JV 10 Sonntag, den 14. Januar 1894.
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21. Jahrgang
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py* Erstes Blatt.
G- Das Kecht aus Arbeit.
Za den am meisten ausgebeuteten Sätzen der Sozial- - demokratie gehört auch das Recht auf Arbeit und in sozialdemokratischen Versammlungen bildet eK einen sehr beliebten Gegenstand für Referenten, welche über die gegenwärtige Gesellschaftsordnung losziehen wollen. Im sozialistischen Zukunftsstaate, d°S möchten wir gleich von vornherein bemerken, gibt es ein solches Recht ans Arbeit nicht; wohl aber eine Pflicht zur Arbeit und als Bebel in einem unbewachten Augenblicke im Reichstage einen Zipfel des Schleiers seines ZukunftSstaates lüftete, bemerkte das höchlich erstaunte Auditorium die ungewöhnliche Strenge, womit diese Verpflichtung beigetriebe» wird. Der Hungertod ist dem angedroht, der sie nicht einlöst. Allerdings fügen die Sozialdemokraten den Trost bei, daß das ganze Sinnen und Trachten der Zukunftsgesellschaft darauf gerichtet sein werde, diese Verpflichtung möglichst zu erleichtern und iit ihrer Dauer abzukürzen; aber das ist doch nur ein sehr leidiger und ungewisser Trost und um Vieles tröstlicher wirkt bei uns der Gedanke, daß es bis zur Durchführung des ZukunftSstaates noch gute Wege hat. „ ,
Im Zukunftsstaate gibt es nur Emen, der sich ein Recht auf Arbeit zuschreibt, und daS ist der Staat selbst und er schreibt sich ein Recht aus die Arbeit aller seiner Bürger zu. Er stellt sich damit auf vollständig gleiche Stufe mit den Staaten des antiken Heidenthums. Rur tritt hier an Stelle des Staates der Elgenthümer der Arbeiter. Das Recht auf Arbeit war selbst in den heidnischen Staaten nicht so in der obersten Hand centralifirt, wie dies im sozialdemokratischen Zukunftsstaate der Fall sein muß. Im Alter- thum hat der Sklavenbesitzer in Bezug auf das Recht auf Arbeit diejenige Stelle eingenommen, welche die im Staate verkörperte Gesellschaft im Zukunftsstaate einnimmt und die zur Arbeit verpflichteten Mitglieder trugen bei dm antiken Kulturvölkern die wenig schmeichelhafte Bezeichnung als Sklave». Wenn ein römischer Bürger Schuster war, so muß man nicht denken, daß derselbe Schuhe und Sandalen versertigte, sondern er hatte ein paar Sklaven, die daS verstanden, in Eigen- thum oder in Miethe von Einem, der Sklaven züchtete und in irgend einer Hantirung ausbilden ließ. Er selber rührte zu diesem Geschäfte keine Hand, verstand dasselbe vielleicht gar nicht. Er hatte das Recht auf die Arbeit Anderer und wenn diese die Arbeit verweigerten, so machte er er ganz so, wie uns Herr Bebel den Zukunftsstaat schildert, er zwang die Wider- spenstigen durch Hunger. Wenn das nicht sehr rasch wirkte, half er mit Schlägen nach; dmn er wollte doch nicht ein Objekt zu Grunde gehen lasten, daS ihm Nutzen brachte. Bei uns pflegt daS nur noch in den Zuchthäusern zu geschehen, da haben wir daS Recht auf Arbeit.
