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Beilage zu Nr. 300 sei ,<ymoacr am"■

Jahreswende.

Mit keinem Blümlein schmückt die Flur Das Fest der Jahresncige, In kahle Felder schaust du nur Und auf entlaubte Zweige.

Da ringsum mangelt jedes Grün, So laß' in dir es sprießen Und Hoffnung auf ein froh' Erblüh'» DaS alte Jahr beschließen.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(205. Fortsetzung-)

„Aber waS mag ihm nur sein? Er wird doch nicht wahnfinnig?" meinte die Wirthin.

„Ich werde nicht wahnsinnig," antwortete der Elende langsam, „aber ihr seid eS, meine lieben Leute. Zugleich brach er in ein wildes, unheimliches Ge­lächter aus. SBte

Aber beruhigen Sie sich doch, ich bitte Ste, sagte die Wirthin, indem sie auf den Disonnefen zn- trat. „War Hanen Sie eigentlich?"

„Sie sehen ja wohl, daß Sie irrsinnig sind, Ste ! versetzte der angebliche Baron de Reiß. „Ich heche Vicht Peter Lebrun, ich heiße Ovide Soliveau. Ich bin nicht Bäckergeselle, sondern ein ehrsamer Bürger und lebe von meinen Renten. Dank meinem Vetter, dem Millionär, von dem ihr Alle gehört habt, meinem

des Gesetzes!" , ..

„Sie wollen mich verhaften!" stammelte die un- glückliche Frau wie vernichtet.

Ein dumpfes Murmeln ging durch die Rethen der

Der Lyonnese trat vor. „Sie wollen Mutter Lifon verhaften, Vie bravste Frau, die eS auf der Welt gibt? rief' er, „niemals!"

„Leisten Sie dem Gesetze keinen Widerstand, und lassen Sie uns unsere Pflicht thun," versetzte der Agent.

„Niemals!" hieß es von allen Seiten.

„Wenn Sie Jemanden verhaften wollen, dann nehmen Sie diesen Schurken da," sagte Touranjeau, auf Ovide deutend, „aber rühren Sie Mutter Lison nicht an." . „ L „

„DaS Gesetz muß erfüllt werden.

„Rein, nein." u

„Machen Sie sich schnell aus dem Staube, flüsterte der Lyonnese Johanna iu'S Ohr. „Lassen Sie sich nicht verhaften, Sie müssen an Ihre Kinder denken und sich für sie erhalten."

Eine dichte Gruppe drängte-sich letzt um die Brod- trägerin und drängte und schob sie auf die Küche zu, aus der ein Ausgang auf eine nahegelegene Straße führte. u .. ,, ,

Die Agenten sahen em, daß ste gegen die Ueber- I macht ohnmächtig waren mtb versuchten gar nicht, ihr ""^Inzwischen wälzte sich Ovide in heftiger und böser Erregung auf dem Boden umher.

„ES scheint, daß er in der That sehr krank ist, sagte Marianne, ihn mit einer Geberde der Scheuer anblickend. „Nun, er hat'S nicht bester verdient, der Elende!"

„Nein, nein," versetzte der Eme der Agenten, dieser Mann muß unbedingt am Leben bleiben um vor dem Untersuchungsrichter die Geständnisse zu wiederholen, die wir soeben aus seinem Munde vernommen haben. Ich will zu einem Arzte, aber schnell!" _. ..

„Es wohnt ein Arzt im Hanse," sagte tue Wrrthm, „Herr Doktor Richard, Marianne gehen Sie ihn schnell rufen."

Eiligst lief die Magd hinaus.

Ovide krümmte und wand sich wie em Wurm auf dem Boden, und von Zeit zu Zeit stieß er em fast thierähnlicheS Geheul aus, während ihm der Schaum vor den Mund trat.

AngsterM standen Alle um ihn rings umher.

