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21. Jahrgang

SamStag, den 20. Januar 1894.

uldaklWZeitiing

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* Ein „Hoffuuugsstern" der Stemrfreundr.

Die großen „Sozialpolitiker", welche für die Miquel'fche „Finanzreform" schwärmen und feit fie „ihr Bild im Traume gesehen" nicht« sehnlicher wünschen, als daß der „schöne Traum" Wirklichkeit werden möchte, bekamen eine Art „Gänsehaut", al- fie von der im Reichstage der Tabaksteuervorlage gegenüber herrschen­den Stimmung erfuhren, aber bald erholten fie sich von ihrem Schrecken, denn fie zählten die Häupter der diätenlosen Reichsboten und fanden, daß da- keines­wegs seltene „Zreigniß" der Beschlußunfähigkeit deS Reichstag« während der Berathung über die Tabak- steuervorlage zu konstatiren war. Diese Thatsache dünkt nun den sonderbaren Schwärmern ein „HoffnungS- stern". Sie bezeichnen die an sich ja immerhin bedauer­liche Beschlußunfähigkeit als ein Moment, an das sich noch die Hoffnung auf jein günstigeres Ergebniß der Steuergrfetze knüpfen laste, als es nach dem Verlaufe der Generaldebatte anzunehmen. ES wird von den Herren darauf hingewiefen, daß ebenso schwach wie daS Plenum die Fraktionssitzungen besucht gewesen seien, in denen die Beschlüffe gefaßt wurden, die die Frak« tionSredner in der Generaldebatte zum Ausdruck brachten. Auch die letztere Thatsache ist richtig, aber die Schlüste, welche die Herren, die so sehr dar neue „Steuerdorado" herbeisehnen, auS den erwähnten Thatsachen ziehen zu können glauben, werden sich im entscheidenden Moment als falsch erweisen. Bei der Abstimmung werden die Abgeordneten in genügender Zahl zur Stelle sein und dann den Willen deS Volkes zum Aurdruck bringen. Soweit die Stimmung der Volksvertreter bekannt ist, werden die Stenerfteunde von der Mehrzahl der Ersteren nur ein für ihre Ohren schauerlich klingendes „Rein" zu hören bekommen. Der „HoffnnngSstern" der Verehrer der „Miquelgaben" wird bald untergehen nnd zwar schon bei der ersten Berathung deS neuen W e i n- stevergesetzeS. Diese schön erdachte Vorlage wird allem Anscheine nach nicht einmal eine KommrssionL- berathung erleben, sondern sosort von dem Schicksal, daS ihr gebührt, ereilt, d. h. rundweg abgelehnt werden. DaS mag für die Schwärmer, welche auS dem Weine nicht allein Wahrheit fchöpfen, fondern auch eine er­giebige Kraftquelle, einen „Jungbrunnen" für den Militarismus machen wollen, eine fehr bittere Pille fein, aber sie werden dieselbe schlucken müssen. Ob diese „Weinkur" dazu beitragen wird, die Herren aus bessere Gedanken zu bringen, ist freilich eine andere Frage. Eines wird ihnen indessen klar vor Augen geführt werden, nämlich daS, daß Herr Miquel bei aller Genialität nicht von dem Glück bevorzugter Erfinder begünstigt ist, daß man feine Leistungen auf dem Steuergebiete bewundert, eS aber bei dieser Bewunde­rung bewenden läßt.

WaS daS Centrum anbelangt, so können wir mit besonderer Genugthnung konstatiren, daß seine Mit­glieder — vielleicht mit einigen Ausnahmen — gerade so geschlossen gegen die Weinsteuer, wie gegen die Tabaksteuer stimmen werden. Und wie die Mehrzahl der CmtrnmSmitglieder, so wird auch die Mehrzahl

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(Schluß.)

Der Chef der Sicherheitspolizei legte jetzt feine Hand auf die Schulter der ehemaligen Werkmeisters von Alfortville und sagte zu ihm: „Jakob Garand, im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!"

„Richt sehr angenehm, alter Knabe, nicht wahr?" sagte Soliveau in scherzendem Tone. „Nun, was soll's? Dir hat daS Glück zu lange gelächelt — Du mußt dafür büßen, dar Pech ist hereingebrochen."

„Johanna Portier," sagte jetzt der Untersuchungs­richter, „ich bin vom Staatsanwalt der Republik be­vollmächtigt, Sie einstweilen auf freiem Fuße zu be­lasten; übrigens wird diese Freiheit sehr balv eine mdgiltige sem. Uebergeben Sie mir daS Papier, welches Ihnen die Tochter diesks Mannes so eben überreicht hat. Und Sie, Herr Castel, übergeben Sie mir, ich bitte Sie, die Todesurkunde Paul Harmant'S, sowie den Brief, welchen Jakob Garand im Jahre 1861 an Johanna Portier geschrieben hat."

„Hier find die Schriftstücke."

