Freitag, den 26. Januar 1894.
21. Jahrgang
uldaerMZeitilug
!
in's
reichlichstem Maße Genugihuung z« gewähren» kann man seinen Opfern ein Zorneswsrt schon zu gut halten. Plötzlich sah ich ihn aufhorchen, als ein rascher Tritt auf der Treppe vernehmbar wurde. Die wilde Freude, welche sich auf seinem Gesichte ausprägt-, erschreckte mich. Ich hatte Grund zu zittern, denn der Schein sprach gegen mich.
Einige Augenblicke später stand L-diSlauS vor mir, welcher bleichen Antlitzes uns mit irren Blick-n stumm anstarrte. Er drückte seine Hand aus'S Herz, wie wenn er eS am Zerspringen hindern wollte rnd sagte endlich mit gebrochener, verzweiflungsvoller Stimme:
So ist eS also doch wahr?! Ich wollte er immer nicht" glauben. Ich glaubte eS nicht, als Rebekka mein wahnsinniges Vertrauen erfchütt:rn wollte, ich glaubte eS nicht, als ich bemerkte, wie mir jede Aufklärung über Euer früheres Verhältnis verweigert wurde. Ob- wohl meine Eifersucht groß war, wollte ich> eS nicht glauben, als der Abgesandte meines N.benbuhleis mit chr verkehrte unter dem Vorwand, mir gehcimnißvolle Vorschläge zu machen. Ich wieS stets alle anonymen und offenen Anklagen zurück. Die Gewißheit fehlte mir, sie ist mir jetzt sonnenklar geworden."
Helena ging auf ibn zu.
Ladislaus, wir sind daS Opfer einer ganz gemeinen Jntrigue. Laß mich mit Dir sprechen und Dem Verdacht wird wie ein böser Traum verschwinde«.
Mit einer stolzen Hrndbewlgung gebot er ihr
Für die Monate Februar und März werden
Abonnements auf die
in der Lage sind. Wir bezweifeln jedoch ungemein, daß daS Schicksal des deutschen Bauernstandes so unvermeidlich besiegelt ist, daß wir hoffnungslos die Hände in den Schooß legen und nicht auf Mittel sinnen sollten, wie eine Besserung der Agrarzustände anzubahnen sei. Da halten wir eS denn doch lieber mit dem früheren österreichischen Minister Dr. Albert Schäffle. Nach dessen Ueberzeugung ist daS „ultraliberale Bauernrecht" allein die Quelle, woraus ein allgemeiner Schwächezustand des Bauernstandes immerfort auf'S Neue hervorgeht. Schäffle sagt aber nicht: dagegen ist nicht's zu machen, sondern seine Ansicht ist: durch Aenderung deS Agrarrechts kann und muß Rettung gesucht werden und sie ist möglich in der Weise, daß auf dem Boden der bestehenden GesellschaftS- und Eigenthumsordnung dem extremen Individualismus, welcher im Agrar- wesen schrankenlose Kontrakt-, hiermit auch schrankenlose UeberschuldungSfreiheit einräumt und die Einschränkung dieser Freiheit durch Solidarität bisher verhindert hat, der Garaus gemacht wird. Also „Bruch mit dem ultraliberalen, den Bauer isolirenden, daher der Roth und der NothauSbeutung preisgebenden laissez faire, laissez aller, d. h. Bruch mit dem agrarrechtlichen Manchesterthume" — daS ist die Parole Schäfftt's, wobei er aber weder die Freiheit des Süterverkebrs, noch die Freitheilbar- feit Der Güter angetastet wissen will.
Vor zehn Jahren veröffentlichte Schäffle, der scharfe Denker, ein Weik unter dem Titel „Inkorporation des HypothekarkreditS". Dasselbe erregte damals großes Aufsehen, eS erschienen Kritiken und Antikritiken und wenn das Buch auch nicht den durchschlagenden Erfolg bisher schon aufzuwttseu hat, daß nach seinen Vorschlägen eine neue Agrargesetzgebung angebahnt ist, so kann doch für jeden, der Die v-rsch:edeuen Strömungen in dem Geistesleben unserer Nation verfolgt, nicht zweifelhaft sein, daß die Schaffte'scheu Gedanken einen kräftigen Ansatz zu verheißungsvoller Entwickelung in nicht wenigen überlegenden Köpfe» gefunden haben. Deshalb haben wir uns außerordentlich gefreut, daß Schäffle seinen agrarpolitischen Vorschlag neuestens nicht bloß in einer klareren und für einen weitern Leserkreis berechneten Darstellung, sondern auch in einer gedanklich mehr durchgearbeiteten und praktisch greifbareren Form, nämlich in den kürzlich erschienenen „Deutschen Kern- und Zeitsragen" (Verlag von E. Hofmann u. Co. in Berlin. Seite 296—349) der OÖffentlichkeit wieder vorgelegt hat.