Marianne kaum sogleich mit dem Arzte. Der Letztere trat rasch auf Ovide zu und nachdem er ihn bettachtete, prallte er zurück, während er auSnef: Er — wiederum er?" _ ,, „

„Sie kennen diesen Mann wohl, Herr Doktor? frug einer der beiden Polizisten.

I u

^Jch bin Agent der Sicherheitspolizei. Können Sie mir seinen wahren Namm sagen?"

„O ja. Ovide Soliveau. Er ist ein Schurke.

„Wird er sterben?" _ . ,

„Ich glaube eS nicht, wenigstens ist kewe Gefahr

Sobald sie sich entfernt hatten, eilte nun Marianne in das kleine Kabinet, in welchem Fräule,» Amanda speiste.

Jndeß war das Kabinet leer. Die Arbeiterin der Madame Augustine war verschwunden und hatte nur ein Fünsfrankstück auf dem Tische zurückgelassen zur Bezahlung der Zeche. , ± „

Amanda halte nicht im Entferntesten geahnt, daß sich in diese Geschichte schließlich auch die Polizei mische« würde, und so war sie nicht wenig erschrocken, ob der Folgen, welche die Verhaftung Ovide Soliveau s, tote sie meinte, für sie haben könnte. Jedenfalls, fo glaubte ste, würde man jetzt die Adresse des Elenden er­mitteln. Man würde ganz sicher eine Haussuchung bei ihm abhalten und dabei dann auch Notizen, welche sie beträfe, sowie jenes verhängnißvolle Papier finden, welches der angebliche Baron de Reiß von der Modistin zu Joigny gekauft hatte.

Sie hatte die Absicht, vor allen Dingen Stephan Castel von all' dem, was hier vorgefallen war, m Kenntniß zu fetzen und ließ sich nach der Rue d AffaS m|fte traf indeß nur den Kammerdiener des Malers, welcher im Begriffe war, das Gemälde in eine Kiste zu verpacken, welches untere Leser bereits kennen und welches am folgenden Tage zu Georg Darier geschafft I werden sollte, nebst dem kleinen hölzernen Pferde, welches der junge Mann seinem ehemaligen Vormund übergeben hatte. r u. „ „ . „

Der Diener antwortete auf die Frage Amandas, daß der Maler nicht zu Hause und am Morgen anS- gegangen wann er zurückkehren wird?"

frug sie dann weiter. ,

„Nein, mein Fräulein, er hat mir nichts davon gesagt."

„Notiren Sie gefälligst meinen Namen und sagen Sie Herrn Castel, daß ich hier gewesen bin — in ein« sehr wichtigen Angelegenheit."

„Sie werden vielleicht zurückkommen?

„Ich weiß nicht, ob mir dies möglich sein wird.

„Ihr Name?"

.Amanda Regamy".

"„Ich will ihn mir auffchreiben, damit ich ihn nicht I vergesse." ,

^«manba gab dem Kutscher Befehl, sie wieder «ach der Rue des DameS zurückzubringen. Sie hoffte nämlich hier, wenn nicht Raoul Duchemiu, fo doch wenigst«» ein Wort von ihm zu finde«, das ihr nähere« Aaf- fcblufc gab»

Vergebliche Hoffnung. Raoul war nicht zu Hause und hatte auch nichts geschrieben.

„Um wie viel Uhr ist er weggegangen?" frug sie den Schließer.

„Gegen halb elf Uhr.

„Allein?"

„Nein, in Begleitung des nämlichen Herrn, welch« gestern feine Visitenkarte zurückzelaffen hat."

„Und « hat keine Mittheilung für mich hmt«- laffen?"

„Rein, Fräulein, kein Wort."

(Fortf. folgt.)

Vetter Paul Harmant."

Als Johanna Portier diesen Namen auSsprcchen । hörte, zitterte sie und erbleichte. Alle Gäste waren ! aufgesprungen. Man umringte Ovide und betrachtete 1 ihn verwundert und hörte ihm ängstlich zu.

