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Samstag, den 27. Januar 1894.

21. Jahrgang

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* Zum Geburtstage Sr. Majestät unseres Kaisers uud Königs Wilhelm II.

ie Lüfte erzittern, aufrauscht das Meer, Wie Tosen der Windsbraut stürmt es einher Aus tausend rauschenden Schwingen;

Die Boten sind'S, die mit eilendem Fuß Den stimmengewaltigen Bölkergruß Dem Kaiser bringen.

Heut' sinken die Schranken, frei ist die Bahn, Heut' finden sich Fürst und Unterthan Im Herzensbunde zusammen;

Heiß springt aus der Brust die Liebe heraus Und brennt um das alte ZollernhauS In lichten Flammen.

O Königsaug', das sich einst erschloß Dem Lichte, bewache hell und groß Des Vaterlandes Geschicke;

Aus daß nicht Schuld, nicht Roth, nicht Lerrath Sich bergen möge, nicht gist'ge Saat Dem Königsblicke.

O Kaiserhand, die gewaltbewehrt Mit festem Griff hält das scharfe Schwert, Streng' übe das Recht des Starken; Bertheid'ge das Reich gegen Feindestrutz, Sei Bänd'ger der Frechen, der Schwachen Schutz In Deutfchlands Marken.

O Königsherz, bleib' uns offen steh'n. Laß niemals verachtet von Dir geh'n Das Volk, da- zagende, scheue;

Dann legt'S wie in einen heiligen Schrein In Dich sein Lieben, sein Hoffen hinein Und seine Treue.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Januar.

• Fürst Bismarck wird bei seiner Ankunft auf dem Lehrter Bahnhof vom Prinzen Heinrich und dem sogenannten großen milttärischen Empfang, zu dem also Minister oder sonstige Civilbeamte nicht gehören, be­grüßt und ins Schloß geleitet werden. — Der ,Reichs- anzeiger' ist zu der Erklärung ermächtigt, daß die Entsendung des Grafen Moltke nach Friedrichsruhe der eigensten perfönlicben Initiative deS Kaisers ent­sprungen sei. Auch in Regierungskreisen habe Niemand vorher von dem Entschlüsse deS Monarchen Kmntniß gehabt. Daher gehörten alle entgegengesetzten Behaup­tungen in das Gebiet willkürlicher polttischer Kom­bination.

* Man wird eS begreiflich finden, daß der vom Kaiser dem Fürsten BiSmarck gegenüber gemachte

Mach Sibirien verbannt.

Bon Louis CollaS. Mt Genehmigung des BerfafferS in's Deutsche übertragen von Ph. Freidank.

(5. Forttetzung.)

4.

Die Verbannung.

Mit einer wahren Erleichterung sah ich den Tag meiner Prozesses herankommen. Doch schlug mich daS Urcheil: Verbannung nach Sibirien, für den Augen­blick nieder. Ich hätte die Bestimmungen zu meinen Gunsten anrufen können, nach welchen ein Adeliger nicht gezwungen werden kann, die Reise nach Sibirien in Gesellschaft der sogenannten „Partie," einen ganzen Transport wegen aller möglichen Verbrechen nach dem fernen Osten Verbanntem, milzumache», allein ich ver» zichte auf die Vergünstigung der S,Paratverbringung.

Gewöhnuch wurde so lange mit der Abreise ge­wartet, biS die Zahl der Verbannten eine beträchtliche Höhe erreicht hatte, aber angefichts der Stürme, welche aller Erwartung nach bald über Polen einbrechen würden, hatte man Elle, mich zu entfernen.

In einer kalten regnerischen Nacht, ohne von irgend lemand Abschied nehmen zu können, trat ich den Weg m die Verbannung an. Wir waren nicht sehr zahl­reich. aber unterwegs mußten noch andere Berurtheilte uns stoßen, denn die Justiz geht in Rußland nicht maB!9- Zn ruhigen Zeiten werden alljährlich im

