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21. Jahrgang

Freitag, den 19. Januar 1894.

uldaer

Nothlaze der Landsirthschaft die Frage an die Re« gieruvg gerichtet werden, wann sie die Interpellation zu beantworten gedenke; außerdem steht die Berathung über die geschäftliche Behandlung der bereits einge­gangenen Vorlagen auf der Tagesordnung. — DaS Herrenhaus hielt heute (Mittwoch) eine kurze Sitzung ab, welche nur einen geschäftsmäßigen Charakter hatte. Morgen Nachmittag Vie Uhr findet die nächste Sitzung statt, für welche dm Interpellation Manteuffel auf der Tagesordnung steht. c ,

* Der Reichstag beschäftigte sich bei dem Begmne der heutigen Sitzung mit einer großen Anzahl von Wahlprüfungen, die ohne Debatte durchweg für giltig erklärt wurden. Bezüglich der Wahlen der Abgg. Ho- sang, Winterfeldt, v. Wolkzlegier, v. Colmar, Merbach und Stephan (Torgau) wurden den Anträgen der Watlprüfungskommisston entsprechend Erhebungen über gewisse Wahlprotest-Behauptungen anaeordnet. Hieraus schritt das Haus zur Berathung des CentrumSantrogeS betr. Aenderung deS Gesetzes über die Erwerbs- und WlrthschaftSgenvssenschaften, wonach für Konsumvereine der Verkauf an Nichtmitglieder unter Strafe gestellt werden soll. Der Antrag wurde nach einer langen Debatte in erster Lesung erledigt. Der Antrag auf Verweisung an eine Kommission wurde abgelehnt. — Morqm Weinsteuer. • _ ,

* Große Heiterkeit auf allen Bänken der Hauses, nicht zum Mindesten auf denen des Centrums, schreibt die ,Germania', rief in der gestrigen Reichstagssitzung der Schluß der Miquel'scheu Rede hervor, mit seiner freundlichen Verbeugung gegen daS Centrum, an d.ssen „so erfahrenen, das Ganze überschauenden Män­nern" parlamentarische Kunststücke des Herrn Richter wirkungslos vorübergehen würden. Jedem Reichsboten ist dabei wohl unwillkürlich die Scene vom 8. Juli vorigen Jahres in's Gedächtniß gekommen, wo durch einen eigenen Zufall von genau derselben Stelle — Herr Miquel sprach gestern in Abwesenheit de» Reichskanzlers von dessen Sitze aus — gegen die politisch.demokratische Partei" deSCentrums gedonnert wurde, aus deren Reihen man jetzt nur noch höre, war sonst von den Bänken der Sozialisten und freisinnigen Volkspartei ertöne. Wer möchte es in Er­innerung an diesen Vorgang den Volksvertretern, speziell den Mitgliedern des CentrumS, verargen, wenn große Heiterkeit die Antwort war? Man merkte halt die Ab­sicht gar zu deutlich — am 8. Juli 1893 nicht minder wie am 15. Januar 1894. In einem Punkte aber hat Herr Miquel ganz Recht. DaS Centrum wird sich durch „parlamentarischeKunststücke" nicht sangen lassen, gleichviel ob sie von den Bänken des Hauses oder von den Sitzen der BundeSrathSmitglieder ausgehen; eS wird vielmehr streng sachlich prüfen und handeln, der den Stemrg's tzen nicht minder, wie es bei der Mm- tärvorlage gethan, als deren Folgen erstere sich präsentiren.

* Der Verein zur Beförderung deS GewerbesleißeS in den preußischen Staaten, die einflußreichste gewerb­liche Bereinigung Berlins, hat sich mit Mehrheck für eine Berliner Gewerbeausstellung i. I. 1896 ent­schieden. Unter den Gegnern der Projekls war u. A. auch Staatsminister a. D. Dalbrück.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(219. Fortsetzung.)

„Hier ist der Brief," sagte der Maler, indem er denselben auS der Tasche nahm. „Soll ich Ihnen den­selben vorlesen?"

Jakob Garand erhob sich hastig und sagte dann in barschem Tone: „Ich weiß wirklich nicht, was mich dies Alles interesfiren soll, Herr Castel?"

„Sie werden eS sogleich erfahren, Herr Harmant," antwortete Castel, indem er ein Blatt Stempelpapier auf das Bureau legte.

Mit ungeheucheltem Erstaunen sah Harmant den Maler an. „Aber war soll dies Alles bedeuten?" frug er dann.

„Sie sehen er, er ist Stempelpapier."

„Freilich, ich sehe er, aber ich verstehe wirklich nicht."

„Sie werden er sogleich begreifen. Wir haben zu­nächst noch eine finanzielle Angelegenheit zu erledigen."

„Tine finanzielle Angelegenheit?" wiederholte der Vater Mary's.

„Ja. Wieviel machen 190,000Franken, die man 21 Jahre lang aus leiht, ohne daß man die üblichen Zinsen erh-bt, somit mit den Zinseszinsen?"

