Mittwoch, bett 3. Januar 1894.
21. Jahrgang
Zeitung
Fuldaer
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Die Weihnachtsansprache des hl. Vaters, deren Inhalt wir schon kurz wiedergegeben haben, lautet wörtlich wie folgt:
„Zahlreich und vorzüglich ohne Zweifel sind die Wohlthaten, welche Wir der liebevollen göttlichen Vor« fehung verdanken, und es ist Uns sehr lieb, Herr Kardinal, daß das hl. Kolleg dieselben ebenso anerkennt, wie Wir und wegen derselben Gott lobt und preist. Denn Unser Lob und Unser Dank allein wäre wenig in Anbetracht so großer Fülle von Barmherzig- keit. Die Hand der Herrn erhält Uns auch in so spätem Alter unversehrt; sie gewährt Uns die überaus hohe Stärkung durch seine Gnade, die Ergebenheit der Völker gegen den Apostolischen Stuhl lebendig zu sehen; sie führt Uns unverzagt inmitten der Sorgen eines Amtes, welches auch in weniger fchwierigen Zeiten und Umständen für Unsere Schultern zu schwer wäre.
Wir inzwischen, bemüht wie Wir sind, nach Unseren Kräften die gewichtigen Pflichten desselben zu er- Men, würden nichts sehnsüchtiger verlangen, als die (Erfüllung des von Ihnen, Herr Kardinal, soeben ausgesprochenen Wunsches, daß es UnS ebenso wie mehreren Unserer Vorgänger vergönnt wäre, die Diener und Träger des Friedens für Europa und die Welt sein zu können. — Gewiß, schon durch die Eigenschaft Unseres hohen Amtes selbst sind Wir die berufenen Förderer und Verkündiger derselben; denn der Friede, sei er im Individuum, wie in den menschlichen Genossenschaften, ist der Sohn der Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit lebt nur vom Glauben: Justus ex fide vivit. Da nun dar höchste christliche Priesteramt der unverwüstliche Hüter deS Glaubens und der höchste Pfleger jeder Gerechtigkeit ist, so ist eS folgerichtig auch ein Apostolat der Einigung und der Friedens. Man lasse diesem Apostolate freie Bahn, welcher seine Mission von Oben erhalten hat, man nehme ohne Argwohn daS Wort an, welcher von hier verkündet wird» man bewirke, daß er in dar freie Gewissen deS Bürgers, in die Zusammensetzung der Familie und in die Regierung der Staaten dringe, und man wird leicht die Ruhe der Ordnung erblühen sehen, welche daS höchste Ziel und daS höchste Bedürfniß der Völker ist. — Die moralische Ursache der trüben Zeiten, welche gegenwärtig herrsche«, ist hauptsächlich in der Schwächung der religiösen Anschauungen zu suchen. Wenn dar Auge der Seele den Blick zum Himmel verloren hat und sich ganz an die Erde heftet, dann
Endlich entlarvt!
Rowan von R. von Wollersheim.
(206. Fortsetzung.)
Sehr mißgestimmt stieg Amanda zu ihrer Wohnung hinauf. War sollte sie thun? Sehen gehen, ob Raoul sich vielleicht auf seinem Beobachtungsposten in Cour- bevoie befände oder etwa in der Rae Murillo? Aber wozu sollte dies dienen? Gerade während der Zeit, in welcher sie ihn suchen ging, konnte er selbst zurückkommen und würde dann sie selbst nicht antreffe». Sie hielt er demnach für besser, Geduld zu haben und zu warten, bis er zurückkehren werde.
Gegen sieben Uhr Abends klopfte eS leife zwei Mal an der Thüre. Amanda öffnete und sah sich einem Dienstmann gegenüber, welcher ihr einen Brief überreichte, dessen Handschrift sie sogleich wiedererkannte, obgleich die Adreffe nicht mit Dinte, sondern mit einem Bleistift geschrieben war.
ES war die Handschrift Raoul'S.
Amanda entließ den Dienstmann riß den Brief auf und las hastig die folgenden Zeilen:
„Mein Ausbleiben braucht Dir keine Unruhe zu verurfachen. Vielleicht werde ich in der Nacht gar nicht nach Haufe kommen. Wir haben Paul Har- mant fest, er wird uns selbst, ohne daß er es ahnt, zur Wohnung Ovide Soliveau'S führen. Sobald ich nur einmal in seiner Behausung bin, werde ich mich schon aller Papiere bemächtigen, die für uns Jntereffe haben.