Schritt, der aus natürlichem menschlichen Gefühl aus­reichend zu erklären ist, leinen Widerspruch erfährt, aber daß die „Versöhnung" des Kaisers mit dem Fürste» Bismarck gegenwärttg nur eine persönliche, nicht auch eine politische Bedeutung habe, wird man doch nicht so leicht annehmen, wie sozraldemokratische und freisinnige Blätter dies thun. Freilich erscheint eS als ausgeschlossen, daß Fürst Bismarck jetzt seinen Nachfolger Graf Cactrivi stürzt und selbst wieder Reichskanzler wird. Es kann sich nurdarum handeln, handeln, ob und in welchem Maße Fürst Bismarck als „unverantwortlicher" Rathgeber des Kaisers einen Einfluß auf die Politik gewinnt, und bis zu welchem Grade Graf Caprivi in feiner Eigenschaft als Reichs­kanzlers sich daS gefallen läßt und gefallen lasten kann. ES ist in engeren politischen Kreisen kein Gcheimniß mehr, daß eS Fürst Bismarck selbst war. der den General v. Caprlvi dem Kaiser als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat, aber trotzdem ist eS weltbekannt, daß Fürst Bismarck sich in den 4 Jahren seit seinem Rück­tritt in einen immer schärfer gewordenen Gegensatz zu der Person und zu der Politik des Grafen Caprivi gestellt hat. Wird nun auch zwischen Bismarck und Caprivi eine „Aussöhnung" stattfinden? Wird der Kaiser einer derartigen Versöhnung die Wege zu ebnen wissen? Das sind Fragen, die gegenwärtig Manches politische Gemüth beschäftigen. Es wäre für den Reichs­kanzler Grafen Caprivi eine geradezu unhaltbare Stellung, sagt das,Schw. Bl.', wenn er als der dem Kaiser und dem Reiche gegenüber allein verantwortliche erste Rathgeber der Krone einen unverantwortlichen Rathgeber neben sich dulden sollte, der ihm persönlich und polttisch feindselig gesinnt ist. Er kann ja sein, daß dre Versöhnung zwischen Kaiser und Kanzler im Augenblick auch der Politik und der politischen Stellung des Grafen Caprivi zu Gute kommt, denn Fürst Bis- marck hat, obschon er sonst Gegner der Handelsverträge ist, doch offen bekundet, daß nunmehr der Handels­vertrag mit Rußland aus politischen Rücksichten nicht mehr abgelehnt werden dürfe, und vielleicht findet er jetzt unter seinen konservativen Freunde« doch eine größere Anzahl, dre seiner politischen Ansicht beipflichten und nicht mehr dar Verlangen empfinden, den Grafen Caprivi zu stürzen, um den Lieblingsminister Miquel an dre Herrschaft zu bringen. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt unter dm Konservativen auch Leute, aber keine weitsichtigen Politiker, die über die Getreidezoll-Differenz

£ /- und 5 Mark nicht hinwegzusehen vermögen und dre Gefahr gar nicht bewerten, daß sie mit dem Sturze Copnvi und mit der Schilderhebung Miquels einer mittelparteilichen RegierungS-Aera das Feld öffnen, emem Regime Miq rel. dar die Nationalliberalen als Kerntrupp» und die Parlamentarier von links biS Rickert, von rechts bis Helldorff als Hilfstruppen ver- wmden wurde. Gegenwärtig ist ja die innerpolitische Lage verworren genug, und wer weiß, ob nicht die neue Episode BrSmarck noch größere Verwirrung in dieselbe brmgm wird.

Durchschnitt zehntausend Mmschen wegen gemeiner oder politischer Verbrechen in die Verbannung gesandt, um Sibirien zu bevölkern.

BiS Moskau wachten wir nur selten und kurze Stationen und meistentheilr außerhalb der bevölkerten Plätze. Hier in der alten Zarenstadt, verbliebm wir länger, nm die UnglückSgmoffen aus dm verschiedmstm Theilen Rußlands abzuwarten, welche sich mit unS »cremigen sollten. Ein riesiges Gefängniß, welche» sich auf dem unter dem Ramm „Berg der Mönche" bekannten Hügel erhebt, schloß sich hinter uns uud drei Wochen warteten wir auf das Zeichen der Abreise. Hier erhielten wir die Kleidung der Sträflinge und wurden provisorisch in Klassen geschieden: in einfach nach Sibirien Verbannte, in zu öffentlicher Arbeit im Freim Berurtheilte und endliq in zur arbeit in den Bergwerken Gezwungene, die elmdeste von allen. Ich wurde der zweiten Klasse zugetheilt, doch konnte e» sich in Tobolsk, je nach der Laune der Vorgesetzten oder nach dem Bedürfnisse der Dienstes, so gestalten, daß ich mtweder in die erste Klaffe erhobm ober in die dritte degradirt würde, welcher man dm gefürchteten Ramm „Katorqa" gibt.

Als alle Maßnahmen getroffen waren und man unsere Kleidung und die eisernen Fesseln, mit denen wir belastet waren, gemustert batte, theilte man uns in Abtheilungm zu zehn Mann, jede unter dem Befehle eines von den Gefangenen gewählten Starostm ober

* Das preußische Staatsministerin«^ trat heute Vormittag zu einer Sitzung zusammen.

