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21. Jahrgang

Sonntag, den 14. Januar 1894.

MaerMZeitMg

Hand des jungen Advokaten ergreifend. „Sie wer« den wein Bruder sein! Die Beweise für die Un­schuld der Johanna Portier, Ihrer Mutter, die Be­weise, welche Sie von Gott erbitten, wir bringen sie."

„Die Beweise — wirklich?" stammelte Lucie, die ihren Augen kaum traute.

„Wo sind sie?" frug Georg stürmisch.

„Hier ist zunächst ein Beweis," sagte der Maler, indem er Georg den Brief Jakob Garand's überreichte. „Lese ihn, mein Freund!"

Rasch überflog Georg den Brief.

„Ja ... ja . . .," rief er dann aus. „Das ist der Beweis für das Verbrechen! Ah, meine Mutter, meine Mutter! Gott hat sich ihrer doch fchließlich er­barmt. Aber man hielt ja diesen Beweis für verloren; wo hat er sich wiedergefunden?"

„In dem Bauche eines kleinen hölzernen Pferdes, welches Du trügest, als Du mit Deiner Mutter am Pfarrhaufe von Cheory erschienst," antwortete Stephan Castel.

Als der junge Advokat diese Worte vernahm, war es ihm, als ob ihm plötzlich ein Schleier von den Augen weggenommen werde. Alle seine Jugenderinne­rungen, die lange, lange Zeit gänzlich eingeschlummert zu sein schienen, erwachten wieder und wurden wieder in seinem Geiste lebendig.

„Ah," sagte er, seine Stirne mit beiden Händen bedeckend, „das erloschene Licht erscheint wieder. Jetzt erinnere ich mich. Dieses Pferd — ich spielte mit dem­selben in dem Hofe einer großen Fabrik, die ich später in einer dunklen Nacht in Flammen aufgehen sah. Dieses Pferd hatte an der Seite eine Wunde, ein klaffendes Loch, in welches ich, um es zu stopfen, Alles hineinfüllte, was mir gerade in die Hände fiel. Ich habe diesen Brief aufgehoben und habe denselben nebst andern Papier- Md Stosifetzen gebraucht, um daS Loch zu stopfen. Und meine Mutter suchte den Brief ver­gebens, und wegen Mangels diefeS Beweises ist sie verurtheilt worden! Leider kommt der Beweis zu spät — Jakob Garand kann nicht mehr eingestehen, daß er diese Zeilen geschrieben Kat . . . er ist tobt."

„Jakob Garand lebt!" versetzte der Künstler.

„Er lebt?"

„Ja, er lebt, er ist heute reich, glücklich und ange­sehen, — allerdings verborgen unter einem Namen, welchen Ihr Alle kennt . . . Paul Harmant!"

„Paul Harmant!" riefen Lucie und Lucian be­stürzt aus.

„Ja, Paul Harmant, derselbe, auf dessen Anstifter, Lucie ermordet werden sollte . . . Der nämliche Paul Harmant, welcher Johanna Portier bei der Polizei an­gezeigt hat, nachdem ein Mordversuch, welchen er auf sie hat machen lassen, mißglückt war."

„Ah, der Elende! der Elende! Aber sind Sie auch dessen gewiß, waS Sie da sagen?" frng Georg.

„Natürlich, durchaus! Der wahre Paul Harmant ist vor fünfundzwanzig Jahren in einem Genfer Hospital gestorben."

„Haben Sie dafür den Beweis?"

„Hier ist die betreffende Sterbemkunde. Der Paul HarmMt von heute, der Millionär, der große Indu­strielle, der frühere Theilhaber James Mortimer's, ist Niemand anders als Jakob Garand!"

105.

„Jakob Garand!" wiederholte Georg. „Aber was beweist eS?" . , t

„Alles, war er gegen die Demigen gethM hat, antwortete Stephan Castel, „und Du felbst mußt daS Mittel besitzen, Dir darüber Gewißheit zu verfchaffen."

„Wieso?"

„Du besitzest gewiß in Deinen Akten irgendwo die Handschrift der Industriellen von Courbevoie?"

„Gewiß, gewiß," antwortete der junge Advokat lebhaft, „diefen Brief hier". ,

Damit nahm er von seinem Schreibtische den Bnef deS Millionärs, welchen er am vorhergehenden Tage erhalten hatte.

Stephan nahm ihn jetzt ebenfalls zur Hand, warf einen Blick auf denselben und stieß ein Triumph­geschrei aus.

„Die nämliche Handschrift!" sagte er dann. „Sie sehen, daß kein Zweifel mehr möglich ist, Sie sehen, daß Paul Harmant in der That Jakob Garand ist, der Mörder Julius Labrone'S, der BaterS Deines FreMdeS."

