Einzelbild herunterladen
 

24 Mittwoch, den 31. Januar 1894. 21. Jahrgang

FllldaerWZeitllng

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage en#gene«at«. — Inserate kosten die «nspaltze Zeile oder bmn «an» lü M, bei »Rederheäungen »«ste,chi^«c Ä*». ___

vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerloh» nnd Bestellgeld mit der belletristischen SonntagSbellage ,Sterne und Blumen in Fulda ew auÄW« 1 Mark 60 Vst««.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Januar.

* Der Kaiser nahm heute Vormittag die Borträge bei Reichskanzlers, de- Chefs des CivilkabinetS, des kommandirenden Admirals, des Staatssekretärs des Reichs-MarineamteS und des Chefs der MarinekabinetS entgegen. — Der König von Sachfen und der König von Württemberg find gestern nach Dresden bezw. Stuttgart zurückgereist.

* Bei den Debatten über die Landwirthfchaft und den ruffischen Handelsvertrag, die jetzt wieder im Ab« geordneteuhaufe geflogen worden find, ist schwer» ltch etwas herauSgrkommen. Weder über die beweg­liche Zoll-Skala, noch über die Währungsfrage ist eine Klärung erzielt, ebensowenig über die Ausfichten der russischen Handelsvertrages im Reichstage. Auffällig war wieder die ungemeine Zurückhaltung, welche der Ministerpräsident Graf Eulenburg, der LandwirthschaftS- Minister von Heyden und der Finanzminister Miquel sich auferlegten. Kurz: wir sind genau fo weit, wie wir vor der Interpellation waren.

* Der Reichstag hat, wie bekannt, daS Wein­steuer grfetz «ach dreitägiger Debatte an die „Beerdi- gungSkommission" behufs eines „anständigen Begräb­nisses" an der Seite der Tabaksteuervorlage über« wiesen. Dieser Schicksal der WeinsteuergesetzeS stand von vornherein fest. Aber am letzten Tage der Wein« steuerdebatte gab eS einen Zwischenfall, der „tief blicken läßt". Der württembergische Ministerpräsident Frhr. v. Mittyacht ergriff nämlich daS Wort, um gegen diese Vorlage des BundeSratheS sich auSzufprechey, weil sie die armen Winzer schädige, und zugleich an Ver­heißungen zu erinnern, die, allerdings nicht in rechts­verbindlicher Form, im Jahre 1870 beim Eintritte Württembergs in daS Reich gemacht worden sind, wo­nach Württemberg eine ReichSweinsteuer nicht zu be­fürchten haben falle. Der freikonservative Abg. v. Kar- dorff fand in diesem Austreten des württembergischen Ministerpräsidenten eine so traurige und unerquickliche Perspektive auf die Verhältnisse im BundeSrath, daß er die sofortige Vertagung der Verhandlung verlangte. Nachdem vom BundeSrathStische aus die Erklärung ge­geben war, daß Freiherr v. Mittnacht nur fein ver­fassungsmäßiges Recht auSgeübt habe, auch im Uebrigen durchaus loyal vorgeqangen sei, indem er seinen Wider­spruch vorher dem Reichskanzler angezeigt habe, wurde dem Kardorff'schen Anträge freilich nicht einmal die «öthige Unterstützung zu Theil. Aber ein Fehler in der Reichspolitik bleibt es immerhin, daß trotz diese» nicht lediglich auf Württemberg beschränkten Widerspruch» im Bundesrathe ein total aussichtsloses Weinsteuergesetz im Reichstage eingebracht werden konnte. — Weniger aufregend waren die Reichstagssitzungen am Montag und DiesStag letzter Woche, in denen die sozialdemo­kratische Roth st an dS -Interpellation zur Besprechung gelangte. Daß nicht nur unter den Arbeiterkreisen in Folge vielfacher winterlicher Arbeitslosigkeit ein Noth- stand herrscht, sondern daß auch in den übrigen ErwerbS- kreisen, in Handwerk uvd Gewerbe, ein wirthschaftlicher

Dach Sibirien verbannt.

Bon Louis Collas. Mit Genehmigung deS Verfassers in's Deutsche übertragen von PH. Freibank.

