem Vertreter des Gouverneurs Rücksprache pflegte: die Blicke, welche Beide auf mich warfen, sagten mir, daß fie sich über meine Person unterhielten. Als er wiednkam, war er von eine« Militärarzt begleitet. Dnselbe unterwarf mich eiver genaue« Untnsuchung und sagte dann zu mir:

„Der Herr ist beauftragt, Sie bis zu Ihrer Wieder­herstellung in seine Obhut zu nehmen. Er ist verant­wortlich für Me; Sie können ohne Erlaubniß nicht aus^hen und müssen sich beim ersten Aufruf stellen.

Gestützt auf den Arm meines WohlthäterS, durste ich muh endlich entfernen; die Schwierigkett, welche «lir das Gehen verursachte, sagt« mir, daß eS für mich die höchste Zeit war, au das Ziel einer Reise gelangt zu se:n. Dar Haus, aus Holz gebaut wie alle übrig« der Stadt, verrieth den behäbig« Wohlstand meines Landsmannes, doch zeugten allerlei Nebenumstäude von der Schwermuth, der ständige« Begleiterin der Ver­bannten.

Der Empfang, welcher mir von meinem Wohl- thäter und seiner Frau — Polin wie er — bereitet toutbe, rührte mich bis zu Thcänen. Rur Derjenige,

und habe dann ohne Schwierigkeit den Abgang links auf die Oberwallstraße gefunden. Sobald man die Linden verlass« hatte, sah Berlin wieder ganz alltäg­lich aus. Rach den schwungvollen Zeitungsschilderungen soll es bald nach meinem Abgänge dort zu ganz er­greifend« Ausbrüchen der BolksgefühlS gekommen fein, ja man soll die Pferde habe auSspannm wollen. Ob einige junge Leute wirklich Hand an das Pferdegeschirr gelegt haben, lasse ich gern dahingestellt, wenn ich auch daran zweifle. Jedenfalls kann eS nicht recht ernst gemeint gewesen sein, dmn jeder Berliner weiß vorher, daß die Polizei solche Scherze verhindert, namentlich wenn eS sich um einen Hofwagen handelt. Ich kann nur sagen, daß daS dortige Publikum, soweit ich es beobachten konnte, durchaus einen normalen Pulischlag zu haben schien.

Allseittg wird anerkannt, daß die Offiziere sehr stark vertreten gewesm sind und daß die Studenten und die jüngeren gebildet« Klass« überhaupt daS meiste „Leben in die Bude" gebracht hab«. DaS ist leicht erklärlich. Die Bismarckverehrung beruht wesent­lich auf dem chauvinistisch« Zuge, aus der Ueberspan- nung des „Rational" - Gefühls mit „Thatendrang". Letzterer wirft sich vorläufig, Mangels eines besseren ObjeftS, auf die antisemitischenKraftproduktionm. Graf Caprivi hat die antisemitische Agitationen weg- werf«d besprochen und eS dadurch mit den „deutschen" Studenten und deren Anhang verdarb«. Fürst Bis­marck hat freilich auch nie etwas Antisemitisches gechan; aber man betrachtet ihn doch als die Verkörperung des „Nationalstolzer". Die LieutmantS, mit denen ich in der Eif«bah« am Festmorg« zusammentraf, lasen mit lautem Behag« die .Tägliche Rundschau', die bekannt- lich in deutschem Chauvinismus mit wissenschaftlicher Verbrämung und antisemittscher Zuspitzung weicht.

Auch die begeistertsten Berichterstatter müssen zuge­stehe«, daß eS am Abend, bei der Rückfahrt des Fürst« zum Bahnhof, mit dm Ansammlung« und Demon­stration« auf den Straßen recht dünn aussah. DaS rauhere Wetter reicht zur Erklärung allein nicht aus. Wahrscheinlich hat die sich mehr und mehr geltend machende Erkenrttmß, daß keine politischen Früchte mehr zu erwarte« sei«, zur Verstauung der Stimmung, na­mmtlich bei den jugendlichen Elementen, beigetragen.