„Ihre vollständige Ehrenrettung wird bald erfolgen, Madame," fetzte dann der Beamte, sich an die Brod- trägerin wendend, hinzu.

der Mitglieder der anderen unabhängigen Parteien sich nicht von dem „Sirenengesang" der Lobredner der be­absichtigten Miquelspenden verleiten lasten, ihrem Herrn und Meister zu Willen zu sein. Mag man ob dieser Aussicht in gewisten Kreisen „wchmüthig" gestimmt werden und dem geringen Berständniß für die wohl­gemeinte „Aufbesterung" der Finanzen die Schuld bei- mestea, nur kann das gleichgiltig sein. Was wir wollen und erstreben ist eine zeitgemäße Steuerreform, die in Wirklichkeit dar ist, was ihr Name besagt: Eine Ver­besserung zu Gunsten der Masten deS Volkes!

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Januar.

* Eine Windthorft-Ge-ächtnißfeier veranstalteten die CmtrnmSfraktionen des Reichstages und deS Landtags am gestrigen Tage als an dem Geburts­tage des verewigten unvergeßlichen CentrumsführerS. Wie bei den Windthorst-GeburtStagSdienerS, so waren auch gestern Abend die Mitglieder der CentrumS- fraktionen im großen Saale des Kaiserhofes verfammelt zu einem Gedächtnißmahle, an dem wie früher, so auch jetzt noch die Mitglieder der polnischen Partei, einige Elsaß-Lothringer und eine Anzahl katholischer Hono- ratioren aus Berlin theilnahmen. Der Vorsitzende der CentrumSfraktion deS Reichstags Abgeord. Graf Hompesch begrüßte die Versammlung, indem er daran erinnerte, wie ehedem WindthorstS Geburtstag gefeiert wurde. Inzwischen feien viele neue Abgeordnete ge­wählt worden, welche nicht mehr Zeugs dieser er- Hebendm und glänzenden Feier gewesen feien, worin daS Centrum seinem Jubelgreise Dank, Liebe und Ver­ehrung bekundet hat. Run seien schon ungefähr 3 Jahre seit dem Ableben WindthorstS verschwunden, aber nach seinem Ablebm wolle und müsse daS Centrum in feinem Geiste den Kampf für Wahrheit, Freiheit und Recht, den Kampf für die Kirche und das Wohl der Vaterlandes fortführen. An redlichem Willen, in WindthorstS Geiste und nach feinem Borbilde weiter zu kämpfen fehlte er gewiß nicht, freilich auch nicht an Schwierigkeiten, namentlich in der gegenwärttgen Zeit, wo die Jnterestenkämpfe einen so starken Einfluß auf daS polittsche Leben gewonnen haben. Aber trotz dieser Jnterestenkämpfe schulden die Mitglieder der CentrumSfraktion er sich selbst, ihren Grundsätzen, ihren Wählern und dem Anden km WindthorstS, daß sie den alten nnd bewährten Grundsätzen der Partei folgen und in Windthorst'S Geiste wirken und kämpfen. Dadurch ehre man das Andenken WindthorstS am besten. In diesem Sinne weihte die Versammlung auf Aufforderung deS Grafm Hompesch, dessen vor­treffliche Rede einen tiefen Eindruck machte, ein stilleS GlaS. Freiherr von Heermann brachte sodann in ebenso eindrucksvoller Rede ein Hoch auS auf die Lebensgefährtin Wmdthorst'S, an welche ein Telegramm abgesandt wurde. Fürst Ferdinand Ra dz rwill, Vorsitzender der polnischen Fraktion im Reichstage, ließ das Centrum hochleben. Von den Abgg. Oberer und Graf Viktor Matufchka (sm.) waren Begrüßungs-

„Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Ich habe so viel gelitten!“

„Und", setzte Stephan Castel hinzu, indem er der ntmen Frau Georg zuführte. „Hier ist der Anwalt, welcher für Sie auftreten wird .... nicht nur mit feinem ganzen Talent, sondern auch, ich schwöre eS Ihnen, mit seinem ganzen Herzen!"

Freudig erregt blickte Johanna den Advokaten an. Schon wollte sie ihm die Hand rücken.

„Aber tritt doch hinzu, Bruder!" rief Sncie ihrem Bruder Georg zu. „Wir werden unferer Zwei fein, die fie lieben werden!"

„Er — Dein Bruder!" stammelte Johanna. „Oh, mein Sohn — mein Sohu!"

Damit fchloß fie Georg, welcher in ihre Arme ge­eilt war, innig an ihr Herz.

Aber die Freude war zu groß für die arme Frau nach fo vielen und fo großen Leiden und Trübfalen, fie verlor Plötzlich dar Bewußtsein und wäre zu Boden gesunken, wmn ihre Kinder sie nicht in ihre Arme aufgesangen hätten.

Als sie wieder zum Bewußtsein zurückzekehrt war, kniete Lvcian mit Sncie vor ihr und sagten zu ihr:

„Mutter!"

Eine halbe Stunde später, nachdem die Polizisten Jakob Garand und seinen ehrenwerthm Genoss n ob»

telegramme eingelaufen. Gegen 9 Uhr endete die schöne Gedächtnißfeier.

