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Sonntag, den 28. Januar 1894. 21. Jahrgang
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lichen Stil, die neueren vorwiegend gothisch gebaut; freilich darf der ruffifche Doppeladler an und in reiner Kirche fehlen. Auch im Altarfchmuck hat der moderne Aufschwung in Deutschland allseitig feinen Einfluß aus» geübt; in Odessa besitzt eine Dame ein großes Geschäft in kirchlichen Paramenten und liefert den Kirchen zu Preisen, die nickt viel höher stehen, als in Deutschland, durchaus stilgerechte Meßgewänder, Fahnen und dergleichen, wozu die Stoffe vielfach aus der Heimath bezogen werden.
Bis zum Jahre 1823 lag die Seelsorge dortselbst in den Händen der Jesuiten und Lazaristen. Als drese
Kaiser darf er nur in den devotesten Ausdrücken auf der Kanzel reden, nur in den devotesten Ausdrücke« seiner in den öffentlichen Gebeten gedenken; die nächste Stelle nach der heiligsten Dreifaltigkeit nimmt immer der Czar ein. Will ein Pfarrer eine neue Kircke baue», dann wecht er ste dem Andenken an irgend ein freudiges Ereigniß in der kaiserlichen Familie, und sofort wird der Bauplan genehmigt und wohl auch ein Zuschuß aus Staatsfonds bewilligt.
Unsere katholischen Landsleute am Schwarzen Meere haben bei ihrer Einwanderung Brief und Siegel für volle freie Religionsübung erhalten. Dar hindert übrigens nicht, daß heimlich und weniger fühlbar w aufhörlich der Orthodoxie und ihrem Vordringen überall Vorschub geleistet wird. Erwürgen darf man den Katholizismus nicht; aber er soll an einer langsamen Schwindsucht dahinsiechen. Wie wir bereits hörten, haben unsne dortigen Glaubensbrüder auch ihre deutsche Sprache bis setzt dortselbst erhalten. „So lange wir deutsch bleiben," sprechen ste als ihre tiefste Ueberzeugung a«S, „bleiben wir katholisch; wollten wir unsere Mutter- spräche aufgeben, so würden wir dem SchiSma und de« Unglauben verfallen." Daher hält denn auch der Klerus so standhaft fest an der Pflege des deutschen WeseuS, deutscher Gesinnung und Sprache, und er hat dar« die Bevölkerung selber, die in ihrer Abgeschloffenheü einen eigenartigen patriarchalischen Charakter voll schlichter Einfachheit und urwüchsiger Kraft bewahrt : hat, zu Bundesgenossen. Die Regierung thut zwar • direkt und indirekt, was sie kann, die Leute von Rom i ab und zum Schisma hinüberzuziehen; allem war auch ; bisher versucht worden ist: Unsere deutschen Katholiken : dort unten am Schwarzen Meere haben sich standhaft
Aach Sibirien verbannt.
Bon Louis Collar. Mit Genehmigung deS Berfafsers in'S Deutsche übertragen von PH. Freidank.
(6. Fortsetzung.)
Der Anblick des Lande» hatte den Ueberaang er- leichtert; indeffen empfand man mit einer gewisim Herzbeklemmung, daß mau sich in Asien befand. Als 'ch die Grenze zweier Welttheile hinter mir gelaffen hatte, fühlte ich so recht die Schwere der Verbannung. Ich rezitirte den Vers von Dante: „Lastet alle Hoffnung fahren!" m .