(8. Fortsetzung.)

Ich suchte, wem ich in der allgemeinen Verwirrung Hülfe leisten könne, als meine Blicke auf einem Haufe hasten blieben, welches soeben vom Feuer ergriffen wurde. Eine Frau befand sich auf einer Art Balkon, der sich an dem Fenster der einzigen Stockwerkes der­artiger Blockhäuser zu befinden pflegt. Sie betrachtete die Fortschritte der Feuersbrunst mit einer unglaub- lrchen Heiterkeit; die Flammen schienen ihr Freude zu bereite». Ich erkannte Sudoxia Jvanowna. Ohne mir Zelt zur Ueberlegung über ihr eigenartiges Berhaltm zu nehmen, stürzte ich mich in daS Haus. Als ich bei ,hr anlangte, drehte sie sich um. Ich rief sie beim Name«: sie schwieg. Ich »ahm sie daher kurz ent- schloffen auf meine Arme und trug sie auS den Bereich des Feuers. Sie setzte meiner Rettung keinen Wider­stand entgegen und ergab sich mit orientalischem Fata­lismus in die Rettung, ohne mir aber ein Wort der Erkenntlichkeit zu schenken. Sie sah zu, wie da» so­eben verlaffene HauS in einer Wolke von Rauch zu« simmenbrach und ihre eigenartig schönen Züge überflog es bei diesem Anblick wie ein Gefühl der Befriedigung.

Niedergang sich in drückender Weise bemerkbar macht, ist eine leider nur zu wahre Thatsache. Aber diesen bedauernswerthen Uebelstand zu beseitigen, wissen die Sozialdemokraten auch kein durchgreifender Mittel vor­zuschlagen. Auf ihrm „ZukunftS-Staat", mit dem sie bei der vorigjährigm Erörterung der Nothstands-Jnter- pellation ein fo großes Fiasko erlitten haben, kamen sie in diesen Tagen nicht mehr zurück; es schien ihnen vielmehr nur um eine allgemeine agitatorische Reichs- tagSverhavdlung zu thun zu sein, der sie als Relief wirkliche oder angebliche Uebergriffe der Berliner Polizei gegen Versammlungen von Arbeitslosen zu geben suchten. Zur Verhandlung im Reichstag kam ferner auch ein C e n t r u m s-Antrag, welcher den eingetragenen Berufs- ver einen Vermögensrechte gewähren will. Der Antrag wurde einer Kommission zur Borberathung überwiesen.

* Im Reichstage machte heute Präsident von Levetzow Mittheiluug von der Uebermittelung der Glückwünsche des Hauses an dm Kaiser zu deffm Geburtstag. Die Verlängerung deS provisorischen Handelsabkommens mit Spanien bis zum 31. März wurde endgültig angenommen und daun in die erste Berathung der ReichSfinavzreform-Vorlage eingetreten. Staatssekretär Graf PosadowSki begründete dieselbe unter Widerlegung der bisher dagegen erhobenen Be- dmkm. Die Franckensteinische Klausel soll nicht be­seitigt, sondern nur ein feste» Berhältniß zwifchen Matrikularbeiträgm und Ueberweisungm geschaffen und fo dem Schwanken der Einnahmm und Ausgaben der Einzelstaaten ein Ende gemacht werden. WaS man mit der Forderung eines RrichSfinanzministerS anstrebe, erreiche man viel besser durch diese Finanzvorlagm. Abg. Dr. Lieber verlas nachstehende Erklärung, welche in der vorauSgegangenw Fraktionssitzung be­schlossen worden war:

