21. Jahrgang
Sonntag, den 21. Januar 1894.
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ßM- Zweites Blatt. -HW
Uach Sibirien verbannt.
Von Louis Collas.
Mit Genehmigung des Verfassers in's Teutsche übertragen von Ph. Freidank.
(Nachdruck verboten.)
1. Em Brief.
„Mein lieber Sigismund!
„Hast Du Dir jemals Deinen Freund vorgestellt, wie er fein Leben in die geheiligten Bande einer Hei- rath schlägt und zu den Füßen einer Frau jener Unabhängigkeit entsagt, über welche er so eifersüchtig zu wachen pflegte? Wenn diese seltsame Idee sich in Deinem Geiste wiederspiegelte, hast Du solche sofort als den Gipfel der Unabhängigkeit mit überlegenem Lächeln zurückgewiesen. Unterdrücke aber Dein Lächeln, lieber Freund, denn die oben erwähnte Voraussetzung entspricht heute der vollkommensten Wahrheit. Der Wildfang, welchen seine leichtfertig und forgloS durchlebte Jugend so schlecht zu diesem schweren Wagniß und solch' feierlichen Verpflichtungen vorbereitet hatte, steht auf dem Punkte, sich zu verheirathen. Du hieltest mich für zu flatterhaft, um einen solchen Entschluß ernst aufzufasfen, dagegen andererseits wieder für zu ehrenhaft, um ihn auf die leichte Achsel zu nehmen. Nach Deiner Ansicht schien ich zur ewigen Ehelosigkeit verurtheilt zu sein.
„Unter welchen Umständen ich meine Freiheit veräußert habe? höre ich Dich in Gedanken fragen. DaS wirst Du später erfahren, wenn Du den Namen Derjenigen erfahren haben wirst, welche bestimmt ist, unter -mein Dach den Segen Gottes zu bringen. Du kennst sie. Ich verzichte aber darauf ein Bild von ihr zu entwerfen, denn ein Verliebter steht immer im Verdacht, dem Originale zu schmeich ln. Du wirst mich, besten bin ich sicher, glücklich preisen, wenn ich Dir mittheile, daß Helena SalinSki es ist, welche mir ihre Liebe und ihre Hand geschenkt hat. Bald wird Genaueres folgen, denn eS ist abgemacht, daß Du mein Trauzeuge fein wirst. Sie und ich zählen auf Dich. Ich sehne mich nach Deiner Gegenwart, auf daß nichts meinem Glück fehlt.
Dein Freund Ladislaus PokoSki."
So lautete der Brief, den man mir übersandt hatte; ich las ihn zwei Mal und ließ ihn dann auf den Tisch fallen. Ich blieb einige Zeit, von den widersprechendsten Gebauten in Anspruch genommen, still sitzen und blickte zerstreut auf den niederfallenden Schnee, welcher die Straßen Warschau'S mit einem blendend weißen Ueberzug versah.
Für Ladislaus war ich ein kaltes W-sen, ohne jede Leidenschaft, kaum dazu fähig, die Gefühle anderer zu verfolgen; inmitten der schweren Sorgen, welche meinen Geist erfüllten, schien ich keinen Platz für die Zärtlichkeiten des Herzens zu haben. Wie wenig kannte er mich doch! Er wußte nicht, daß mir die Nachricht feiner Vermählung die glühendsten Schmerzen meines Lebens verurfachte, daß ich Helena geliebt hatte und mit allen Fasern meiner Seele noch liebte, und daß der Verzicht auf sie das bitterste Opfer für mich darstellte, welches mir jemals vom Schicksal auferlegt werden konnte.
Der Vater Helenas und der meinige waren in innigster Freundschaft vereint und diese zur guten Stunde auf die Kinder übergegangen. Wie manches Mal, wenn sich die Väter über die Geschichte Polens unterhielten, hatten wir nicht auf dem grünen Rasen des Gartens oder im Schatten seiner mächtigen Bäume gespielt! Wie manches Mal hatten wir zusammen die anstrengenden körperlichen Hebungen gemacht, welchen zu jener Zeit beide Geschlechter unterworfen wurden, um sie zu den großen Strapazen zu befähigen! Wir hatten uns schätzen gelernt und eine jener Neigungen zu einander gesaßt, welche mitten durch die Wechsel der Zeiten Bestand besitzen. Wie sollte ich sie nicht geliebt haben, der ich in Helena alle jene Eigenschaften sich entwickeln sah, welche sich so selten in einer Person vereinigt finden und sich gegenseitig auSzuschlnßen scheinen? Sie vesaß alles, was einen Mann hinreißen muß. Ich war entzückt von dem Hochsian ihres Herzens, von der frühzeitigen und glänzenden Entwickelung ihres Geistes. Sie war schon zur Jungfrau erblüht,- als die Ereignisse unS getrennt hatten; aber die Erinnerung an sie begleitete mich überall hin. Wenn ich Gelegenheit hatte,
sie wiederzusehen, fühlte ich mich wirklich stolz auf ihren entwickelten Geist, vor dem die ganze Welt sich verneigte, auf ihre Schönheit, welcher man Huldigungen darbrachte.