Raoul."
leidet die christliche Liebe, welche vereinigt, und eS wiegt vor der Egoismus, welcher trennt. Daher die düstere Zwietracht, verborgen unter lügenhaftem Schein; die entsefselten Rivalitäten und ehrgeizigen Bestrebungen; die wachsenden Unruhen in allen sozialen Kreisen; die neuerungssüchtigen Begierden, welche sich überall vorwärts drängen, Berwiü 'wngen und Kämpfe im Gefolge führend. Unte; solchen Verhältnissen fühlen Völker und Nationen das instinktive Bedürfniß nach Frieden und suchen ihn voller Besorgnisse; der wahre Friede kommt aber nicht, da man Denjenigen zu sehr vergessen hat, der denselben allein verleihen kann.
Ist also ein religiöses Erwachen, welches ruhigere Tage in Aussicht stellt, nicht zu erwarten? Jawohl, es ist zu erwarten und zwar fest zu erwarten, weil Jesus Christus niemals die Menschheit verläßt, welche er erlöst hat. Der Geist Gottes wird, ebenso wie er am ersten Tage der Schöpfung über den Wassern schwebte und dieselbe befruchtete, so auch in dem von der Barmherzigkeit angezeigten Augenblick herniedersteigen, über den menschlichen Geschlechtern schweben und durch seine Kraft und das Werk der Kirche die ausgelöschten oder nur dürftig lebenden Keime wieder mit dem göttlichen Glauben beleben.
Mit so festem Verträum in der Seele nehmm Wir die liebevollen Empfindungen auf, welche UnS daS hl. Kolleg soeben durch den Mund seines würdigen Dekans ausgesprochen hat. Und als gerechten Entgelt werden Wir bei den erhabenen und süßen Feierlichkeiten dieser Tage das göttliche Kind bitten, über das hl. Kolleg in reicher Fülle seine göttliche Gnade zu ergießen. Inzwischen ertheilen Wir demselben, den Bischöfm, den verschiedenen Prälaten und allen Denjenigen, welche hier anwesmd sind, als Unterpfand Unserer väterlichm Liebe [mit liebendem Herzen den Apostolischen Segen. BenedÄctio etc.
Deutsches Keich.
Berlin, 1. Januar.
* Der Austausch der Ratifikationen zum deutschserbischen Handelsvertrag und der Musterschutz- konvention mit Serbien har am Sonnabends hier stattgefunden und ist der Termin für das Inkrafttreten der Handelsvertrags auf dm ersten Januar festgesetzt worden. Der deutsch-rumänische Handelsvertrag, der gleichfalls am 1. Januar in Kraft treten sollte, unterliegt zur Zeit noch der Berathung der rumänischen Kammern. Da die Tarifvorlage von der Deputirtenkammer bereits genehmigt ist, der Ab- schlug der parlameatarischm Berathung des Handelsvertrags sich jedoch bis zu dem gedachten Termine nicht mit Sicherheit in Aussicht nehmm läßt, iso werden die beiden Regierungen, wie im .Reichsanzeiger' amtlich bekannt gegeben wird, vom 1. Januar 1894
Amanda fühlte sich durch diese wenigen Zeilm wieder em wenig beruhigt, erst gegen ein Uhr Nachts begab sie sich ganz müde und matt und durch daS lange Warten gänzlich abgespannt, zu Bette, aber der Schlaf wollte nicht in ihre Augen kommen.
Kehrm wir jetzt wieder zu dem Restaurant auf der Place de Havre zurück, wo in einem Kabinet Paul Harmant, Lucian Labrone und Stephan Castel zusammensaßen. Die beiden Letzteren warm auf der Rückfahrt nach Paris der Einladung Harmant's, eine Leine Stärkung zu sich zu nehmen, gefolgt. Sie plaudertm über allerlei gleichgilttge Dinge, bis gegen halb neun Uhr der Millionär sich erhob und fagte: „Mein lieber Herr Castel, ich bedauere sehr, so früh aufbrechen zu müffm, aber Geschäft ist Geschäft."
„Ebenso sehr als Sie und noch mehr bedauern wir es gleichfalls, lieber Herr Harmant," versetzte der Maler. „Aber wir wußtm eS ja im Voraus, daß wir zu früher Stunde von einander scheiden mußten. Wir wollm Sie nicht länger aufhaltm und wir, Herr Labrone und ich wollm noch einen klemm Spaziergang auf den Boulevards wachen."
Die drei Männer verlies m zusammen daS Kabinet. Stephan Castel erblickte in dem zu ebener Erde gelegenen Saale Raoul Duchemin, der sein Mahl längst beendet hatte und in die Lektüre eines Abendjournals vertieft zu sein schien.
