Dienstag, den 16. Januar 1894.
_________________________________ 21. Jahrgang
illdaerMZeituiig
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* Die Tabaksteuer ist gefallen.
Die erste Berathung des Tabaksteuergesetzes hat J schon sogleich mit der ersten Rede aus dem Reichstag, der Rede, welche Abg. Fritzen namens dec CentrumS- | Partei hielt, dir Entscherdung über dis Tabaksteuer ge- : bracht. NamenS der Centrumspartei sprach Adq. Fritzen s ganz entschieden gegen das vorliegende Tabaksteuer« - Projekt. Das Tabaksteuergesttz, wie eS liege, würde zur i Annahme nicht gelangen. Abg. Fritzen machte darauf > eine sehr klare Rechnung auf. wofür die Centrums- i Partei unter den Steunprojekten zu haben sei. In ! Bezug auf die Tabakbesteuerung eröffnete Herr Fritzen *? nur Aussicht aus Zustimmung zu einer Erhöhung der Zölle auf Tabakfabrikate. Die hieraus mögliche Mehr- einnabme des Reiches schätzte Abg. Fritzen auf 5 bis 6 Millionen Mark. Es war vorher im Reichstag verbreitet gewesen, die Centrumspartei werde sich erklären für Einführung der Werthzölle auf Tabake unter Aufrechterhaltung der bisherigen Gewichtsteuer für inlän- ! bischen Tabak. Eine solche Erklärung würde also auch - eine Erhöhung der Zölle auf Rohtabake eingeschlossm l haben. Die Rede deS Abg. Fritzen widerlegte düse s Gerüchte. Da in der Tabaksteuer frage die Cent rums- i Partei absolut ausschlaggebend ist, so hat die i Erklärung FritzenS dem Tabaksteuergesetzentwurf den i HalS gebrochen. Damit ist auch das Rückgrat des \ ganzen schönen Miquel'schen Steuerprogramms zerschmettert.
Die Tabaksteuervorlage wird freilich nach Schluß der erflm Brrathung, welche voraussichtlich erst Samstag stattfindet, an eine Kommission verwiesen werden. AuS Courtoisie soll dort dem Steuerprojekt ein besonderes Begräbniß gegönnt werden. Wenn gleich die formale Entscheidung in der Kommission erst nach Be- rathung des Stempelsteuergesetzes daselbst, also nicht vor Februar, fallen kann, so mag die Tabakindustrie schon von heute ab völlig beruhigt sein. Außer der Erhöhung der Zollsätze für ausländische Tabak- fabrikate (der Zoll beträgt gegenwärtig für C'garren und Cigarretten 270 Mark für 100 Küo und für anderen fabrizirten Tabak 180 Mark) wird eins höhere Besteuerung für Tabak nicht mehr in Frage kommen. Aber auch die Erhöhung der Fabrikatzölls tft zmerfel- ; haft, weil eine Mehreinnahme daraus für die Regier- j ung sehr fraglich erscheint.
Was die übrigen Steuerprojekte anbetrifft, i so erklärte Herr Fritzen NamenS der CentrumSparie!, s daß man der Erhöhung der sogenannten Börsensteuern ; eventuell sogar roch über die Regierungsvorlage hinaus, < sowie der Erhöhung des Lotteriestempels zustimmen ■ würde. Herr Fritzen berechnete die Mehreinnahmen \ hieraus auf 25 Millionen Mark. Die Bewilligung deS ; QuittungS-, Check- und FrachtstempslS er- - klärte Herr Fritzen für so zweifelhaft, daß er I darauf verzichte, dieselben in Richtung zu stellen. Die ] Weinsteuer erklärte Herr Fritzen gleichfalls als ge« \ fallen. Höchstens werde man eine Schasmweinbe« \
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(216. Fortsetzung,)
106.
Die unglückliche Frau glaubte noch immer, in je« ; dem Augenblicke die beiden Männer vor sich auftauchen zu sehen, welche ihren Namen auSgrsprochm und fie - hatten verhaften wollen.
Als ste nach Verlauf einiger Sekunden sah, daß ■ man sie nicht verfolge, wurde fie etwas ruhiger, und • sie war wieder im Stande, ihre Gebar km etwas zu ; iammeln. Ihr eistrr Gedanke war an Sude, ihre l Tochter. Sollte sie dieselbe denn gar nicht mehr wieder« ? setzen? Sollte der Allmächtige fie einer ihrer beiden • Kinder haben wieder finden lassen, nur damit ihr der ; herb; Schmerz einer abermaligen Trennung nicht er- ■ spart bliebe?
Einen Augenblick lang befiel eine vollständige Muth- j losigkrit und eine grenzenlose Verzweiflung die arme ’■ Frau.
„Aller soll also für mich zu Ende sein?" murmelte sie vor sich hin. „Man weiß, daß ich in Paris bin i — man wird bald wissen, wo ich arbeite. Bald wird 5 man meine Wohnung aufgefunden haben — die Poli« 5 zistm werden sich wiederum auf die Suche nach mir . begeten, und wenn ich n-.cht abermals mit dem Ge«
steuerung von 5 Millionen Mark und eine Besteuerung des Kunstweins bewilligen.