Außer der Leidenschaft für Helena besaß ich noch eine: Die Liebe zu meinem unglücklichen Baterlande. Von der Wiege an hatte ich Polen als das Ziel meiner aufrichtigen Liebe verehren gelernt.
Die bitteren Erfahrungen meiner Vorfahren, deren hohen Muth ich hoch verehre, hatten mich aber vorsichtiger gemacht. Ich verfolgte einen von ihrem verschiedenen Weg. Welche Früchte hatten unsere Erhebungen, daS auf den Schtachtfeldern vergossene Blut gezeitigt? frug ich mich. Magere Sympathieen der Auslandes und des doppelte Gewicht oer Fremdherrschaft, lautete die Antwort. Eine neue Aufnahme der Waffen würde — alles sprach dafür — unfruchtbar sein.
Wie einzelne Personen, müssen die Nationen zu warten wissen und sich ebenso von Muthlosigkeit wie von toller Ungeduld frei halten. Ich war überzeugt, daß eS uns noch nicht vergönnt war, unsere Heimath glücklicher zu sehen, daß wir uns deshalb darauf beschränken mußten, den Weg zu bereiten, der unsere Kinder dahin führen solle.
Dieser Aufgabe widmete ich mich mit Beharrlichkeit; allen meinen Einfluß, über welchen ich verfügte, verwendete ich dazu, die Brüderlichkeit enger zu knüpfen, die patriotischen Bestrebungen zu ermuthigen, den geistigen und moralischen Bildungsgrad meiner Landsleute zu heben, die Grundlage einer besseren Zukunft vorzubereiten und unüberlegte Entschlüsfe zu bekämpfen.
Diefe Aufgabe war ohne Zweifel weniger glänzend, als die deS Führers eines Ausstandes, sie war dafür aber erfolgreicher. Ich gewann viele hervorragende Männer für meine Jvee und wir fanden in den erzielten Resultaten eine hohe Befriedigung. Die Ungeduldigen, welche die Bewegung beschleunigt haben wollten, auf die Gefahr hin, sie ernsthaft zu schädigen, beschuldigten unS zwar der Lässigkeit und Lauheit, aber wir ließen unS nicht irre machen, und mit jedem Tage gewann unsere gute Sache.
Diese kluge Haltung, ebenso weit entfernt von niedriger Unterwerfung als unkluger Herausforderung, hatte das Mißtrauen der rufsifchen Kreise auf sich gezogen; ich wurde gefürchtet und überwacht. Mehrmals wurden mir Fallstricke gelegt, denen ich jedoch glücklich entrann. Ich war ein ernst zu nehmender Gegner geworden, dessen man sich bei der ersten besten Gelegenheit entledigen mußte.
Mein frühzeitiges Eingreifen in die Geschicke meines Vaterlandes hatten meine Vermählung verzögert, aber eS hatte mich nicht abgehalten, an eine solche jederzeit zu denken und im Auge zu behalten. Diese Hoffnung hielt mich in allen Widerwärtigkeiten des politischen Kampfes auftecht und ich erwartete mit Ungeduld die Stunde, in welcher der kühnste meiner Wünsche erfüllt würde. Tausend Umstände ermächtigten mich zu der Annahme, daß das Herz Helena's sich mit dem meinigen in vollständigstem Einklang befinde; kein Schatten von Furcht fiel auf mein Vertrauen zu meiner Jugend- gespielin. Ich dachte nicht daran, daß die russische Verwaltung meiner Verbindung mit Helena Mißtrauen entgegenbringen könne. Helena war zwar wie ich selbst reich, so daß durch unsere Vereinigung sich meine Macht beträchtlich vergrößern mußte. Dabei war Helena als eifrige Patriotin bekannt. Aus natürlichem Gefühl hatte ich deshalb das Geheimniß meiner Liebe zu Helene streng behütet. Sollten meine Feinde dasselbe in dem Augenblicke errathen haben, als ich mich um die Hand Derjenigen zu bewerben gedachte, selche ich liebte? Ich weiß es nicht, aber ich bin so naiv, davon überrascht zu sein, denn es war ja so schwierig, dem Scharfblick ihrer Polizei zu entrinnen!
Im Augenblicke, als ich im Begriffe stand, nach dem Schlöffe abzureisen, welches die Familie SalinSki bewohnte, meldete sich der Asjutant des Gouverneurs bei mir. Nach einigen banalen Worten kam er auf die Frage meiner Vermählung mit jener formvollendeten Höflichkeit zu sprechen, welche zu den besonderen Eigen- schaftm der Rassen von guter Erziehung gehört und mittelst welcher sie sich der unangenehmsten Aufträge zu entledigen verstehen.
„Sie gedenken sich zu verheirathen, Herr Stein» deck?" fügte er.
Ich machte eine Bewegung, um zu antworten, doch ließ er mir dazu keine Zeit.