Unter landwirthschafilicher „Nothlage" versteht Schäffle den chronischen Zustand Wirtschaft- licher Widerstandsunsähigkeit, in dem sich zahlreiche kleine und größere Oekonomen befinden und welcher aus dem Mangel an freiem Verwögen und ordentlichem, nicht ruinösem Kredit hervorgeht, infolge deffen die außerordentlichen Einbußen schlechter Zeiten durch die Einnahmen guter Perioden auszugleichen un-
der Uebenaschung fallen, der seine Freude nur zu deut- lich venieth. Seine Vorsichtsmaßregeln waren gut getroffen. Helena hatte versucht, durch den Ausgang auf die Straß; zu gelangen, fand ihn aber verschlossen. Kolei.ff führte fie mit übertriebener Höflichkeit in mein Zimmer, welche sie mit vor Verachtung blitzenden Augen erwiderte. Als sie sich zum Gehen anschickte, stellte er sich vor sie und bot ihr einen S-ssel an.
„Bin ich denn Ihre Gesungene?" frug Helena entlüftet.
„Wollen Sie mich entschuldigm, meine Instruktionen sind gemessene und ich muß sie erfüllen."
Ec unterwarf sie einem regelmäßigen Verhör, frug sie nach Namen, Alter, Wohnung, indem er alle diese amtlichen Fragen mit berechnender Langsamkeit stellte.
„Bitte tausendmal um Verzeihung, schöne Dame, sagte er, daS Verhör beendigend, „wenn ich eine so langweilige Unterhaltung an die Stelle derjenigen setzen mußte, welche mein Erscheinen unterbrochen hat."
Ich schäumte vor Wuth.
„Enthält Ihr Austrag auch das Recht, Frauen zu beleidigen?" frug ich. , ,
„Herr Graf, bleiben Sie ruhig," bat Helena, „und lassen Sie diesen Menschen nicht glauben, daß sein Verfahren uns beleidigen kann."
Kolestff erwiderte nichts; aber sein grstbeladener Blick und fein bösartiges Lächeln schien zu sagen: , „Wenn man daS Mittel brsitzt, seinem Hasse m
möglich wird. Dieser Zustand ist in Deutschland, w bereits oben bemerkt, in erster Linie auf die umfang reiche Ausdehnung der unproduktiven Verschuldung zurückzusühren, welche darin besteht, daß man Güter und Pachtungen auf Kredit zu einem Preise er- wirbt, welcher über den Kapitalwerth deS jeweiliges erzielbaren Durchschnittsreinertrags mehr oder weniger hinausgeht. Die Folge solcher Überzahlung kann nur die sein, daß immer mehr unproduktive Schulden für Unglücksfälle und Verzinsung gemacht werden müssen, welche keinen Spielraum für ordentliche produktive Betriebs-, MeliorationS- und NothstandSkcedite mehr übrig lassen und den Landwirth zudem in die völlige Abhängigkeit von dem Privat-Zwischenhandel und Leihkapital führen. Die Rettung erblickc Schäffle in einer theilS körperschaftlichen, theils genossen- schaftlichen Organisation der mittleren und kleinen Grundbesitzer, die im Stande wäre, die Ueber- schuldung zu verhüten, Nothverkauss- und Nothankaufs- preise der Gäter und des Inventars durch solidarisches Dazwischentreten der Grundbesitzer selbst auSzuschließen, solchen Genoffen, welche ihren Besitz nicht behaupten können, diesen zu einem dem ReiuertragSwerthe sich nähernden Preise endgültig oder auf Zurückgabe im Falle der Wiedererholung abzunehmen, den bewuchernden Privatkredit, die wucherische Viehleihe, die Güterschlächterei thaisächlich oder auch rechtlich völlig aus- zutreiben und jedem mit oder ohne StaatSgarantie zu den billigsten Bedingungen die volle Befriedigung deS wirthschaftlichm Kceditbedürfniffes zu verschaffen. Durch diese Organisation, auf der Basis eines der Ueber« schuldnng wehrenden Erb-, Güterverkehrs-, Pacht- und Kreditrechter ausgestaltet, hofft Schäffle die Widerstandsfähigkeit der richten und mittleren Landwirthschaft gegen jede Art von Roth- ständen fast vollständig sicher zu stellen und meint zugleich, es ließe sich daran auch in verschiedenster Form eine umfassende Versicherung gegen Hagelschaden u.s.w. anknüpfen.
Wenn solche Organisation dann noch fähig und v.ranlaßt sein würde, bedeutende Reservefonds zu bilden, um in schlimmer Zeit selbst ErrettungSwagiisse zu gestalten, so ließe sich in ganz außerordentlichen Nothstandsfüllen darauf auch em großartiges, recht- zeitiges und dabei einfaches Helfen deS Staates st ätzen. Man hätte also die fruchtbarste Solidarität ohne jeglichen Kommunismus verwerflichster Art, während heute der extreme Individualismus und agrarmanchesterliche Ultraliberalismns sobald seine Folge, die Roth, eintritt, in sein Gegen- theil, in den Kommunismus einer staatlich- kommunalen Nothstands Hilfe umschlägt, deren Zeche auch alle Nichtlandwirthe mit bezahlen müssen, welche aber zugleich den Uebelstand hat, daß ihre Wirkung, weil sie nur verspätet kommen kann, nicht entfernt dem Bedürfnisse der W.edererholung zu genügt n vermag.
