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21. Jahrgang

Sonntag, den 21. Januar 1894.

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> MU» Erstes Blatt.

X Ein fataler Faktor.

„Unsere ganze wirtschaftliche Organisation, so schreibt der französische Sozia'poiitirer Jules Simon, leidet an einem entsitzlichen Fehler, welcher zugleich das Elend deS Arbeiterstandes erzeugt und um jeden Preis überwunden werden must, wenn man nicht zu Grunde gehen will: eS ist die Zerstörung deS Familienlebens, die Ungebundenbeit eines Aden." Und der geistvolle Franzose urtheilt, daß ein sehr großes Stück der so­zialen Frage gelöst sein würde, wenn die Familie wieder das geworden sei, was sie nach dem Plane der göttlichen Vorsehung sein solle, und durch die Jahr­hunderte deS katholischen Mittelalters zum Segen deS Einzelindividuums sowohl wie der Allgemeinheit ge­wesen sei: die Schule der sozialen Tugenden. Jules Simon hat gewiß nur zu sehr recht. Die Bande der Familie haben sich in unserem industriellm Zeitalter leider gar sehr gelockert. Da ist zunächst die Frau selbst aus ihrem häuslichen Wirkungskreise herausge­rissen und an die Maschine gestellt worden, dadurch ist der Familie ihre Seele genommen, dar Familien­heim all seines Zaubers, seiner einschmeichelnden Be­haglichkeit beraubt worden und in gar vielen Fällen gewiss -rmaßen zu einer Unterkunftsstätte für die Nacht und gegen schlechtes Wetter herabgesunken. Der Frau, wenn sie müde von der Arbeit in der Fabrik zurück­kehrt, fehlt die Luit, die Zeit und auch die Kraft, noch in der Wohnung Ordnung zu schaffen, für ein gutes, kräftiges Mahl zu sorgen, die Kleidungsstücke in Stand zu halten resp. wieder in Stand zu setzen, meistens hat sie eS auch, weil sie von Jugend auf, sobald sie der Schule entwachsen war, „auf die Fabrik ging", gar nicht einmal gelernt. Dem Manne wird's unter diesen Verhältnissen ungemüthlich in seinem Heime; die Behaglichkeit, welche er zu Hause vermißt- sucht er im WirthShause auf; die Kinder aber, Söhne sowohl wie Töchter, erfahren so niemals den sittigenden und erziehenden Einfluß des Familienlebens, fie lernen nie feine Reize und Freuden kennen; sobald sie „flügge" geworden, dar herßt selbst in Arbeit und Lohn ge­treten sind, machen fi- sich daher „selbstständig," ver- laffen daS öde „Heim"; sie entziehen sich ganz der elterlichen Autorität und nehmen Kost und Logis bei fremden Leuten, wo sie frei und ungebunden leben können.

So ist daS Familienleben heutzutage vielfach sehr zerrüttet, oder vielmehr eS exiftirt für zahlreiche Fa­milien gar nicht mehr. Die Folgen sind vermehrter WirthShauSbefuch, Zunahme der Zucht- und Sitten­losigkeit, der Irreligiosität und Auloriiätslvsigkeit. Wenn eS nicht gelingt, die Überzeugung allgemein zu machen, daß das Heil der Gesellschaft vor allem an der Heilung und Heiligung der Familie liege, dann ist alle Mühe, die soziale Frage ihrer Lösung zuzu­führen, verloren und vergebens. Wahrlich, die Be­deutung, welche HauS und Familie für die Lösung der sozialen Frage haben, ist gar nicht hoch genug zu ver­anschlagen. Wenn Glaube und Treue, wenn Friede enb Reinheit, wenn Liebe und Opferfinn und Muth zur Entsagung wieder auf Erden herrschend werden sollen — und fie müssen daS, denn sonst ist keine Befferung zu hoffen — so muß dar aller von der Familie auSgehen. Um der Familie wieder zu chrem Rechte zu verhelfen, ist aber vor allem nöthig, daß die Frau dem Hause nicht mehr entzogen wird. Die Frau gehört in'S HauS, in die Familie, daS ist der Kardinal-Grundsatz, den man unter keinen Umständen anßer Acht lassen darf. In der Familie ist ihr Wnk- ungSkreis, den ihr Gott und die Natur zugewiesen und deshalb erscheint er nicht der Bestimmung der Frau snd Mutter angepaßt, wenn sie außerhalb deS Hauses, in der Fabrik, ihren Lebenserwerb zu suchen genöchigt ist. Die Ordnung des Hauses ist die erste, die grund­legende, die unentbehrlichste Aufgabe der Gesellschaftk- arbeit. An dieser Grundarbeit hat dar Weib nicht bloß den ersten und größten Antbeil, sondern eS ist hier schlechterdings unersetzlich. Noch stets hat sich daS Sprüchlein als wahr erwiesen: „Hausfrauen, nicht AuSfrauen, — Die find'-, die das Haus bauen."