„Und dieser MMN," murmelte Sudan bestürzt,

„wußte, wer ich war und wollte darauf bestehen, daß ich seine Tochter heirathe. WeShalb nur?"

„Um Ihnen die Hände zu binden! Um Sie zu zwingen, zu schweigen, wenn einer schönen TageS durch irgend welche Zufälligkeit seine ganze Vergangenheit offenbar werden sollte!"

„Der Elende — und ich kann ihn nicht einmal der Justiz überliefern!"

„Weshalb?"

„Die Verjährung deckt ihn."

„Oh, sachte, sachte!" versetzte Stephan Castel leb­haft. „Die Verjährung kann er beanspruchen für die Verbrechen von Alfortville — eS ist wahr; Überwegen der Mordversuche gegen Lucie und Johanna Portier kann ihn daS Gesetz erreichen."

„Denken wir an unsere Mutter," fuhr Georg fort. „WaS mag nur aus ihr geworden sein?"

„Wir werden sie schon finden, ich habe eS Dir bereits gesagt. Wir werden ihr schon Alle unsere Arme und unsere Herzen öffnen, sie lieben und ehren lönnen."

„WaS gedenken Sie bezüglich Paul Harmant's zu thun?"

„Sind Sie bereit, genau nach meinen Rathfchlägm zu handeln?"

„Gewiß, gewiß," antworteten Georg und Sncian zugleich."

„Auch Sie, Herr Duchemin?"

„Versteht sich!" antwortete Raoul.

„Gut, so kommen Sie mit mir!"

Die fünf Perfonen verließen die Wohnung in der Rue Bonaparte und bestiegen die beiden Wagen, welche draußen vor der Thüre hielten.

In dem einen Wagen nahmen Georg und Lucie, seine Schwester, Platz, in dem andern der Maler, Raoul und Lucian.

„Wohin geht'-?" ftug der Kutscher, welcher zuerst hielt. Der Künstler gab ihm die Adreffe der Rue Murillo und fügte dann hinzu:

„Unterwegs halten Sie vor einer Tabakniederlage."

Die Wagen setzten sich in Bewegung und hielten nach einigen Minuten vor einer Tabakniederlage, wo der Künstler ein doppeltes Blatt Stempelpapier kaufte.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(215. Fortsetzung.)

Mit zitternder Hand ergriff Georg Darier den Brief. Er schien eL nicht zu wagen, das Siegel zu brechen.

„Nun lies doch, Georg!" wiederholte jetzt der Künstler.

Der junge Mann erbrach nun endlich dar Siegel und las: „ _

„Mein innigft geliebter Georg!

Im September des Jahres 1861 erschien am Pfarrhause zu Cheory eine arme Frau, welche ein kleines Kind an der Hand führte. Diefe arme Frau war verfolgt und gehetzt unter der dreifachen Anklage des Mordes, des Diebstahls und der Brandstiftung. Sie hieß Johanna Portier!" ,

„Mein Gott, mein Gott!" rief Lucie laut auf- schluchzend aus.

„Aber, lieber Herr Castel," bemerkte Georg, durch das Schluchzen Lucie's gerührt, Sie sind grausam gegen dieses arme Kind. Sehen Sie ihre Thränen — Sie hätten mich nicht veranlassen sollen, in ihrer Gegenwart diesen Brief vorzulefen."

„Gerade weil ich weiß, wer sie ist. habe ich darauf bestanden, daß dieser Brief in ihrer Gegenwart vorge­lesen werde", erwiderte der Künstler. „Weil ich mrt ihr ebenso großes Erbarmen als Sympathie fühle, bin ich in diesem Augenblicke Veranlassung zu ihren Thränen. Fahre also fort, Georg, ich bitte Dich."

„Johanna hat mir", fuhr Georg in ferner Lektüre fort, „bei dem Haupte ihres Kindes geschworen, daß sie unschuldig sei. Die Wahrheit leuchtete aus ihren Augen heraus, sie zitterte in ihrer Stimme und er­leuchtete ihre GesichtSzüge. WaS sie mir gesagt, habe ich ihr geglaubt ... und glaube es heute . . .

„Eine edle Seele?" stammelte Lucie.

„Ja, ein herrlicher Charakter", ergänzte Labrone.

„Fahre fort, Georg", gebot Stephan zum zweiten Male.

Georg fuhr also fort:

„Aber waS konnte ich auSrichten gegen so viele Beweise, welche unwiderleglich zu sein schienen? Ich mußte der menschlichen Gerechtigkeit freien Lauf lassen. Johanna Portier wurde unter der dreifachen Anklage deS Mordes, der Brandstiftung und des Diebstahls zu lebenslänglicher Haft verurtheilt."

