Deutsches Neich.
Berlin, 24. Januar.
* Der Kaiser hat ein zweiter Handschreiben an den Fürsten BiSmarck gesandt, in welchem er seiner Freude über die Hierherkunst Bismarck's Ausdruck v r- lieh und ihm zugleich die besten Parterreräume des königlichen Schlosses zur Verfügung stellt. Nach den bisher eingetrcffenen Meldungen wird Fürst Bismarck schon Freitag um 1 Uhr hierherkommen, jedoch nur bis Abends bleiben, um womöglich dem „Frst- trubel" aus dem Wege zu gehen. Es ist jedoch durchaus nicht ausgeschlossen, daß der Fürst noch über den Sonnabend hinaus als Gast im königlichen Schlosse bleibt. Im ersten Handschreiben des Kaisers war dem Wunsche des Kaisers, den Fürsten hier zu sehen, noch durch die Bemerkung besonderer Nachdruck verliehen, daß er den Monarchen schmerzlich berühren würde, wenn er zu seinem 25 militärischen Jubiläum den Mann vermissen sollte, der am meisten mit dazu gewirkt, dar „Schwert Preußens und Deutschlands" zu schleifen. — Graf Herbert Bismarck hat zur heutigen großen Hofcour eine Einladung ei halten und wird derselben Folge leisten.
* Gegen die Besteuerung der Quittungen und Frachtbriefe sind nach dem soeben erschienenen fünften PMionsverzeichmß wiederum 78 Petitionen von Gewerbevereinen, kaufmännischen Vereinen urd kaufmännischen Vereinigungen, desgleichen von Handelskammern bei dem Reichstage eingegangen. Außerdem zählt daS Verzeichniß 96 Petitionen auf, welche um Ablehnung der Besteuerung der Quittungen, Checks und Giroanweisungen bitten und von Vorschußvereiven, Kreditvereinen und Volksbanken auSgegangen sind.
* Der Gesetzentwurf über die Landwirth- fchaftskammern begegnet im allgemeinen einer recht nüchternen Ausnahme. Die Freunde der Landwirth- schäft freuen sich natürlich, daß die Landwirthe eine Organisation erhalten sollen, aber sie geben sich keinen Täuschungen über deren Wirksamkeit hin. Die den Kammern zugedachten Aufgaben sind ja ganz hübsch: Wahrnehmung der G esa mmtintere ssen der Land- und Forstwirthschast, Förderung aller auf die Hebung der Lage des ländlichen Grundbesitz?- abzielenden Einrichtungen, Unterstützung der Verwaltungsbehörden durch Mittheilungen, Anträge, Gutachten, Förderung deS technischen Fortschrittes der Landwirthschaft durch zweckentsprechende Einrichtungen — rlsis daS hat ja guten Klang, enthält aber nichts, was die bisherigen Organisationen der Landwirthe auch leisten konnten und leisten. Die wichtigste Aufgabe der Kammern ist die „Organisation deS ländlichen Kredites", wobei nach, den Erklärungen deS Herrn v. H yden an eine Umwandlung der kündbaren Hypotheken in amortisirbare Renten gedacht ist. Die Gesammtheit der Landwirthe soll also wohl die Schulden übernehmen bezw. dafür haften. Dafür wird dann aber die Berschuldbarkeit rc. der einzelnen Besitzungen wohl beschränkt werden. Frhr. v. Schorlemer-Alst, der doch auch die Meinung der Bauern kennt, meinte gestern im Herrenhaus«, mancher verschuldete Landwirth werde, wenn die Sache praktisch werden sollte, wohl etwas anders darüber denken, als im ersten Augenblicke, wo ihm nur allgemein die Entlastung winkt. Der unverschuldete Landwirth wird noch bidinkttcher sein. Die ,Kreuzzeitung' ärgert sich, daß Herr v. Schorlemer-Alst sich so skeptisch verhielt, meint aber ebenfalls, daß Landwirth-
Schweigen; ich versuchte zu reden, allein er unterbrach mich bei den ersten Worten und sagte:
„Der Herr Graf Steinbcck verlangt nicht im Ernste, daß ich m:ch jetzt mit ihm auseinandersttze; ich hoff-, wir werden uns eines Tages wilder treff-n, um dann unsere Rechnung zu begleichen."
„Gort gebe es, daß wir uns Wiedersehen. Einige Augenblicke ruhiger Uüerhaltung werden auS Deinem braven Herzen den Jrrlhum ausreißen, der daS schmerzlichste Unglück meines Lebens bildet."
