21. Jahrgang
Samstag, den 6. Januar 1894
Ländern, aber die Gaben von dort für deutsche Gebiete werden allmählich immer geringer. Wir sind auch ganz wohl im Stande, selbst für unsere Missionen zu sorgen, wenn wir unsere Aufgabe ernst nehmen. Aber leider ist dies nicht der Fall, wenigstens sind die Einnahmen des Afrika-Vereins deutscher Katholiken in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Auf dem Gebiete der christlichen Charitas sollte es aber keinen Rückgang, sondern nur Fortschritt geben, und zu einer Zeit, wo so viele deutsche junge Leute, Missionäre wie Ordensschwestern, freudig hinausziehen, um in Afrika Gesundheit und Leben für die Bekehrung der Neger zu wagen, sollten die Zurückbleibenden doch nicht zögern, ihnen durch fteiwillige Gaben ihre schwere Ausgabe zu erleichtern.
Möge in dieser Beziehung eine Wendung zum Bessern eintreten, Der Erfolg ist gesichert und die BildungSfähigkeit der Neger ist über allen Zweifel dargethan; eS fehlt nur an Mitteln, das Bekehrungs- und Erziehungswerk in der erwünschten Weise auszudehnen. Trage jeder Katholik sein Scherflein dazu bei, er wird dann seinen Antheil und seine Freude haben an dem großartigen Werke der Christianisirung eines ganzen Erdtheils. Für heute aber bitten wir recht dringend, am Feste der heiligen drei Könige eine möglichst reich bemessene Gabe auf den Altar der christlichen Bruderliebe zu legen.
muß Alles wohl überlegen."
Hinter dem Garten stieß die Mauer an den Schuppen einer Holzhandlung. Im Dunkel konnte er, oberhalb der Bäume, mächtige Haufen von aufge« schichteten Buchenscheitm unterscheiden. „Dorthin könnte man vielleicht seinen Weg nehmen," dachte er bei fich, „nur müßte man etwas haben, um sich emporzuschwingen."
Fast im nämlichen Augenblick- stieß sein Fuß an eine kleine, etwa ein Meter hohe Hütte, welche dem Vorgänger Ovlde'S zur Kaninchenzucht gedient hatte. „Das kommt mir gerade recht," fuhr Duchemin fort, „wmn ich etwa die Flucht ergreifen müßte, so werde ich wohl bald einen Ausweg finden, wenn ich nur einmal in dem Schuppen bin.
Er ging .jetzt zurück, um sein in bei Nähe der Em- gangrthüre zurückgelasfeneS Packet zu Holm, trat auf die HauSthüre zu, nahm eine Art starkes Brecheisen zur Hand und setzte dasselbe etwa in der Höhe deS Schlosses zwischen der Thür und dem Steinrahmen derselben ein. Ein kräftiger Ruck — und eS ließ sich sogleich ein Krachen vernehmen: di- Thüre war gewichen.
„sehr schön, jetzt Er schob dieselbm Soliveau käme,
Während er noch an der Thüre er mit der Hand auf bewegliche Riegel!" dachte der junge Mann, kann man mich nicht überraschen.
sogleich vor. „Aber wenn etwa während ich mich in feinem Hause befinde — wie würde ich wohl herau^mmrn?" dachte er dann. „Ich
Parlamenten zugleich angehören. Die Zahl bet neuen Mitglieder ist sehr groß, und es werden fich deshalb die einleitenden Geschäfte wohl minder rasch abwickeln, als in früheren Jahren. Herr v. Köller, der langjährige und hochbetagte bisherige Präsident des Hanfes, hat sich auf den dringenden Wunsch seiner Freunde bestimmen lassen, eine Wiederwahl zum Präsidenten anzunehmen. Frhr. v. Heereman wird wieder die Stelle des ersten Wzepräsideutm erhalten, dagegen hat es Herr v. Benda entschieden abgelehnt, eine Wiederwahl zum zweiten Vizepräsidenten anzunehmen. Die National- liberalen sind noch nicht schlüssig, wen sie aufstellen sollen. Die Mehrzahl der für den Landtag bestimmten Vorlagen wird dieser bei seinem Zusammentritt vorfinden. Auch daS Herrenhaus wird sofort Stoff zur Thätigkeit erhalten.