So meinen das aber unsere Sozialdemokraten im Schaoße der modernen Gesellschaft nicht. Sie fordern ein Recht auf Arbeit nicht für denjenigen, der diese Arbeit in Anspruch nimmt, sondern für denjenigen, der sie leistet, und dar ist ein Gedanke, der überhaupt nur aufkommen konnte in unserer auf christlichen Grundlagen errichteten Gesellschaft. DaS Recht auf Arbeit, welches sie begehren, ist eine theilweise mißverstandene Konsequenz christlicher Weltanschauung und eS nimmt sich sehr sonderbar aus, die Sozialdemokratie, welche die Existenz Gottes leugnet, für, ihrem Wesen nach, christliche Ideen kämpsen zu sehen. Rehmen wir Gott auS der Schöpfung weg, was bliebe da von dem Rechte auf Arbeit übrig? Beati poasidentea, glücklich sind die, welche im Besitze sind. Alle Beziehungen der Menschen würden sich nur noch darum drehm, sich im Besitze der Macht, des ReichthumS, überhaupt aller irdischen Güter zu erhalten und sich gegenseitig auS denselben zu verdrängm. Bon dem Rechte gäb'S überhaupt keine Spur mehr, und der Satz Gewalt ist Recht würde die unbeschränkteste Geltung erlangm. Wer da keine Arbeit zu ergattern versteht, sei eS mit Gewalt, sei eS mit List, sei es durch Drohungen, sei er durch Bitten, der hat eben keine Arbeit. Für den liegt auf der Tafel der Natur kein Gedeck, der muß verhungern. DaS ist die Gesellschaft ohne Gott. Die christliche Gesellschaft folgert erst auS dem Setze: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod essen", eine Verpflichtung zur Arbeit und auch ein Recht aus
Arbeit. Die Verpflichtung zur Arbeit liegt in den ; Worten: „im Schweiße Deines Angesichtes", und das - Recht auf Arbeit liegt in den Worten: „sollst Du - Dein Brod essen." Der Mensch soll sich seinen Lebens- i unterhalt durch seine Arbeit erwerben, und wenn er \ von seiner Arbeit leben soll, muß er auch Arbeit haben, i Dos ist überaus klar. '
Deshalb hat auch nur die christliche Gesellschaft für Diejenigen, die arbeiten rooHen und nicht können, Sorge i getragen: und er ist ganz glerchgiltig, aus welchem - Grunde Einer nicht arbeiten kann: ob Alter oder Krank- ? heit ihn dazu unfähig macht, oder die Unmöglichkeit, I eine Arbeit zu finden, welche ihm den Lebensunterhalt i liefert Aber zur Arbeit bereit muß der Mensch sein, | und zwar zu jeglicher Arbeit, die er zu leisten vermag. -
Damit kommt man aber bei den Sozialdemokraten J schön an; sie sprechen beständig von ihrem Rechte auf , Arbeit und dabei sehen wir sie jeden Augenblick da und dort die Arbeit, welche sie haben, niederlegen, weil - ihnen die ArbeftS-Bedingungen nicht konvenirrn. Wie i reimen wir daS zusammen? Wenn wir ein Recht auf ; Arbeit anerkennen, fo vermögen wir doch unmöglich ein i Recht anzuerkeauen, daß Derjenige, welcher arbeitet, ! einseitig die Bedingungen festsetzt, unter welchen er ' arbeitet. Er könnte von der Gesellschaft höchstens ver- l langen, daß, wenn der Erttag seiner Arbeit nicht zu i seinem Lebensunterhalte auSreirht, die Gesellschaft das ; ergänze. Und das thut die Gesellschaft; nur find die . Begriffe von Lebensunterhalt fehr dehnbarer Natur. - Aber es wird nicht geleugnet werden können, daß unsere ’ Gesellschaft Niemanden verhungern läßt. Mag es ja f auch vorkommen, daß Jemand an absolutem Mangel \ cm Lebensunterhalt zu Grunde geht; in den sozialdemo- ’ kratischen Blättern wird darob stets großer Lärm ge- > schlagen und auch wir find durchaus nicht gewillt, einen , solchen Fall gleichgiltig zu nehmen; aber wenn man \ sich ein Urtheil über einen solchen Fall bilden will, so | genügt nicht die nackte Thatsache, daß Dieser oder Jener | verhungert sei, sondern eS ist die Frage zu untersuchen, \ was er gethan, um dem vorzubeugen. Es ist namentlich , die Frage zu untersuchen, ob er die Hilfe der Gefell- ; schafc angerufen hat und man wird dann finden, daß i die unter allen Umständen zu beklagende Thatfache ■ weniger die Schuld der Gesellschaft, als die Schuld i dessen ist, der ihr unterlegen. Gewiß, unsere Gesell- ; schäft leidet an schweren Mängeln und wir müssen die - unausgesetzte Thätigkeit aller Gesellschafts-Organe in Anspruch nehmen, um diese Mängel zu bekämpfen und I insoweit möglich, ihnen abzuhelfen; aber dar kann man unserer Gesellschaft nicht nachreden, daß sie die Armen- i pflege vernachlässige; überall ist die Verpflichtung, für - die Armen zu sorgen, gesetzlich anerkannt und außer • dieser gesetzlichen Verpflichtung haben wir eine freiwillige Armenpflege, welche vielen Sünden unserer Zeit ; Verzeihung verschaffen wird. Aber diese Armenpflege ! genügt der Sozialdemokratie nicht. Sie verlangt ge- \ bieterisch ein Recht auf Arbeit, und zwar auf eine Ar- ? beit, die fo lohnend ist, daß der Arbeiter einer Bei- i Hilfe der Gesellschaft nicht bedarf.