Also dar erste und Haupt-Erforderniß für ein gutes Famiitenleben ist, daß die Frau im Haufe bleibt, dort fleißig und tüchtig arbeitet und wirthschaftet. Nicht minder unerläßlich ist dann aber, daß die Frau

auch zu wirthschaften versteht, daß si; in dm weiblichen Haus- und Handarbeiten wohl erfahren ist. Mag der Mann die höchsten Löhne verdienen, versteht eS die Frau nicht, ihm ein behagliches Heim zu schossen, findet der Mann zr Hause Unordnung, Unreinlichkeit, schlechte Haushaltung, mangelhaft bereitete Speise, dazu noch Zank und Unverträglichkeit, dann treibt ihn der Mchmuth in'S WirthshauS, verführt ihn zu unmäßigem Genüsse geistiger Getränke, bringt ihn in schlechte Ge­sellschaften und treibt ihn oft in die Hände der unzu­friedenen, mit Gott und den Menschen zerfallenen Sozialdemokraten. Wie anders, werm der Arbeiter zu Hause geordnete und freundliche Verhältnisse findet, sobald er von seinem Tagewerke heimkehrt. Und welchen Einfluß hat erst eine gute und tüchtige Mutter auf d,e Kinder, deren Erziehung in der Arbeiterfamilie zu­meist der Frau allein obliegt, da der Mann die meiste Zeit auswärts beschäftigt ist. Ja die Arbeiterfrau ist die Quelle des häuslichen Glückes, aber auch die Quelle deS Glückes der ganzen Gesellschaft. Deshalb ist die Ausbildung der Arbeiterfrau, die Befähigung zu ihrem hochwichtigen Berufe einer der Harptfaktoren, ein Kardinalpunkt bei der Lösung der sozialen Frage. Möge man daher den jugendlichen Arbeiterinnen be­sondere Sorge und Aufmerksamkeit zuwenden; möge man fie allenthalben in Arb eite rinnender ein en, deren ja manche bereits so segensreich wirken, sammeln, möge man überall in diesen Vereinen Sorge tragen für die Ausbildung der BeremSmitglieder zu ihrem künftigen Berufe als Hausfrauen; möge man dort, wo dies zweckentsprechend erscheint, neben den Arbeiter­innenvereinen besondere HauSHaltungSschulen ein­richten, in welchen den jugendlichen Arbeiterinnen Ge­legenheit geboten wird, fich in allen weiblichen häus­lichen Arbeiten auszubilden resp. zu vervollkommnen. Eine jede Gründung eines solchen Vereins, einer der­artigen Schule ist eine soziale That, welche Segen spendet und verbreitet durch viele Generationen hin­durch!

Deutsches Keich.

Berlin. 19 Januar.