Lucie barg ihr Gesicht in ihre Hände.

„Arme Mutter!" stammelte sie, unschuldig verur- theilt! Arme Mutter!"

„Trotz der niederdrückenden Beweise und trotz der vom Gerichtshöfe ausgesprochenen Berurtheilung" laS Georg weiter, „bin ich in meiner Ueberzeugung nicht wankend geworden. Für mich war JohMna Portier nicht eine Schuldige, sondern eine Märtyrin, das Opfer eines verhängnißvollen gerichtlichen JrrthumS. Ich wollte, so weit dies in meinen Kräften stand, die Ungerechtigkeit der Menschen sühne» «nd rieth meiner Schwester, daS Kind Johanna's an KindeS- statt anzMehmen. Sie willfahrte meinem WMsche Md gab ihm als Adoptivsohn den Namm Georg Darier."

Ein dreifacher AuSruf feiten- Georg'S, Lucie's und Lucian Labrone'S folgte diesen Worten.

„Ich . . . ich . . ." stammelte Georg betroffen, „ich bin der Sohn der Johanna Portier, und Lucie . . . Lucie ist meine Schwester!"

Zu gleicher Zeit sank er in die Arme deS jungen Mädchens.

„Mein Bruder! Mein Bruder!" rief Lucie aus indem sie an die Brust Georg'S eilte, der sie lauge umschlungen hielt.

Die drei Zuschauer dieser rührenden Szene »einten.

„Ja, wir find Kinder der Johanna Portier!" sagte endlich Georg, „die Kinder einer Berurtheiltm! Unsere Mutter ist zwar Mschuldig, aber in den Augen der Welt hat sie gleichwohl den Later Lucian'S er­mordet, um ihn zu bestehlm! Sie ist eine Märtyrin, Md wir können ihre Unschuld nicht beweisen, wir löitnen ihre Ehrenrettung nicht beMtragm! Wahrhaftig schrecklich — sollte der gütige Sott MS nicht eine Hilfe in der Roth sein?"

„Ja, vertrauen Sie auf Gott!" rief Lucian, die

Am Abende des vorhergehenden TageS oder viel­mehr noch am nämlichen TageS war Paul Harmant gegen ein Uhr Morgens in düsterer Stimmung und nicht wenig beunruhigt wegen der Unpünktlichkeit Soli- veau'S, der ihn zu einem Stelldichein eingeladen hatte und gleichwohl nicht erschienen war, nach Hause zurück- gekehrt.

Erst sehr spät in der Nacht war eS chrn gelungen, einzuschlafen, und fortwährend wurde er von bett düstersten Träumen beunruhigt. Beständig glaubte er Ovide mit den Handschellen gefesselt zwischen zwei Gensdarmen einherschreitm zu sehm, während er sich selbst auf der Anklagebank vor dem Assisenhofe fitzend sah, dazu in einiger Entfernung von ihm alle seine Opfer, ihn höhnisch anblickmd und ihm fortwährend zurufend: Dieb! Mörder! Brandstifter!

AlS er endlich gegen Tagesanbruch aus diesem schrecklichen Traume erwachte, fühlte er sich körperlich und geistig wie gebrochen, Md der kalte Schweiß be­deckte seine Glieder.

Eiligst erhob er sich Md kleidete sich rasch an, fort- während damit beschäftigt, sich die düstern nächtlichen Erscheinungen auS dem Kopfe zu schlagen.

Nur mit vieler Mühe gelang eS ihm endlich, u»b er dachte jetzt nur mehr an Ovide. Der Dijonefe, da­von war er überzeugt, würde ihm jedmfallS Näheres schreiben, oder ein aufklärender Telegramm schicken. Obgleich er wenig Lust verspürte, sich heute mit Se- schäften zu befassen, entschloß er sich doch endlich, sich nach Courbevoie zu begeben, um zu erfahren, ob Ovide noch kein Lebenszeichen von sich gegeben habe.

Gegen neun Uhr verließ er seine Wohnung, sprach unterwegs bei seinem Bauquier vor, ließ sich die Summe, welche er seinem Helfershelfer zugesagt hatte, auszahlen, und gab dann den Besehl, ihn nach der Fabrik zu fahren. .

Weder ein Brief noch eine Depesche war etnge- troffen. Er wartete. Um elf Uhr war ebensowenig etwa» angekommen. , M Ä .

Wie wahnsinnig vor AngstI eilte Paul Harmant nach Paris zurück.

Mary war an diesem Tage leidender als gewöhn­lich. Am Tage vorher hatte sie sogar Blut gespuckt.