Der offene Blick, mit welchem ich Lad'slaus bei diesen Worten in die Augen blickte, sitzte ihn offenbar in Verlegenheit, denn er wendete st ine Augen ab.
Ich glaubte, Kolesiff würde ihr den Ausgang untersagen. Er befahl aber im Gegentheil dem Manne, der die Thür bewachte, Beide passtren zu lessm.
Köln, ff fitzte sich dann an meinen Schreibtisch, um meine Papiere in brüsker Weise zu durchsuchen. Ich ließ ihn gewähren, ohne Acht auf sein Thun zu haben, denn alle meine Gedanken weilten bei der soeben durchlebten Scene, welche so bedauerliche Folgen haben mußte. Ladislaus mußte mich, Dank der gelungenen Labale, für schuldig halten.
Die Stimme meines Feindes w.ckte mich cu8 meinem düstern Brüten.
„Ich zweifelte daran," murmelte Koleitff, „daß dieser Mensch so wahnsinnig sein werde, derartige Schriftstücke aufzubcwahren, von denen das unschuldigste ihn an den Galgen bringen muß. Noch mehr . . . daS ist ja Wahnwitz, dieser Mensch ist wahrhaft toll!"
Ich trat bei diesen Worten näher urd sah in den Händen Koleieff'S Papiere, welche mir vollständig unbekannt waren. Ein Blick in dieselben genügte, um zu begreifen, daß sie niederschmetternde Anklagepunkte enthielten. Meine Handschrift war mit überraschender Ge
schäfts kammern für die augenblickliche Nothlage der Landwirthschaft ohne Werth seien und der Natur der Sache nach sein müßten. Auf liberaler Seite mag man von den Landwirthschaftskawmern, sobald sie etwas mehr sein sollen wie die Handelskammern, schon gar nichts wissen. Die obligatorische Einrichtung der Kammern behagt dort schon nicht, noch weniger natür- sich der Gedanke an eine Beschränkung der Verschuld- ungsfähigkeit des ländlichen Besitzes; ob nun die Kor- poration oder der Staat die Mittel zur Umwandlung der Hypotheken in Renten hergebe. Nach der Begründung des Entwurfs scheint sich die Regierung unter dem Agrarrecht, das geschaffm werden soll, neben Aenderung des Erbrechts die Beschränkung der Ver- schuldungs- und Verkaussfreiheit vorzustellen. Einem Liberalen müssen natürlich ob solcher „feudalen" Pläne die Haare zu Berge stthrn. Bedauert man die Be- freiung der Bauern? fragt die ,Nat.-Ztg.' gegenüber der Bemerkung der Begründung, die nahezu hundert- jährige Erfahrung habe gezeigt, daß die Erwartungen, die man an die Ablösung der Feudallasten und die völlige Freimachung deS ländlichen Besitzes in Bezug auf Vertrag, Verkauf, Verschuldung rc geknüpft habe, nicht in Erfüllung gegangen seien. Wir haben indeß die Ueberzeugung, daß die Regierung selbst über ihre Pläne nur ein sehr unklares Bild hat und aus den großen Aufgaben, die den Laudwirthschaftskammern zugedacht sein sollen, so bald noch nichts werden wird. Ueber die Bedeutung und Wirksamkeit der landwirth- schaftlichen Cmtralvereine werden die Landwirthschafts- kammern wohl vorerst nicht hinauSkommen. Wenn es ihnen gelänge, der Landwirthschaft aufzuhelfen, so würde daS Niemand freudiger begrüßen, als wir, aber vorläufig glauben wir, daß sie eine Form ohne viel Inhalt sein werden. JeoenfallS thun die Landwirthe gut, nicht zu viel zu erwarten, namentlich sich mit Geduld zu wappnen. Die Hauptsache ist offenbar für die Regierung, sie zu beschwichtigen, indem sie in den Glauben versetzt werden, es geschehe nun etwas, was allen Uebeln abhelfen werde. Etwas befremdend und der liberalen Presse großes Vergnügen bereitend ist eine Ausführung in der Begründung, die die Ueber- lastunq deS Grundbesitzes beweisen soll, aber eher für das G gentheil spricht. Bei dem mittleren und kleinbäuerlichen Besitze, heißt es da, betrage die Belastung etwa daS 22 fache, bei dem allodialen größeren Besitze daS 32fache des GrundsteuerreinertrazeS. Dann aber heißt es, eine Verschuldung zur Hälfte sei „schon bedenklich." Da der kleine Besitz aber nur mit dem 22fachen belastet ist, wäre er also gar nicht überschuldet, ruft triunphirend die ,Nat.-Ztg." Für unS zeigt dse Amßerung der Begründung nun, daß man auch bei der Regierung gegenüber der Lage der Land- wirchschsft noch im Dunklen herumtappt.