Welche düsteren Bilder erweckte daS Wort Slbinen in meiner Seele?! Mir däuchte, die Bewegung und das Lebe» habe aufgehört und daß selbst die Natur eine traurige Physiognomie trage. Doch war ich erstaunt von der Betriebsamkeit, welche die Bergwerke des Urals in diesem Thrile der russischen Monarchie hervorgerufen hatten. Die Ansiedelungen der Verbannten hatten dort eine» der Crntralpankte deS ReichthumS geschaffen, welche unsere Herren auSnutzteu, um ihr Joch aus den Unterdrückten noch härter lasten zu lassen. Einige Theile deS Urals besonders, wo sich eine üppige Vegetation entfaltete, schienen gegen den Ruf der Un- fruchtbarkeit, der ihnen anhaftet, zu p-otestiren. Roch größer würde natürlich daS Gedeihen dieser Gegenden sein, wenn sie sich frei von der russischen Tyrannei und Bevormundung zu entwickeln vermöchten.
Deutsche Katholiken in Südrrchlaud.
Bor einigen Wochen berichtete neben anderen Tagesblättern auch die .Fuldaer Zeitung', daß der Czar dm Bischof von Draspol in Südrutzland nach Rom gesendet habe, um mit dem römischen Stuhle Unterhandlungen zu pflegen, bezw. den heil. Vater zu bewegen, von der beabsichtigten Kundgebung zu Gunsten der zur Zeit wiederum so schwer bedrängten katholischen Kirche Rußlands abzustehen. Dieser Bischof ist von Geburt ein Deutscher, und zwar aus Württemberg; seine Diözese besteht überwiegend aus Dmtschen. Die Diözese Tiraspol mit der brschöfltchen Residenz Saratow, erst 1848 gegründet, hat eine Ausdehnung die Frankreich und Deutschland annähernd gleichkommt, vom schwarzen bis zum kaspischen Meere. — D?e Seelenzahl beläuft sich auf 276,000, von denen 225,000 Deutsche sind. Dieselben sind im Anfänge dieses Jahr- Hunderts aus Baden, der Pfalz und dem Elsaß dahm gekommen und haben noch durchaus deutsche Sprache und deutsches Wesen bewahrt. Da haben alle Städte und Flecken deutsche Namm; es gibt ein Mannheim, ein Speier u. s. w. gerade wie in Amerika die europäischen Städtenamen wiedertehren. In den Orten, die sie be- wohnen, finden sich nur wenige Leute anderer Nationalität und anderen Bekemüuisfis; sie sind ganz unter sich, leben vorwiegend von Ackerbau und Viehzucht und sind durchgehends wohlhabend, oft reich. Ihre dmmunalen Angelegenheiten verwalten sie in patriarchali« cher Weise selber; ste haben deutsche Schulen mit »rutschen Lehrern und Lehrerinnen und wenn sie auch im amtlichen Verkehr mit der Regierung gezwungen ind, sich der russischen Sprache zu bedienen, sie find »och noch durch und durch Pfälzer, Badenser und Elsässer geblieben.
Die Regierung, die von diesen deutschen Ansiedlern unten am schwarzen Meere nichts zu befürchten ckat, wohl aber von dorther jährlich ganz bedeutende Einnahmen bezieht, läßt ihnen, soweit der Rüste dies über- Haupt zu thun im Stande ist, nicht nur eme werte bürgerliche Freiheit, sondern greift hier, weit weniger wie anderswo, z. B. bei den Polen und in den Ostsee- Provinzen, in daS kirchlich-religiöse Leben ein, und so bin ick, sagt der Berichteistatter in den .historisch- politischen Blättern, Zeuge einer Frohnleichnamspro- zession gewesen, die ungestört ihren Umzug durch daS Städtchen Marienthal hielt. Die Häuser waren ge- schmückt, die Glocken läuteten, die Böller knallten, ganz wie in der alten deutschen Heimath. Noch mehr überrascht war ich, fährt derselbe fort , als ich in einer anderen Stadt, Karlsruhe, die Kirche an ernem Festtage besuchte, und dort von einem trefflichen Chor cäcilianische Kompositionen singen hörte. Der Chordirektor , Herr Edmund Schmid. ist ein Schüler der Regensburger Schule, der dort seine Sache ganz vortrefflich macht. Die Kirchen sind in unserem heimath-
verjagt wurden, Um*» «» ——- —t—-
