Deutsches Reich.
Berlin, 22. Januar.
* DaS politische Ereigniß der Tage» ist die an den Grafen Herbert Bismarck ergangene und erfolgte Einladung zum gestrigen Ordens feste. Me Welt war darüber überrascht, sogar die Minister, denen die Einladung vollständig geheim geblieben war. Wie die Theilnehmer an dem Feste bemerkt haben wollen, wurde Graf Herbert BiSmarck geflissentlich in den Vordergrund der Festlichkeit gezogen und mit überaus huldvollen Ansprachen Seitens der Kaiserin, der Prinzen Albrecht und Heinrich beehrt, aber vom Kaiser nicht angesprochen. Die Minister grüßt« den Grafen BiSmarck äußerst ceremoniell, nur der Finanzminister Miquel zog den Grafen in em längeres Gespräch. Ob sich an den sensationell« Vorgang weitere politischen Folg« knüpfen werde«, bleibt abzuwarten.
* Zu dem Gesetzentwurf über die Landwirthschafts- kammer«, dessen wesentlichste Bestimmungen wir gestern mitgetheilt haben, schreibt die ,Köln. Bztg/: Die Aufnahme derselben ist in hohem Maße getheUt. Die beabsichtigten Organisationen beruhen auf einer bureau- kratischen Gliederung. Sowohl die Art der Wahlen wie daS Besteuerungsrecht begegn« ernsten Bedenken. Die günstigste Aufnahme findet der Entwurf bei dem Bund der Landwirthe oder doch bei dem größten Thell seiner Mitglieder. Die Wirksamkeit eines unabhän- gigen BereinSwesenS würde durch die Neubildungen mindestens gelähmt.
* Im Reichstag begründete heute Abg. Liebknecht die von den Sozialdemokraten eingebrachte Interpellation: „Welche Maßregeln haben die verbündet« Regierungen ergriffen oder denken sie zu ergreifen, um dem notorisch vorhandenen Rothstande entgegenzuwirken, der in Folge andauernder Arbeitslosigkeit, sowie der allgemein gedrückten ErwerbSverhältniffe in den weitesten Bolkskreisen herrscht?" Staatssekretär v. Bötticher erkannte an, daß hier und da eine Rothlage vorhanden sei, namentlich im Baugewerbe, im Erzbergbau und in der SpiegelglaSfabrikation. Günstiger liegen die Zucker-, die chemische, die Textilindustrie und der Kohlenbergbau. Vielfach fehle er auch an Arbeitern, so in der Landwirthschaft und in einigen Gegenden in der Textilindustrie. Die Lohnstatistik der BerufSgenoffenschastm, die Ergebnisse der Sparkassen und andererseits die GeschäftSergebnisse der Leihämter bestättgen dar Vorhandensein eines RothstandeS nicht. Bezüglich der von Liebknecht zur Sprache gebrachten Vorgänge, die sich am Donnerstag in Berlin zwischen Polizei und Arbeitslosen abgespielt, erklärte der Staatssekretär, daß weder beim Polizeipräsidenten, noch beim Minister der Jnnem Beschwerden über angebliche Uebergriffe der Polizei eingelaufen seien. Ein allgemeiner Rothstand sei nicht nachgewiesen und ebenso wenig seien settmS der Interpellanten praktische Vorschläge gemacht worden. Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) trat den Ausführungen Liebknechts namentlich in Bezug auf daS Berhältniß zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus entgegen und legte dar, daß letzterer nur eine Abzweigung der ersteren sei. Abg. Richter (frs.) wandte sich gegen den Militarismus und die Zoll-u. Steuerpolitik, als die Ursachen der Rothlage, die der Staat nicht verhindern, aber mlldern könne. Abg. Bebel (Soz.) erklärte die ganze heuttge Gesellschaftsordnung, deren baldigen Untergang er prophe-
wenn sie Ihnen erlauben würde, in ihrer Bergung«- heit zu les«, Sie nicht Umstände finden würden, welche geeignet wären,k3hr Vertrauen zu erschüttern?“
„WaS willst Du damit sagen?"
„Ganz und gar nichts; eine nahe Zukunft wird aber vielleicht meine Worte bestätigen."
DaS todtblaffe Antlitz meiner Freundes bewies, daß diese frechen Worte ihn tief gettoffen hatten; ich errieth, daß er wünschte, die Alte sei ein Manu, um ihn daS Gewicht seiner Wuth fühlen laffm zu können.