* Von den Plänen zur Neuorganisation des Handwerks, die der HandelSminister Frhr. v. Berlepsch veröffentlicht hat, ist eS ganz still geworden. In dieser Session des Reichstag wird, so schreibt die,Berl. Börs. Ztg.': kein Entwurf zur Bildung von Fachge- nossenschasten und Handwerkerkammern eingebracht werden. Aber auch später schwerlich. Mindestens in der Form, wie der preußische HandelSminister sich denkt, wird die Umbildung der Innungen zu etwas Anderem, was ja nicht gerade eine Fachgenoffenfchast zu fein braucht, nicht vor sich gehen. Der Widerspruch der zur Begutachtung aufgesorderten Innungen gegen die Berlepsch'schen Vorschläge ist bekannt, aber auch die sonstigen Gutachten — von Regierungen und höheren Verwaltungsbehörden — sollen zur Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs auf der Grundlage der Berlepfch'fchen Vorschläge nicht gerade ermuntert haben.
* In der Woche vom 12. bis 17. Februar 1894 wird dem,Reichsanzeiger' zufolge an der Berliner Landwirthschastlichen Hochschule ein Unterrichtskursns für praktische Laudwirthe stattfinden. Diesen Kursen ist im Interesse der Fortbildung eines großm TheileS der BerwaltungSbeamten, namentlich solcher, für die eine Kenntniß der ländlichen Verhältnisse und Einrichtungen zur Ausübung ihres Amtes wünschens- Werth erscheint, eine große Bedeutung beizulegen. Die in den letzten Jahren geübte Praxis, die Verwaltung-- beamten auf diese Einrichtung hinzuweisen, hat die Wirkung gehabt, daß eine größere Zahl von Beamten der verschiedensten RessortS an diesem Kursen theilge- nommen hat. Darum hat der Minister deS Innern die RegierungS- und Obeipräsidenten ersucht, die ihnen unterstellten BerwaltungSbeamten auf den bevorstehenden Kursus aufmerksam zu machen und denjenigen, die sich daran beteiligen wünschen, den dazu ersorlichen Urlaub zu ertheilen, sofern dies mit den Jntereffen deS Dienstes vereinbar erscheint.
* Zur Meuterei in Kamern« wird dem Depeschenbureau Herold von unterichteter Seite mitgetheilt, daß die Vorgänge in Kamerun zu verhindern gewesm
umhertastete, traf Eisenstücke. „Ah,
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. Januar.
* Zn den Friktionen in den obersten Regierungskreisen wird in auswärtigen Blättern angekündigt, im ,Reichsanzeiger' werde eine scharfe amtliche Erklärung gegen die .Kreuzztg.' erscheinen, die dem Reichskanzler Berlmmdung vorgeworfen und ihn zum Zweikampf zu reizen gesucht hatte. Weiter heißt eS, daß in den letzten Tagen die Möglichkeit eines Rücktrittes des preußischen Ministerpräfidenten Grafen Eulenburg erwogen worden sei, falls dieser sich nicht zu größerer Energie gegen die.Agrarier aufraffen wolle, und Graf Caprivi sei bereit, in einem solchen Falle wieder selbst daS preußische Ministerpräsidium zu übernehmen.