„Meine politischen Freunde und ich stehen nach wie vor auf dem Boden der Franckenstein'schenKlaufel und hegen den dringen­den Wunsch, daß dieselbe nicht nur in ihrer staatsrechtlichen Be­deutung für das Reich und den Reichstag, sondern auch mög­lichst in ihrer finanzpolitische» Bedeutung für die Einzelstaaten erhalten bleibe. Wir verkennen nicht, daß die vorgeschlagene Finanzreform in dem Bestreben, den Einzelstaaten überschießende Ueberweisungen zu gewährleisten, sich in der Richtung der beiden Grundgedanken der Franckeastein'schen Klausel bewegt. Allein wir halten, von ernsten Bedenken gegen wesentliche Einzelbestim­mungen abgesehen, den gegenwärtigen Augenblick für nicht ge­eignet zur Durchführung einer solchen Reform. Die Finanz­reform, welche zudem bei der Entwickelung des Reichsschulden­wesens unserer Ansicht nach vor den Ueberweisungen die regel­mäßige Schuldentilgung in's Auge zu fasten hätte, ist selbst in ihrem vorliegenden Umfange, soweit sich augenblicklich übersehen läßt, nicht ohne wesentliche Erhöhung der indirekten Steuern durchführbar. Eine solche Erhöhung erscheint aber bei dem Darniederliegen der Erwerbs- und Wirthschastsverhältniste in nahezu allen Berufszweigen, ganz besonders in den Mittelständen von Landwirthschaft und Gewerbe, um so bedenklicher, als schon die Aufbringung der Mittel für die gegen unsere Stimmen be­willigte und vorwiegend die minderbemittelten Bolksklassen be­lastende Heeresverstärkung, wie der Augenschein zeigt, mit den äußersten Schwierigkeiten verbunden ist. Mit gleicher Schwere fällt ins Gewicht, daß die Mittel zur Vermehrung der Reichs­einkünfte, wie sie in den zur Ausführung der Reform vorge­schlagenen Steuervorlagen von den verbündeten Regierungen in Aussicht geuommen sind, uns in der Hauptsache als nicht ge­eignet erscheinen, und daß wir eine dem Anwachsen der indirekten Steuern im Reich entsprechende Ausbildung der direkten Steuern,

Ich rief mir die geheimnißvollen Worte KatowS in mein Gedächtniß zurück und empfand daS Gefühl deS Entsetzens und Schreckens. Darauf entfernte ich mich.

Einige Augenblicke später begegnete ich dem Mos­kauer Journalisten und erzählte ihm, was sich soeben ereignet hatte; er schien mcht überrascht zu sein.

„Seien Sie überzeugt", sagte er, „daß sie Ihnen keinen Dank dafür zollen wird, daß Sie sie den Flammen entrissen haben, welche durch sie angelegt wurden."

„Angezündet durch sie? Sieglauben, daß . . ."

„Ich glaube eS nicht nur, sondern bin meiner Sache vollständig sicher. Die ruffische Welt ist eine seltsame Welt und die Fremden, welche in dieselbe eindriugen, kennen nur deren Oberfläche. Diejenigen, welche glauben, daß die Ergebung in den Herzen der Ruffen wohnt und sie sich ruhig unter dem Gewicht ihres Elends beugen, kennen Rußland nicht; auch hier brütet der Haß gegen die Unterdrücker, vielleicht weniger auf­fallend und offenbar wie in Polen, aber dafür um so nachhaltiger. ES ist wenig wahrscheinlich, daß die Aufhebung der Leibeigenschaft ihn ersticken wird. All­jährlich erzählt man sich mit leiser Stimme von den Fällen, wo die Bojaren (adelige Großgrundbesitzer) von ihren Leibeigenen grausam ermordet, wo Guts- Inspektoren auf die rasfinirteste Weise die Kehle abge«

insbesondere genügender allgemeiner Einkommens- und Ver­mögenssteuern, in den meisten Bundesstaaten zur Zett vermissen. Wenn jedoch die verbündeten Regierungen oder maßgebende Theüe deS Reichstages eine Kommisfionsberathung wünschen, so werden wir, entsprechend der feststehenden Uebung des Reichstags, einer solchen nicht widersprechen."

Abg. Rickert (frs. Ber.) sprach gegen die Vorlage und erklärte, daß er mit seinen Freund« die Francken- stein'sche Klausel so lange festhalten müsse bis das Moment der Beweglichkeit der Steuern errungen sei. Nach Annahme der Vorlage würde die Franckenstein'sche Klausel nach fünf Jahren wegfallen. Finanzminister Dr. Miquel legte dar, daß die Auseinandersetzung zwischen Reich und Einzelstaate» eine politische Roth- Wendigkeit sei, die auf die Dauer nicht abgewichen werden könne. Eine Hinausschiebung verschlechtere nur den gegenwärtigen Zustand, zumal Niemand sagen könne, wann sich die Verhältnisse bessern werden. Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.) sprach für die Vorlage und wie» darauf Hin, daß bei Ablehnung der neue« Reichssteuern die Ewzelstaaten zur Deckung ihrer Defizit» auf den Anleiheweg gedrängt würden, da die diretten Steuern nicht weiter erhöht werd« könnte«. Weiterberathung morgen. Die geplante Finanzreform ist also jetzt als definitiv gescheitert zu betrachten.