„Entferne Dich, Elende," sagte er mit dumpfer Stimme, „denn wenn du noch einen einzigen Augm- blick diesen Ort mit Deiner Gegenwart besudelst, weiß ich nicht, ob ich meinen Zorn noch bändigen kann."
Sie ging zufrieden mit dem Eindruck, den sie hinterlassen, hinweg; bevor sie verschwand, sah sie zurück, um durch einen Blick in dar verzerrte Anttitz Ladislaus sich die Ueberzeugung von der Verwirrung, welche sie in seiner Seele angerichtet, zu verschaffen. Sie hatte den Pfeil der wahnsinnigsten Eifersucht nur zu sicher abgeschoffen.
Während er so unbeweglich dastand, sah ich Helena auf u»S zukommen.
„LadiSlauS", sagte ich, „wäre eS möglich, daß die giftigen Reden dieser Megäre den geringsten Eindruck auf Dich gemacht hält«? Bettachte doch dieser herrliche Wesen, dessen Züge die reinsten Gefühle auS- strahlen und antworte mir. Kan» ein solcher Mund lügen» ein solches Herz täuschen.
„Du hast recht," sagte er, wieder zu sich selbst zurückkehrend. „Ich habe der alten Vettel die Genug- chuung verschafft, in mein Herz schmerzhafte Zweifel zu Pflanzen, als ob mein Glück von dem Gutdünken meiner Feinde abhinge. Wer weiß, ob Rebekka nicht ein Agent unserer Unttrdrücker ist, deren sie sich bedienen, um die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit selbst in die Familienkreise zu tragen."
zeite, für die Ursache alle- Unheils. Redner erhob dann scharfe Angriffe gegen die Berliner Polizei, die der Staatssekretär energisch zurückwieS. Nachdem noch Abg. Moeller (nl.) auf verschiedene Snzeichm der Befferung hingewiesen, wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.
* Rach der dem Abgeorduetenhause vorgelegten Uebersicht der Ergebnisse der Einkommensteuer- Veranlagung beträgt im Jahr 1893/94 die Anzahl der Censtten in den Einkommenstufen 900—3000 M. 87,12 Proz., 3000-6000 8,41 Proz., 6000-8000 1,57 Proz., über 8000 2,90 Proz., der Gesammtzahl. Die Stufen brachten an Steuern auf 29,44; 16,72; 6,19; 47,65 des GesammtsollS. Für das Steuerjahr 1893/94 ist bei 2,481,837 Censtten der Betrag von 123,190,131 M. veranlagt, gegen dar Vorjahr an Censtten ein Mehr von 43,951, an Steuern aber ein Weniger von 1,651,717 M. Die Bevölkerungszahl beträgt 30,080,017 Köpfe, davon bleiben 21,070,481 einkommensteuerfrei, da ihr Einkommen 900 M. nicht übersteigt. Die veranlagten Censtten ergeben 8,24 Proz. der Gesamwtbevölkerung. Das veranlagte Einkommen der Censtten beträgt 5,725,338,364 M., wovon auf die Städte 3,878,810,364, auf daS platte Land 1,846,428,000 M. entfallen.
* Die großen Konsum - Vereine breiten fich immer mehr auS. Die Offiziere und Beamten haben bereits ihre Waarenhäuser, in denen sie alle- haben können, was der Mensch bedarf. Jetzt ist nun auch die Gründung eines WaarenhaufeS für Aerzte bereit- soweit gediehen, daß eS, wie das ,Berl. Tagebl/ mittheilt, demnächst eröffnet werden kann. Das genannte Blatt berichtet darüber Folgendes: „Der zur Begründung eines solchen eingesetzte Ausschuß, bestehend auS den Herren Doktoren Becher, Hartmann und Küster, setzte sich nunmehr mit dem hiesigen Bankhaus« Anhalt und Wagener Nachfolger behufs Finanzirung des Unternehmens in Verbindung. 100,000 Mark sind bisher auf privatem Wege von Aerzten gezeichnet, die ihre Mitgliedschaft bereit- erklärt hatten. Weitere 100,000 Mark werden den noch nicht beigettetenen Aerzten von dem genannten Bankhause als Zeichnungskapital überlassen- Das Grund» kapital wird durch Aktien, welche auf den Inhaber lauten, zu je 1000 Mark gebildet. Der Reingewinn auS dem Unternehmen soll in folgender Weise ver- theilt werden: 30 pCt. fließen dem Reservefonds zu; 10 pCt. werden dem Darlehensfonds überwiesen, und von den verbleibenden 60 pCt. wird den Aktien eine Dividende bis zu fünf vom Hundert gewährt. Vorerst werden 25 pCt. der gezeichneten Beträge eingefordert. Das WaarenhauS selbst soll in der nächsten Zeit eröffnet werden." Da können, sagt mit Recht der Reichs- bote", unsere Kaufleute bald einpacken; denn wenn man Beamte, Offiziere und Aerzte vom Publikum der Städte abzieht, was bleibt da noch für die Kaufleute übrig. DaS ist eine durch und durch ungesunde soziale Entwickelung, welche die Unzufriedenheit in bedenklichem Maße steigern muß. Wann wird mau dar einsehen und dieser Entwickelung entgegentreten ?