* Im preußischen Abgeordnetenhaufe ist die Bertheilung der Sitze in Folge der veränderten Zu- fammensetzung in etwas verändert worden. Da die Konservativen wesentlich angewachsen sind, haben die Polen Platz machen und vor den Nationalliberalen ihren Sitz einnehmen müssen. Die Sitze der Freikonservativen sind zum Theil nach dem Centrum verlegt worden. Sonst ist er beim Alten gebliebm. Die Parteien sitzen sich wie folgt zusammen: Konservative 141, Centrum 95, Nationallibersle 90, Freikonservative 61, Polen 17, Freisinnige Volk-Partei 14, Freisinnige Bereinigung 6, bei keiner Partei 9. DaSZusammen« tagen der lieben parlamentarischen Körperschaften wird diesmal besonders unangenehm empfunden werden, weil eine ungewöhnlich große Zahl von Abgeordneten beiden Häusern angehört. Eine Zusammenstellung der Doppelmandate ergibt, daß 14 Konservative, 6 Freikouservative. 16 Nationalliberale, 39CentrumS- männer, 4 Polen, 6 Mitglieder der Freisinnigen Bolkspartei, 1 der Freisinnigen Bereinigung und 2 FraktwnSlose, zusammen also 88 Mitglieder den beiden
Indem er vor dem grauen Gartenthor vorüber- schritt, roatf er einen Blick auf die Umfassungsmauer.
Die Mauer war kaum zwei Meter hoch. An jeder Seite der Thüre war ein Randstein von etwa einem halben Meter Höhe.
„Die Sache wird nicht sehr schwierig fein," dachte Raoul bei sich. Dann begann er genau, fo wie Paul Harmant er gethan hatte, auf« und abzupromeniren.
DaS Cafe, vor welchem er gefefsen hatte, wurde gefchlossen, und die Umgebung desselben lag bald im Dunkel gehüllt. Die Avenue war leer und öde.
Duchemin trat an die Umfassungsmauer heran und warf das Packet, welches v.ischiedeue Werkzeuge enthielt, hinüber, bann wartete er, bis es zwölf geschlagen hatte. „Unser Freunb Ooibe befindet fich jedenfalls in der Stadt in angenehmer Gesellschaft," dachte er bei sich. „UebrigenS ist eS Zeit, daß ich vorwärts mache, möge er nun heimkehren oder nicht."
Nachdem er sich noch ein letztes Mal vergewissert hatte, daß Niemand deS Weges komme, sprang er auf den vorhin erwähnten Randstein, packte die Mauer- krönung mit beiden Händen unb befand sich in einem Satze rittlings auf der Mauerkrone. Er brauchte sich nur noch in den Garten hinuntergleiten zu lassen, war et auch alsbald that. Unten angelangt, unterfuchte er sogleich tastend daS Schloß der EingangSthüre unb versuchte es zu öffnen. Es wat indessen zwei Mal geschloffen. Et mußte also ebenso wohl, um daS Haus zu vetlaffen, als um hineinzugelangen, die Mauer übersteigen.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(209. Fortsetzung.)
99.
Allgemach schloffen sich rings umher die Läden.
Es war für Duchemin ein unbezahlbares Schauspiel, Paul Harmant von Zeit zu Zeit in den unbändigsten Zorn auSbrechen zu sehen.
Rur vereinzelte Passanten eilten vorbei. Auch die Gäste deS kleinen Case'S, vor welchem Duchemin saß, begaben sich allmählich nach Hause.
Abermals war eine Stunde verflossen. In einiger Entfernung hörte man eS auf einem Kirchthurrne elf Uhr schlagen. Paul Harmant stieß einen so kräftigen Fluch auS, daß Duchemin ihn vernehmen konnte. Alsbald verließ er feinen Posten und ging wieder auf die Place Clichy zu.
„Gute Rerfe!" murmelte Raoul vor sich hin. „Dein ?uter Freund Soliveau hat sich vielleicht irgendwo estgebiffen. Er wird mir wohl Zeit genug kaffen, um eine kleine Haussuchung bei ihm vorzunehmen."
Der Mann verlangte ein zweiter GlaS Rum, worauf der Kellner, während er ihm das Gewünschte 'inschenkte, zu ihm in freundlichem Tone tagte: „Sitte, sch ein wenig zu beeilen, wir wollen schließen."
t „Nehmen Sie dies als Zahlung," antwortete Äaoul, indem er ein Geldstück auf den Tisch warf. Dann erhob er sich und ging langsam in der Straße auf und ab.