* Beim Ministerpräsidenten Graf Eulenburg fand gestern Abend 7 Uhr ein Diner von 30 Gedecken statt, woran tdeilnahmen: Prinz und Prinzessin Friedrich von Hohenzollern, Fürst Hohenlohe, der italienische Botschafter mit dem ersten Sekretär, Marquis Della- Valle, der bayerische Gesandte, der deutsche Botschafter in Paris, der Odeiceremonienmeister Graf Eulenburg und Andere.

* Die Eentrnms Fraktion des Abgeordneten- hanses hat gestern Frhrn. v. Heereman und General v. GlirczynSki einstimmig als Vorsitzende wiedergewählt, ebenso die Mitglieder des Vorstandes und des Senioren- konvents. Zum Vorstand gehören auch die Herren Frhr. v. Huene und Graf Ballestrem.

* Das Herrenhaus hat in seiner gestrigen Sitzung die Besprechung der Interpellation Manteuffel über die Nothlage der Landwirthschaft und über die weiteren Mittel zur Beseitigung dieser Rochlage zu Ende ge­führt, freilick ohne damit nach allen Seiten bin Klar­heit zu schaffen. Der Gegensatz zwischen den Jntereffen der Landwirthschaft in Ostpreußen und Westpreußen bezüglich einzelner Fragen trat auch dadurch scharf zu Tage, daß u. a. Graf Klmkowström fich für die Auf­hebung deS Identitätsnachweis« s erklärre, denselben aber nicht um den Preis der Staffeltarife preisgeben wollte, während Dr. Frhr. von Schorlemer-Alst andererseits gegen die Aufhebung des Identitätsnachweises aber auch gegen die Staffeltarife sich erklärte. Eine einheitliche Stimmung ist somit in den lavdwinhschaftlicheu Kreisen in Betreff der Abhilfe der Nothlage der Landwirth­schaft nicht vorhanden. Die nächste Sitzung des Herren­hauses ist unbestimmt.

* Im Reichstage erhielt heute bei Fortsetzung der ersten Berathung deS Weinsteuergesetzes der Abg. Zorn von Bulach (Elsässer, Hospitant der konser­vativen Partei) daS Wort gegen die Vorlage. Der­selbe verwies darauf, daß in Süddeutschlond und namentlich in Elsaß-Lothringen der Wein keineswegs ein Luxusartikel, sondern ein allgemeiner Nahrungs­mittel fei. In Elsaß-Lothringen komme auf den Kdpf der Bevölkerung nicht weniger als 57 Liter Wem jährlich, in Württemberg nur 25 Liter. Elsass-Loth­ringen habe eine mit Wein bebaute Fläche von 30,000 Hektar, mehr als 80,000 Menschen beschäftigen sich mit

dem Weinbau, über 300,000 Menschen sind auf den­selben angewiesen. In den Reichslandeu werde der Wein bereits mit 1 Million Mark Steuer belaßet und wenn dazu noch die neue Werthsteuer von fünfzehn Prozent komme, so würden die Klagen kein Ende nehmen, namentlich auch nicht wegen dec unerträg­lichen Kontrole, die den Kleinbetrieb mehr belästige als ben Großbetrieb. Durch dir Schaumweinsteuer würden die Weinbauern in Lothringen noch besonders geschädigt werden, weil Lothringen hauptsächlich die Weine für Schaumweinfabrikaüon liefere. Wolle man den Handel mit Kunftwein besteuern, dann müsse man auch den ganzen Rostnenhandel unter Kontrole stellen. Die Weinsteuer solle 15 Millionen Mark einbringen, aber der große kostspielige vexirerde Kontrolopparat stehe damit in keinem richtigen Verhältnisse. Abg. Koepp (freit Bereinigung) erklärte fich ebenfalls im Interesse der Winzer des Rheingaues gegen die Wein­steuer. Direktor im Reichsschatzamt Aschenborn trat ver Annahme entgegen, daß die Weinsteuer auf den Winzer abgewälzt werde, und daß diese Steuer den Weinbau schädigen würde. Wäre das der Fall, so wäre der Vorlage allerdings der Boden entzogen. Auch ein Rückgang des Konsums sei nicht zu befürchten. Gamp befürwortet die Weinsteuer als gerechte, die wohlhabenoen Konsumenten belastende Steuer, während Simonis die Vorlage heftig bekämpft. Darauf wird die Berathung auf morgen vertagt.