* Im Etat der preußische« Lotterie ist für da» Jahr 1894/95 der Betrag von 62,207,220 Mark, das ist 5,147,610 Mark mehr alS pro 1893/94, als Spiel- kapital zweier Lotterien auSgeworfen. Der dem Staate
Er gab sich diesem Gedanken hin und als Helena in diesem Augenblicke zu uvS trat, zog er ihre Hand mit einer Zärtlichkeit an sein; Lippen, welche nicht» zu erschüttern schien.
„Helena," sagte er zu ihr, „glaubst Du, daß die Bösen versuchten, mich an Dtt zweifeln zu lassen?"
„O, damit werden sie keinen haben."
„Rein, denn ich würde eher auf mein Leben verzichten, al» in die Treue meiner Frau Zweifel zu setzen."
Sie betrachtete ihn mit süßem Lächeln; e» war ihm unmöglich, in ihrer Gegenwart da» geringste Mißtrauen zu bewahren. DaS bewegliche Herz Ladislaus' hatte seine ganze Heiterkeit wiedergefunden. Die Eifersucht schlief; würde sie wieder erwachen?" frug ich mich.
Ladislaus unterhielt sich mit seiner Frau über da» Diner uud da» Programm der Abendgesellschaft, welche die Gäste zum Abschied vereinigen sollte. Er bat mich dann, mit ihm auSzureiten, denn nach der heftigen Ge- müthSbewegung hatte er da» Bedürfniß, sich durch körperliche Bewegung wieder in'S Gleichgewicht zu bringen.
Wir gingen zum Stall, sattelten selbst unsere Pferde und ritten in die Landschaft hinein. Bald setzten wir die muthigen Thiere in Galopp und ein wilder Ritt führte ünS in die Fußwege, welche mitten durch den Wald geschlagen waren. Die Hufe unserer Pferde wirbelten um unS eine Wolke von Schnee auf. LadiSlauS sprach wenig; ich richteie an ihn von Zeit zu Zeit einige Worte, damit er nicht zu sehr seinen Gedanken nachhängen solle. Nirgendwo hielten wir an, als bei einem russischen Posten an der Gabelung zweier Wege. Der Anblick der russischen Beamten, welcher wie ein Automat vor seinem WachthäuSchen Herumtripp ckte, um sich vor der Kälte zu bewahren, führte meinen Freund i» die grausame Wirklichkeit zurück.
„Immer der verfluchte Anblick der Fremdherrschaft," murmelte LadiSlauS und zügelte sein Pferd zur Umkehr.
Wir waren beinahe zu Hause, al» ich mitten zwischen
zufallende Ueb er schuß ist auf 9,753,500 berechnet, eine freiwillige Steuer, welche die Spieler „mit Vergnügen" entrichten.
Ausland.
* Prag, 20. Jan. Im Omladina-Prozeß Verlader Verhandlung-Präsident ein« anonymen Drohbrief, in welchem beide Staat-anwälte mit dem Tode durch Tynamit bedroht werden, falls sie die Mitglieder der Omladina verurteilen würden. Der Gerichtshof beschloß, da- Schreiben zu den toten zu legen. Sodann wurde mit dem Verhöre des Angeklagten fortgefahren. — In den letztm Nächten wurden wieder die Adler ans den Briefkästen beschmiert und mit Zetteln bedenklichen Inhaltes überklebt. Nachts wur- dm wiederholt in den frequentesten Straßen rothge- druckte Zettel hochverrätherifchen Inhalte! verstreut, die in einer Pariser-Office gedruckt sein sollen.
• In Belgien bestand eine Äinister-Krisi», die nun wieder beendigt ist und zwar durch ein Nachgeben der katholisch-konservativen Mehrheit gegen dm Ministerpräfidmten Beernaert, welcher die Proportional- vertretnng im Einverständniffe mit dem Könige absolut durchsetzen will. ES steckt ein Stück Selbstmord in diesem Nachgeben der katholischen Partei; der König will mit seinem Plane nur eine Kammer von gemischten Parteiverhältniffm erhalten und damit von dem katholischen Ministerium und einer katholischen Kammermehrheit sich befreien.