Er fuhr fort: „Paul Harmant, ihr wißt ja, der berühmte Mechaniker, der große Industrielle von Cour- bevoie. Ich habe Euch gesagt, daß er mein Vetter sei — nun, er ist es nicht! Wir sind nur von Adam und Eva mit einander verwandt. Er ist einfach em Dieb, diese angesehene Persönlichkeit! Vor einund­zwanzig Jahren, zwischen England und Am«ika auf dem Dampfboot „Lord-Maire" haben wir einander kennen gelernt ... Er kehrte Frankreich den Rücken, weil er eine ganze Litanei von Verbrechen begangen hatte, der Elende! Er fuhr nach New Jork ... Er hatte einen falschen Namm angenommen ... den Ramm meine- Vetters Paul Hurmant, der kurz vor­her verstvrbm war. Seit einundzwanzig Jahren läßt er mich aus seiner Kasse schöpfe« . . . nach Belieben, damit ich schweige... Er hat eine unerschöpfliche Kaffe, je mehr man daraus nimmt, desto mehr bleibt darin! Ja, er hat Millionen, mein Vetter Paul Har­mant, der gar nicht mein Vetter ist, der nicht Paul Harmant heißt, sondern mit seinem wahren Namen Jakob Gar and!"

„Jakob Garand!" wiederholte die Brodträgerm wie wahnsinnig vor Staunen unb Schrecken, indem sie auf Ovide zueilte unb ihn beim Arme nahm. „Sie haben gesagt, baß Paul Harmant in Wirklichkeit Jakob Garanb ist? Sie haben bieS ja gesagt, nicht wahr?

Die Augen Soliveau'S funkelten, unb seine GesichtS- züge »«zerrten sich. „Ja ... ich habe eS gesagt," ver­setzte «, ich habe eS gesagt unb ich sage eS nochmals. Jakob Garanb, ber Dieb, bet Mörder unb Brundstif- ter, ber seinen Fabrikherrn vor 21 Jahren in Alf ort- Ville getöbtet hat. Ah! er ahnte währenb dieser Zett nicht, baß ich Alles entbecken würbe .... Aber bie Sache war mir verdächtig unb ich habe ihm, wie auch Dir, Lise Perrin, von bem kanadischen Liqueur zu trin­ken gegeben, b« bie Leute zwingt, zu sprechm, auch wenn sie nicht wollen! Du wirst auch sprechen, Alte, Wie eine Elster, sage ich Dir!"

Ich?" versetzte Johanna, bte glaubte, nicht recht bei Sinnen zu sein. „Was will « mir .

„Er will sagen," sagte Marianne, „baß « für Sie einen höllischen Liqueur gemischt hatte unb baß « ihn jetzt selbst getrunken hat."

1 5 Ovibe gab nicht Acht auf biese Worte. Mit blut- unterlaufenen Augen, am ganzen Leibe zitternd, fuhr « fort: „Der kanabische Liqueur .... ber Liqueur, der Jakob Garanb zum Sprechen gebracht hat und b« auch Dich zwingen wirb, offen vor all« Welt zu be­kennen, daß Du nicht Life Petrin bist . . . baß Du Johanna Portier heißest?" .

„Schweigen Sie, schweigen Sie! rief bte Brod- trägerin in unbeschreiblichem Schrecken.

„Johanna Portier," fuhr Soliveau fort, „Johanna Portier, beten Tochter ich töbten wollte, Johanna Por­tier, bie ich vergebens zerschmettern wollte unter bem (gerflft in bet Rue Git-le-Coeut, Johanna Portier, bie iu bestänbig« Hast vernrtheilt wurde und aus dem Central-Gelängniß von Clermont mtsprungm ist . . ."

