JV 3 Freitag, den 5. Januar 1894. 21. Jahrgang
FuldaerMZeitung
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△ Das Zentrum gegenüber den Keichs- Steuer-Mimen.
I. Zukunfts-Musik für das Centrum.
Kürzlich besuchte mich ein Herr, von dem ich weiß, daß er handelt nach dem Grundsätze: „Der Zweck heiligt die Mittel", und ein hervorragendes Mitglied der Loge ist, also schon deshalb dem Centrum gerne eine Falle legt. Zunächst hielt er eine Lobrede aus meine „staatsmännische Begabung"; er wünschte wirklich, ich möge glauben, sie sei im Ernst; in Wirklichkeit hielt er mich für den dümmsten Kerl, den eS auf Gottes Erde gibt; denn sonst würde er dir ganze Unterredung nicht mit mir geführt haben. Ich antwortete nichts. Darauf lobte er das Centrum: dasselbe habe in der letzten Reichstagswahl (15. Juni 1893) gezeigt, daß es eine Macht sei und blechen werde; in Folge dessen sei «an in den höheren Regionen geneigt, sich freundlicher zum Centrum zu stellen; jedoch schade eS dem Centrum sehr, daß der größte Theil und manche einflußreiche Persönlichkeit desselben demokratischer Neigungen verdächtig sei; dieser Verdacht sei ja ungerecht, aber er sei einmal da, und man müsse mit ihm rechnen; beseitige könne man ihn sehr leicht, wenn das Centrnm einmal eine große patriotische Th rt vollbringe, eine „Politik im großen Stile" treibe, die nicht beeinflußt sei von allerlei Rückerinnerungen an vergangene böse Zeiten. Eine solche Zeit sei jetzt gekommen: das Vaterland sei in der That in Gefahr; allerdings hätte man die Militärvorlage nicht bewilligen sollen, aber fie sei nun einmal bewilligt, und jetzt müsse daS Geld beschafft werden. DaS Centrum habe die Entscheidung in seiner Hand; eS könne das Vaterland retten und sich selber eine geachtete, ehrenvolle Position schaffen.
Der Mann schwieg und sah mich fragend an; es wäre thöricht von mir gewesen, wenn ich ihn abgeschreckt hätte, seine Pläne mir zu offenbaren. Ich sagte nur: „Das ist mir höchst inten flaut; bitte, fahren Sie fort; ich bin ganz Ohr."
Mein Besuch fuhr fort: „DaS Centrum legt mit Recht Werth auf die Beibehaltung deS föderativen Charakters deS deutschen Reiches, eS will keine Cm- tralisation. Wenn aber d:r großartige Plan M'quelS über die anderweitige Ordnung deS Finanzwesens deS Reiches und der Bundesstaaten nicht in der Hauptsache durchs Hk, dann muß zu einer Reichreinkommensteuer gegriffen werden; mit dieser finanziellen Central,sation im Reiche ist aber der Hauptsache nach die politische Tentralrsation gegeben. W nn also das Cmtrum sein Ideal der Organisation des deutschen Reiches, den Föderalismus, retten will, muß es dem Finanzplan MiquelS zur Annahme verhelfen. Natürlich nicht ohne Aenderungen zu beantragen; jede Aenderung, die nicht den ganzen Plan verdirbt, wird von der Staats- regierung angenommen werden und also durchgesetzt werden können; daS Centcum kann also diese neue Reform ganz nach seinen Wünschen gestalten, während, wenn dasselbe sich abseits stellen wollte, die
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
<208. Fortsetzung.)
Ovide wußte nicht, waS er vor Zorn thun sollte. Krampfhaft die Faust geballt, stand er da und rief in der höchsten Erregung aus: „Ich muß sazen, ich bin dieser ewigen Fragereien herzlich müde! Sie spannen mich thatsächlich auf die Folter — ich weiß wohl, daß man auS Ihren Händen nicht mehr herauskommt, wenn man daS Unglück hat, in dieselben Hineinzugerathen, mag man auch noch so unschuldig wie ein neugeborenes Kind sein. Ich habe mich sangen lassen, wie ein Schoachkopf, daran bin ich selbst schuld — um so chörichter war ich, da ich nicht für meine Rechnung thätig war. Um so schlimmer für die Anderen — mögen fie scheu, wie fie fich herausreißen. Ich wohne Avenue Clichy Nr. 172. Dieser Schlüssel öffnet die Gartenthüc und auch die Thür meiner Behausung, wo fich mein Mobiliar bi findet. Jetzt, wo Sie dies wissen, fragen Sie mich nicht weiter. So wahr ich Ooide Solioeau heiße, ich werde nicht weiter antnorten."
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Sie Ihre Sache nur verschlimmern, wenn Sie bei Ihrem Schweigen verharren."
„Thorheiten — nichts als Phrasen, mit denen Sie stets die armen Tröpfe erschrecken wollen. Ich lasse
Gegner desselben freie Hand hätten, eine dem Centrnm mißliebige Finanzreform durchzusetzen."