Wegen des Festes der hl. drei Könige erscheint das nächste Blatt erst am Montag.
ia Zum Feste der hl. drei Könige.*)
Am Feste der hl. drei Könige findet in allen Kirchen des Erdkreises eine vom heil. Vater angeordnete Sammlung statt. Der Ertrag ist bekanntlich bestimmt, unsere schwarzen Brüder in Afrika aus dem traurigen Zustande der Sklaverei und des Heidenthums zu einem menschenwürdigen Dasein und zum Lichte des Evangeliums Christi zu führen. ,
Fünf Jahre sind verflossen, seit die sogn. afrikanische Bewegung ihren Anfang nahm. Deutschland hat einen großen Antheil daran genommen, denn große Gebietstheile Afrika's gehören al« Kolonialbesttz zum deutschen Reiche. Es wird deshalb nicht unangebracht sein, einmal kurz zusammen zu fassen, was seit jener Zeit erzielt wurde, und klar zu stellen, was von der Zukunft zu erwarten ist.
Alles in Allem genommen, müssen wir sagen, daß unsere Hoffnungen übertroffen sind. Die Macht des Islam ist so gut wie gebrochen, nur der Sudan befindet sich noch in seiner Gewalt, dank der Schreckensherrschaft des Mahdi und dank der Trägheit der Engländer. In Ostafrika ist der Einfluß der deutschen Macht ein gebietender geworden und von der Küste bis an die westliche Grenze weht die deutsche Flagge so ziemlich überall dort, wo früher die Araber ihre Macht konzentrirten. Auch der Kongostaat treibt die Araberbanden zu Paaren und nimmt ihnen ein Platz nach dem andern. Freilich hat es Opfer gekostet, diesen Umschwung herbeizuführen, aber sie waren im Berhältniß zu dem Erreichten nicht allzu groß, und es wird kaum mehr großer Anstrengungen bedürfen, um daS Errungene festzuhalten. Afrika ist endgiltig der abendländischen Kultur erschlossen worden; die Fortentwickelung wird mehr eine Sache friedlicher Arbeit sein.
Damit tritt nun aber an Europa und vorzüglich an die Kolonialstaaten eine neue Aufgabe heran: mit aller Macht an der Christianisirung und geistigen, wie sozialen Hebung des Volkes zu arbeiten. In dieser Beziehung ist von den Re- &ierun gen wenig zu erwarten; sie werden sich darauf betränken, die Missionsarbeiten zu schützen, aber keine materiellen Opfer dafür bringen. Da muß das Volk eintreten, jede Konfession für ihre Missionen. Das katholische Volk ganz besonder- soll, auf die Stimme seines Oberhauptes hörend, eS sich besonders angelegen sein lassen, jetzt so rasch wie möglich große Länderstrecken^Afrikus für seine Kirche zu erwerben. Es ist außerordentlich viel dort zu thun, denn das, was bereits gethan ist, verschwindet in dem mächtigen Gebiete. Die alljährliche Gründung neuer Missionen wird zur Nothwendigkeit; noch warten über 100 Millionen Neger aus die Verkündigung des Evangeliums Christi, noch herrscht finsteres Heidenthum im Bunde mit der Sklaverei säst überall, und die wenigen bestehenden Missionen sind nicht im Stande über ihren Kreis hinaus Licht zu verbreiten. Es muß aber Licht werden in Afrika, jener Erdtheil muß endlich einmal derselben Wohlthaten deS Christen- thumS theilhaftig werden, welche wir genießen.
Wir möchten deshalb die deutschen Katholiken dringend bitten, mehr als bisher ihr Interesse den Ereignissen in Afrika zuzuwenden, mehr als bisher den Missionären, die sich vielfach — im Vergleiche zu den protestanttschen — in sehr bedrängter Lage befinden, ihre wirksame Unterstützung zuzuwenden. Nach ungefährer Schätzung ist in den letzten fünf Jahren den katholischen Missionen in den deutschen Kolonien eine knappe Million Mark zugeflossen, eher weniger als mehr. Jedermann wird begreifen, daß dies nicht genügt. Eine große Summe ziehen alljährlich die in den deutschen Gebieten arbeitenden Väter vom Hl. Geiste und die Weißen Väter aus Frankreich und anderen
*) Bon W. Helmes, Redakteur von ,Kreuz' und Schwert'.
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