Priester, aber leider vorwiegend solche, die m ihrer - Heimath nicht gut gethan hatten. Eine geregelte Seel- - sorge kam erst mit der Errichtung der Diözese im I Jahre 1848 oder genauer erst im Jahre 1856, wo die bischöfl. Verwaltung in Funktion trat. Zur Erziehung und Heranbildung des Klerus hat der Bischof em Knaben- und ein Priesterseminar, die in einem gernern- amen großen Gebäude untergebracht sind. Die Pro- ftssoren der Philosophie und Theologie ernennt der Bischof, ebenso die Lehrer am Knadenseminar, wo nur einige Fächer von der Regierung, natürlich mit orthodoxen Lehrern, besetzt werden. Es sind dies die Fächer für die russische Sprache und Geschichte. Den Unter- halt für die Zöglinge im Seminar zahlt zum The»! der Staat, nämlich für 43 Alumnen. Die Gesammt- zahl der Seminaristen beläuft sich auf 125, von denen 25 im großen Seminar sind. Die Zahl der lähruch zu den hl. Weihen gelangenden Zöglinge für die Dtö- zrse Tiraspol beträgt nur ein halber Dutzend, für em so großes und ausgedehntes BiSthum viel, viel zu wenig. Auf jeden Pfarrer entfallen 3000 Seelen und darüber, und nur wenige Pfarrer können einen Kaplan oder Hilfsgeistlichen haben. Viele Pfarreien sind gar nicht besetzt, und bei der großen Ausdehnung ist eme Aushilfe von den Nachharpfarrekn kaum möglich, um so weniger, als die Kräfte eines Priesters nicht einmal auSreichrn für die Seelsorge dec oft auf viele Dörfer zerstreuten Pfarrkindrr. Die Zahl der Pfarreien be- läuft sich auf 135 in 16 Dekanaten, die der SeelsorgS- geistlichen auf 165. Den Gehalt für den Seelsorger zahlt die Gemeinde. Zu Neujahr tritt regelmäß'.g der Gemeinderath zusammen und fixirt die Gehälter für seine Beamten, Bürgermeister und Pfarrer, Lehrer rmd Lehrerinnen, Polizisten und Flurschütz, Nachtwächter und Kuhhirt. Da die Gegend überaus fruchtbar und ergiebig ist und die Leute an ihren Priestern hange», so stellt sich der niedrigste Gehalt der Pfarrer immerhin auf ungefähr 1000 Mark bei freier Wohnung mit Garten, nebst Stipendien, Stolgebühren und andere»
Daß die Thätigkeit der Geistlichen vielfach durch , die Landesgesetze beschränkt und lahmgelegt ist, ergibt - sich z. B. daraus, daß nach den im ganze» Reich streng ; gehandhabten Vorschriften alle Kinder aus gemischten ■ Ehen zwischen Orthodox m und Katholiken dem Popen ,
Mein Aufenthalt in Tobolsk bildete nur eine kurze Etappe der langen Reise. Hier wurden die UaglückS- genoffen getrennt und jeder wurde an seine« Bestim- muagsorr verbracht. Die einen waren für den Norden, für den Aufenthalt in Berenzoff bestimmt, wo die Knochen so vieler berühmten Personen bleichten, die anderen wurden »ach Tomsk oder in die verlorenen Dörfer am Jenissei, der Lena, zu den wilden Völkerschaften der Eskimos, Burriaten, Ostiakm und Tun- gusen verschickt. Wieder andere mußten die Grenzlande gegen China und das eisige Kamtschatka bevölkern. Die meisten unter uns erhielten ihren bestimmten Platz in den Minen zu SemipolatinSk, Barnul oder KrasnötarSk, Irkutsk und Nertschinsk, daS Verabscheuteste Gefängniß von allen. Denn es gab verschiedene Grade dieser Hölle und Ex«!» und unsere Feinde wußten sie rhrrm Haffe und ihrer Laune gemäß auf ihre Opfer trefflich zu ver- hängen. Bald ist eS dem Verbannten gestattet, »nner- ' halb gewiffer Grenzen frei zu leben, wie er will, bald werden die Verbannten gleich Sklaven an Großindustrielle gegen eine feste Bezahlung vermiethet, bald wer- den sie Seite an Seite der zu den Staatsbergwerks- Arbeiten Verurttzeilteu gekettet. Die UngewAeit, m welcher wir uns befände, machte den Abschied der LeidenSgenoffrn untereinander noch schwerer. Welches Schicksal wird den Einzelnen treffen, wohin wird er geschickt werden? frug sich jeder.