Aber auch auf diese Forderung hat die Sozialdemo- s kratie durchaus keine Ursache, sich ein Patent zu neh- - men. Wir halten es auch für eine Forderung der > natürlichen Gerechtigkeit, daß der Lohn für die Arbeit । so hoch sei, daß der Arbeiter und seine Familie bei ; bescheidenen Ansprüchen davon leben und für seine alten ■ Tage etwas zurücklegen kann. Diese Forderung ist aber - nicht auf dem Boden der Sozialdemokratie gewachsen, j dieselbe steht wörtlich in der Encyklika Leo's HI. über i die soziale Frage zu lesen und wenn uns unser Ge- - dächtniß nicht sehr trügt, haben das schon die alten \ Kirchenväter gelehrt. Freilich soll der Lohn so hoch ■ sein, aber das ist doch nur der Lohn sür den, welcher vollauf Arbeit hat; diesem Lohne muß doch auch eine gewisse Arbeit entsprechen Die Gesellschaft kann doch keine Arbeit auS der Erde stampfen, sondern kann nur sagen: Wenn die Arbeit fehlt, dann komme ich mit meinen aufgespeicherten Früchten früherer Arbeit zu \ Hilfe; das sagt die Gesellschaft und mehr kann man ' nicht von ihr verlangen. , !
Allerdings wird eine weife Regierung auch Arbeit \ fchaffen können. Sie wird das auch thun; das hängt \ aber erstens von den Umständen ab und zweitens von ' der Weisheit der Regierung und wir sind durchaus ; nicht gewillt, wie weiland MuciuS Scävola für die • Weisheit jeglicher Regierung die Hand in's Feuer zu ' legen. Für Beffrrung in drefem Sinne find wir stets zu haben, aber dazu bedarf er positiver Vorschläge, wie
auch solche bereits gemacht worden sind und in Sinz fällen noch immer gemacht werden, nicht der Phrasen mit welchen man anregen, aber nicht helfen kann. Zum Schluffe möchten wir aber keineswegs hintan halten, daß auch die Fälle durchaus nicht so selten sind, in welchen die Arbeit der fleißigen Hände wartet, jedoch nicht goutirt wird, und daß man es um B eles vorzieht, über das Recht der Arbeit zu betfamiren, statt da, wo sie sich bietet, zuzugreifen. Sin Recht auf Arbeit aber, welche dem Einzelnen gerade auf den Leib zugefchmtten ist, vermögen wir nicht anzuerkennen, ein solches hat's auch nie gegeben und die Gesellschaft, welche am allerwenigsten ein solches Recht verwirklichen wird, ist der sozialdemokratische Zukunftsstaat.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Januar.
* Im Anschluß an seine Bekanntmachung vom 29. Dezember v. I. theilt der Minister der Innern im ,Reichsanzeiger' mit, daß die Eröffnung des auf de» 16 d. M. ei»ber«fene» Landtages an diesem Tage Bormittags 11 Uhr im Weißen Saale des hiesigen Königl. Schloffes erfolgen wird. Zuvor wird protestantischer Gottesdienst um 10 Uhr in der Schloßkapelle und um 11?/, Uhr (katholischer) in der St. HedwigS- kirche statlfinden.