Einschließlich einer Mehreinnahme aus der Erhöhung der TabaksabrikatzöLe von 5 bis 6 Millionen Mark ergibt sich nach Herrn Fritzen ein Mehr an neuen Steuern von 35 brs 36 Mrllonen Mark. Da die Kosten der Heeresorganisation 43 bis 45 Millionen Mark betragen, so würden 7 bis 9 Millionen Mark aus Steuern ungedeckt bleiben und durch Matrikular- beiträqe aufzubringen fein.
Die Bewilligung von Steuern zu einer Reichsdotation und die Annahme öer sogenannten Finanzreform des Herrn Miquel bezeichnete Herr Fritzen als völlig aussichtslos. Damit ist auch nach dieser Richtung überall Herrn Miquel dar Urtheil gesprochen.
Bor Herrn Fritzen hatte der Staatssekretär Graf PosadowSky in sehr lautem und herrischen Tone gesprochen. Nach der Fritzea'schen Rede glichen die Herren hinter dem Ministerrisch dem Bilde von den betrübten Lohgerbern, denen die Felle fortgeschwommen find.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Januar.
* I« militärische« Kreisen ist die Rede von einem großen militärischen Feste, womit am 1. Februar die 25jährige Wiederkehr drs Tages des Eintrittes des KafferS in die Armee begangen werden soll.
* Die Windthorst-Gedächtnißfeier, welche die Fraktionen des CmtrumS am Geburtstage der verewigten Führers zu halten pflege», wird am Mittwoch fiattfinden
* Zum russischen Handelsvertrag schreibt die .Post': Nachdem über de« Tarif zwischen den deutschen und russischen Unterhändlern eine Einigung erzielt worden ist, erstrecken sich die weiteren gemeinsamen Verhandlungen auf die Fassung deS Vertragstrxtes. Heute fand wieder eine Plenarsitzung der Delegrrten statt. Am 19. d. M. wird der Zollbeirath sich mit dem Tarife befassen.
* Bei dem Diner brS deutschen Handelstages war auch Fiuanzminister Miquel anwesend. Als Kommerzwnrath Michel aus Mainz bedauerte, daß der Fiuanzmmrster durch die neuen Proj kie den Handel so schwer treffen wolle, erhob sich M quel und bemerkte, er bedauere, daß man ihn einlsde, um ihm nachher solch« Vorwürfe zu machen. Es sei wahrlich kein Vergnügen, preußischer Finanzmimstrr zu sein und eS hätte genügt, daß man ihn im Reichstage mit Koth bewerfe — sprachS und verließ den Saal.
* Der Senioren Konvent des Reichstages beschloß, alle Steuer-Entwürfe an eine einzige Kommission zu überweisen.
* Der Reichstag har die Erwartung, daß beute die erste Brrathung der Tabaksteuervorlage zu Ende gehen werde, nicht erfüllt, bi« Debatte mußte vielmehr aus Montag vertagt werden. Der heutig« Tag brachte auch noch nicht die erwartete Rede des Finanz
fängn'.sss B-kanutschoft machen will, so darf ich zum Quai Bourbon mchr zurückkchren. Ich werde also ge- nöthigt sein, mich ab-rmals zu verbergen, abermals zu fliehen, ferne von meinem Kinde zu sein — mein Leben wird auf immer geächtet fein.“
Johanna ließ das Haupt sinken. Dann richtete sie sich p'ößlich wieder empor.
„Aber Jakob Garand lebt ja, dieser Mann hat es gesagt,“ murmelte sie wieder vor sich hin. „Jakob Garand tiitbirgt sich unter dem Namen Paul Harmant — Ovide hat nicht die Unwahrheit gesagt. In diesem Augenblicke ist er jedenfalls verhaftet: er wird sprechen und seinen Helfershelfer nennen' Dann wird man erfahren, daß ich unschuldig verurtheilt worden bin, und ich werde f-ei bleiben könne» .... meine Tochter Wiedersehen .... meine innigst geliebte Lucie. Ja — aber wen» Jakob Garand früh genug von der Sache Wind bekäme und sich durch die Flucht der Justiz entzöge! Wenn dieser Elende, welcher mich vor ewigen Tagen hat t ödten und mich heute hat betrunken machen wollen, damit ich mich selbst vrrraihen möchte, nicht verhaftet wäre, oder wenn er Wes, was er gesagt hat, etwa zurücknähme - wo sollte ich denn Beweise finden? Ich kö-mte ja sagen: das ist Jakob Garand — er würde antworten: ich bin Paul Harmant! Alsdann würde man mir, der Flüchtigen von C ermont, keinen Glauben schenken, sondern ihm, dem reichen, an-
ministers Mirquel, diese soll, wie in Reichstagskreisen verlautete, erst am Montag noch zu „retten“ kuchen, was nicht mehr zu retten ist. — Im Allgemeinen bot die heutige Diskussion kein hervorragendes Jntereffe. Vom BundeSrathStische aus nahm außer dem bayerischen Finanzminister v. Riedel auch der Staatssekretär Graf PosadowSky-Wehner das Wort, letzterer zu einer eingehenden Polemik gegen die Redner, welche gegen die Vorlage gesprochen hatten. Aus dem Hause sprachen heute die Abgg. Clemm (Ludwigshafen), Schneider (Nordhausen), Frhr. v. Hammerstein, Rösicke und Dr. Böcke!, welche sich sämmtlrch mehr oder weniger als Gegner dieser Tabaksteuervorlage bekannten. Abgeordneter Dr. Böckel, zog sich noch einen Ordnungsruf des Präsidenten durch die Bemerkung zu, die Antisemiten hätten im Sommer für die Militäcvorlage die Entscheidung gegeben, weil fie in Folge der Zusicherungen deS Reichskanzlers Graf Caprivi betreffs der Deckungsfrage geglaubt hätten, daß das Ehrenwort eines preußischen Generals noch etwas werth sei. Am Montag hofft man im Reichstage nunmehr bestimmt die erste Berathung abschließey zu können.