* Ter Reichstag berieth die Anträge des Cen- trumS und d.r Freisinnigen auf Verleihung der Rechtsfähigkeit an Berufsvereine, dre sich ertragen lassen. Die Anträge haben schon früher den Reichstag beschäftigt. Abg. Spahn (Ctr.) und Rickert (freist V.) empfehlen mit Rücksicht h erauf, die Anträge ohne KommissiovSverweisung zu erledigen. Abg. Frhr. H yt zu HerreSheim (n. l.) sprach gegen d e Anträge mit Rücksicht auf die Erfahrungen mit dem trades unions in Eugland^'und mit dem Srickereiverband in St. Gallen Abg. Legren (Soz.) sprach für die Anträge; rs handle sich darum, den Arbeitern dar R:cht der Mitwirkung an der Lohnfestsetzung zu sichern. Abg. Freiherr von
schicktichkeit nachgemacht und diese hatte mein Feind nun zwischen meine Papiere hineivpraktizirt.
Ich legte gegen diese unwürdige Hinterlist Verwahrung ein.
„In der That," sagte er, „wenn diese-Rcvolutwns- plan, diese Arcklag.schrift gegen die Regierung Seiner Majestät nicht von Ihrer Hand si»d. um so besser; die Richter werden aber darüber zu befinden haben. Sie find sicher von derselben Hand, wie diese Pamphlete, diese satynschen Zeitungen . . ."
Die Empörung riß mich hin; ich stand im Begriffe, mich auf den Elenden zu stürzen. Er zeck:e aber nur mit den Schultern, indem er mir kaltblütig einen Revolver entgegenh'elt.
Ich schämte mich meines Zornes und rahm wieder eine ruhige Haltung an. Denn was konnte hie: jeder Gefühlsausbruch helfen! Ich nahm mir vor, nicht mehr in derartige Schwachheiten zu fallen.
Kolesiff gab sich den Anschein, kaltblütig zu bleiben. Als er aus meinen P Pieren einen gewaltigen Stoß zusammengeöunden hatte, bat er mich, den Bündel mit meinem Siegel zu versehen. Ec konstatirte meine Ablehnung und fügte bei:
„Herr Graf, mein weiterer Auftrag fällt mir sehr peinlich zu erfüllen: Ich muß mich Ihrer Person versichern."
Ich war darauf gefaßt und folgte ihm daher, ohne ein Wort zu erwidern; ein Wagen hielt vor dem Portale, wir bestiegen ihn und einige Augenblicks später vernahm ich hinter mir das Knarren der Schlösser einer Gefängnißzelle.
Die Umstände meines Prozesses sind nicht erzählens- werth. Das Urtheil war bereits im Voraus gesprochen. Die Untersuchung und daS ganze Gerichtsverfahren konnte daran nichts ändern. Ich wurde als Sünden
Stumm (Rp) und Möller (n. l.) traten den Anträgen entgegen, da die Berufs - Vereine eingestandenermaßen von den Sozialdemokraten für ihre Agitation zum organifnten Kampfe gegen die Sozialdemokraten ausgenützt werden sollen. Für die Anträge traten noch ein Abg. Schneider (freis. Volksp) und Dr. Meyer (freif. Ver.), worauf die Anträge einer Kommission überwiesen wurden. Präs. v. Levezow machte Mittheilung von dem Ableben des früheren Bureaudirek- torS des Reichstages, Happel, dessen Andenken das Haus durch Erheben von den Plätzen ehrte. Morgen: Abzahlungsgeschäfte, Jnvalidenfonds-Gesetznovelle.