* Die ,K«uzztg.' läßt sich von einem angeblich der CentrumSpartei angehörigen Abonnenten schreiben: Nachdem die Regierung bei der Militärvorlage nur den rechten Centrumsflügel zu gewinnen verstand, hätte sie diesmal, wie in der Partei verlaute, sich mit dem rechten und linken Flügel in den Personen BuolS und Lieber- verständigt, um den russischen Handelsvertrag und die Steuervorlagen durchzubringen. Buol und Lieber würden aber, wenn sie dies versuchten, das Schicksal der Herren v. Huene und v. Ballestrern theilen; denn sie hätten alle Wähler und FraktionSgenossen bis auf etwa 10 gegen sich. — Die .Kreuzztg.' ist zwar nicht in der Lage, alle Einzelheiten dieser sensationellen Enthüllung zu prüfen, hält sie aber in der Hauptsache für richtig. Wir glauben nun und nimmermehr, daß die beiden CentrumSmänner sich zu derartigen Handelsgeschäften herbeilaffen und zudem bei Vorlagen, die von der erdrückenden Mehrheit des katholischen Volkes im Voraus ohne weitere Prüfung abgelehnt werden. Die .Krmzztg.' scheint mit dieser daS Centrum diSkceditirenden Nachricht einfach „hereingelegt" worden zu sein.
* DaS Gentrum beschloß in einer gestrigen Fraktion-- sitzung einstimmig, den Tabakstener-Entwnrf abzu- lehnm und sich auch auf Aenderungen nicht einzulassen.
* Offiziöse Dementis stehen gegenwärtig nicht hoch im KourS, sogar tief unter pari. Das Dementi der ,Nordd. Allg. Ztg.' über die Krisengerichte hat auf die Kreuzzeitung' „einen geradezu erheiternden Eindruck" gemacht, und auch die ,Voss. Ztg.' hat sich e,neS „erheiternden Eindruckes" nicht erwehren können. Dar freisinnige Blatt macht sich lustig über die offiziöfen Ableugnungen, denen die öffentliche Meinung wenig Glauben schenke: „War offiziöse Silbenstecher eien und Wortklaubereien bedeuten, weiß man zur G-nüge, man weiß auch, daß die offiziösen Blätter, die mit derlei Ableugnungen ihre Spalten füllen, regelmäßig über ben wirklichen Sachverhalt alles eher als unterrichtet sind. Sie sind nur der Dreifuß, d n Pythia braucht, um zu orakeln. Es verlohnt nicht einmal der Mühe, nachzuschlagen, was alles offiziös erklärt wurde, als Meinungsverschiedenheiten über das Schulgesetz der Grafen Zedlitz auS dem Staatsministerium berichtet wurden. Und indem wir von der Note deS offiziösen BeschwichttgungSratheS gebührend Kenntniß nehmen, fügen wir den Wunsch hinzu: „Wär' alles sonst nur, wie eS sollte!" Wir haben nicht nöthig, bemerkt dazu die .Germania', uns gegen die Bezichtigung böswilligen, thörichtm, verwerflichen, sensationssüchtigen, leichtfertigen Treibens zu vertheibigen. Den Hintermännern der ,Nordd. Allg Ztg.' aber sei einige Sparsamkeit in solchen Beiwörtern empfohlen, da die Fülle den Eindruck nicht verstärkt, sondern al schwächt.
* Von Seiten der Freunde deS Heimstätten- gesetzes ist man eifrig lhätig, um dasselbe zur gesetzgeberischen Verabschiedung zu bringen. DaS erste Heim- stättenZesch, welches von dem Landtagsabgeordneten Kammerhrrrn v. Riepenhausen (Krängen) verfaßt war, gelangte als Antrag einiger konservativen Abgeordneten, Darunter Feldmarschall v. Moltke, an den Reichstag.