„Ich will Sie nicht ausfragen", nahm er die Unter
haltung wieder auf, „ich möchte einfach eine Thatfache feststellen, und wenn ich mir erlauben darf, eine Meinung auszusprechen, so geschieht es nur, um Ihnen zu sagen, daß Sie keine bestere Wahl als Fräulein Helena SalinSki treffen könnten, aber ..."
„Aber?" frag ich trockenen Tones.
„Aber Sie sind reich und einflußreich; sie besitzt ebenfalls ein beträchtliches Vermögen und zahlreiche Beziehungen zum polnischen Adel. Diese Verbindung würde Ihnen Macht verleihen, welche der russischen Regierung ernste Sorgen bereiten muß."
„Das ist für mich fehr ehrenvoll."
„Außerdem schreibt man Ihnen, sowie der Same, welche Sie zu Ihrer Gemahlin zu machen gedenken, feindselige Gefühle gegen die russische Herrschaft zu."
Er hielt einen Augenblick inne, wie um eine Antwort, vielleicht auch einen Protest gegen diese Beschuldigung abzuwarten; ich blieb aber stumm.
„Ich schließe", fuhr er, offenbar unangenehm be- rührt von meinem Schweigen fort, „und nehme mir die Freiheit, Ihnen mitzutheilen, daß diese Heirath an allerhöchster Stelle sehr ungern gesehen würde."
Ich sah voraus, wo er hinaus wollte, doch hielt ich mich zurück. Endlich konnte ich meine Enttüstung nicht mehr bemeistern und antwortete bebend vor Zorn: „Ist das vielleicht ein Verbot, was Sie mir soeben angekündigt haben?"
Immer ruhig und höflich erwiderte der Adjutant: „Erlauben Sie, Herr Stembeck, ich kenne ihren Muth genügend, um überzeugt davon zu sein, daß, wenn ich ein ähnliches gesagt hätte, das für Sie ein Grund gewesen wäre, einem solchen Befehle zu trotzen. Darum handelt eS sich alfo nicht. Ich wollte Sie bloß darauf aufmerksam machen, daß nicht ein einziges Mitglied der Familie SalinSki den Kämpfen Polens gegen Rußland fern geblieben ist und daß die Regierung die Hände voll Anklagematerial besitzt, um eS gegen sie anzuwenden, daß eS daher ganz in Ihrer Hand liegt, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen. Das wollte ich nur Ihrer Erwägung anheim geben."
Er grüßte mich und ging hinaus. Was er mir fo eben gesagt hatte, war leider nur zu wahr. Wenn die russische Polizei Lust trüge, die Familie SalinSki zu treffen, so besaß sie in der That dazu Material in Hülle und Fülle. Unvermeidbare Stürme und Katastrophen, deren einfacher Gedanke mich schon schaudern machte, drohten also durch mich über die Familie Helenas hereinzubrechen, wenn ich aus meinem Vorhaben bestände. Helena würde mir deswegen niemals Vorwürfe gemacht haben, deffen war ich sicher, ich selbst aber würde mir niemals verziehen haben. Ich zögerte deshalb keinen Augenblick und zerstörte mit eigener Hand meinen Traum höchsten Glückes, indem ich aus die Heirath verzichtete. Ohne Wissen der Welt blutete die Wunde meines Herzens aber weiter; der Brief von Ladislaus hatte sie aber aus'S neue ansge- rissen.
Wie kam es, daß das gleiche Verbot, dessen Opfer ich war, nicht auch auf meinen Freund ausgedehnt wurde? Sem Widerstand gegen oie Fremdherrschaft war weit ungestümer als der meinige; er gehörte zu Denjenigen, welche mich bei jeder Gelegenheit der Lauheit beschuldigten. Sein Haß gegen Rußland verrieth sich durch eine unkluge und leidenschaftliche Sprache, und wenn ein offener Kamps ausbrach, so mußte sich sein Platz in den ersten Reihen der Kämpfenden befinden.
Die Rechnung war leicht zu errathen. Dieses unüberlegte Ungestüm, diese stürmische Heftigkeit konnten nicht ermangeln, den Gewaltthaten schneidige Waffen gegen ihn zu liefern. Bei der geringsten weiteren Unvorsichtigkeit würde« feine Feinde im gegebenen Augenblick Hand an ihn und Beschlag auf sein Vermögen legen. Die Erfahrung hatte gelehrt, daß unsere Herren nicht die unklugen Eiferer und Vorwärtsstürmer am meisten haßten und fürchteten.
Theurer Ladislaus, mit Deinem tapferen und treuen Herzen, ich hatte Dir nichts vorzuwerfen, Du kanntest ebenso wenig wie Helena das Opfer, das mir die Pflicht aufcrlegt hatte, aber ich zitterte für Dich und für Helena. Ich nahm Deine künftige Vermählung ohne Mißgunst, wenn auch nicht ohne Trauer auf, und ich fragte mich ernstlich, ob Du über Dein Glück wachen und eS nicht vielleicht durch daS in Deiner Natur und Deinem Charakter liegende Ungestüm bald verscherzen würdest. Denn Deine Feinde warten nur die beste Gelegenheit ab, Dich zu verderben.