* Kürzlich überreichte der Vorstand des LandeS- vereinS preußischer VolkSschullehrer dem Kultus­minister eine Petition, in der die Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligendienst erbeten wird. Wie jetzt berichtet wird, hat der Kulturminister Dr. Bosse die Nothwendigkeit einer anderweitig« Neuord­nung der Militärpflicht der VolkSschullehrer anerkannt, insbesondere bestehe bei ihm auch kein Zweifel darüber, »daß die Allgemeinbildung einer angehenden Bolrkschul- lehrerS gründlicher sei, als die einer 15- bis 18jähü- gen Jünglings, der sich lediglich daS Zeugnis einjährigen Militärdienst erworben hat." Neuerdings seien darüber auch Verhandlungen zwischem dem Kul­tur- und Kriegsministerium geflogen worden. Der Kriegsminister soll nicht abgeneigt sein, den Lehrer« allgemein die einjährige Dienstzeit auch unter gleich­zeitiger Gewährung deS entsprechenden einfachen Sol­des zu gewähren. Obgleich der Kultusminister ge- neigt ist, auf die Wünsche der Lehrer einzugehe«, würden wohl eine Reihe praktischer Schwierigkeiten hm« wegzuräumen sein, so daß bis zur Erledigung der Frage noch längere Zeit vergehen wird.

Ausland.

* Rom, 29. Jan. Der Papst celebrirte gestern in der PeterSkirche eine heil. Messe, welcher 12,000 Personen beiwohnten, nahm sodann eine Huldigung entgegen, antwortete einige Worte selbst und ließ so­dann von Msgr. Bolpin eine Rede verlesen, worin eS heißt, der Papst nehme mit besonderer Befriedigung den Ausdruck der Ergebenheit deS guten römische« Volkes entgegen und empfinde Schwerz über die schlimme Lage RomS, die indirekt durch die allgemeinen Ver­hältnisse der Halbinsel erschwert sei. Er wünsche da» gegenwärtige Elend wieder gutgemacht und die Ord­nung rasch wieder hergestellt. Die Gerechtigkeitund

schnitten und stolze Schlöffer nieder gebrannt wurde«. Die härtesten LeibeSstrafen richten gegen diese Aus­brüche wildesten Hasses nicht auS.

„Zerstören, vernichten, daS ist das Schlagwort ge­wisser geheimer Gesellschaften (der Nihilisten), nilht reformiren, nicht beffern! Der Haß, stets der schlechteste Rathgeber, hat die fabelhaftesten politischen Verirrung«

y vgvMy*.

„Beinahe alle politischen Systeme, welche dar Tageslicht scheuen, hüllen fich in Rußland in ein religiöses Mäntelchen. Außerhalb deS orthodox« Glaubens, dessen oberster Pontifex der Zar ist, besteh« in Rußland Tausende von Sekten, welche all« Ber- folgungeu seitens der Polizei zu widersteh« vermög«. Sie trag« die seltsamst« Namen und in ihrem Nam« werd« häufig die schrecklichsten Verbrech« begangen. Sie bilden deshalb für die russische Gesellschaft eine wahre Gefahr. Eine unbarmherzige Justiz — ähnlich der ehemalig« Behme in Deutschland — bestraft die Mitglieder mit de« Tode, welche im Verdacht stehen, die Geheimnisse der Sette verrathru zu hab«.

„Unter d« Abtrünnigen der orihodcxm Religio« und den Gegnern der Grundlage des modern« Staates befinden sich die MoralsichiliS; der Mord gilt «nter dies« Sekkirern als Glaubenssatz; sie schlachten, oder, wie sie sa§«, opfern fich mit gegenseitigem Einver-