„Gut denn, ich bin verloren .... mit mir reiße ich meine unschuldrge Tochter in den Abgrund."

, „Dies hängt vielleicht von Ihnen selbst ab," ver­setzte der Künstler, „zahlen Sie zunächst, dann sehen wir weiter." . , _ „

Jakob Garant) schöpfte wieder em wenig Hoffnung und sagte: „Ich habe kein Geld hier."

„Sie entschuldigen — heute Morgen noch haben Sie bei Ihrem Bankier die Summe von 500,000 Fran­ken erhoben, welche für Ihren Helfershelfer Oside Soliveau bestimmt waren, den man gestern verhaftet hat. Glauben Sie eS mir und machen Sie keme Um­stände." . ,

Der falsche Paul Harmant öffnete seinen Geldschrank und nahm fünf Päckchen Banknoten aus demselben.

„Hier sind die 500,000 Franken", sagte er dann.

„Gut", erwiderte der Maler, indem er die Päckchen in die Tasche schob. „Jetzt nehmen Sie eine Feder und schreiben Sie hier auf Stempelpapier meder, was ich Ihnen jetzt diktiren werde."

Der ehemalige Werkmeister von Aifortville sah ein, daS jeder Sträuben unnütz sei.

Der Künstler begann also zu dcktrren: „„Ich Garand, Jakob, in Anwesenheit der Herren Stephan

licher Maßstab treten; das wäre die erste Forderung, die in Bezug auf eine Neuregelung unserer Gesetz- gebung über das Schankwesen zu erheben ist. Den richtigen Weg in dieser Beziehung sche nen die Nieder­lande mit dem Gesetze vom Jahre 1881 eingeschlagen zu haben, daS sich allen Nachrichten zufolge durchaus bewährt. Dieses Gesetz basirt auf dem Gedanken, die Schankstellen noch der Einwohnerzahl zu bemessen, der­art^ daß in Gemeinden von mehr als 50,000 Ein­wohnern höchstens eine auf 500, in solchen von 20,000 bis 50 000 höchstens eine auf 400, in solchen von 10 000 bis 20 000 Einwohnern höchstens eine auf 300 und in weniger volkreichen Gemeinden höchstens eine Schänke auf 250 Einwohner kommt. Ferner bestimmt das bet: ffmde Ges tz: Keine Branntweinschänke darf mit einem öffentlichen Lokale oder einem Kramladen ver­bunden sein; die Konzession erstreckt sich nur aus cm Jahr und kann auch während des Jahns zurückgezogen werden, sobald durch Trunkenheit oder andere berathge Thatiachen eine G.sahr für die öffentliche Ordnung und Sittlichkeit droht; jeder Schankberechtigte muß lahr- lich pränumerando 10—25 pCt. deS MietbSwerrhes seines Lokales Steuer zahlen, denn Höhe der Gemeinde­rath bestimmt rc. In Holland hat dieses G setz inner- halb zweier Jahre die Zahl der Schänken von einigen 40 000 auf etwa« über 30 000 herabgedrückt. Vielleicht ließen sich die Bestimmungen dieses Gesetzes auch für die deutschen Verhältnisse anpassm. Der im deutschen Reichstage im Jahre 1891 regierungsseitig emgebrochte TrunksuchiS-Grfttzentwurf enthielt ja bereits eine 23er- schärfung des Sckank-KorzessioiSwesers Dieser Ent­wurf scheint indessen von der Regierung ad acta gelegt worden zu fern, was in Anbetracht mancher unprakti- scheu und zum Tbeile auch bedenklichen Bestimmungen, welche derselbe erthiel^, allerdings nicht zu beklagen 'st, wenn er nur reckt bald durch einen besseren Entwurf ersetzt würde. Hoffentlich bleibt eS diesmal nicht wie im Jahre 1881 bei dem Anlaufe.

Gin Krebsschaden unseres Nation aleu Lebens

ii.

Wir wollen heute in dieser Hinsicht nur auf einen einzigen, aber allerdings äußerst wichtigen Punkt Hin­weisen : auf daS Schankkonzessionswesen. Gelegenh it macht Diebe — je größer die Versuchung zum über­mäßigen Genuffe geistiger Getränke ist, um so stärker wird derselbe sein. „Wo immer statistische Forschung in diese Verhältnisse eingedrungen ist", hei, t eS in einer Schrift des Deutschen Vereins gegen den Miß­brauch geistiger Getränke, „zeigt sich mit der Zunahme der Schänken Zunahme deS BianntweinverbrauchS, mit ihrer Abnahme, Abnahme desselben, und weiterhin dann entweder Steigerung oder Milderung der argen Folgen, welche ein übermäßiger SchnspSgenuß für die Gesund­heit, Wirthschaft und Sittlichkeit hat." Diese Thal- suchen sind so unb. streitbar, daß auch der blindeste Anhänger ins Manchester licher Dogmas von der freien Konkurrenz kaum sie wegzuleugnen versuchen wird. Mo immer man daher Maßregeln zur Bekämpfung der Trunksucht anstrebt oder ergriffen hat, wird üoerall die Beschränkung und Beaufsichtigung der Schank- wirthschaften und des Kleinhandels in Spirituosen als da- wichtigste und wirksamste Mittel betrachtet. No­torisch regelt hier nicht die. Nachfrage daS Angebot, sondern umgekehrt, daS übertriebene Angebot steigert die Nachfrage.