Unsere Ueberwachung hatte m TvoolSk etwas nach
erwiesen. , . . c, ...
Das allerdings ist eine traurige Thatsache, daß nicht nur nicht an eine Ausbreitung des Katholizismus dort zu Lande gedacht werden kann, sondern daß Alle», was auf religiösem Gebiete geschieht, nur ein Kamps um» Dasein, nur ein Ringen um Fortexistenz, nur die fortwährende Vertheidigung einer aus allen Seiten von einer Uebecmacht belagerten und bedrängten Burg »st. Es kommt daher Alles darauf an, daß der jedesmalige gelaffen. Ich konnte daher mehrere meiner Landsleute besuchen, w lche mir in die Verbannung vorangegangm waren. Ich machte bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft eint» der Veteranen de» Unabhängigkeitskriege». Er war ein Greis mit schneeweißen Haaren, dessen edle GesichtSzüge da» Gepräge von Rechtschaffenheit und Energie tragen. Die Leiden, welchen er während de» Transportes nach Sibirien ausgesetzt war, hatten lewem Körper allgemeine Lähmung eingetragen. Aber sew Geist behielt seine volle Spannkrast und sein Herz blieb unerschüttert fest. An seinen Lehnsessel gefesselt, zu Einschränkungen veruriheilt, welche ihm bei seinem früher« Reichthum doppelt peinlich warn», "tmg «sein Schick- sal ohne Murren Md niemals entfloh Urnern Munde ein Wort der Klage ober des Hasses gegen seine Henker. ES machte mir ungeheure» Bergmigen, mich nut diesem heldenmüthigen Opfer de» Patriotismus za unttrhaUen, bei welchem sich männlicher Ruth mit unaussprechlichem Zartgefühl Paarte. In feinem RechtSgrfuhl konnte ih« weder der Erfolg blenden, »och weniger irgend eme Niederlage aus feiner Ruhe bringen.
i Nein," sagte der Grri» einmal, „selbst m der «er- laffenheit der Verbannung ist unsere Aufgabe noch nicht erschöpft; wir müssen imfere Verfilzen durch unsere ganze Haltung zwingen, unS Achtung-Mgegenzubrrngm und, was unsere Landsleute betrifft so müffen wir solche zu trösten und aufzurichten ve,suchen, vor Allem aber ihr Elend erleichtern, soweit eS m unseren Kräften
zur Taufe gebracht und im orthodoxen Bekenntniffe erzogen werden müffen, fo daß alle Nachkommenschaft aus gemischten Ehen für die katholische Kirche absolut verloren ist. Wollte, etwa selbst auf den ausdrücklichen Wunsch der beiden Eltern, ein katholischer Geistlicher es wagen, ein solches Kind zu taufen, fo stünde ihm Sibirien in Aussicht. Dasselbe droht ihm, wen» er die Beicht eines Unirten, deren es Manche dort gibt, die hierher in die Verbannung geschickt wurden, höre» wollte; selbst auf dem Sterbebette darf er ihm nicht beistehen, wenn er nicht da» erste Mal schwere Geldstrafe und im Wiederholungsfälle Deportation er- traten an ihre Stelle meist polnische Natürlich, und in Rußland die höchste und heiligste > Pflicht, muß der Geistliche den Kaiser im Aeußeren \ hoch über Alles stellen, auch über den Papst; von dem