„Nein," sagte ich, „das Centrum wird mitthun," — und ich dachte: „eS wird sich an der Diskussion und der Abstimmung lebhafter betheiligen, als dem Herrn Miquel angenehm sein dürfte." — Da mein Besuch nur meine Worte, nicht auch meine Gedanken hörte, so schmunzelte er über seinen Erfolg und fuhr fort: „Die Bundesstaaten müssen eine feste Dotation vom Reich bekommen; 40 Millionen Mark muß daS Reich jährlich an sie herauszahlen können. Die jetzige Einrichtung ist umgekehrt: wenn die Mittel des Reiches zur Bestreitung feiner Ausgaben nicht ausreichen, kann - daS Reich daS Fehlende von den Bundesstaaten ein» fordern; dadurch wird die Planmäßigkeit und die Sparsamkeit der Finanzen im Reiche beeinträchtigt, denn die Körperschaften, welche daS Budget für das Reich festsetzen, Bundesrath und Reichstag, verlieren daS Bewußtsein von den finanziellen Folgen ihrer Bewilligung."
„Sehr gut," erwiderte ich; „so steht ja auch wörtlich schon in der Denkschrift, weiche beigegeben ist dem Entwürfe eines Gesetzes über die anderweitige Ordnung des Finanzwesens deS Reiches."
Hocherfreut fuhr mein Besuch fort: Da die Weinsteuer in ihrer heutige.! Form durchfällt und eine etwaige Besteuerung blos der theueren Weine nicht viel ; einbringt, da ferner die Börsersteuer nicht höher, als i M q rel sie vorschlägt, gegriffen werden darf, wenn nicht ' wichtige Zweige der Bevölkerung, Rentner und Börse, i geschädigt werden sollen, so muß darauf gedrungen ; werden, daß die geplanten Steuern auf Quittungen ] und auf Frachtbriefe möglichst unverändert avge» \ nommen werden. Also diese Sparsamkeit bei Reich und i Bundesstaaten, die doch so wünschenswerth ist, die * Sicherung des föderativen Charakters des deutschen i Reicher, auf welchen daS Centrnm mit Recht so hohen i Werth legt, die Möglichkeit für das Centrum, alle seine \ Dktarl-Wüusche in dieser Finanz-Reform durchzusetzen, s die Rettung des Vaterlandes in höchst bedrängter Zeit, \ die eine eminent patriotische That sein wird, die daraus i entstehende Werthschätzung und Hochachtung deS Cen- trumS an höchster Stelle, die Erwerbung des Wohlwollens gegenüber der katholischen Kirche, woran doch jedem Katholiken ungemein viel liegen muß, das Alles kann das Centrnm jetzt erreichen, wenn ..."
„ . . . wenn es einen Selbstmord begeht | durch Förderung der Miquel'schen Reform j der Finanzen deS Reiches" — entgegnete ich i ganz ruhig. Dies mein Wort stürzte meinen hoff» nungSseligen Besucher auS allen seinen Himmeln herab. — „Wieso Selbstmord? DaS Centrum ist die ausschlaggebende Partei und kann sich diese seine Bedeutung auf alle Zeiten sichern!"
„Jawohl", entgegnete ich, „auch für die Zeit, da i eS durch Befolgung Ihrer Rathschläge auf ein Drittel ’ herabgemindert fein wird. — Eins nach dem Andern, i Zunächst antworte ich auf die ZukunftS-Musik, i die Sie dem Centrum vormachen; bann werde ich;
mich nicht so ohne Weiteres in'S Bockshorn jagen, i glauben Sie es mir."
„Der wahre Paul Härmen t ist tobt, nicht wahr?" j fuhr der Untersuchungsrichter fort, „und Derjenige, i welcher diesen Namen jetzt führt, heißt in Wirklichkeit i Jakob Garand?"
Ovide zuckte die Achseln. „Ich habe Ihnen bereits i gesagt, daß ich nicht mehr antworten werde," sagte er, s „ich werde Wort halten. Ihre Kreuz- und Querfragen sind mir sehr unangenehm. Sie wissen jetzt, wo ich wohne — dies muß Ihnen wohl genügen. Ich bin derart schläferig, daß ich beinahe stehend einschlafe. Lassen Sie mich zu Bette gehen. Morgen kommt ja ein neuer Tag."
„Wer hat Sie zu dem Morde der firne Portier, ! sowie zu demjenigen der Johanna Portier, ihrer Mut- • ter, gedungen und bezahlt?" fuhr der Beamte fort.
Ovide antwortete nicht.
„Sie wollen nicht antworten?"
Ovide schwieg.
Der Untersuchungsrichter stand auf und sagte, ohne den Zorn, der in ihm kochte, äußerlich zu verrathen: „Man führe diesen Mann ab — in Einzelhaft!"
„Sehr angenehm!" bemerkte Ovide lachend, „bann kann man wenigstens ruhig schlafen. Guten Abend, meine Herren, schlafen Sie wohl!"