Die private Tbätigkeit Einzelner oder von Vereinen kann gegen dieses Ueberwuchern deS SchankwesenS nichts auSrichten. Hier vorbeugend und mäßigend einzugreifen, ist Aufgabe der Gesetzgebung. deS Staates und seiner Organe. Thatsächlich hat sich auch kein Staat dieser Aufgabe auf die Dauer entzogen und da, wo man die polizeilichen Beschränkungen des Schankgewerbes auf­gehoben hat, ist man bald wieder zu dem strengeren Systeme zurückgekehrt. In Deutschland sind durch die Gewerbeordnung diese Verhältnisse derart geregelt, daß der Betrieb der Gast- und Schankwirthschaft oder des Kleinhandels mit Branntwein von der polizeilichen Er- laubniß abhängig ist, die versagt werden kann, wenn der die Konzession Nachsuchende nicht unbescholten ist oder daS zum Betriebe bestimmte Lokal nicht den poli­zeilichen Anforderungen entspricht. Außerdem ertheilt daS Gesetz den Landesregierungen daS Recht, soweit die Landesgesetze nicht entgegenstehen, die Erlanbniß zum Ausschanke von Branntwein und Spiritus auch von dem Nachweise eines vorhandenen Bedürfnisses ab­hängig zu machen. DaS ist in Preußen, Sachsen und einigen Kleinstaaten auch geschehen. Nichtsdestoweniger fand eine beträchtliche Vermehrung der Schankstellen statt, eine Vermehrung, welche in gar keinem Verhält- gisse zu dem BevölkerungSznwachse steht. Es wird sich allerdings auch nicht behaupten lassen, daß die Idee, die Trunksucht dadurch einzudämmen, daß man die Schankkonzession von dem Nachweise eines vorhandenen Bedürfnisses abhängig macht, besonders glücklich war. War ist schließlich das nachzuweisende Bedürfniß, wie will sich die Behörde von demselben überzeugen? DaS Bedürfniß ist ein zu weiter, unklarer Begriff. An deffen Stelle muß unseres Erachtens ein fester gesetz-

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Januar.

* Der Kaiser nimmt als Souverän und Ober­haupt des hohen Orden? vom Schwarzen Adler heute mit den anwesenden kapitelfähigen Rittern im König!. Schloß zu Berlin die feierliche Investitur de» Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern und des Fürsten zu Schaumburg-L'ppe, sowie des Präsidenten des Staats- Ministeriums. Grafen zu Eulenburg, vor und hält ein Kapitel deS Ordens ab.

* Das Herrenhaus trat gestern Nachmittag 21/, Uhr zu seiner ersten Sitzung zusammen, welche der Präsident der vorigen Session, Fürst Otto zu Stol> berg-Wernigerode, mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser und König eröffnete. Der NamenSauftus er­gab die Anwesenheit von 116 Mitgliedern. Auf An- trag dcs Grafen Schrieben wurde das Präsidium der vorigen Session: Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode, Freiherr von Manteuffel und Oberbürgermeister Böttcher, durch Acclamation wiedergewählt. Heute soll betreffs der Interpellation Manteuffel über die

Der falsche Paul Harmant antwortete nicht.

„Da« verdreifacht das Kapital, ja noch mehr," be- merkte Raoul Duchemin.

„Sagen wir eine runde Summe," fuhr Stephan Castel fort, „ich bitte Sie also, mein Herr," setzte er dann, sich zu dem Millionär wendend, hinzu, „mir für Rechnung deS Herrn Lucian Labrone die Summe von 500 000 Franken zu übergeben — dieselben stellen das Kapital nebst Zinsen und Zinseszinsen der Summe bar, welche Sie seinem Vater im Jahre 1861 gestohlen haben."

„Ich heiße Paul Harmant!" schrie der Millionär wüthend vor Schrecken. „Sie beschimpfen mich!"

„Sie heißen Jakob Garand und sind ein vollendeter Schurke!" sagte der Künstler.

„Eine schmähliche Lüge, eine niederträchtige Der- leumdung!"

„Hier ist die Sterbe - Urkunde Paul Harmant'S, Schüler der Gewerbe- und Kunstschule zu Chalons, ge­storben im Hospital zu Gens! Run, Jakob Garand, die Stunde ist gekommen, no Sie Denjenigen Rechen­schaft geben müssen, welche Sie bestohlen haben — die Rechenschaft der Justiz gegenüber bleibt für später Vor­behalten. Zunächst zahlen Sie die 500,000 Franken."

„Und nicht eine einzige Waffe, um mich zu verthei- digen!" stammelte der Millionär in ohnmächtiger Wnth.