Uach Sibirien verbannt.
Von Louis Collas. Mit Genehmigung des Verfassers Teutsche übertragen von PH. Freidank.
(4. Fortsetzung.)
Nachdem er seinen Begleiter, welcher ihm wie eine Leibwache folgte, mit dem Auftrag vor die Thür poftirt hatte, alles herein, aber Niemanden hinaus zu lvffen, stellte er sich vor und musterte mit Argnsaugen daS Zimmer, wie wenn er noch eine andere Person in demselben anzutrtffen vermuthet hätte.
„Herr Graf," sagte er mit süßlicher Stimme, wir leben in einer sehr unglücklichen Zeit. Gerne würden wir darauf verzichten, Sie zu belästigen, allein eS geht nicht anders. Die Pfl cht gebietet es. Ich habe eine peinliche Pflicht zu erfüllen: es hängt nicht von mir ab, sich ihr zu eniz'ehen. Gestatten Sie, daß ich Ihre Papiere untersuche?"
„Und wenn ich eS nicht erlaube?"
„Der Herr Graf werden mich, wie ich hoffe, nicht zwingen, Mittel anzuwenden, welche mir widerstreben. Ich hoffe »ichls Belastendes zu entdecken, und mich bald wieder zurückziehen zu dürfen."
„Beginnen Sie," sagte ich hocken.
„Sind Sie sicher, daß nur Niemand belauschen kann?"
Ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, öffnete er brutal dcs benachbarte Zimmer und ließ einen AuSruf
nebst der illustrirten Sonntagsbeilage »Sterne und Blumen' von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von der Expedition „Harmonie" zum Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegenge- nommen.
F. Das agrarpoliüsche Programm eines Ministers a. D.
i.
In der „Zukunft" des Herrn Harden, einer Zuschrift, welche dem „neuen Kurs" nicht übermäßig wohlwollend gesinnt ist, wurde vor einiger Zeit eine Unterredung des Reichskanzlers Grafen Caprivi mit dem Reichstagsabgeordneten Frhrn. v. Manteuffel mtt- getheitt und ersterem dabei eine ziemlich manchesterliche Auffassung deS landwirthschafllichen „Nothstandes" in den Mund gelegt. Nachdem alsdann die osfijlvse und offizielle Presse Berichtigungen gebracht hatte, wurden vorn Herrn v. Manteuffel die Worte deS Herrn Reichskanzlers in der .Kreuzzeilung' bahn sestgestellt, daß letzterer gesagt habe: nur wenn die Güter preise auf ein Niveau zurückgingen, welches dem derzeitigen Werihe von Grund und Boden und seiner Ertragsfähigkeit entspräche, könne die Landwirthschaft wieder gesunden. Deshalb würden seiner Ueberzeugung nach nur die Landwirthe in Zukunft sich halten können, denen eS klar wäre, daß sie zu thenrr gekauft oder daS Gut in der Erbschaft zu hoch angenommen hätten, und sich demnach dazu entschlössen, den Grundwerth ihres Gutes und seine Ertragsfähigkeit niedriger einzuschätzen, als bisher und demzufolge billiger zu wirthschafteu und zu leben; denen aber, die hierzu der Höhe ihrer Verschuldung wegen außer Stande seien, könne — zu seinem Bedauern — eben nicht geholfen werden.
Daß die Beseitigung der Ueberschuldung des Grundbesitzes den wichtigsten Punkt der Agrarfrage auSmache, mit dieser Behauptung wird der Herr Reichskanzler so leicht nicht auf Widerspruch stoßen, ebenso- wenig wie mit der andern Anschauung, daß der größte Theil der ländlichen Verschuldung auS Erbgang und Kauf henühre. Unverständlich aber bleibt der Gleich- muth, womit der verehrte Herr — allerdings zu feinem Bedauern — jedes Ankäupfen gegen die haltlose Lage zahlreicher Landwirthe für nutzlos erklärte. Weber sagt ja sehr schöa in seinem „Goliath":
„Der Mensch bedenke nur, daß jede Wolke So schwarz sie droht, dem Himmel zugewandt, Auch ihre lichte Sonnenseite hat:
Die Sonnenseite unserer Wolke heißt Ergebung, die sich lernt nach manchem Jahr.*
Ja, Die geoulDige Ergebung in das Unvermeidliche ist eine schöne Tugend, wenn eS sich um Verhältnisse handelt, auf deren Gestaltung einzuwirken wir nicht