Ihnen meine Bedenken gegen den ganzen Finanz^ plan M-quel's vorlegen, und endlich meine Bedenken gegen dieSteuern auf Quittungen und Frachtbriefe.
„Die Wähler verlangen vom Centrum, daß eS mit derselben Energie, mit welcher alle Beamten für die Interessen deS Staates einstehen, für die Inte» reffen des Volkes eintrete. Wenn man das „demokratische Neigungen" nennt, so ist das dem Centrum und seinen Wählern vollständig einerlei. — Eine „Politik int großen Stile" soll das Centrum treiben! Das Csntrum hat im Jahre 1893 im preuß. Abgeordnetenhause für die M quel'sche Steuerreform, trotz mancher Bedenken gestimmt, jedoch nur unter der Bedingung, daß nicht durch dieselbe daS Wahlgesetz verschlechtert werde. Daß diese Bedingung berechtigt sei, wurde von den Konservativen anerkannt, und sie stimmten für einige Anträge deS CentrumS zum Wahlgesetz, so daß dasselbe halbwegS erträglich wurde. Im Herrenhause aber ist kein Minister für dieses Wahlgesetz warm eingetreten, und dort wurde dasselbe so verschlechtert, daß eS himmelschreiend schlecht geworden ist; Abgeordnetenhaus und Staatsministerium stimmte diesen Verschlechterungen zu. Sehen Sie, dar war so eine „Politik im großen Stile", wie Sie fie nur empfehlen. Sollen wir uns an diese bösen Zeiten nicht stets erinnern? Zwar war das Cmtrum an dieser seiner Benachtheiligung nicht Schuld, aber es ist mißtrauisch geworden. Ferner: das Centrnm hat im Jahre 92 durch die Bewilligung von 9 Millionen für den protestantischen Dom in Berlin gezeigt, daß es sich nicht von „konfessioneller Engherzigkeit" teilen läßt, aber die bloße Furcht, die katholische Kirche könne vom Zedlitz'schen VolkLschul-Grsetzmtwurs Nutzen haben, hat zu dem Falle derselben viel beigetragen, und eS fiel am 17. März 1892, gerade einen Tag, nachdem der Dom in 2. Berathung bewilligt worden war. Wenn also wirklich, waS einige Gegner iirthümlich meinen, das Centrmn für den Dom gestimmt hätte, nm den Zedl-tz'schen Entwurf zu retten, so hätte eS die Rolle des Gerbers gespielt, dem seine Felle den Fluß hinabschwimmen, und der ihnen mit Thränen in den Augen nachsieht. „Politik im großen Stile?" — Wenn heute das Centrnm die Bewilligung der Steuervorlagen versprechen würde, um z. B. die Abschaffung des Jesuiten-GesetzeS zu erkaufen, wenn 8 Tage darauf dessen Abschaffung im .Reichsanzeiger' veröffentlicht würde, wenn darauf daS Centrum wirklich die Stenern bewilligte, so würde ich immer noch befürchten, daß bei der ersten Jesuiten-Mission von unseren Gegnern ein Skandal angezettelt würde, der sofort eine abermalige Verbannung des I, suiten-Ordens zur Folge hätte — und wir wären die G« prellten. Und dar ganze Volk würde gegen die Cer.tr umsfraktion aufge- hetzt, daß dieselbe für kirchliche Vortheile das Land mit unerschwinglichen Steuerlasten beladen habe. DaS wäre fo eine „Politik im großen Stile." Sie fehen: und wenn eine Sirene nnS diese Zukunftsmusik vorspielte, fie würde keinen Erfolg haben. — Zur Rett-
SQet Chef der Sicherheits-Polizei gab ein Zeichen, worauf die Polizisten den Gefangenen abführten.
„Dieser Mann ist ein Bandit der gefährlichsten Sorte!" rief der Untersuchungsrichter.
„Wenn ich richtig vermnthe", meinte der Chef bet der SicherheitSpolizeit, „so werben wir bei ihm Papiere finden, die uns besseren Aufschluß geben als seine Antworten."
„Möglich, aber hat er unS auch feine wirkliche Wohnung angegeben?"
„Wir werden unS darüber Gewißheit verschaffen muffen, und wenn feine Angaben richtig sind, eine Haussuchung abhalten. Welchen Plan haben Sie jetzt weiter bezüglich der Herrn Hrrmant, Herr Untersuchungsrichter?"
„Waffen Sie, wo er wohnt?"
„Ich weiß nur, daß er Mechaniker und Maschinenbauer ist, der seine Fabrik in Courbevoie hat."
„Ist er eine große Fabrik?"
„Ich glaube wohl."
„Sie haben niemals etwas gegen diesen Mann sagen hören?"
„Nein, er gilt als ein allgemein geachteter Mann."
Der Untersuchungsrichter schien einige Minuten nachzudenken. Dann sagte er. „Ich bin der Meinung, daß er gut sein wird, zu warten, ehe wir be- züglch Paul Harmant'S weitere Schritte thun, bis