Eine gewisse Theilnahme kann man mit dm „Ge- müthsmmschen" haben, die ohne alle rcalpolitischm Nebengedanken bloß an der „Versöhnung" sicherbau«. „ES ist doch gut, daß der BiSmarck gekommen ist," sagte mir ein solcher. Als ich erwiderte: „Ja, eS ist auch gut, daß er heut« Abend wieder abfährt" — da war er ganz „paff" und es that mir leid, dm Spiegel seiner Kinderseele angehaucht zu haben.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Januar.

* Fürst BiSmarck ist am Freitag Abend 11 Uhr im besten Wohlsein wieder in Friedrichsruh eingetroffen. ■—1——I■B——I—»aMMa— welcher wie ich mit Gewalt dem vaterländischen Boden entrissen wurde, kann die innige Dankbarkeit ermeffm, mit welcher ich an diesem gastlich« Herde Platz noch«, und welche mich die Demüthigung der ewig« feind­selige« Ueberwachung rasch vergesse» ließ.

Eine Srankhrtt fesselte mich auf Wochen au's Bett und hätte mich ohne die sorgfältige Pflege und die Gnade GotteS in jene Gefilde geführt, von d«m eS keine Rückkehr zu» irdisch« Leb« gibt. Ich verfiel in eine derartige Entkräftigung, daß ich kaum die Kraft fand, dar Gestwäch meiner Wirthe über meine Krank­heit und ihr« »öglichm AuSgang zu vernehm«.

Als ich nach lange» Schweben zwischen Tod'und Leben zu» erst« Male fett meiner Abreise von War­schau in ein« Spiegel blickte, schauderte ich entsetzt zurück; ich kannte mich selbst kaum wieder, doch war ich gerettet. Dank meiner kräftig« Körperbeschaffenheit trivmphirte ich bald über mein Leid«. Bald fühlte ich, wie meine Kräfte wiederkehrten, nicht ohne Be­baue«, dmn bald mußte ich diesen für einen Ver­bannte« viel zu angenehme«'Zufluchtsort verlassen.

Mein HauSwirth kam an mein Bett; wir plauderte« von Polen, von dm«, die wir geliebt hatten und welch« alle daS Land halt« verlaffen oder in die Ver­bannung gehen müffm; er laS mir Verse unserer nationalen Dichter vor, welche wie Musik in meine Ohr« klang« und freudig mein Herz bewepten.

„Sie können sich einer eisernen Körperbeschaffen-

Die Reise nach Berlin ist demselbm gut bekomm« Wie gerüchtweise verlautet, beabsichtige der Kaiser, dem­nächst zum Besuche des Fürst« BiSmarck nach Friedrichs­ruh zu reisen. DaS erste Handschreiben des Kaisers an den Fürste« Bismarck ist vom 21. Januar datirt und 3 Oktavseiten lang.