* Der Reichstag berieth zunächst den' Gesetzent- wurf betr. die Abzahlungsgeschäfte. Der Entwurf fand - die Zustimmung der Redner aller Parteien, sodaß von einer Verweisung desselben an eine Kommission abge­sehen wurde. Es sprachen von den Konservativen Abg. v. Buchka, der auch die eingetragenen Kaufleute dem Gesetze unterworfen wiffen will, vom Cenlrum Abg. Spahn, der das Abzahlungsgeschäft durch Haufirer ganz unterdrückt zu sehen wünschte, von der freisinnigen Bolkspartei Abg. Lmzmann, der fich Amendement bez. der Entschädigung vorbehielt, von den Nationalliberalen Abg. Dr. Enneccerus, der das Verbot des Vertriebes im Abzahlungsverkehr auf alle Werthpapiere auszu­dehnen empfahl, von der deutschen Reformpartei Abg. Werner, der sich vorwiegend redaktionelle Aenderungm vorbehielt, und von den Sozialdemokraten Abg. Auer, der eine Bestimmung wünschte, wonach die Versiche­rungsgesellschaften nicht schon bei Nichtzahlung einer einzigen Prämie die Police für nngiltig erklärt werde» könne. Die zweite Lesung des EatwurfS findet dem­nächst ohne Weiteres im Plenum statt. Der Gesetz­entwurf betr. dm Schutz der Waarenbezeichnungen wurde an eine Kommission verwiesen. Morgen: Han- delSvrovisorum mit Spanien u. A.

* Im Abgeorduetenhause kam heute die Inter- pellation der beiden konservativen Parteien über die Stellung der Regierung zu einer Ermäßigung der landwirthschaftlichen Zölle in ferneren Handelsverträgen ohne daß eine angemessene gleichzeitige Ausgleichung der GeldwerthSverhältniffe stattfindet, zur Verhandlung. Die Jaterpellation wurde von dem Abg. v. Heydebrand und der Lasa (kons.) begründet, und zwar mit dem besonderen Hinweise auf dm russischen Handelsvertrag, die Herab­setzung der landwirthschaftlichen Zölle, welche die ein­heimische Landwirthschaft schwer schädige, könne nur dadurch paralyfirt werden, daß man ein Ausgleich in dm GeldwerthSverhältnifsm suche und vor Allem müsse daS gegenüber den schwankenden russischen Valutaoer- hältnissen den Schwankungen deS RubelkourseS gegen­über geschehen. Vielleicht entschließe sich die Regierung zur Festsetzung einer beweglichen Skala deS Getreide­zoller, die sich nach dem Steigen oder Fallen de» RubelkourseS richte, aber diese Skala müffe im Handels­verträge selbst festgelegt werden. Jedenfalls müsse eine diesbezügliche Regelung der Balutaverhältnisse vorher in die Wege geleitet werden. Man müsse der Land­wirthschaft Hilfe bringen, ehe eS zu spät ist. Die Interpellation wurde vom Handelsminister Frhm. v. Berlepsch beantwortet. Derselbe erklärte, daß er au» naheliegenden Gründen auf die Einzelheitm deS russischen Handelsvertrags nicht näher eingehen könne. Die Regierung werde jedem Handelsverträge nur dann zustimmen, wenn sie überzeugt sei, daß derselbe dm wirthschaftlichm Verhältnissen PrenßmS und de» Reiches entspreche. Sie könne ihre Zustimmung aber

Oberen. Dann zogen wir, etwa achthundert Mann stark, auS der Festung hinaus und warteten den Befehl ab, uns auf dm langdauernden Marsch nach unferm Bestimmungsorte zu begeben.

Bor, uns hatten wir das bezaubernd schöne Bild der heiligen Stadt der Rnssm mit den in der Sonne funkelnden goldmen Kuppeln der zahllosen Kirchm, ben stolzen Adelspalästen und dem hochragendm Kreml. Der Aufenthalt dort dauerte mehrere Stundm und während dieser Zeit standen wir in Berührung mit einer großen Zahl von Russen, welche aus der Stadt geströmt waren, theils um ihre Neugierde zu befrie« digen, theils nm dm Gefangenkn ihre Theilnahme zu bezeigm.

Ich konnte hier in der Nähe das Elend der untere» Klaffen Rußlands sehen, welches zu dem prunkendm Ueberfluß der höherm Stände in einem so schneidenden Gegensatz steht. Ich konnte auch sehen, einen welch' tiefen Abgrund man zwischen Polen und Russen ge- graben hatte.

ES befanden sich unter uns wegen viehischer Ver­brechen verurtheilte SaleerenstrSfl'nge, untreue Staats- diener, deren Erpressungen und Unterschlagungen selbst in Rußlands auffällig waren, Leibeigene, welche ihre Herren mit raffinierter Grausamkeit ermordet, selbst lebendig verbrannt hattm. Die Bevölkerung hatte sür diese gemeinen Verbrecher, sofern si- nur Russen waren, keinerlei Abneigung und unterhielt sich mit ihnen bei-