* Breslau, 16. Jan. Prälat Dr. Franz ist am 1. Januar aus dem preußischen StaatSverbande ausgeschieden und nach seinem nunmehrigen Wohnsitze Gmunden übergesiedelt. Der Herr Kardinal hat da­von ihm bisher versehene Kuratorium über das hiesige Fürfibischöfliche (Gymnasial-) Knaben-Konvikt, da- adelige Stift und das Heinrichs - Stift zu Czarnowanz bei Oppeln Hrn. Canonicus Marx, das Kuratorium über daS Hermsdorfer und daS im Entstehen begriffene Juliusburger Waisenhaus sowie über daS hiesige St. AgneS-Stift (für Arbeiterinnen) dem Hrn. Kanonikus Stiller übertragen. Bon den genannten Anstalten find das Heinrichs-Stift und das St. AgneS- Stift von Hrn. Franz errichtet und zum Theil unter­halten worden; das Hermsdorfer Weisenhaus, daS adelige Stift und das Juliusburger Waisenhaus ver­danken ihm theilS Erweiterungen und Verbesserungen theilS sonstige Förderungen auS eigenen Mitteln unter bedeutendem Kostenaufwande. In so weit die An­stalten eS bedürfen, will der Herr Prälat ihnen auch fernerhin Beihülfen gewähren.

* Trier, 17. Jan. Der Pfarrer von Linz a. Rh., Herr Dr. Jakob Maria Thanifch. ist heute hier in seiner Baterstadt Trier, wohin er sich zu seiner Er­holung begeben hatte, nach längerem Leiden gestorben. Der Verblichene war am 8. April 1837 geboren, hat demnach em Alter von 56 Jahren erreicht. Die Priester­weihe empfing er am 31. August 1861, war bann Kaplan zu St. Matthias bei Trier, Pfarrverwalter von St. Paulin, seit 1866 Pfarrer zu Wawern und 1867 Rektor zu Karthans bei Trier. Am 18 Marz 1873 wurde er Pfarrer in Linz, woselbst er also über 20 Jahre mit Seeleneifer gewirkt hat Der Verstorbene ist auch eine Zeit lang politisch tdätig gewesen, und zwar hat er den Wahlkreis Irrt (Stadt und Land) im ersten Deutschen Reichstag (1871) während einer Legislaturperiode vertreten.

* Bom Niederrhein, 17. 3 in. Von der Ober­postdirektion in Düsseldorf ist vor Kurzem eine Ver­fügung an die Postämter ergangen, daß eingeschriebene Briefe und Werthsendungen, welche an die katholischen Kirchenvorstände adresfirt find, nur gegen eine Quittung abgegeben werden, die dem § 19 deS Gesetzes vom 20 Juni 1875 gemäß ist, b. h. also von dem Vorsitzenden und noch zwei an­dern Mitgliedern unter Beidrückung des AmtSfiegelS vollzogen ist. DaS mag ja tonbt den vorschriftsmäßigen Bestimmungen entsprechen; auffallend aber ist, sagt die .Köln. Bztg.', daß dieses visher nicht verlangt worden ist. Welche Weiterungen und Verschleppungen dadurch entstehen können, daß zur Vollziehung der Postqnittuug drei P rsonen zusammen sein müssen, liegt auf der Hand. Nun sagr zwar dieselbe Verfügung, eS könne durch Hkschluß des KirckenvorstandeS em Mitglied zur Empfangnahme solcher Sendungen bevollmächtigt wer­den, diese Vollmacht könne aber nicht auf den Bor- sitzenden lauten, da dieser sich nicht selbst Vollmacht geoen könne. DaS ist gewiß richtig; aber kann denn dem Vorsitzenden nicht diese Bollumcht durch eisen