* Ueber die Aussöhnung zwischen dem Kais« und dem Fürst« BiSmarck schreibt die ,SSln. Zig.', die sich s. Z. über den Exkanzl«, der „poltemd hinter dem ReichSwag« herläuft", lustig machte, in einem läng«« Artikel u. a.: „Alle besonn«« Männer einigten sich schließlich zu dem Verlang« nach nor­male« persönlich« Beziehung« zwisch« dem Kaff« und dem Begründer deS deutschen Reichs, nach Be­ziehungen, die zugleich daS selbstverständliche Festhalte« an der Dankbarkeit gegen dm ersten deutschen Reichs­kanzler und die Treue gegen Kais« und Reich ohne jed« störenden Mißton gestatteten. Diesem national« Bedürfniß, die beiden Flamm« deS deutsch« Em­pfindens wird« einmal zu einer mächtigen Feuersäule zusammenschlagen zu lassen, fft der Kais« in hoch­herzigem Entschluß zum ersten Mal durch die Sünftr Depesche mtgeg«gekomm«. Vergebens sucht« die Leute, welche dm Unmuth deS ersten deutschen ManneS (!) auszunutzen suchten, die Bedeutung dieses versöhnliche« Schrittes nörgelnd und krittelnd hnabzu« setzen, um nur ja die Gesundung einer wunden PmckteS im deutschen Volksleben zu hintertteibm (!). D« Kaiser hat erkannt, daß Diejmig« es wohl mit Deutsch­land meinten, die ohne politische Hintergedanken auf Anbahnung angenehmer persönlich« Beziehung«, anf Vermeidung alles dess«, waS die Bnhältniffe noch mehr «btttern könnte, hindrängt«. Er hat nach d« einen Seite daS Ränkespiel der Reakttonäre, die ihm irgend ein« Dunkelmann (!) als Reichskanzler auf- nöthig« oder doch den Schein ein« Erschütterung feiner bisherig« Berath« durch HöflingSschliche h«auf- beschwör« wollten, durchkreuzt. Ab« « hat ander« seit» dem ersten Günser Schritt ein« zweiten be­deutungsvollere« folgen lassen, der hoffentlich dnBer- Wirrung der dentsch« Gewissen ei« Ende mach« wird. Durch die politischen Mißdeutungen, welche kleine Köpft wohl auch an dies« Akt knüpfe« werden, durch die zu «wartende« Redensarten über die Erschütterung der Stellung des Graf« Caprivi u. s. w. voll« wir unS die Freude daran nicht verd«bm laffen, daß d« diesjährige Kais«SgeburtStag einen langgehegten Wunsch all« deutsch« Männer erfüllt". — Man sieht, die ,Köl«. Ztg.' versteht er, stets den Mantel nach de« Winde zu hängen.

♦ Die Berathung über allenfallfige Aufhebung -er Staffeltarife für Getreide haben in d« vorig« Woche hier begonnen. D« Borfitz bei dmBerathuugm führt der Ministerialdirektor Fleck aus dem Eisenbahn- Ministerium.

* Der .Reichsanzeiger' schreibt: Bo» 1. April 1895 ab soll die B«waltu«g und der Betrieb ter Staatsbahnen unter d« Oberleitung des Ministers ■HHHBHBBHHBHBHHBBSeBHHHBBBSHSB heil rühm«", sagte er mir einer Tages. „Sie find nun vollständig wiederhergestellt. Zum Glück ahnen fie nichts davon, sonst würden Sie schon längst reklamirt Word« sein. Sie haben durch ihre KranHeit mindestens das «reicht, daß Sie einstweilen hi« bleiben tonn«, während die übrigen Verbannt« weiter tranSportirt Word« sind."

Ich war noch «icht im Stande, dm mit genannte« Bortheil richtig zu würdigen, aber ich durste nicht zög«n, dm Preis dieser Vergünstigung zu «fahr«.

Als ich stark genug war, mich zu erheben, führte mich nein Gastgeber i« feiner Wohtumg umher, in welch« ich überall, fei eS in dies«, sei eS in jener Form, Erinnerungszeichen an unser Batnland «blickte. Die Wände ziert« die Bild« unser« großm Mämt« und eine reiche Bibliothek enthielt die Werke uns«« literarischen Berühmtheiten. Töpfe aus Jmm«grün, der« Setzlinge ans Warschau bezogen Word«, be­fanden sich auf einem Blmaentifch; dessen verschieden­farbige Blüthe« erweckt« täglich die Sehnsucht nach der f«nen Heimath.

„Haben Sie auf jede Rückkehr in die Heimath ver­zichtet?" frag ich meinen Wirth.

„Ja, aber daS war nicht das Werk eines Taget. Als ich hi«h« verbannt wurde unter dem Verdachte, einer Verschwörung anzugehören, an der ich vollständig unschuldig war, habe ich gegen mein Hauer Schicksal oft genug gemurrt, dann habe ich auf eine Begnadi-