Ihre Blicke begegneten sich. Der Maler blickte ihn eine Sekunde lang fest an — Raoul beantwortete durch ein Zwinkern mit den Augen, daß er seinm Wink verstanden habe, nahm sein Packet, welches auf einem
ab gegenseitig die in dem Vertrage verabredeten Zoll sätze thatsächlich in Anwendung bringen. Was dm deutsch-spanischen Handelsvertrag anlangt, so ist, da befien Genehmigung durch die spanischen Cortes bisher nicht za ermöglichen war, von den beiden Regierungen — und zwar deutscherseits unter dem Vorbehalt der nachträgliche« Genehmigung durch den Bundesrath und bett Reichstag — ein weiteres Provisorium beabsichtigt, wonach vom 1. bis 31. Januar k. I. gegen volle Meistbegünstigung der spanischen Einfuhr in Deutschland die deutsche Einfuhr in Spanien für die Zeit des neuen Provisoriums neben dem Minimaltarif auch alle von spanischer Seite irgmd einem dritten Lande eingeräumten Zollbegünstigungen mitgenießen wird. Eine entsprechende ErLänmg wird noch vor dem 1. Januar k. I. ht Madrid vollzogen werden.
• Nachdem die Kabel-Verbindung an der westafrikanischen Küste wieder hergestellt, ist in der Nacht zum SamStag folgendes Telegramm aus Kamerun beim Auswärtigen Amte in Berlin eingetroffen: „Da Telegramm nicht angekommen, wiederhole ich: Arn 15. haben 60 Dahouuy - Soldaten der Poliztitruppe nebst 90 bewaffnetm Weibern revoltirt, nachdem sie heimlich Munitions-Schuppen erbrochen und die Geschütze, meistens Gewehre, und viele Munition okkupirt hatten. 40 Soldaten blieben treu. Rach 15stündiger (Segen* wehr mußten wir GouvernementS-Beamte und dar zur Hilfe geeilte BermeffungS-Kommando uns wegen Munitionsmangels zurückziehen. Ein Weißer «nd ein treu gebliebener Polizei-Soldat getödtet, ein anderer Weißer verwundet; Faktoreim unversehrt. S. M. Kreuzer „Hyäne" kam am 21. von einer Erholungsreise von San Thom« zurück. Die Geschütze, viele Munition und Gewehre sind zurückerobert, Gesammt-Schaden an Regierungs-Eigenthum etwa 20,000 Mark. Da men* ternde Dahome'S in den Busch geflohen find, ist beständiger Wachtdimst erforderlich." Es ist sofort ein weiteres Kriegsschiff nach Kamerun abgesandt worden. — Nach einem weiteren Telegramme auS Kamerun ist bei der Meuterei der eingeborenen Polizeitruppe Assessor Riebow getödtet worden. Bei der Verjagung der Mm* terer wurden vom Gouvernement der Krankenwärter Siegelt und Gefreiter Steinecke, ferner der Faktorist Hatthusen verwundet. Die Verwundeten find außer Gefahr. Boa den Mmterern, die erhebliche Verluste erlitten, sind vier gefangen und gehängt wordm. — Laut telegraphischer Meldung an dar Oberkommando der Marine sind in dem cm 20. Dezember in Kamerun stattgehabten Gefecht die Matrosen Stange und Opitz von S. M. S. „Hyäne" verwundet, befinden sich jedoch außer Gefahr. — Die ,Rational-Ztg.' bemertt zu dm Borgängm: Zu einer Meuterei von schwarzen Polizri-Soldaten und Weibern gegen die deutsche Autorität könnte es schwerlich gekommen sein, wenn nicht
Stuhle neben ihm lag, unter den Arm und hielt sich bereit, hinter den Dreien ebenfalls das Lokal zu verlassen.
Paul Harmant drückte zuerst Lucian, dann Stephan Castel die Hand, trennte sich dann von ihnen und schlug den' Weg zur Rue de Rome ein, welche unmittelbar auf die Place de l'Europe führt. Er hatte kaum zwanzig Schritte gemacht, als auch Raoul Duchemin das Lula! verließ und Harmant nacheilte.
Stephan und Lucian waren noch einen Augenblick in der Thüre des Restaurants stehen geblieben und zündeten sich eine Cigarre an.
„Mein lieber Lucian," sagte der Künstler, „sehm Sie diesm jungen Mann, welcher soebm an uns vorbei kam und dmselben Weg w Paul Harmant einschlägt?"
„Ich sehe ihn."
„Nun, mein bester Freund, dieser junge Mann wird mir morgen vielleicht, so hoffe ich wmigstenS, mit» theilen, daß wir dm wirklichen Mörder Ihre- BaterS haben."
„WaS sagen Sie mir da?" antwortete Lucian ganz erstaunt, als er diese Worte hörte.
„Dir reine Wahrheit."
„Jst'S möglich?"
„Möglich und wahrscheinlich, ich versichere es Ihnen."
„Aber wie so?"
„Ich fürchtete, daß Sie vielleicht eine trügerische Hoffnung schöpfen wütdm, und io habe ich gehandelt, ohne eS Jhnm zu fagen. Ich befinde n-ich jetzt wenig-