* Sin Kapitel deS Schwarzen Adlerordens wurde Dimstag Mittag um 12 Uhr vom Kaiser im Kömgl. Schlosse abgehalten. Es handelte sich um die feierliche Investitur des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern, des Fürsten zu Schaumburg-L ppe, wie des Präsidenten des StaatSministeriumS und Ministers des Innern, Grafen zu Eulenburg. Die Prinzen deS Königl. HauseS, die Ritter auS altfürstlichen souveränen Häusern und auS dem Hause Hohmzollern versammelten sich in den Gemächern König Friedrich I, wo ihnen die Ordensmäntel durch den Ordensschatzmeister Bock angelegt wurden. Die übrigen kapitelfähigen Ritter traten in der an daS KönigSzimmer zrmzenden Galerie zusammen, wo für sie die OrdmSmäntel bereit lagen. Die neu aufzuuehmmden Ritter harrten des RufeS m der brandenburgischen Rothen Adler-Kammer. Der gesummte Hofstaat mit dem Gefolge der Fürstlichkeiten verweilte in der rothen Kammer, um sich dem Zuge nach dem Ritterfaale anzufchließen. Für die mufikalifche Begleitung der Jnvrstiturfeier waren Trompeter mit langen Trompeten im Ritterfaale und auf dem silbernen Chor vertheilt. Kurz nach 12 Uhr meldete der OrdenS- Ceremonienmeister Graf zu Eulenburg dem Kaifer die Anwesenheit der Kapitelsähigen. Der Kaiser begab sich nach den Galerien, wo der Zug in der Zwischen­zeit ausgestellt war. Derselbe bewegte sich alsdann nach dem Rittersaal, an der Spitze zwei Ordensherolde, dann die Hofpagen mit den OrdenSinsignien der neuen Ritter, die Beamten deS Ordens, die kapitelfähigen Ritter, der Ordenskanzler, die souveränen Prinzen und endlich der Kaiser, der den Thron bestieg, nachdem der Ruf der Trompeten erfolgt war. Prinz Ludwig Fer­dinand und der Fürst zu Schaumburg-Lippe wurden durch den Prinzen von Hohenzollern unter den Klängen einer Fanfare an den Thron geleitet, wo sie daS Ge- löbniß auf daS Statutenbuch ablegten und knieend die Accolade (Ernennung) erhielten. In gleicher Weife vollzog sich die Investitur deS Grafen Eulenburg, dem die Generäle v. Albedyll und v. Meerschridt-Hülleffem als Pathen dienten. Darauf hielt der Kaffer daS Kapitel im Kapitelsaale ab. Die Auflösung deS Zuge« erfolgte später in der schwarzen Adlerkammer.

• Die Landtagsthronrede enthält in ihrem ersten Theile in verkürzter Form die Rede für die „Reichs­steuerreform", welche der preußische Finanzminister am Montag im Reichstage gehalten hat. Rach der neuesten ofiziellen Lesung sollen vier Monatsraten der Ein­kommensteuer mehr „zur Hebung kommen" muffen; der Finanzminister, der doch wohl schon sicher weiß, daß seine Steuerpläne im Reichstage aussichtslos find, hat aber eine Vorlage hierüber in der Thronrede kluger »eise nicht ankündigen lassen. Er wird fich eben auch so behelfen. Die zweite Hauptstelle der Thronrede handelt von der schwierigen Lage der Landwirthschaft. DaS Gesetz über die Land- wirthschastskammern ist anscheinend noch nicht fertig; waS die Thronrede über die LandwirthfchaftSkammern mittheilt reicht zu einem Uriheile nicht auS. Jmmer-

geführt haben, fand man Mary tobt auf ihrem Bette hegen.

Ihre bereits erkaltete Hand preßte noch ein blut- befleckte» Taschentuch wider die Lippen. Sin heftiger Bluterguß hatte ihrem Leben ein Ende gemacht.

Roch ehe sie sich zu Bette begeben hatte, hatte fie die folgenden Zeilen niedergefchrieben:

„Für Lucie Portier.

Ich habe Ihnen großes Herzeleid zugefügt, Luc», großes Herzeleid, und doch habe ich kein böses Herz; — ich liebte ihn so sehr! Verweigern Sie mir nicht Ihre Verzeihung, Lucie, und beten Sie für mich zu Gott. Sie sind gerächt ...

Mary.

Drei Monate nach diesem schrecklichen Tage wur­den Jakob Garand und Ooibe Soliveau zu lebens­länglicher Zwangsarbeit verurtheilt.

Freilich fand dar Urtheil, soweit es Jakob Garand betraf, nicht seine Ausführung.

Der Elende, welcher in feinem Herzen nur ein einziges „menschliches Gefühl befaß das Gefühl deS VaierherzmS, vermochte nicht den Tob feiner Tochter zu überleben.

Er fand Gelegenheit, sich in feinem Gefängnisse zu erdrosseln. , .. „

Beinahe ein ganzes Jahr dauerte es, ehe bte voll-