* DaS Abgeordnetenhaus setzte heute die erste Berathung des Etats fort. Abg. Kröcher (kons.) vertrat die Forderungen der Landwirthschaft dem Abg. Rickert gegenüber. Abg v. Eynern (ntl.) empfahl die Beschaffung der vöthigen Rohmaterialien für die Betriebsverwaltungen im Inland und trat alsdann für die Finanzreform ein. Er tadelte den Büreaukcatis- mus bei der Einkommensteuer, bestritt einen Äothstand derLandwirthschaft indem behaupteten Umfange, sprach sich aber sympathisch über die Errichtung der Land- wirthschastSkammern aus und wandte sich schließlich gegen den BimitalliSmus. Abg. v. Kardorff (freit) hofft gleichfalls auf das Zustandekommen der Steuerreform im Reiche. Die jetzt v elfach bcklagten Roth-- stände hätten ihre Ursache in der Nothlage der Land- wirthschaft. Redner erörterte schließlich die Noih- wendigkeit der Wiedereinführung des Silbers als Münzmetall. Abg. Dr. Lieber (Ctr.) beklagte sich über ungleiche Behandlung der Konfessionen bei Besitzung der höheren Verwaltungsstellen, erklärte die Hoffnung des Finanzministers auf schließliche Zustimmung des Centrums zur R-ichSsteuerreform nach den Erfahrungen, die daS Cmtrum bei der preuß. Steuer- und Wahlrechtreform gemacht, für kühn, betonte aber gleichzeitig die Nothwendigkeit der Beschaffung neuer Mittel zur Verhinderung des Anwachsens der Matrikularbeiträge sowie zur Beendigung der Schuldenwirthschaft im Reiche unter Aufrechterhaltung der Frankevsteinschm Klausel. Finanzminister Dr. Miquel legte dar, daß der jetzige Zeitpunkt für die Reform nicht versäumt werden dürfe, da der Mehrbedarf im Reiche von Jahr zu Jahr und damit auch die Anforderungen an die Einzelstaaien steigen. Die Quelle der finanziellen Bedrängniß im Reiche müsse verstopft werden, wenn wir anders nicht zu Zuschlägen zur Einkommensteuer greifen sollen. Abg. Richter (freis. Volksp.) bestritt das Vorhandensein eines wirklichen Defizits, da aus den die Einnahmen übersteigenden Ausgaben Grundstücke gekauft und verbessert und Schulden getilgt würden. Ziehe man die betreffenden Beträge ab, so ergebe sich ein Ueberschuß von 9 Millionen. Nachdem noch Finanzminister Dr. Miquel für die Steuerreform eingetreten, wurde die Debatte geschlossen und wesentliche Theile des Etats an die Budgetkommission verwiesen. Morgen: Jäter- pellationen betreffend gleitende Tarife in Handelsverträgen.
'* Mit einer Biersteuer drohen jetzt die Offiziösen in einem vom Bureau Herold versandten längeren Artikel der von „besonderer Seite aus Bayern" stammen soll, für den Fall, daß die Tabaksteuervorlage abge- lehut würde. Die Ausführung ist aber gar zn plump, als daß sie bei dm Bayern, auf welche sie zuerst berechnet ist, Eindruck zu machen vermöchte. Gleichzeitig wird von anderer Seite die Nachricht verbreitet, die Regierung beschäftige sich bereits mit der
bock für die elende russische Verwaltung herauSzesucht und mußte für deren Sünden büßen, wenn ich auch zugestehm muß, daß die höheren Würdenträger sich gegen mich äußerst zuvo kommend benahmen und einfach der russischen Staaisraison gemäß an mir handelten. Die Subalternbeamten bezeugten sich dafür um so rücksichtsloser. Jeder wollte seinen Eifer beweisen und ich mußte in der That eine recht unwürdige Behandlung ertragen. Za einer ihrer rasfinrtesten Grausamkeiten zählte, daß sie mir Zsttunqen brachten, in welchen elende Verleumder ihr Uato s-n trieben. Ja denselben wurde ich mit den schwärzesten Farben gezeichnet; ich hatte nach denselben die Milde meiner R chter durch die niedrigst-n Bitten ang fleht und Denunziationen angeboten, um meine F reihen zu retten. Doch machten mir diese Erbärmlichkeiten wenig Kummer, weil ich auf den guten Sinn und daS g-sande Urtheil meiner Landsleute zählte, welche diesen Verleumdungen keinen Glauben schenken würden.
Viel empfi adücher war ich für die schandbaren Anspielungen, welche die Anwesenheit Hrlena's in meinem Hause hervorörachte, we l diese auch nicht allein be- trafen und das Herz Helena's, welche nicht dm leisesten Vorwurf verdiente, tödtlich verletz'n mußten.
Ich war vollständig machtlos, die vöthigen Aufklärungen zu geben. Wenn Verwirrung unter das Dach meines Freundes eingezogen, wenn das gegenseitige Vertrauen, die erste Grundlage deS häuslichen Glucker verschwunden war, wenn der Dämon der Eifersucht Freude und Hoff-iuvg von seinem Herde verjagten, so konnte ich mich zwar nicht anktagen, allein die That- sache blieb stehen, daß ich die unfreiwillige Ursache davon war — und dieser Gedanke zer fleischte mein
z (Forts, folgt.)