* Der Majo- v. Wißmann ist, der .Kreuzztg.' zufolge, von Mosambik, wo er am 12. Dezember eingetroffen war, mach Aden gefahren, wo er dem Vernehmen nach krank darniederliegt.
* München, 13. Jan. Der Antrag deS Centrums in der Duell-Fra ge stellt an die StaatSregierung daS Ersuchen, mit allen gesetzlichen Mitteln und mit der vollen Kraft der Autorität im DiSciplinarwege dahin zu wirken, daß dem, insbesondere auch in Offizierskreisen bestehenden, der Religion, der Moral und de« Strafgesetzen widersprechenden Duellwesetr Einhalt ge- than werde. Ferner wünscht der Antrag, daß insbesondere die Einrichtungen und Bestimmungen baldigst beseitigt werden, wonach desjenigen OfftzierS-Aspiran- ten, welche grundsätzlich einen Zweikampf ablehnen, die Zulassung zum Offiziers-Rang verweigert wird, und den Off zieren bei gewissen Ehrenhändeln nur die Wahl zwischen einem Zweikampf und dem Austritt aus dem Offizier-CorpS übrig bleibt. Die Begründung stützt sich u. a. auf sehr energische Worte deS Königs Ludwig I. im Landtags-Abschied von 1828.
* Stuttgart, 13. Jan. Das .Militärverordnungsblatt' und der .StaatSanzeiger' veröffentlichen Best'm- mungen über die Uniform der nach Preußen kom- mandirten württembergischen, sowie der nach Württemberg kommandirten preußischen Offiziere. Diesrlbm tragen die Uniform und all« Abzeichen derjenigen Truppmtheils, welchem sie zugetheilt sind. Die Adjutanten des Königs behalten das Recht, eine besonder; Uniform zu tragen. Eme entsprechende Anordnung deS KwstrS betrifft die preußischen nach Württemberg kommandirten Offiziere. Diese Bestimmungen sind entnommen einer Ordre, welche der König am 1. Dez. v. I. dem KriegSminifter zugehen ließ. Der,Staat S- anzeig er' theilt auch diese Ordre mit: dieselbe beruht auf der mündlichen Vereinbarung mit dem Könige von Preußen und enthält neben dem bereits Angelührten
geschoren Manne! Hab' Erbarmen mit mir, o Gott! Gib mir daS Richtige ein und lenke und leite Du mich!“
, Die unglückliche Frau brach in Thränen aus.
Zwei Stadtsergeanten hatten sie aus der Ferne eine Zeit lang beobachtet. Ihre Trostlosigkeit und ihre verzweifelnden Geberden waren ihnen aufgefallen. Leise traten sie also auf sie hinzu, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und einer der Beiden legte ihr die Hand auf die Schulter.
Johansa zitterte, blickte auf, erkannte die Uniformen der Stadtpolizisten und schrak leicht zusammen.
„WaS ist Ihnen, liebe Frau? Sind Sie krank?“ frag dec eine der beiden Polizisten, der Johanna so großen Schrecken eingejagt hatte.
Johanna glaubte aus dem Tone, in dem diese Worte gesprochen wurden, schüeßm zu dürfen, daß man nichts gegen sie im Schilde führe; aber sie war sich auch ebenso sehr bewußt, daß fie auf der Stelle antworten mußte, um nicht B-rdrcht zu erregen.
Sie sagte also rasch: „Ich habe bittere«, herveS Leid, lieber Herr.“
„Gut, Sie müssen aber nach Hause gehen.“
• „ Ja.
„Gehm Sie also und machen Sie sich rtwaS Bewegung, daS wird Sie zerstreuen und Ihnen wohl thua.“