Ein Schrei beS Schreckens entfuhr aus Aller Munde. Zu gleich« Zett malte sich auf allm Gesichtern derAuS- druck lebhaften AbscheueS und der um Johanna Pottt« und Soliveau gebildete Kreis lichtete sich.

vorhanden. Er hat einfach einen vorher präparirtm L queut getrunken einen sogenannten kanadischen liqueur, den ich durch meinen Avsenhalt in Amerika genau kenne. Ich bin schon ein ander Mal mit dieser traurigen Persönlichkeit in Berührung gekommen. Binnen wenigen Minuten wird er die Krisis , welche « jetzt dutchmacht, üb«wunden haben und Sie könnm ihn mitnehmen. Die Pflege des Arztes ist hier übet- fluffig, ich habe hi« nichts mehr zu thun."

Der Arzt grüßte und entfernte sich.

In dem Augenblicke, wo ber Arzt an bei Glas­wand vorbei ging, erkannte ibn Amanda Wied«. Dies ist ja der Arzt von Bois - le - Roi?" dachte sie b« sich- , . , . „ .

Ovide überwandt in der That, wie auch d« Arzt vorauSgesagt hatte, die Krisis sehr bald, die konvulsivi­schen Zuckungen hörten bald auf, unb an ihre Stelle trat eine Art lethargischer Lähmung unb Stumpfheit.

Der eine ber Agenten ging jetzt einen Wagen holen, in welchen man ben Körper Ovide's hinemschob. In­zwischen fagte ber zweite Polizist zu ber Wmyin. „Sie werden sich Über Alles, was hier vorgegange« ist, zu verantworten Huben, insbesondere durüb«, daß mun bie Entweichung eines Arrestanten begünstigt hat. ES ist bieg eine sehr schlimme Geschichte".

„Aber waS sollte ich benn eigentlich thun?" frug bie Wirthin. , . ...

„Die Justiz wirb bie Angelegenheit schon tn bie । Hard nehmen." , _ u u , ..

Hierauf rollte der Fiaker mit Ovide und den beiden Polizisten davon.

95.

Sonntag, den 31. Dezember 1893.

Indeß hatte bie Brobträgerin bie Luge bereits rich­tig «fußt. „Ah, Elenber!" sagte ste, ben Kopf empor- richtend, „Du glaubst, mich zu verderben, aber Du rettest wich in Wirklichkeit!"

„Johanna Porti«, die wegen Brandstiftung, wegen Diebstahls und wegm Mordes vernrtheilt ist — Du bist es!" beulte ber Dijonnele.

„Ja, ich bin eS, ich bin eS allerdings, eS ist wahr! rief Johanna Portier aus. In Deiner Verblendung hust Du mit bie Ehre gerettet! Ja, meine Freunde, ich bin Johunnu Portier, Johunnu, bie Bernrtheilte, | Johannu, bie bem Gefängniß En'ronnene! Aber ich bin vernrtheilt worben wegen b« Verbrechen, bie Jakob Garund begangen hat — Sie Huben bus Gestandniß aus bem Munde dieses Mannes selbst vernommen! Aber wenn ich dem Gefängnisse entronnen bin, so Hube ich es gethan, um meine Kinder wiederzufiaben, meine Docht«, die er mir Hut «morden wollen, wie mich selbst. Durch Dich werde ich jetzt meine Ehrenrettung wieder erlangen. Durch Dich werde ich meinen Kindern keinen entehrten Namen hinterlassen!"

Nach einer Pause fuhr die Brobträgerm fort: „Ihr wißt jetzt, meine Freunbe, WaS ich bin, Ihr kennt )cht meinen L-benSluuf unb meine Reiben — urtheilt selbst! Wollt Ihr mich verurtheilen?"

Alle eilten auf Johanna zu unb druckten ihr herz­

lich bie Hanb. ... „

Ovide war inzwischen auf einen Sch zurückgesuyken unb saß mit fiierem Blicke ba.

Genau in biefem Augenblicke brachen sich bie bei» ben Polizisten einen Weg durch bie Menge, bie um Mutter L.son versammelt war, unb einer ber Beiden sagte, während er ihr die Hund uns die Schult« legte: Johunnu Porti«, die Sie uns dem Gefängnisse von Clermont entflohen sind, ich verhafte Sie im Name«