* Carrara, 20 Jan. Die Behörden verbieten die Ausfuhr von Lebensmitteln in die Umgebung. Niemand darf die Stadt ohne Erlaubnißfchein verlaffm. Die Aufrührer flüchten sich in die Berge. Die Verhaftungen werden in großer Zahl fortgesetzt.
* Mailand, 23. Jan. Die Ruhe im ganzen Lande ist vollständig. In Pavia, Pisa und Casale fanden heute allgemeine Arbeitseinstellungen statt, als Sympathiekundgebung für Sizilim. Ernste Zwischen- fälle kamen nickt vor.
* In Sizilien wurden zwei reiche Gutsbesitzer von Briganten entführt. Einem derselben gelang es, zu entkommen.
* Belgrad, 22. Ja«. In der Skupfchtina wurde ein Brief vonGm'c verlesen, indem er seine Demission anzeigt. Gjurie wollte eine Debatte Hervorrufen, war aber von der Mehrheit abgelehnt wurde. Die Skupfchtina wurde sodann auf unbestimmte Zett, zunächst bis zur Bildung eines neuen Kabinett, vertagt, doch ist nicht ausgeschlossen, daß die Vertagung btt zum November erfolgen könnte. — Da» Gerücht von der Ermordung der Exkönig- Mila» ist vollständig erfunden.
* London, 21. Jan. Nach einer dem Reuter'scheu Bureau au- Viktoria (Britisch-Kolumbien) zugegangmen Drahtmeldung werben Agenten der Königin von H aw a i i in dem Gebiet zwischen Winnipeg und Viktor,a Truppen für den Dienst in Hawaii an. Dieselben solle« i« Meinen Abtheilungen über San Franzisko oder an Bord einer Robben - Fischer-Flotte nach Honolulu überfübrt werden.
* Rio de Janeiro, 20. Jan. Präsident Peixoto setzte den Kommandanten von Santa Cruz ab, welcher Unterstützungstruppen der Aufständischen in die Bai einließ. Admiral Saldanha schlug die RegierungS- truppen zurück, von denen 120 fielen.
Bäumen Rebekka erblickte, welche mit einem mir fremden Manne plandrrte. LadiSlauS fah nichts davon und ich hielt eS nicht für gut, ihm etwas von dieser Bewegung zu sagen; aber ich konnte mir ein gewisses Gefühl de» Schreckens nicht verbergen: ich hatte daS Vorgefühl einer Gefahr für daS Glück der beiden Wesen, welche ich liebte.
Wir kehrt« in dem Augenblicke zurück, als zur Tafel gerufen wurde. Die Tafel war von unerhörtem Glanze und der PattiotiSmuS LadiSlauS' machte sich in noch kühneren Worten als vorher Luft. Die Abendgesellschaft sollte weit festlicher verlaufen, als die übrigen, war sie ja die letzte des Fest-CykluS. Der große Saal deS Schlöffe- war mit großer Geschicklichkeit geschmückt und Alle- war darauf berechnet, mächtig auf die Sin- bildmrgSkraft unserer Landsleute einzuwirken. Die Waffen aller polnischen Könige, die in unserer Geschichte geglänzt haben, beschworen die Erinnerungen einer glorreichen Vergangenheit herauf. Die Namen unserer Siege Hobe« fich in schimmernden Buchstaben von kostbaren Gobelins, mit denen die Wände des Saales bedeckt waren, ab. Die zahlreichen Lichter spiegelten sich in den Spiegeldecken wie der und beleuchteten die goldstrotzenden farbenprächtigen Kostüme einer ruh« vollen Vergangenheit, welche die Tanzenden zur Ehre der Neuvermählten angelegt hatte«.
Die Köpfe waren bereit- erhitzt. Die Haltung jede» Einzelnen, der feurige Ausdruck der Gesichier zeigten, daß eS sich nicht um ein bedeutungsloses Spiel, um die Zett todtzuschlag«, handelte. Als die Musik die polnische Nationalhymne spielte, erreichte die patriotische Begeisterung den Gipfel, wie wenn bereits der Tag de- Siege-der vaterländischen Sache angebrochen wäre. Jrn Nachfinnen vertieft, verharrte ich stumm und beinahe gleichgiltig gegenüber der allgemeinen, einem Rausche ähnlichen Begeisterung. Mit Trauer beobachtete ich diese fast närrischen Enthusiasten, insbesondere Helen